Musikalisches Date
Marc erzählt:
Ich nickte leicht auf meinem Bett weg und wurde von einer Nachricht geweckt. Janine hatte mir geschrieben und wünschte mir schöne Träume für die Nacht. Ich überlegte einige Momente, auch durch meine Müdigkeit, und bemühte mich um eine eher gefühlvolle Antwort, in der ich einfach noch darauf einging, dass ich über den Abend nachdachte und diesen einfach wirklich schön fand. Direkt nach ihrer Nachricht stand ich noch auf und schaute mir sowohl das Gedicht als auch den Anhänger von Janine an. Während ich das Gedicht in Ruhe las, kribbelte es in mir. Ich war heillos überfordert mit ihren Geschenken und mit den Gefühlen, die sie damit transportierte. Als mir vor allem unser erster Kuss durch den Kopf ging, versank ich so richtig in meinen Gedanken. Ich versuchte mir immer und immer wieder, diesen Kuss rational zu erklären. Waren meine Gefühle für sie doch nicht ganz weg und hatte Julia genauso wie damals Recht, als sie mir vorwarf, Gefühle für Janine zu haben und deswegen nichts weiter von ihr zu wollen? Sahen alle – Tim, Anna, Petra, Melanie, Christian, Julia und letztlich Janine selbst -, dass ich Gefühle für Janine besaß, während ich selbst das gar nicht wahrnahm oder wahrnehmen wollte? Hatte ich Janine alles von damals verziehen? Wollte ich das Risiko wieder eingehen und mich auf sie einlassen, auch wenn ich höllische Angst davor hatte, wieder auf die Schnauze zu fliegen? Wollte ich Janine wieder so sehr Einfluss auf mein Leben nehmen lassen? Rein theoretisch stellte ich mir auch die Frage, wie eine zweite Beziehung theoretisch mit ihr funktionieren sollte. Würden wir wieder, wie damals uns zwei Mal die Woche ungefähr sehen? Fingen wir wie damals an, als wir uns gerade in den ersten Wochen extrem viel sahen, das aber einschränken mussten wegen der Schule? Würde ich überhaupt dieses Verliebtheitsgefühl wieder haben, wie zum Anfang unserer Beziehung? Brauchten wir diese Gefühle nicht, um wieder ein Fundament aufbauen zu können oder war es nicht dadurch direkt belastet, dass wir eben nicht klassisch verliebt sein würden? Ich stellte mir auch die Frage, ob Janine nicht viel intensiver in mich verliebt war als ich noch in sie. Klar, ich spürte, dass da Gefühle in mir für sie waren, definitiv. Ich konnte diese auch nicht leugnen. Aber war es nicht eben nur das Sehnen nach einer schönen Zeit als unbedingt ein Sehnen danach, Janine wieder an meiner Seite zu haben? Vor allem: Wie würden wir wieder Vertrauen zueinander aufbauen? Klar, sie hatte einen gehörigen Teil von Vertrauen zurückerkämpft in den letzten Tagen, aber würde ich einfach so umschalten können? Würde es nicht viel eher passieren, dass ich die ganze Zeit nachdenklich sein würde, weil ich evaluierte, ob alles so stimmte, was Janine mir erzählte? Wollte ich für Janine überhaupt ein solcher Partner sein, der sich nicht ganz auf sie einlassen konnte, weil er ihr womöglich eben nicht ganz vertraute? Wer sagte mir, dass mir der Kuss zwischen Jeremias und ihr nicht ständig im Kopf umhergehen würde, wenn ich Janine zum Beispiel näherkommen würde?
Am Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertags trieb es mich vor allem nach draußen, weil ich nachdenken musste. Ich machte einen Spaziergang, der mehr als zehn Kilometer ging und erkundete dabei unabsichtlich Ecken der Stadt, die ich definitiv noch nie gesehen hatte. Ich fand diese Abwechslung aber wirklich ganz cool. Als ich zu Hause ankam, war ich entsprechend leicht erschöpft, aber mein Kopf fühlte sich ein wenig freier an. Ich bemerkte erst jetzt, dass mir Janine mittags geschrieben hatte und mich fragte, was ich gerade so machte. Ich ließ noch etwas Zeit vergehen und antwortete ihr abends, dass ich lange draußen war und die Stadt erkundet hatte. Mehr als ein „Das klingt cool!“ kam von ihr auch nicht weiter zurück. Abgesehen davon war mir an diesem Tag nicht so sehr danach, viel mit ihr zu schreiben, da ich eben weiter Zeit für mich benötigte.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag rief mich Tim an, der sich mit mir nochmals wegen des Karaokeabends abstimmte und mich zusätzlich zu Silvester einlud. Mir war schon klar, dass Janine auch bei Silvester dabei sein würde, aber das überraschte mich in Anbetracht dessen, dass die beiden auch beste Freunde waren, nicht sonderlich. Ich rüffelte Tim in jedem Fall etwas dafür, so in die Falle gelockt worden zu sein, was er erwartungsgemäß mit einem Schmunzeln hinnahm. Ich war ihm auch nicht böse, aber ich wollte es ihm gegenüber zumindest angesprochen haben. Vor allem wurde mir während dieses Telefonats bewusst, dass er sein Wort gebrochen hatte. Er versprach mir, sich in die Angelegenheiten von Janine und mir nach unserer Trennung nicht einzumischen und letztlich hielt er sich überhaupt nicht daran. Ich wusste, dass ich ihn bei Gelegenheit darauf noch ansprechen würde, weil mich das schon etwas wurmte. Gleichzeitig wusste ich, dass er das nur machte, weil er für uns nur das Beste wollte, das schmälerte seine Taten natürlich sehr. Von Julia hörte ich bis auf an Heiligabend nichts weiter. Auch, als ich ihr schrieb, las sie meine Nachricht erst fast in der Nacht. Ihre Antwort fiel kurz aus, weil sie mir schrieb, dass sie wie jedes Weihnachten ziemlich in die Zeit mit ihrer Familie vertieft war und sie kaum dazu kam, aufs Smartphone zu schauen.
