Kapitel 78

Harmonie

Ich vernahm einen ungewöhnlichen Geruch und öffnete mit leichten Schwierigkeiten meine Augen, weil ich echt müde war. Janine saß mit einem Grinsen vor mir und hielt mir ein Körbchen mit frischen Brötchen vor die Nase. „Ah, das ist der Geruch, den ich gerade kurz nicht zuordnen konnte. Du hast mich damit echt aus dem Schlaf geholt.“ – „Das war der Plan.“ Sie schaute verschmitzt und meinte: „Werde doch aber ganz in Ruhe wach. Keine Hektik. Wir haben Ferien, da müssen wir nicht hetzen.“ – „Damit hast du total Recht.“ Ich streckte mich auf ihrem Bett ausgiebig und machte mich solang ich konnte. Ich vergaß, wie bequem ihr Bett sein konnte…

„Wie hast du geschlafen?“, fragte ich sie nach meinem Strecken. „Ich habe richtig gut geschlafen. Ich fühle mich seit langer Zeit wieder fit. Und du?“ – „Ich bin morgens nur einmal aufgewacht und habe gesehen, dass wir immer noch miteinander kuschelten. Aber du hast leicht geschnarcht.“ – „Was?“ Sie zog das Wort Sekunden in die Länge. „Ja, wirklich. Ist aber nicht das erste Mal, dass ich das bemerke. Damals habe ich das auch ein paar Mal bemerkt. Aber du schnarchst nur ganz, ganz leise, das hört man kaum. Eigentlich nur, wenn man direkt neben dir liegt.“ – „Du hast Recht, ich weiß, dass ich dazu neige. Ich bin sogar von meinem eigenen Schnarchen aufgewacht.“ – „Was? Wirklich?“ – „Ja, da musste ich über mich selbst lachen und konnte als Strafe eine ganze Stunde nicht mehr einschlafen.“ – „Auch nicht schlecht.“ Kurz darauf ergänzte ich: „Hast du Aufbackbrötchen warm gemacht?“ – „Nein. Ich bin gerade kurz losgelaufen, weil du so tief und fest geschlafen hast. Für den Notfall hatte ich dir aber einen Zettel geschrieben.“ Sie zeigte ihn mir aus der Ferne und ich sah, dass sie mit großen Buchstaben auf den Zettel geschrieben hatte, dass sie nur kurz Brötchen kaufen und gleich wieder da war. Mir war klar, dass Janine diese Aktion natürlich machte, um mich zu beeindrucken, aber ich konnte nicht leugnen, dass die Mühe, die sie sich gab, bei mir wirklich gut ankam. Ich richtete mich von ihrem Bett auf und wollte gerade fragen, ob sie mir ein Handtuch und Ähnliches geben konnte, damit ich mich vor dem Frühstück frisch machte, als sie direkt sagte: „Liegt schon alles im Bad bereit.“ – „Wie, was? Woher wusstest du, was ich sagen wollte?“ – „Schon vergessen, dass wir über 15 Monate zusammen waren?“ – „Haha… Punkt für dich.“ Mit einem Lachen verschwand ich ins Bad, um kurze Zeit später mit ihr in der Küche am Frühstückstisch zu sitzen. Als wir das Frühstück aßen, erinnerten wir uns an viele Szenen aus der Schule, die mit ihr und mir gar nichts zu tun hatten. Die Brötchen waren lecker und ich dankte ihr für die Mühen, extra losgelaufen zu sein. Erst, als wir am Tisch saßen, bemerkte ich, dass Janine völlig ungeschminkt war. Unabhängig davon, dass ich es liebte, wenn sie natürlich blieb, stellte ich zwei Dinge fest. Erstens war sie auch ungeschminkt weiterhin unheimlich attraktiv und zweitens stellte ich fest, dass sie mich sexuell weiterhin echt anmachte, sodass mich mein leicht steifer Penis zwischendurch echt nervte.

