Zum Glück gezwungen
Am Montag hatten wir den ersten Ferientag, es war der Tag vor Heiligabend. Auf eine gewisse Art war ich froh, dass wir jetzt Ferien hatten, weil allein die letzten Wochen so nervenaufreibend waren, dass ich ein bisschen Ruhe und Abstand brauchte. Gleichzeitig war es aber auch teilweise von Nachteil, dass ich Marc nicht täglich sehen konnte und daher von Tag zu Tag schauen musste, inwieweit ich ihn sehen oder hören konnte… Immerhin stand Heiligabend nun morgen bevor. Weiter als das konnte ich noch nicht planen. Was mich aber in jedem Fall sehr freute, war, dass ich mit Marc im Laufe des Montags einige Minuten telefonierte. Er hatte mich einfach angeschrieben und gefragt, wie mein Tag gestern so war, sodass ich ihn anrief und ziemlich gute Stimmung bei ihm heraushören konnte. Ich sagte ihm natürlich nicht, dass ich mir gestern eine Antwort von ihm sehnlichst gewünscht hatte, weil ich bloß keinen Druck ausüben wollte. Abgesehen davon trug ich weiterhin das schmutzige Geheimnis mit Heiligabend in mir mit herum… Ich war froh, dass er mich nicht fragte, was meine Familie an Weihnachten machen würde. Ich wollte ihn nicht anlügen müssen, das war in meinen Augen kein besonders guter Start in eine womöglich zweite Beziehungschance.
Marc erzählt:
Ich hatte meine Geschenke schon in den Wochen vor Weihnachten besorgt, damit ich nichts mehr überstürzt kaufen musste. Da mir am ersten Ferientag aber wirklich langweilig war, wollte ich einfach ein bisschen meine Zeit in der Stadt verbringen. Da ich Janine vorher anschrieb und sie fragte, wie ihr Tag gestern so war, rief sie mich spontan an, sodass wir einige Minuten telefonierten. Unser Gespräch fühlte sich wieder gut an und ich spürte, wie gut wir miteinander kommunizieren konnten, definitiv eine Stärke von Janine. Es war bereits fast dunkel, als ich mich endlich von zu Hause losreißen konnte, ich vertrödelte einfach sehr viel Zeit. Ich setzte mich in die U-Bahn und fuhr ein wenig durch die Stadt. Während der Fahrt nahm ich mir einen Fensterplatz und schaute nach draußen, selbst wenn ich dort oft nicht mehr als Tunnelgewölbe und entgegenkommende Züge sah. Ich dachte lang nach… und es war ausschließlich über Janine. In den letzten Tagen drehten sich meine Gedanken hauptsächlich um sie, weil ich mir Gedanken darüber machte, wie ich die ganze Situation einschätzen sollte. Ich fand auch, während ich in der U-Bahn saß, keine wirkliche Antwort darauf. Besonders der Samstagabend sorgte für unendlich viele Fragen in mir. Vor allem fragte ich mich zum vermutlich tausendsten Mal, warum ich mich so sehr auf Janine eingelassen hatte. Mein Kopf teilte mir auch weiterhin mit, dass ich eine gewisse Distanz zu Janine halten wollte, während mich mein Gefühl immer wieder überrumpelte und es nicht nur zuließ, dass Janine Körperkontakt zu mir aufbaute, sondern diesen aktiv von ihr auch noch einforderte. Ja, verdammt, diese Nähe zu ihr gab mir sehr viel. Ich schaltete bei ihr ab, so, wie es früher war. Ich spürte, dass ich bei und mit Janine meine Seele baumeln lassen konnte – ein klarer Unterschied zu Julia. Mit Julia hatte ich immer eine gewisse Unruhe in mir, weil sie viel sprunghafter und weniger stabil in ihrem Verhalten war. Mit ihr erlebte man eigentlich immer irgendetwas, sie war recht unberechenbar, auch wenn dies in ihrem Fall keine schlechte Eigenschaft war. Janine hingegen stand definitiv mehr für Stabilität, gleichzeitig war sie dadurch eben auch ein wenig langweiliger als Julia. Aber gerade am Samstag bewies mir Janine wieder, dass sie eben sehr vieles auch einfach mitmachte und man auch genauso unkompliziert Spaß haben konnte. Auch, weil sie mir demonstrierte, dass sie sich in Sachen Alkohol wirklich in Griff zu haben schien, baute sie bei mir wieder Vertrauen auf.
Am späten Abend schrieb ich einige Nachrichten mit Julia, die mich auch fragte, wie es mit Janine aussah. Ich vermutete, dass sie doch mehr in mich verliebt war, als sie mir bisher zugeben wollte, was mir ein wenig Sorge in Hinblick auf unsere Freundschaft machte. Ich schrieb ihr ehrlich, dass ich mit Janine auf der Party war und dass ich einfach nicht wusste, was das zwischen Janine und mir war. Ich sagte ihr aber auch, dass es sich phasenweise wirklich gut mit Janine anfühlte. Darauf schrieb mir Julia vor allem, dass sie sich in ihrer Vermutung bestätigt fühlte, dass ich womöglich doch weit mehr für Janine empfinden würde, als ich mir bisher selbst eingestehen wollte. Ich antwortete ihr abschließend darauf nur, dass ich das einfach nicht wusste und weiter schauen wollte, wie sich das alles entwickelte.