Der Tag nach den Weihnachtsfeiertagen war ein Freitag. Nachdem wir am zweiten Weihnachtsfeiertag nichts geschrieben hatten, fragte mich Janine mittags per Sprachnachricht: „Na? Hast du Lust, mich heute wieder abzuholen, damit wir gemeinsam zum Karaoke fahren?“ Sie klang gut drauf, das konnte man ihrer Stimme entnehmen. Zusätzlich vernahm ich Selbstbewusstsein in ihrer Stimme, welches sie früher nicht so sehr hatte, aber in den letzten Monaten definitiv dazugewonnen hatte. Ich glaubte abgesehen davon auch, dass trotz des Schmerzes, den sie bei Benny ausgelöst hatte, der One-Night-Stand ihrem Selbstbewusstsein auch gutgetan haben könnte. Klar, sie bereute dies sehr, aber ich vermutete, ihre Seele bekam dadurch auch Zuspruch, dass sie eben eine tolle Frau war, für die sich auch andere Männer interessierten. Ich rief sie einfach an und ihre Reaktion war direkt witzig: „Oh!“ – „Nanu, so wurde ich ja auch noch nicht begrüßt! Was ist denn passiert?“ – „Ich hätte dich beinahe weggedrückt! Ich bin gerade total ungeschickt und hätte dich erst fast fallengelassen und beim Auffangen hätte ich dich fast abgeblockt.“ – „Du hättest mir auch echt anders mitteilen können, dass du mit mir nicht reden möchtest.“ Ich lachte sehr und steckte sie damit direkt an, sodass wir uns ewig amüsierten. „Ich wollte dich eigentlich nur kurz anrufen und dir sagen, dass ich dich nachher abhole. 19 Uhr? Weil wir ab 20 Uhr die Kabine fürs Karaoke haben?“ – „Klingt super. Ja, machen wir.“ – „Was machst du gerade?“ – „Ich… ach…“ – „Ja?“ – „Ich habe gerade nur überlegt, was ich heute Abend anziehe, und sitze hier vor meinen Klamotten.“ – „Zieh das an, worin du dich wohl fühlst.“ – „Ich mag ja alles gerne, das ist ja das Problem.“ Sie kicherte knuffig und ich ergänzte: „Ne, ernsthaft jetzt. Zieh dir das an, worin du dich wohl fühlst. Ich habe in den letzten Monaten bemerkt, wenn ich mir die Kleidung wie letztens auf der Party anziehe, dass ich mich damit einfach wohl fühle und dadurch noch selbstsicherer bin. Ich mag mich einfach so, wie ich bin, auch wenn ich weiß, dass ich nicht perfekt bin.“ – „Das ist eine tolle Haltung. Ich mag diese Idee.“ – „Also von daher lasse ich mich überraschen, was du nachher trägst.“ – „Ok, alles klar. Mal sehen…“ Das letzte Worte zog sie Sekunden in die Länge, sodass wir schmunzelten und ich sie fragte: „Was hast du gestern gemacht?“ – „Ich habe gestern einfach nur mein Zimmer aufgeräumt und ansonsten ein paar Filme geschaut. Gestern war für mich so ein Tag zum Faulenzen. Und du?“ – „Verstehe ich gut. Mein Tag sah gestern nicht viel anders aus. Ich habe mit Tim noch das Karaoke heute abgeklärt.“ Wir hatten einen Moment Stille und Janine sagte: „Ich glaube, ich habe eine Idee, was ich heute anziehe. Was sagst du?“ Sie schickte mir ein Bild von den Kleidungsstücken sowie zusätzlich ein zweites Bild, bei dem sie sich die Stücke vor dem Körper hielt. Als ich mir das zweite Bild anschaute, interessierte ich mich zugegeben viel mehr für Janine selbst, weil ich sie auf dem Bild völlig natürlich sah. Die Kleidung, die sie anziehen wollte, würde ein wenig Haut zeigen, war aber nicht zu aufgebrezelt. Ihre Figur wurde wieder sehr betont und ich glaubte, dass das der Stil war, der am besten zu ihr passte. „Ich mag deine Kleidung, die du rausgesucht hast. Sie betont deine Figur sehr und ist auch nicht zu krass. Du darfst nicht vergessen, wir sind ja nachher auch nur zu viert. Die anderen bekommen wir kaum mit in den Nebenkabinen. Felix kann leider nicht, hat er mir vorhin geschrieben.“ – „Schade, ihn hätte ich auch gerne wiedergesehen. Das ist schon eine Weile her.“ – „Das stimmt, ich ihn aber auch nicht. Wird definitiv wieder Zeit. Ich finde es cool, dass er Silvester mit dabei sein wird.“ – „Wirklich? Wusste ich gar nicht, dass Tim ihn auch eingeladen hat. Also dauert es wirklich nicht mehr lang, bis ich ihn sehe.“ – „Ja, er hat mir auch schon geschrieben, dass er sich darauf freut.“
Kurz danach verabschiedeten wir uns, da sie sich etwas zu essen machen wollte und wir uns später sahen. Da Janine das Thema Kleidung direkt ansprach, überlegte ich auch kurz, was ich tragen wollte, und entschied mich zu einem sehr ähnlichen Outfit wie das bei der Jahrgangsparty. Ich griff mir ein gutes Hemd, für das ich auch wirklich Geld hingelegt hatte und blieb ansonsten bei meiner Lieblingshose und Lieblingsschuhen. Ich machte das vor allem deshalb, weil ich mir selbst damit einfach sehr gefiel und das auch ausstrahlte. Klar, ich wusste, dass Janine mich in solcher Kleidung offenbar attraktiv fand, aber das war eher nur ein nebensächlicher Bonus an der ganzen Geschichte.