„Ich muss heute aber auf jeden Fall mal zu Hause ranfahren, ich könnte neue Kleidung gebrauchen. Allgemein wäre das schon cool, bei Petra kurz vorbeizuschauen. Ich hatte irgendwie in Erinnerung, dass wir noch Lebensmittel einkaufen gehen wollten, um einige Tage lang Ruhe zu haben.“ – „Klar, dass du erst nach Hause willst. Klingt doch gut.“ Wir schwiegen kurz und ich sagte: „Na los, stell deine Frage, die dir auf der Zunge liegt.“ – „Mist, du kennst mich auch einfach gut. Okay, also gut: Wollen wir heute also Zeit verbringen?“ – „Klar.“ Auch, wenn sie das nicht gefragt hätte, war mir das klar, weil wir ja erst gestern darüber gesprochen hatten, dass wir die nächsten Tage gemeinsam nutzen wollten. „Was wollen wir heute unternehmen?“, fragte ich sie. „Ich weiß nicht. Es ist auch schon kurz nach 12 Uhr mittlerweile. Wir haben echt lange geschlafen.“ – „Das ist doch im Vergleich zu damals auch nichts Neues.“ – „Stimmt.“ Wir kicherten und ich schlug vor: „Was hältst du davon, wenn ich erst zu mir fahre, schaue, wie die Lage ist, mir was Neues anziehe, alles erledige, was vielleicht ansteht und wir telefonieren, wann wir uns heute sehen und wo?“ – „Ich habe hier nichts zu tun, was hältst du davon, wenn ich einfach mitkomme?“ Janines Vorschlag überraschte mich irgendwie, diese offensichtlichste Idee war mir selbst nicht gekommen, was mich leicht überraschte. Ich fragte mich kurz, ob mir das nicht zu viel werden würde. Wolltest du nicht rausfinden, ob diese Menge an Kontakt mit ihr wieder ging? Also solltest du aufhören, zu grübeln, verdammt! „Geht klar. Komm einfach mit. Petra wird sich sicher freuen.“ – „Ich freue mich auch!“ Das konnte man ihr auch direkt wieder ansehen.

Etwas später fuhren wir zu mir nach Hause los. Bei unserem Weg zum Bus liefen wir weder Hand in Hand, noch tauschten wir sonst Nähe aus. Nur im Bus kuschelte sich Janine wieder leicht an mich. Für die kurze Fahrt entschieden wir uns dieses Mal dazu, unser allerliebstes Smartphone-Spiel nicht auszupacken, weil sich das wirklich nicht lohnte. Das war ein richtig komisches Gefühl, als ich meine Wohnungstür aufschloss und wir die Wohnung betraten. Ich sah Petra im Wohnzimmer auf der Couch herumlümmeln, sie hatte den Fernseher eingeschaltet und ließ es sich so richtig gut gehen. Ich fand es super, dass sie sich so sehr entspannte, weil sie auch weiterhin viel arbeitete, zumindest war das mein Eindruck. „Ich habe einen besonderen Gast mitgebracht!“, rief ich ihr zu. Sie sprang direkt auf und meinte überrascht: „Janine! Cool!“ Sie kam direkt auf uns zu und anstatt mich zu umarmen und zu begrüßen, drückte sie als Erstes Janine. Erst danach drückte sie mich und ich meinte leicht empört: „Ach so ist das also. Ich werde also als Zweites begrüßt. Soll ich direkt wieder gehen und Janine zieht stattdessen hier ein?“ Wir lachten und Janine und ich erklärten kurz, was unser Plan war. Petra bat mich tatsächlich darum, einkaufen zu gehen und obwohl angedacht war, dass sie mir dabei helfen wollte, machten wir aus, dass sie hier in der Wohnung blieb und sich weiter ausruhte. Da Janine ihre Hilfe anbot, waren wir trotzdem zu zweit für den Einkauf. Ich ging kurz unter die Dusche und zog mir neue Kleidung an, während Janine und Petra miteinander quatschten, was mich freute. Die beiden liebten sich einfach, fast wie Tochter und Mutter, wenn man das so aus der Ferne sah. Mein Herz lachte, als ich das wieder beobachten durfte. Petra fragte mich direkt: „Wie kommt es eigentlich, dass du erst heute wieder hier bist und dass du Janine sogar einfach direkt mitbringst? Habe ich was verpasst?“ – „Erstens: Das müsstest du doch wohl am besten wissen, woran das liegt. Zweitens hat dir Janine sowieso alle nötigen Updates schon gegeben, was soll ich da jetzt noch Neues erzählen? Und drittens: Wir wollen einfach jetzt Zeit miteinander verbringen, wenn wir gerade schon Ferien haben.“ – „Finde ich gut.“ Mehr als das sagte Petra nicht, da ich auch Janine direkt einsammelte und wir zum Einkauf losgingen. Janine half mir während des Einkaufs sehr, da sie sehr schnell die Produkte fand, während ich den Einkaufswagen lenkte. Auch beim Tragen nahm sie mir einiges ab, wofür ich ihr wirklich dankbar war.