Pünktlich gegen 19 Uhr klingelte ich unten bei Janine und sie sagte mir über die Sprechanlage, dass ich ruhig noch kurz in die Wohnung hochkommen sollte. Kaum stieg ich oben aus dem Aufzug, bemerkte ich, dass ihre Wohnungstür offen und angelehnt war, sodass ich mich mutig hinein traute. „Wo bist du?“, fragte ich sie, als sie plötzlich aus dem Bad rief: „Hier, im Bad! Komm ruhig rein!“ Ich erinnerte mich in diesem Moment an eines der ersten Male, als ich das Bad betrat, während Janine gerade drinnen war. Sie war völlig nass und nur von einem großen Handtuch bedeckt, was mich damals völlig überrannte, aber auch anmachte. Dieses Mal hingegen war Janine bereits fertig angezogen und schminkte sich gerade. „Ich bin fast fertig!“ Wir schmunzelten und ich meinte: „Denk dran, viel Zeit haben wir nicht mehr, wir fahren ja auch ein bisschen hin.“ – „Ich weiß, ich weiß, ich weiß. Ich beeile mich, versprochen.“ Ich beobachtete sie eine kleine Weile dabei, bis sie sich plötzlich umdrehte und mich fest umarmte. Wir umarmten uns wieder eine halbe Ewigkeit. „Einer muss mit dem Loslassen anfangen…“, sagte ich recht leise, worauf sie trotzig antwortete: „Also ich nicht!“ Ich schmunzelte und ließ sie vorsichtig los, worauf sie mir einen intensiven Kuss auf die Wange gab. Dieser war vermutlich einer der intensivsten Wangenküsse, die ich je von ihr bekommen hatte, da dieser unheimlich vorsichtig, gefühlvoll und sehr langsam war. Ich bekam vermutlich am gesamten Körper Gänsehaut, auch wenn ich ihr das in diesem Moment nicht verriet. Im Anschluss machte ich für meine Verhältnisse etwas Ungewöhnliches und küsste sie ebenfalls auf die Wange. Meine Gefühle überrannten mich so sehr, sodass ich kurz schneller handelte als dachte… Janine hatte wieder ihre Augen geschlossen und als sie mich wieder anschaute, strahlten ihre Augen wieder sehr. „Du siehst toll aus.“, sagte sie plötzlich und musterte mich. „Ich bemerke einfach wieder, dass ich diesen Stil mag. Früher waren deine Sachen zusammengewürfelter.“ – „Das stimmt. Früher war mir das egal, es sei denn, wir sind ausgegangen oder ich wollte einfach Kleidung tragen, die dir besonders gefällt.“ – „Hast du noch mehr Kleidung von der Sorte?“ – „Vermutlich ist mein halber Kleiderschrank mittlerweile damit voll. Ich tausche das nach und nach immer mehr aus.“ – „Wow, das ist cool!“
Wir machten uns fertig und gingen flott die Stufen nach unten. Janine trug am heutigen Tag leichte Absätze, sodass ich leicht überrascht davon war, wie schnell sie die Stufen nach unten nahm. Einige Minuten später, nachdem wir mit dem Bus am U-Bahnhof ankamen, fragte sie: „Hast du dir schon überlegt, welche Lieder du nachher singen willst?“, fragte sie mich. „Nö, nicht so richtig. Konnte man das denn nachschauen?“ – „Ja, auf der Webseite gab es eine ganz genaue Liste. Die haben eine riesige Auswahl.“ – „Oh, wirklich? Mist. Habe ich nicht gesehen.“ – „Hier, schau.“ Sie drückte mir ihr Smartphone in die Hand und wir schauten gemeinsam auf die ewig lange Liste. Wir amüsierten uns über einige Tracks, die wir namentlich kannten, die aber keiner von uns je wirklich singen wollen würde. Ich fand einige Songs von einer meiner Lieblingsbands und Janine fragte: „Na, wollen wir nachher wieder den Song vom letzten Mal gemeinsam singen?“ – „Meinst du deine Schnulze?“ Sie boxte mir in die Seite: „Ey, der Song ist voll schön, das ist keine Schnulze!“ – „Der Song ist ja auch schön, ein Schnulzensong ist er trotzdem.“ Sie boxte mich wieder und meinte: „Ich meinte eigentlich deinen Rocksong, du Doofi.“ – „Möchtest du dir das wirklich antun? Du hast beim letzten Mal gequält ausgesehen.“ – „Aber ich hatte echt Spaß dabei. Das ist doch das Wichtigste. Völlig egal, wie es klingt.“ – „Da hast du Recht. Ich fand es echt cool, wie sehr dir egal war, wie du beim Karaoke auf der Party geklungen hast. Man hat richtig gespürt, dass dir das scheißegal war.“ – „War es auch. Ich wollte einfach Spaß haben und liebe singen halt. Als wir zusammengesungen haben, wollte ich einfach mit dir Spaß haben. Der Rest war mir völlig egal.“ – „Finde ich cool. Auch wenn du gequält wirktest, hast du aber trotzdem gutgeklungen. Deine Stimme ist wirklich schön.“ – „Danke!“ Sie lächelte mir so zu, sodass ihr Lipgloss funkelte.
Als ich mit dem Anschauen der Liste fertig war, lenkte ich Janine ganz kurz mit einem Plakat im Waggon ab, welches völlig belanglos war. Diese kurze Ablenkung nutzte ich dafür, auf ihrem Smartphone das Spiel zu starten, welches wir so liebten. Als sie wieder zu mir schaute, meinte sie: „Ach, es ging gar nicht ums Plakat… du wolltest einfach das Spiel starten! Und ich wundere mich gerade, was da an diesem Plakat so besonders sein soll… du Doofi!“ Ich schmunzelte und spielte mit ihr wieder unser Lieblingsspiel. Es war einfach so klasse dafür geeignet, die Zeit wie bei diesen U-Bahn-Fahrten herumzubekommen. Irgendwann während des Spielens kuschelte sich Janine an mich und sagte leise: „Es ist einfach immer wieder so lustig mit dir, solche Spiele zu spielen!“ – „Du liebst einfach den gleichen Blödsinn wie ich, das ist das Geheimnis.“ – „Ja, gerade das liebe ich so, wenn wir Zeit miteinander verbringen.“
Wir waren pünktlich direkt vor der Bar, die bereits geöffnet hatte und trafen dort auf Tim und Anna. Die beiden standen dort Hand in Hand und egal, wann ich die beiden sah, wirkten sie auf mich immer glücklich, trotz der Schwierigkeiten, die sie wohl auch hin und wieder hatten. Allerdings hatten sie diese nie in ihrer Beziehung, sondern eben nur Probleme mit Annas Eltern. Ich fand es schön, in all dem Chaos, welches ich selbst hatte und auch bei Leuten aus dem Jahrgang mitbekam, wenigstens etwas Stabilität zu sehen. Es war auch zu spüren, dass Tim durch Anna wirklich glücklich war – und umgekehrt. Sie gehörten einfach zusammen, da war ich mir sicher.
Das Ambiente in den Kabinen war cool und es gab, anders als die Website es suggerierte, eine kleine Mini-Bar, da sich die Bar natürlich auch über Drinks finanzierte, nicht nur über die Miete für die Kabinen und die Karaokeausstattung. Wir bestellten direkt die erste Runde Getränke, wobei Tim der Einzige war, der einen alkoholischen Cocktail bestellte, wir anderen drei nahmen alkoholfreie. Die Kabinen waren weitestgehend vor Blicken abgeschirmt, man konnte nur von der Eingangstür ein bisschen in die Kabine hineinschauen, sodass man trotzdem weitestgehend seine Privatsphäre hatte. Die Couch, die in unserer Kabine stand, war echt heruntergekommen, aber irgendwie perfekt für den Flair, den die gesamte Bar versprühte. Abgesehen davon: Sie war so unfassbar bequem! Ich wollte da nie wieder aufstehen, als ich das erste Mal drinsaß. Tim schnappte sich einfach direkt das Mikrofon und haute direkt einen Popsong raus, sodass wir Übrigen genügend Zeit hatten, in Stimmung zu kommen. Er schob allein noch einen zweiten Song hinterher, bis er und ich einen völlig albernen Song sangen, bei dem wir alle kurz davor waren, Tränen zu lachen. Die Stimmung wurde immer besser und wir wurden von Song zu Song immer lauter, was völlig egal war, weil die Kabinen so gut isoliert waren, dass man draußen kaum etwas hören konnte, wie ich bei einem Toilettengang später bemerkte. Sehr cool fand ich, dass ich auch mit Anna etwas zusammensang, da ihr Musikgeschmack genauso rockig wie meiner war. Auch, als Tim und Janine gleich zwei Songs zusammensangen, hatte ich ein wenig Gelegenheit, etwas mehr mit Anna zu sprechen. Klar, ich hatte sie bei etlichen Treffen gesehen, aber so richtig kennenlernen konnte ich sie nie so richtig. Übrig blieben Janine und ich, die noch nichts zusammengesungen hatten, sodass wir wie beim Partyabend genau die gleichen Songs wieder zusammensangen. Wir waren dabei ein wirklich eingespieltes Team, sodass wir absichtlich phasenweise die Zeilen des Gegenübers zu Ende sangen. Wir machten eine richtige kleine Show daraus und hatten einfach nur so sehr Spaß wie schon lange nicht mehr. Es machte auch definitiv mehr Spaß als beim Partyabend, wobei dort unsere Stimmung auch schon exzellent war. Etwas mehr als drei Stunden verbrachten wir in der Bar und besonders Janine und ich klangen danach richtig heiser, obwohl wir definitiv einiges an Geld für einige Getränke losgeworden waren. Aber dieser Abend war einfach so großartig, dass es mir das Geld, die heisere Stimme und die Zeit absolut wert waren.
Draußen an der frischen Luft bemerkten wir vor allem, wie heiß es da drinnen geworden war. Zu viert schlenderten wir in Richtung U-Bahnhof, wobei Janine direkt zu Beginn erstaunlich schnell voranging, was uns alle wunderte. Sie drehte sich um: „Sorry, ich bin einfach so aufgedreht, dass das für mich langsames Gehen ist!“ Ich holte sie ein und meinte: „Tja, also muss ich dich wohl ausbremsen!“ Ich hakte mich einfach bei ihr ein und sie sagte: „Ui, das ist aber ungewöhnlich… Dass sich der Mann bei der Frau einhakt, kommt selten vor.“ – „Ok, ok, ok, ok… Halt nicht. Dann hakst du dich einfach bei mir ein, so.“ Das tat sie auch kompromisslos und es fühlte sich wieder gut an. Ich bemerkte Tim und Anna, die mich breit anlächelten und Tim nickte mir recht unauffällig zu. Während Tim und Anna Hand in Hand liefen, blieben Janine und ich eingehakt. In der Bahn blieb ich als Einziger stehen, weil die Bahn durch Feierwütige ganz schön gefüllt war und es nur drei Plätze gab. Ich sah Janine im Gesicht an, dass sie damit nicht zufrieden war, aber ausnahmsweise konnte sie daran nichts ändern, bis neben ihr der Platz frei wurde und sie sofort schaltete, dass ich den Platz auch bekam. Tim und Anna verabschiedeten sich von uns und stiegen in eine andere U-Bahn um, während Janine und ich weiterfuhren. Erst in jenem Moment fragte sie mich: „Wie machen wir das heute?“ – „Was meinst du?“ – „Würdest du mich wieder nach Hause bringen? Ich traue mich ja gar nicht mehr zu fragen, weil du das viel zu oft machst… Das hat dich so viel Zeit schon gekostet, ich fühle mich wieder so schlecht. Aber gleichzeitig fühle ich mich einfach wohler, wenn ich weiß, dass mich jemand begleitet.“ – „Machen wir es kurz: Klar, ich bringe dich nach Hause. Heute bin ich vor allem auch wieder viel fitter als… du weißt schon.“ – „Ja… so müde habe ich dich noch nie erlebt.“ – „Das war auch wirklich übel. Ich konnte nicht mehr. Gar nicht mehr. Da war Schluss. Danke, dass ich bei dir schlafen konnte. Auch gerade, weil ich keine Übernachtungsklamotten und so hatte.“ – „Ich kann nur das sagen, was ich immer wieder sage: Dafür gibt es Bettzeug und eine Waschmaschine.“ Wir kicherten und Janine drückte mich kurz von der Seite etwas fester. Die restliche Fahrt über, auch im Bus, werteten wir die verschiedenen Songs aus und überlegten uns, was wir wohl beim nächsten Mal singen würden. Vor allem dachten wir intensiv darüber nach, welche Songs wir zusammen singen würden, weil wir wirklich spürten, dass uns das riesige Freude bereitete und wir dabei völlig aufblühten. Eigentlich witzig, dass ich mich so dafür begeistern ließ, aber ich spürte, dass ich es cool fand, neue Dinge auszuprobieren und gerade in diesem Fall zeigte sich, dass ich doch weit mehr Spaß daran hatte, als mir bei den bisherigen Karaokesessions in den Jahren zuvor bewusst geworden war.