Wieder bei mir verstauten wir die Sachen gemeinsam und immer wieder trafen sich unsere Blicke, wenn Janine mir etwas in die Hände drückte, was ich in den Schränken verstaute. Petra kam in die Küche dazu und meinte: „Hey, was haltet ihr davon, wenn wir noch zusammen was essen? Als Danke dafür, dass ihr einkaufen wart, koche ich auch. Wir haben jetzt genug hier.“ Janine antwortete noch vor mir: „Oh ja, cool!“ Dafür, dass Petra eigentlich allein kochen wollte, halfen Janine und ich aber dennoch sehr viel mit, sodass wir eigentlich eine gute Aufteilung hatten und das Essenmachen dadurch viel schneller ging. Wir aßen gemeinsam im Wohnzimmer und Janine saß natürlich auch während des Essens nah neben mir. In einem günstigen Augenblick legte Janine ihre Hand kurz auf meinen Oberschenkel. Ich schaute sie leicht irritiert an und verstand wenige Momente später aber. Ihre Geste hatte keine zweideutige Bedeutung, sondern war ausschließlich als Zeichen des Zusammenhalts zwischen ihr und mir zu sehen. Sie wollte mir nur kurz das Gefühl geben, dass sie in dem Moment an mich dachte und sie sich zu mir hingezogen fühlte. Ich fühlte mich während des Essens sehr wohl, da wir drei eine richtig gemütliche familiäre Stimmung hatten. Wir erzählten viel vom gestrigen Karaokeabend und Petra sah uns an, wie viel Spaß wir gemeinsam hatten. „Was wollt ihr eigentlich heute noch machen?“, fragte Petra uns plötzlich. Janine rätselte etwas wie ich, bis ich Janine vorschlug: „Kino?“ – „Oh ja, gerne!“ – „Vorher noch ein bisschen bummeln?“ – „Ja!“ – „Das ging mir jetzt fast etwas zu einfach.“, warf Petra plötzlich ein, womit sie uns zum Lachen brachte. Wir drei schauten gemeinsam auf unseren Smartphones nach dem Kinoprogramm und Janine und ich wählten eine Komödie aus, die vor wenigen Tagen erst ins Kino gekommen war. Ich wollte gerade fragen, ob ich für uns schon online Tickets kaufen sollte, als Janine sagte. „Ich lade dich ein, und zwar komplett mit Popcorn und allem.“ – „Oh, warum das?“ – „Du hast mich so oft auf alles Mögliche einladen und das zahle ich jetzt halt etwas zurück.“ – „Ach, das ist doch schon länger her. Karaoke hast du doch jetzt auch mitbezahlt und-“ – „Keine Widerrede. Das bezahle ich heute.“ Petra warf plötzlich dazwischen: „Also, Großer, ich kann dir sagen, wenn man solch eine klare Ansage bekommt, sollte man einfach gehorchen.“ Janine und sie schmunzelten und ich gab mich mit einem Grinsen geschlagen: „Okay, okay, du hast gewonnen.“ – „Na geht doch!“, erwiderte Janine darauf. Sie hatte wirklich Recht, allein in den Monaten unserer Beziehung hatte ich einiges an Geld für sie ausgegeben, weil ich es eben auch gerne machte.

Kurz nach unserem Essen verschwand ich auf Toilette und fragte mich, wie Janine sich den heutigen Tag eigentlich noch vorgestellt hatte. Wollte sie auch heute die Nacht mit mir verbringen? Sollte ich also vorsichtshalber Übernachtungsssachen mitnehmen? Wollte sie auch die nächsten Nächte mit mir verbringen? Und wie stand ich eigentlich dazu? Sollte ich lieber erst vorsichtiger machen, dass wir uns zwar täglich sahen, aber nicht jede Nacht miteinander verbrachten? Ich ging dieses Mal auf Nummer sicher und griff mir nach meinem Toilettengang heimlich aus meinem Zimmer etwas Kleidung, die ich in eine kleine Umhängetasche packte. Zusätzlich legte ich noch etwas Hygienezeug mit dazu. Im Anschluss bemerkte ich, dass Julia mir geschrieben hatte. Sie fragte mich, was ich aktuell so treiben würde und ob ich Zeit für ein Treffen hatte. Ihre Frage brachte mich ein bisschen in Bredouille, weil ich ihr gegenüber aktuell noch nicht so wirklich offen zugeben wollte, welche Entwicklung das mit Janine gerade nahm. Ich befürchtete, dass das Julias Eifersucht womöglich nur noch mehr steigern würde. Trotz meiner Sorgen schrieb ich Julia, dass ich erst im neuen Jahr wieder Zeit haben würde, weil Janine und ich beschlossen hatten, Zeit miteinander zu verbringen, um herauszufinden, was das alles in den letzten Wochen zwischen ihr und mir zu bedeuten hatte. In diesem Moment fiel mir auf, dass Julia auch noch nicht bisher wusste, dass Janine und ich uns an Heiligabend geküsst hatten. Ich verschwieg das auch weiterhin vor ihr, weil ich sie einfach nicht verletzen wollte. Julias Antwort war weit positiver, als ich erwartete: Sie wünschte mir für die gemeinsamen Tage mit Janine viel Glück und schlug ein Treffen am letzten Ferientag vor, welches ich ihr direkt bestätigte. Was wir unternehmen würden, wollten wir auf jeden Fall noch abklären.