Die letzten Meter bis zu Janines Zuhause vergingen rasend schnell und wir kamen vor ihrer Haustür an. Sie sagte plötzlich: „Oh, nein, scheiße, ich wollte dir endlich deinen Pullover wiedergeben! Jetzt habe ich vorhin wieder vergessen, ihn dir zu geben! Dein Schoko-Körbchen steht auch noch oben…“ – „Also beim nächsten Mal.“ Ich sah, dass es in ihr ratterte und mir wurde spontan klar, was nun kommen würde. „Möchtest du noch kurz mit hochkommen?“ – „Du weißt schon, dass das nach der billigsten Anmache aller Zeiten klingt, oder?“ Sie kicherte leise und meinte: „Mir ging es wirklich darum, dass du deinen Pullover wiederbekommst. Er war so schön warm, als wir da vor dem Krankenhaus saßen, aber du sollst ihn ja auch wieder tragen können…“ – „Das wäre schön, ja. Aber wecken wir nicht deine Mutter, wenn ich jetzt noch mitkomme? Was wollen wir eigentlich machen, wenn ich jetzt noch mitkomme?“ – „Wenn du willst, können wir ja noch in ein paar Songs reinhören, die wir beim nächsten Mal singen könnten. Meine Mutter ist bis Silvester nicht da. Sie ist zu Verwandten gefahren, als Ausgleich für Weihnachten, weil wir nicht da waren.“ – „Verstehe.“ Wir schauten uns mehrere Sekunden lang tief in die Augen und keiner von uns gab zunächst nach, bis ich mir einen Ruck gab. „Okay. Ich komme noch mit hoch. Aber nur, wenn du mir einen schön warmen Tee machst, damit ich mich etwas aufwärme, bis ich nach Hause fahre. Ich will nicht, dass es wieder fünf Uhr wird.“ – „Ja, na klar, gerne. Super!“ Sie platzte fast vor Freude. Ich wusste zwar, dass meine Lust, noch später wieder nach Hause fahren zu müssen, noch weiter sinken würde, aber ob jetzt oder später machte den Kohl auch nicht mehr fett. Ich musste nur darauf achten, nicht zu müde zu sein, wenn ich wieder nach Hause wollte. Daher war der Kompromiss mit einem Tee eine gute Lösung, fand ich. Abgesehen davon ging mir der Gedanke durch den Kopf: Wie sollte ich herausfinden, ob ich mich auf sie wieder einlassen konnte, wenn ich die Zeit mit ihr so künstlich knapphielt?
Wir betraten ihre Wohnung und Janine ging direkt in die Küche, um mir den Schokokorb zu geben. Aus ihrem Zimmer holte sie anschließend den Pulli und ich freute mich wirklich, ihn wiederzubekommen. In der Küche hatte sie den Wasserkocher bereits eingeschaltet und bereitete uns den versprochenen Tee vor. Wir setzten uns mit dem Tee in ihr Zimmer, welches ich erneut auf mich wirken ließ. Wir saßen recht entspannt auf ihrem Bett und ich sagte ganz ehrlich und auf eine gewisse Art und Weise auch dreist: „Ich weiß, was du mit deiner Einladung auf den Tee bezweckst. Ich bin nicht doof. Ich kenne dich vermutlich so gut wie sonst kein Mensch auf dieser Welt.“ – „Mist.“ Sie schmunzelte, ich schloss mich an. „Tja, du wirst wohl gleich nach Hause fahren, schätze ich? Ohne warmen Tee, ohne warme Wohnung… Bei dem kalten Wind. Die Temperaturen sind auch noch unter null Grad… Gerade, wo es so dunkel ist und du auf dem Nachhauseweg sogar einschlafen könntest… Jetzt stell dir vor, ein Nachtbus fällt noch aus und du müsstest bis zu einer Stunde warten…“ – „Ich würde einfach nach Hause laufen, so lange brauche ich ja nicht nach Hause für die gesamte Strecke.“ Mitspielen konnte ich bei diesem Spiel durchaus, Mademoiselle. „Du könntest mir doch bestimmt Tee in eine kleine Flasche abfüllen? So hätte ich auf jeden Fall Wärme für unterwegs und könnte sogar noch was Warmes trinken…“, spielte ich das Spiel weiter. „Leider hat Mama genau die Flasche mitgenommen, mit der der Tee so schön warm bliebe, das ist echt ärgerlich.“ – „Ich kann ja noch nachschauen, ich habe bestimmt genug Geld für ein Taxi dabei, was mich entspannt nach Hause fährt. Für die kurze Strecke dürfte das echt wenig kosten…“ Ich verzog meine Augenbraue nach oben, weil ich schauen wollte, wie sie das Spiel weiterspielen wollte. Diesen Gedanken nahm sie unbewusst sogar wörtlich, als sie sich mein Smartphone stibitzte und feststellte: „Ach, das ist aber ein Mist, dass dein Akku einfach leer ist, nachdem ich die ganze Zeit unser Lieblingsspiel gespielt habe? Wie willst du das Taxi rufen?“ – „Ganz einfach: Mit deinem Smartphone. Oder noch viel besser: Mit meiner Powerbank, die ich in der Innentasche meiner Jacke immer für den Notfall dabeihabe.“ Das war eine glatte Lüge, aber ich brachte sie so glaubhaft rüber, dass Janine kurz stockte. „Haha, gewonnen!“, sagte ich mit einem Lachen, worauf sie sich mit einem Schmunzeln leicht ärgerte. „Nein, ich habe keine Powerbank bei. Ich könnte also dein Ladegerät gebrauchen, für den Fall, dass ich heute noch hierbliebe.“ Sie war plötzlich ziemlich schüchtern und fragte, bevor ich den Tee überhaupt zur Hälfte getrunken hatte: „Welchen Tee möchtest du als Zweites? Also wir hätten…“ Sie zählte etliche Geschmacksrichtungen auf und ich unterbrach sie mit folgender Gegenfrage: „Warum fragst du mich nicht einfach direkt, ob ich bei dir übernachten möchte?“ Sie war kurz sprachlos, aber das fand ich wirklich süß. „Volltreffer, würde ich sagen.“ Sie sagte weiterhin nichts, dachte kurz nach und setzte sich anschließend sehr nah zu mir. „Jetzt ganz ohne Ärgern: Möchtest du denn hier über Nacht bleiben? Wäre das okay für dich? Oder… ist das zu schnell?