Ich schloss es für mich nicht aus, nochmals bei Janine über Nacht zu bleiben, legte es aber auch nicht vollends darauf an. Mit diesem Beschluss ging ich wieder ins Wohnzimmer, wo ich das für mich nun bekannte Bild wiedervorfand: Janine und Petra waren tief versunken in ein intensives Gespräch, dieses Mal über die Zukunft nach der Schule, vor allem über die Frage nach dem Studium und wie das alles funktionierte.

Wir verabschiedeten uns von Petra und fuhren zu einem größeren Einkaufszentrum, an das zusätzlich auch ein Kino angeschlossen war. Während des Bummels sprachen wir über keine ernsten Themen, wir schauten viel mehr auf die vielen ausgestellten Produkte und diskutierten darüber. Faszinierend fand ich, dass sich Janine im Vergleich zu früher viel mehr für Technik interessierte und im Technikladen mit mir am meisten Zeit verbrachte. Beeindruckt war ich auch, dass sie sich mittlerweile weit besser auskannte, was mir zeigte, dass sie sich eben wirklich etwas damit beschäftigt hatte. Im Anschluss kauften wir uns die Tickets für das Kino und Janine buchte eine Kuschelbank für uns. Als wir vor der Kinomitarbeiterin standen und gemeinsam überlegten, welche Plätze wir nehmen, zeigte Janine auf eine Kuschelbank und stupste mich parallel absichtlich ganz leicht von der Seite an. Ich zögerte kurz und stupste zurück, sodass Janine selbstsicher die Kuschelbank für uns buchte. Es fühlte sich ganz gut an, dass wir bewusst eine Kuschelbank für uns buchten.

Da wir immer noch Zeit hatten, bummelten wir noch etwas weiter und gingen im Supermarkt Verpflegung für uns kaufen. An der Kasse fragte sie mich: „Können wir den Rest in deine Tasche packen? Ich bekomme in meine Handtasche nichts mehr rein…“ – „Klar, ich bekomme das bestimmt noch unter.“ Als wir an der Einpackstation standen und ich meine Tasche öffnete, sah Janine meine Kleidung. „Warum hast du Kleidung dabei? Oder hattest du Sorge, dass es wieder so kalt sein könnte?“ Ich schaute sie wortlos an und hielt diesen Blick für mehrere Sekunden bei. Plötzlich meinte sie: „Ist das Kleidung, falls… Möchtest du heute noch bei mir übernachten?“ – „Ich habe es nicht ausgeschlossen, weil ich nicht wusste, wie unser heute Abend noch so aussieht. Ich dachte mir, nach dem Kino ist es halt spät und ich würde dich bestimmt wieder nach Hause bringen. Keine Ahnung warum, aber ich hatte so ein Bauchgefühl, dass ich wieder auf einen Tee eingeladen werden könnte, wobei der Tee eigentlich nur die freundliche Umschreibung für eine Einladung zur Übernachtung bei dir ist.“ Sie freute sich sichtbar und meinte: „Wollen wir das einfach schon beschließen, dass du bei mir übern… äh, auf einen Tee noch mit zu mir kommst?“ Ich zog sie einfach instinktiv zu mir heran und drückte sie kurz, weil ich meinen Gefühlen folgte. „Ja, ich bleibe heute noch bei dir.“ – „Das ist super!“ Wir liefen vom Supermarkt aus los und Janine griff ohne Vorwarnung einfach nach meiner Hand, sodass wir unsere Finger verschränkten. So liefen wir Hand in Hand durch das Center und bummelten bis zum Filmbeginn weiter.