“ Ich wusste zugegeben nicht, ob ich das eigentlich wirklich wollte. Es machte Spaß, mit ihr so herumzualbern, was eine mögliche Übernachtung betraf, aber wenn ich jetzt wirklich noch nach Hause gehen würde, konnte mein Blödeln mit ihr zuvor ziemlich verletzend wirken, weil ich absichtlich einfach nur mit ihr gespielt hatte, was ich in diesen Gefühlsdingen unter allen Umständen nicht wollte. „Ja, es ist wirklich etwas schnell. Aber es ist jetzt nicht mehr die erste Übernachtung nach… unserer Beziehung früher, von daher macht es jetzt auch keinen Unterschied mehr. Auch wenn es mich ein wenig stört, dass ich keine Wechselkleidung habe.“ – „Das stimmt nicht.“ – „Aber… wie?“ – „Na ja, du hast immerhin einen Wechselpullover!“ Ich musste darauf genauso herzhaft wie sie lachen. Etwas später meinte ich etwas ernsthafter: „Aber du musst damit leben, dass ich wieder im Shirt und mit Jeans schlafe, das finde ich zwar selbst nicht so richtig angenehm, aber das geht schon.“ – „Also bleibst du heute hier?“ – „Ja, ich bleibe. Ist schon okay. Abgesehen davon ist es etwas bequemer, wenn ich jetzt in der Nacht nicht mehr nach Hause muss. Verabredet bin ich morgen nicht, ich habe kein Treffen oder so was, ich schreibe Petra aber, damit sie sich keine Sorgen macht. Sie hat aktuell Urlaub und ist zu Hause.“ – „Kann ich auch machen, wenn du willst.“ – „Oder so, mach das ruhig. Du hast mein Smartphone gerade in der Hand.“ Ich grinste. „Ja, aber ich schreibe das mit meinem Smartphone. Ich möchte nicht unabsichtlich irgendwas in deinen Apps sehen, was deine Privatsphäre ist. Ich würde schon kurz die Chats mit allen anderen sehen können, wenn ich ihren Chat öffne. Das, was ihr miteinander schreibt, würde ich ja auch sehen. Das gehört sich aber nicht.“ – „Ist schon okay, weil ich dir vertraue. Aber ich finde deinen grundsätzlichen Gedanken wirklich schön, dass du dem Gegenüber den Freiraum lässt. Das braucht man definitiv auch. Aber das hast du ja immer schon beachtet, auch damals, als wir zusammen waren.“ – „Ja, ich finde, Freundschaft und Beziehung basieren auf Vertrauen, vor allem aber natürlich eine Beziehung. Wenn mir das Gegenüber nicht vertrauen kann, wie soll man sich fallenlassen können?“ – „Damit hast du absolut Recht. Aber wenn du nachher wirklich noch Tee machen willst, würde ich gerne den gleichen nehmen, der schmeckt echt gut.“ – „Gerne!“ Sie strahlte wieder über das gesamte Gesicht. Ich schaute mich für einige Momente in ihrem Zimmer um, auch wenn ich es beim letzten Mal schon genauer inspiziert hatte. „Magst du den Dampfbrunnen anschalten? Ich würde gerne sehen, wie das in deinem Zimmer so wirkt.“ – „Können wir machen.“ Sie wuselte kurz in ihrem Zimmer herum, weil sie keine passende Steckdose gerade frei hatte, was mich irgendwie amüsierte. Ich sah die Janine, wie ich sie von früher kannte: Manchmal ein bisschen verpeilt, trotz allem zielstrebig und oft ein ziemliches Energiebündel, gerade, wenn sie etwas wirklich wollte. Wir schauten dem Brunnen zu, bis Janine direkt wieder aufstand, als sie bemerkte, dass ich meinen Tee ausgetrunken hatte. Ich folgte ihr dieses Mal allerdings, weil ich mich schlecht fühlte, dass sie mich so sehr bediente. „Huch, wieso kommst du mit?“, fragte sie mich in der Küche. „Erstens, weil ich einfach schauen wollte, wie eure Wohnung eigentlich jetzt aussieht und zweitens, weil ich dir irgendwie zur Hand gehen wollte.“ – „Wie sollst du mir denn beim Tee machen helfen? Das sind doch nur ein, zwei Handgriffe.“ – „Stimmt, aber zumindest wollte ich nicht absolut nutzlos herumsitzen. Ich schau mir alternativ einfach euer Wohnzimmer an, okay?“ – „Klar, geh doch ruhig rein und schau.“ In ihrem Wohnzimmer bemerkte ich erst jetzt die neue Couch, die sie wohl irgendwann gekauft hatten. Als ich für Janine den Blutfleck vor ein paar Wochen wegwischte, war ich so müde, dass mir die Couch gar nicht aufgefallen war. Die andere Couch zuvor passte modisch auch gut ins Wohnzimmer, aber war einfach schon sehr in die Jahre gekommen und hätte definitiv nicht mehr lange mitgemacht, ohne endgültig in die ewigen Jagdgründe zu gehen. Janine kam mit meinem Tee, den ich ihr abnahm. „Danke schön“, sagte ich und legte ihr kurz meinen freien Arm über ihre Schultern. „Ich mag es sehr, wenn du das machst.“, flüsterte sie plötzlich ziemlich leise. Ich war über ihre direkten Worte sehr erstaunt und meinte: „Ich weiß. Aber was ich mich frage, ist, warum du dich nicht mehr so richtig traust, all das auszusprechen, was du wirklich möchtest.“ – „Dabei mache ich das doch. Ich habe dir auf der Wochenendfahrt direkt gesagt, was ich über dich denke. Was ich mir wünsche, habe ich spätestens am Heiligabend klargemacht.“ – „Ja, das stimmt natürlich. Aber zum Beispiel wie mit der Übernachtung heute habe ich deutlich gespürt, dass du dich eigentlich nicht so richtig getraut hast.“ – „Na ja, ich möchte dich nicht überfordern mit allem. Deswegen bin ich so vorsichtig. Ich weiß auch weiterhin nicht, ob du das alles überhaupt so möchtest oder nicht.“ Ich schwieg darauf wieder einige Sekunden, in denen sie mich fragend anschaute. Ich ging fast aus früherer Gewohnheit an die Balkontür und schaute nach draußen. Dieser Ausblick liebte ich einfach sehr und hatte ihn wirklich vermisst.