Das Kino war relativ gut gefüllt und direkt neben unserer Kuschelbank saßen jeweils Leute, aber davon ließen wir uns nicht wirklich stören. Als die Werbung gerade lief und wir weiterhin unsere Finger miteinander verschränkt hielten, bemerkte ich, dass Janine immer wieder zu mir hinüberschaute. Die ersten zwei Male ignorierte ich dies und schaute einfach weiter die Trailer für die bald herauskommenden Filme an, doch beim dritten Mal grinste ich und drehte mich zu ihr. Sie flüsterte mir leise zu: „Ich kann noch nicht so richtig glauben, dass wir wirklich im Kino und Hand in Hand sitzen.“ – „Ich denke auch lieber nicht darüber nach, es ist schon alles völlig durcheinander.“ Ich grinste sie dabei an und ergänzte: „Ich habe aber damit nicht sagen wollen, dass ich das schlecht finde.“ Unser Blick hielt weiter an und ich spürte plötzlich, wie sehr es knisterte. Mein Gefühl schrie mich an, sie zu küssen, weil es sich nach diesem Gefühl sehnte, mein Kopf rief hingegen: „Nein, Abstand halten!“ Dieser Kampf war richtig mies, aber Janine nahm mir diese Entscheidung ein wenig ab. Sie kam das nur kleine Stück zwischen uns näher und stoppte absichtlich, als unsere Lippen wirklich nur noch einen Hauch voneinander getrennt waren. „Hör auf, nachzudenken.“, flüsterte sie ganz leise und meine Lippen kribbelten, obwohl wir uns gerade nicht küssten. „Sag das meinem Dickschädel da oben.“ Sie lächelte durch meinen blöden Witz nicht mal und hielt diese Nähe ewig bei, sodass ich ihren Atem sogar spüren konnte. Ähnlich wie meiner wurde auch ihr Atem etwas schneller, sie war aufgeregt. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und mein Gefühl hielt mich so gefangen, dass ich mich weder von ihr lösen noch den letzten Schritt gehen konnte, weil mein Kopf mich bremste. Dieser Moment zog sich immer länger, bis ich einfach auf alles pfiff und sie küsste. Das Kribbeln, welches ich auf meinen Lippen hatte, breitete sich über mein gesamtes Gesicht aus. Ich küsste sie lang, zugleich aber auch vorsichtig. Mein Gefühl überwältigte mich völlig und ich spürte, wie ich mich kaum ruhig auf der Kuschelbank halten konnte. Wir stoppten instinktiv, als das Licht im Saal angeschaltet wurde, damit die Eisverkäufer noch die Runde machen konnten. „Dieses Mal hast du es nicht verkackt.“, flüsterte mir Janine leise ins Ohr, als sie sich an mich kuschelte. „Verkackt? Wie, was, wann?“ – „Erinnerst du dich nicht mehr? Als du mich das erste Mal selbst küssen wolltest und wir im Kino saßen? Du kamst mir gerade näher, als das Licht anging und wir uns dadurch nicht geküsst haben.“ – „Oh doch, daran erinnere ich mich noch. Mein Scheitern hätte ich auch gut und gerne vergessen können.“ Sie stupste mich an und meinte: „Nein, das möchte ich auch gar nicht vergessen. Das war trotzdem total romantisch und vor allem süß! Weil du ebenso vorsichtig warst. Aber du hast gerade genauso vorsichtig wie damals geküsst, als wir uns kennengelernt haben.“ – „Du aber auch. Da zählen meist auch zwei dazu.“ – „Das stimmt. Aber es war gerade… einfach nur schön. Mein Herz… pocht.“ – „Glaubst du, dass es mir gerade besser geht?“ – „Vermutlich nicht.“ Wir kicherten und sie fragte mich: „Was sagt dein Kopf?“ – „Ganz ehrlich: Mein Kopf hat ausnahmsweise die Fresse zu halten.“ – „Gute Einstellung.“ Wir schmunzelten erneut und die Eisverkäufer verzogen sich, sodass der Film endlich begann. War ich den Tag über ein wenig reserviert und wollte diese Gefühle nicht zu sehr an mich heranlassen, spürte ich, wie ich von Minute zu Minute immer bessere Laune bekam und nach einigen Minuten vermutlich die beste Laune seit sehr langer Zeit hatte. Janine und ich schauten uns während des Films sehr häufig in die Augen und ich hatte das Gefühl, dass sie ähnlich wie ich den Film ziemlich häufig ausblendete, weil wir viel mehr mit dem Moment beschäftigt waren.

Nach dem Film, dessen Inhalt ich zumindest noch gut mitbekommen hatte, gingen wir nicht direkt nach draußen, weil wir uns im Vorraum des Kinos noch einige Filmplakate und Trailer für die kommenden Filme anschauten. Wir freuten uns auf so einige Filme, die vorgestellt wurden und ich verspürte weiterhin gute Laune. Als wir wirklich das Kino verlassen wollten, griff ich nach ihrer Hand und zog sie mit mir nach draußen. Mein Blick in ihr Gesicht sprach anschließend Bände, weil sie wirklich glücklich aussah. Ich freute mich umso mehr mit, sie so glücklich zu sehen.

Während unseres Spaziergangs sprachen wir wie in alter Gewohnheit über den Film und ich war erstaunt, an wie viele Details sich Janine noch erinnern konnte, dafür, dass sie mich so oft und so lang angeschaut hatte. Als sie bemerkte, dass ich einige Stellen gar nicht mitbekommen hatte, fragte sie mich: „Was hast du denn die ganze Zeit während des Films gemacht?“ – „Keine Ahnung. Geträumt.“ – „Von mir?“ – „Oh, das ist aber mutig!“ Wir lachten und ich fügte hinzu: „Ich habe nachgedacht. Das beschäftigt mich halt alles.“ – „Weiß ich doch. Ist doch nicht schlimm. Hauptsache, du hattest trotzdem Spaß.“ – „Klar, den Film als Ganzes habe ich schon mitbekommen, ich habe nur sicher nicht jeden Gag wahrgenommen.“ Wir liefen weiter Hand in Hand, bis ich mich kurz löste, da ich meine Schnürsenkel neu binden musste. Sie ging wenige Schritte weiter und Janine sagte ganz frech: „Also, dass du jetzt schon auf die Knie gehst, geht aber sogar mir etwas zu schnell!“ Wir kicherten darüber und als ich aufstand, rannte ich ohne Vorwarnung die paar Meter auf sie zu. Sie war sichtlich irritiert und rief noch: „Was machst du?“ Als ich sie einholte, nutzte ich sie ein wenig als Sprungbrett und stützte mich leicht an ihren Schultern ab, um an ihrer Seite hochzuspringen. Nachdem ich landete und über diese bescheuerte Aktion schmunzeln musste, fragte sie mich grinsend: „Was war denn das?“ – „Keine Ahnung. Blödsinn. Ich habe einfach gute Laune.“ – „Du bist ja durchgeknallt!“ In diesem Moment hatte sie mit ihrer Aussage Recht und ich konnte mir selbst nicht erklären, was los war. „Ich hoffe, ich habe dir nicht wehgetan?“ – „Nein, absolut nicht. Ich habe nur einen kleinen Schreck bekommen, was du gerade vorhast.“ – „Auf jeden Fall nichts Sinnvolles.“ Wir kicherten erneut darüber.

Bei unserem Spaziergang liefen wir trotz der späten Uhrzeit und einer knackigen Kälte einige U-Bahnstationen, bis wir letztlich doch noch in die U-Bahn flüchteten. Es war kaum mehr etwas los und ich spürte, dass ich deutlich aufmerksamer wurde, weil ich uns einfach beschützen wollte. Auch, als wir auf den Bus warteten, behielt ich meine Umgebung sehr genau im Blick. Das war auch deswegen wichtig, weil Janine durch den Spaziergang relativ müde war und in der Bahn fast wegschlief. Im Bus hingegen wurde sie langsam wieder munter und kurz, bevor wir ausstiegen, fragte sie mich: „Fahren wir zu dir oder zu mir?“ – „Boah, der Gag ist so richtig billig. Ich glaube, nun fährt jeder zu sich. Verkackt!“ Selbst über solchen Blödsinn konnten wir in diesem Moment so richtig lachen und ich spürte, wie gelöst unsere Stimmung war. Lag es wirklich nur daran, dass wir uns vorhin geküsst hatten?