Sie folgte mir zur Balkontür und griff nach meiner freien Hand, worauf wir unsere Finger verschränkten. „Ist das nicht schon eine Art von Antwort?“, fragte ich sie, ohne sie dabei anzuschauen. „Doch, irgendwie schon. Aber ich spüre einfach, dass du absolut unsicher bist.“ – „Das bin ich auch. Vor allem weiß ich nach den ganzen letzten Monaten nicht, ob ich wirklich wieder eine Beziehung möchte.“ Wir schwiegen lange und ich ergänzte: „Ich genieße das gerade sehr. Du tust mir gut, das spüre ich. Also… du willst wissen, was mit mir los ist. Ich sage es dir: Ich habe Angst.“ – „Angst?“ – „Ich habe Angst, wieder verletzt zu werden. Erst das mit dem Kuss damals, die Geschichte mit Sandra, bei der ich mit vollem Tempo gegen die Wand gerannt bin. Das alles hat mich vorsichtiger gemacht.“ – „Genau deswegen war ich die ganze Zeit vorsichtig und wollte dich nicht überfordern.“ – „Zugegeben: Du hast mich nicht nur einmal überfordert.“ – „Scheiße.“ – „Aber ich habe nicht gesagt, dass das schlimm war. Dadurch habe ich angefangen, nachzudenken. Ich brauche einfach Zeit, das alles sacken zu lassen.“ – „Ist es aber wirklich okay für dich, wenn du heute hier übernachtest?“ – „Ja, ist es. Ich habe schon Lust darauf, auch wenn ich dir das vorhin nicht direkt so ehrlich sagen wollte. Einfach, weil ich weiß, dass wir garantiert die ganze Zeit Spaß haben, weil wir uns wieder so gut verstehen.“ – „Das finde ich auch!“ Sie drückte mich kurz von der Seite und ich sagte: „Ich habe deswegen Angst, weil ich mir so viele Fragen stelle und nicht weiß, ob ich oder besser gesagt wir die alle geklärt bekommen.“ – „Was meinst du?“ Sie drückte meine Hand fester. „Jetzt rein theoretisch: Wenn ich wirklich mit dir wieder zusammen bin, wer sagt mir, dass ich mich fallenlassen kann, wie du es vorhin schön beschrieben hast? Ich frage mich auch die ganze Zeit, ob unsere Beziehung wieder so schön wie damals werden könnte, obwohl ich nicht mehr so sehr verliebt wie damals bin.“ In dem Moment befürchtete ich, dass etwas in ihr „Knack“ gemacht haben könnte. „Hey, mach dir doch nicht solch einen Stress, das erwarte ich doch gar nicht.“ Wir schauten uns kurz in die Augen. Ich wich als Erster mit meinem Blick wieder aus und schaute durch die Balkontür nach draußen. Ich sah ein Flugzeug in der Ferne am Himmel blinken. „Ich weiß doch selbst, dass wir wieder Zeit brauchen, zueinander zu finden. Aus diesem Grund bin ich doch die ganze Zeit so vorsichtig, weil ich ganz langsam schauen möchte, ob wir wieder zueinanderfinden.“ – „Janine, ich weiß auch nicht, ob man nicht zu Beginn einer Beziehung so richtig verliebt sein sollte, wie wir es beim Anfang unserer ersten Beziehung waren. Ich habe Angst, dass das von Anfang an fehlt und unser Zusammenhalt zum Beispiel nicht so fest sein könnte, weil wir unter ganz anderen Umständen wieder zusammengekommen sind.“ – „Hey, ich finde, du machst dir viel zu viele Gedanken. Es tut mir leid, dass ich solch ein Chaos in dir auslöse.“ – „Muss es nicht. Die Gedanken kommen bei mir ganz von allein. Auf eine gewisse Art und Weise hilft es gerade sehr, darüber auch zu reden.“ – „Hast du nicht mit Tim darüber gesprochen? Oder mit Julia?“ – „Nur ein ganz kleines bisschen mit Julia. Aber Julia war mehr damit beschäftigt, mich toll zu finden, auch wenn sie mir am Ende des letzten Treffens einen wirklich guten Rat gegeben hat.“ – „Welchen denn?“ – „Sie hat gesagt, dass sie fest davon ausgeht, dass du mich wirklich sehr liebst.“ – „Ui, das hätte ich ihr nicht zugetraut.“ – „Ich auch nicht, weil ich weiß, dass sie eifersüchtig ist. Aber sie datet mich so lange nicht mehr, solange ich nicht weiß, was da zwischen dir und mir ist.“ – „Jetzt stelle ich dir wohl die schwerste Frage: Was… empfindest du denn für mich?“ – „Uff.“ Ich dachte einige Sekunden lang nach, die Janine geduldig abwartete. Ich drehte mich zu ihr, um ihr in die Augen zu schauen und erwiderte: „Meine Gefühle für dich kommen wieder. Ich spüre die Gefühle, die ich damals hatte, als wir zusammen waren. Aber ich weiß auch, dass ich mich verändert habe und kann daher nicht so richtig sagen, wie ich das alles in Einklang bringen soll. Vor allem denke ich auch intensiv darüber nach, wie ich mich am besten verhalte, damit ich dich nicht noch irgendwie verletze. Ich möchte mich eigentlich nur auf eine Beziehung einlassen, wenn ich mir wirklich sicher bin, dass wir Lösungen für alles finden. Gerade, weil ich damals mit dir Schluss gemacht habe, möchte ich nicht noch unabsichtlich auf deinen Gefühlen herumtrampeln, wenn wir es nochmals versuchen und ich einfach spüre, dass es nicht mehr geht.“ Ich sah, wie sie kleine Tränen in den Augen hatte. „Du bist… echt wirklich unfassbar lieb.“ In diesem Moment bekam ich einen Flashback, als ich mit Janine damals nach dem Bowling in dem kleinen Restaurant saß und sie mich direkt fragte, was ich für sie empfand. Auch dort sagte ich ihr, dass ich unsere Freundschaft nicht opfern wollte, falls eine Beziehung nicht funktionierte, jetzt war die Situation leicht ähnlich, aber schon anders.