Kaum, dass wir bei ihr ankamen und uns bereits bettfertig machten, griff sie sich in ihrem Zimmer direkt ihre Bettdecke, um sich damit einzuhüllen. Ich fragte sie, ob ich ihre Heizung noch hochdrehen sollte. Das lehnte sie aber ab, weil sie in der Nacht nicht schwitzen wollte, zumal wir zu zweit in ihrem Zimmer sein würden. Ich fand es in der Wohnung aber auch ziemlich kalt, sodass ich sie gespielt empört fragte: „Und was ist mit mir? Bekomme ich etwa keine Decke und Wärme?“ Sie deutete mir an, ihr zu folgen, sodass wir in das Gästezimmer gingen. Ich wunderte mich, weil wir aus ihrem Zimmer einfach die andere Decke hätten nehmen können, die ich letzte Nacht ja bereits verwendet hatte. Janine griff im Gästezimmer eine riesige Decke für zwei Personen, die wir früher in unserer Beziehung regelmäßig verwendeten. Sie gab sie mir und ich wickelte mich damit vollständig ein, während Janine ihre Einzeldecke im Gästezimmer ließ und mich mit großen Kulleraugen anschaute. „Kann ich mit unter deine Decke? Die ist so riesig!“ – „Mhm, ich weiß nicht, ich bin so schön eingewickelt jetzt… Und es ist soooo kuschlig warm.“ – „Bitte?“ – „Lasse mich nachdenken…“ Sie kam mir näher und wühlte sich einfach in meine Decke hinein, um mich plötzlich richtig fies zu kitzeln. Ich wehrte mich, sodass wir uns gegenseitig immer wieder durch die Wohnung jagten, bis wir kitzelnd übereinander herfielen, sodass Janine sogar schon Tränen in den Augen vor Lachen hatte. Wir lagen nach dem Kitzeln auf ihrem Bett und Janine sagte: „Das Rumtoben mit dir habe ich so sehr vermisst.“ – „Kann ich verstehen. Es ist aber auch immer wieder jedes Mal so lustig!“ – „Ja!“ Wir beschlossen, diesen schönen Abend mit einem weiteren Film zu verbringen. Janine richtete das Bett wieder her, während ich uns einen Film aussuchte, auch wenn ich mich ein wenig mit Janine dabei beriet. Wir lümmelten uns in das Bett und sie griff nach der großen Decke, um sich zuzudecken. Ich schaute sie kurz fragend an und griff mir einfach die Decke, die ich in der letzten Nacht verwendete und noch in ihrem Zimmer lag. Fast etwas triumphierend schaute ich Janine an, die irritiert war und wohl fest davon ausging, dass ich mir mit ihr die Decke teilte. „Tja, da ich einfach gekitzelt wurde, als ich die große Decke mit dir teilen wollte, möchte ich die große Decke jetzt auch nicht mehr und nehme mir die kleine. Ätsch.“ – „Aber, aber, aber…“ – „Ja, bitte?“ – „Deine Decke ist doch total dünn. Wenn du allein darunterbleiben musst, wirst du noch bitterlich frieren und das möchtest du doch nicht.“ – „Aber immer noch besser als eine gemeinsame Decke, unter der ich nicht erwünscht bin.“ – „Menno! Duuuu?“ – „Jaaaa?“ – „Der Film ist gruselig, habe ich mir sagen lassen. Würdest du vielleicht mit unter meine Decke kommen, damit ich mich verstecken kann, wenn es schlimm wird?“ – „Bei einer Komödie, die wir uns ausgesucht haben?“ – „Nein, nein, das ist ganz klar ein ganz schlimmer Horrorfilm.“ Zusätzlich legte sie einen richtigen Kulleraugenblick auf, der mich nur noch mehr zum Lachen brachte. Sie öffnete einen Eingang unter ihre Decke und ich grinste sie weiterhin an. „Was bekomme ich denn dafür, wenn ich dich jetzt vor dem schlimmen Film beschütze?“ – „Kuscheln?“ – „Mhhhhm…“ – „Oder noch viel besser: eine Massage?“ – „Ich glaube, mit dem Deal könnte ich gut leben.“ Ich gab meine Decke auf, tat so, als würde ich frieren und kroch unter Janines Decke. Janine legte sich in meine Arme und tätschelte immer wieder an einzelnen Stellen meines Oberkörpers. Ich spielte immer wieder mit ihren Haaren, die sie heute offen trug.

Irgendwann gegen Ende des Filmes, als wir auch schon langsam müde wurden, kraulte Janine plötzlich meinen Kopf. „Ich habe ja gesagt, du bekommst noch eine Massage… eine Kopfmassage!“ Sie hatte auch weiterhin ein wirkliches Talent dafür, sodass ich instinktiv immer weiter hinunterrutschte, bis ich wirklich nur noch ganz normal auf ihrem Bett lag. Ich schloss kurz die Augen, weil ich diese Massage so sehr genoss, bis Janine es mir gleichtat und sich auch richtig hinlegte. Sie lag direkt nah neben mir und als ich meine Augen nach einigen Sekunden wieder öffnete, schaute ich in ein freudiges Gesicht. „Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr du Kopfkraulen liebst.“ – „Es ist halt einfach entspannend und bringt mich runter.“ Nachdem wir uns einige Sekunden lang in die Augen schauten, reagierte Janine darauf und rutschte mir noch näher, sodass sich unsere Körper teilweise berührten und unsere Gesichter nur noch ein klitzekleines Stück voneinander entfernt waren. Mit einem geschickten Griff zur Fernbedienung schaltete Janine den Fernseher ab, sodass wir in Dunkelheit waren und nur etwas Licht von der Straße in Janines Zimmer hineinfiel. Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich Janines Gesicht recht gut vor mir. Unsere Lippen waren fast so nah wie vorhin im Kino und ich spürte, wie sie mich gerade auf allen Ebenen anzog. „Traust du dich nicht?“, fragte sie mich leise. „Du dürftest mittlerweile wissen, dass ich keine Angst mehr habe.“ Ich schmunzelte. „Ich möchte es einfach genießen. Dieses Gefühl, dir hier gerade so nahe zu sein, ohne dich aber zu küssen, raubt mir fast den Atem.“ – „Frag mich mal.“ – „Und, wie ist es so?“ Sie pikste mich daraufhin und meinte: „Es ist fast ein bisschen wie Folter.“ – „Oha. Na, wenn das so schlimm ist, könnte ich ja auch-“ – „Nein, nein, du bleibst schön hier.“ Reaktionsschnell hatte sie ihren Arm um mich gelegt, damit ich nicht wegrutschen konnte, was ich natürlich nicht wollte. „Was fühlst du gerade?“, flüsterte sie leise. „Ich fühle mich gerade einfach nur sehr wohl. Es fühlt sich… irgendwie gut an.“ – „Finde ich auch. Der Tag heute war auch wieder richtig schön. Es war… wie früher. Wir sind zusammen losgezogen, haben bei euch zu Hause was erledigt und den ganzen Tag zusammenverbracht.“ Ich dachte wenige Momente lang über den Tag nach und Janine fragte mich: „Wie war das heute für dich, dass wir so viel Zeit zusammenverbracht haben? Hat es sich irgendwo schlecht für dich angefühlt?“ – „Nein, ganz und gar nicht. Ich fand es schön, dass es so… harmonisch war. Ich glaube, das Wort beschreibt es am besten.“ – „Ja, wir verstehen uns auch einfach gut.“