Aus den Tränen wurde ein leises Weinen. Ich drückte ihre Hand vorsichtig und sagte: „Hey. Nicht weinen.“ – „Die letzten Monate waren für mich wirklich nicht einfach. Ich habe sehr viel Energie dabei verloren, es kommt manchmal einfach alles hoch, weil es so nervenaufreibend ist.“ – „Das verstehe ich. Glaub mir, meine Entscheidung damals hat mich wochenlang fertig gemacht. Ich war nach außen hin stark und selbstbewusst, aber du kennst mich: In mir sah es fürchterlich aus. Ich glaube, dass ich mich mit Julia und Sandra vor allem einfach ablenken wollte. Aber abgeschlossen hatte ich das mit uns nie so ganz.“ – „Du hast mit uns nicht abgeschlossen?“ Ich sah direkt wieder Hoffnung in ihren Augen. „Nein. Würde ich sonst um diese Uhrzeit, an diesem Tag, Hand in Hand, hier mit dir stehen?“ Ich brachte sie ein wenig zum Grinsen. „Ist es ok für dich, wenn wir in den nächsten Tagen auch noch etwas Zeit zusammen verbringen?“ – „Ja, das wollte ich dir auch vorschlagen. Wie soll ich herausfinden, ob das mit uns jemals noch funktionieren könnte, wenn ich nicht über meinen Schatten springe und mit dir Zeit verbringe?“ – „Danke.“ Wir lösten unsere Hände und umarmten uns sehr fest, sie weinte dabei ein wenig weiter. „Sag mir bitte sofort, wenn ich zu schnell oder so bin, ja?“ – „Ja, ich hatte es versprochen, also alles ganz entspannt.“ – „Kannst du mir bitte auch sagen, wenn dir irgendetwas gefällt oder nicht gefällt? Ich… muss dich auch wieder neu kennenlernen. Obwohl eigentlich gar nicht so viel passiert ist, sehe ich, dass du in einigen Dingen anders geworden bist. Du bist an vielen Stellen noch viel lockerer geworden.“ – „Das stimmt.“ Wir schwiegen wieder einige Momente und ich schlug ihr vor: „Ich mache dir ein unschlagbares Angebot: Was hältst du davon, wenn wir die nächsten Ferientage dafür nutzen, uns erst wieder kennenzulernen?“ – „Das klingt super!“ Sie strahlte sofort wieder, obwohl ich noch Reste von Tränen in ihrem Gesicht sah. Sie zog mich mit in ihr Zimmer, welches jetzt ziemlich cool wirkte, da der Nebelbrunnen bereits eine Weile lang angeschaltet war. Als sie die Beleuchtung anpasste und nur noch kleine Lampen anschaltete, hatte es fast etwas Mystisches an sich. Ich mochte das Flair in ihrem Zimmer. Wir legten uns auf ihr Bett und Janine fragte: „Ich habe ständig das Gefühl, dass ich dich überrumple, aber ist es wirklich immer okay, wenn ich mich so ankuschele?“ – „Am Anfang war mir das etwas zu viel, aber das ist schon wieder ein Weilchen her. Also ja, ich finde es toll, wenn wir kuscheln. Ich spüre, dass du mir guttust.“ – „Danke für das Kompliment, das geht mir mit dir ganz genauso.“ – „Wäre mir ja gar nicht aufgefallen.“ – „Du ärgerst mich echt immer wieder!“ Sie streckte mir die Zunge raus und konterte: „Hast du nicht eben erst gesagt, dass du nicht auf meinen Gefühlen herumtrampeln willst?“ Erneut sah ich ihre Zunge und ich erwiderte darauf: „Ich ziehe dich damit nur auf, verstehe das bitte nicht böse. So würde ich das nie meinen. Aber ja, ich weiß, was du meinst, das ist schon etwas gemein in dieser Situation.“ – „Eben. Aber keine Sorge, ich verstehe, wie du das meinst. In der Hinsicht hast du dich im Vergleich zu früher nämlich kaum geändert. Du bist vor allem noch mutiger als früher geworden.“ – „Das stimmt.“ Ich dachte kurz daran, wie ich mit Julia fast am Strand geschlafen hätte, umgeben von zig Leuten aus dem Jahrgang.
Janine schaltete auf ihrem Smartphone ruhige Musik an, die ich bisher nicht kannte, aber stimmungsvoll fand. Wir lagen einige Minuten nahezu still auf ihrem Bett und kuschelten miteinander. Sie fing irgendwann an, mit einem Finger über meinen Arm entlangzufahren, was ein wohlig-warmes Kribbeln in mir auslöste. Ich schüttelte mich nach einigen Minuten, wodurch Janine schmunzeln musste. Trotzdem schwiegen wir weiterhin und Janine strich weiter mit ihren Fingern über meinen Körper entlang. Sie ließ dabei alle erogenen Zonen und besondere Stellen aus – ich spürte, dass es ihr vor allem darum ging, einfach Körperkontakt zu haben. Ich mochte ihre Idee. Wir lagen so mindestens eine ganze Stunde auf ihrem Bett und sagten dabei wirklich wenig, lange Zeit gar nichts, bis ich irgendwann morgens aufwachte.