„Darf ich dich küssen?“, fragte mich Janine plötzlich. Von einem Moment auf den anderen geriet mein Herz aus dem Takt. „Probiere es doch. Du wirst ja sehen, wie ich reagiere.“ – „Du bist blöd.“ Sie streckte mir nur leicht die Zunge raus, weil sie mir sonst fast das Gesicht abgeschleckt hätte. „Ich glaube nicht, dass-“ Sie unterbrach mich, indem sie mich einfach küsste. Dieser Kuss war nun nicht mehr ganz so vorsichtig wie im Kino. Ohne, dass ich mich in diesem Moment kontrollieren konnte, legte ich meinen Arm um sie und zog sie direkt nah zu mir heran, sodass wir nun so richtig intim kuschelten. Mein Penis wurde sofort steif, zumal vorher schon nicht viel gefehlt hatte. Janine seufzte einmal leise, weil sie offenbar auch wirklich erregt war. Wir küssten uns lange und ich gab wieder nur wenig auf die Warnhinweise, die mein Kopf mir mitteilte. Es waren wieder nur immer und immer die gleichen Hinweise, die er mir versuchte, zu senden, aber mein Gefühl und mein Wunsch nach Nähe waren um Welten größer. Dass ich ihre Brüste spürte, weil wir so nah miteinander kuschelten, machte mich nur wilder. Auch, dass sie teilweise ihre Beine mit meinen verschränkte, löste Wellen an Gefühle aus, die ich so gar nicht mehr kannte. Nach einigen Minuten, in denen wir wirklich intensive Küsse austauschten, lösten wir uns leicht in blindem Einverständnis. „Es tut mir wirklich leid, aber ich bin…“ Es folgte ein intensives Gähnen von ihr „… so sehr müde, dass ich kaum mehr die Augen aufhalten kann.“ – „Nicht schlimm, wir sind ja bettfertig. Ich nutze die Gelegenheit und verschwinde kurz, damit ich nicht womöglich nachts raus muss.“ – „Na klar.“ Ich wollte vor allem auch deswegen aufstehen, weil ich meine Gefühle kurz in den Griff bekommen musste. Meine Gedanken waren sowieso schon völlig durcheinander, da gab es jetzt nichts mehr in Ordnung zu bringen.

Als ich wieder in Janines Zimmer hineinkam, zuckte sie leicht zusammen, weil ich unabsichtlich mit ihrer Tür quietschte und sie fast eingeschlafen war. Ich legte mich unter ihre Decke und nah an sie heran. Sie schaffte es gerade noch, sich noch zu mir drehen, sodass ich meinen Arm um sie legte. Mit einem Nuscheln flüsterte sie: „Nacht… Bärchie.“ – „Gute Nacht. Träume was Schönes.“ Ich gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn, ohne groß darüber nachzudenken, es fühlte sich einfach richtig an. In dieser Nacht lag ich sicher noch eine Stunde lang wach, weil ich über den Tag nachdachte. Dass es gerade bei mir zu Hause mit Petra zusammen so harmonisch und familiär war, war ein Vorteil, den ausschließlich Janine allein hatte. Petra und Julia hatten sich mittlerweile beispielsweise auch kennengelernt, aber nach einigen Gesprächen zwischen den beiden war zu spüren, dass sie nicht ganz so gut miteinander konnten. Sie kamen zwar miteinander klar und gingen respektvoll miteinander um, aber herzlich war es nie. Im Kern war mir das auch egal, ob Petra mit einer potenziell für mich interessanten Frau klarkam oder nicht, es war letztlich meine einzig alleinige Entscheidung, aber dass es nach Weihnachten jetzt auch wieder so gut lief, war wirklich ein Pluspunkt von Janine… einer von verdammt vielen.