Heiligabend stand bevor. Da Petra noch ein paar allerletzte Sachen haben wollte, ging ich vormittags schnell zum Supermarkt bei uns, da dieser recht früh schloss. Es war wie erwartet überfüllt, weil viele noch die letzten Dinge einkaufen gingen. Petra sagte mir vor ein paar Tagen, dass wir das Weihnachten wieder zu Hause verbringen würden. Sie kündigte einzig und allein meinen Vater an. Mich freute es sehr, dass er sich die Zeit für mich und uns nahm, obwohl er ja auch die Zeit mit seiner Frau, die ich immer noch nicht kennengelernt hatte, genauso auch nutzen konnte.
Ich stellte mich auf einen entspannten Abend ein und wollte daher auch eher im normalen Look bleiben, doch Petra schlug mir vor: „Wieso ziehst du nicht deinen Anzug an? Bis jetzt brauchtest du ihn nur beim Winterball damals, aber der steht dir echt gut. Passt doch zu heute so richtig gut.“ Nach einigem Zögern entschloss ich mich tatsächlich dazu, den Anzug anzuziehen. Ich fand den Anlass ähnlich wie Petra auch ganz passend, zumal ich glaubte, dass mein Vater bestimmt wieder überrascht schauen würde, auch wenn er mich in dem Outfit schon kannte.
Nachmittags gegen zwei entschied ich mich dazu, Janine eine Nachricht zu schreiben, in der ich Melanie und ihr ein fröhliches Weihnachten wünschte. Ich hatte einige Minuten hin und her überlegt und hätte es mies gefunden, wenn ich ihr nicht geschrieben hätte. Klar, sie hätte mir auch schreiben können, aber vermutlich traute sie sich einfach nicht, gerade, weil ich ihr sagte, dass ich Zeit zum Nachdenken brauchte. Es war auch gut möglich, dass sie mit ihrer Mutter ihre Verwandten besuchen ging und bereits gar nicht mehr in der Stadt war. Wenige Minuten nach meiner Nachricht kam ihre Antwort, in der sie uns ebenso fröhliche Weihnachten und einen schönen Abend wünschte. Ich freute mich über ihre Nachricht und widmete mich im Anschluss meinen anderen Dingen. Zwischendurch schrieb ich noch eine kurze Nachricht an Julia, die mir kurz danach fröhliche Weihnachten zurückwünschte. Die Feier sollte um halb sechs beginnen, damit hatte ich noch genügend Zeit, die ich zum Duschen und zum Helfen von Petra nutzte. Später hörte ich in meinem Zimmer Musik und surfte wahllos auf meinem Smartphone herum, weil ich den PC für nur noch wenige Minuten nicht mehr einschalten wollte, da mein Vater eigentlich bald da war.
Janine erzählt:
Mama schlug mir vor, dass ich mich für den Heiligabend bei Marc doch wieder so richtig schick machen konnte. Ich war mir nicht sicher, weil ich es auch nicht übertreiben wollte. Gleichzeitig hatte ich aber noch in Erinnerung, wie fassungslos Marc war, als er mich in dem tollen Kleid sah. Er war damals fast ein wenig eingeschüchtert und erzählte mir später auch, dass ich in seinen Augen so schön wie noch nie war. Ich wusste, dass er das gar nicht böse meinte, weil er mich damals natürlich auch sonst anziehend fand. So sehr zurecht gemacht hatte er mich vorher noch nie gesehen. Auch beim Winterball hatte ich deutlich weniger dick als am letzten Heiligabend aufgetragen. Ich entschied mich daher für einen Kompromiss: Ich wollte das Kleid vom letzten Jahr wieder tragen, aber ich schminkte mich dieses Mal deutlich weniger. Klar machte ich das auch für Marc, aber vor allem für mich.
Nachmittags bekam ich plötzlich eine Nachricht von Marc, der Mama und mir frohe Weihnachten wünschte. Arg, diese Nachricht war mir unangenehm, weil ich ihm jetzt damit eine Lüge unterjubeln musste. Ich wollte ihm auf jeden Fall antworten, weil ich nicht wollte, dass er glaubte, dass er mir egal war. Gleichzeitig durfte ich von unserem gemeinsamen Plan aber einfach nichts verraten… Ich schrieb Petra, die mir sehr zeitnah antwortete und mir einfach riet, ihm eine höfliche Nachricht zurückzuschicken, in der ich ihm einen schönen Abend wünschte. Sie sagte, er würde die Notlüge schon verstehen, wenn er sah, warum ich so antwortete. Ich hoffte nur so sehr, dass Marc nicht wütend, enttäuscht oder anders negativ reagierte, wenn er sah, dass wir alle ihn ausgetrickst hatten. Wir hatten gemeinsam beschlossen, dass wir ihm sofort die Wahrheit sagten, sobald er fragte, wer das von ausgeheckt hatte. Letztlich waren wir neben Tim alle beteiligt.
Der Freund meiner Mutter, Sven, holte uns gegen fünf ab. Ich hatte Sven bisher ein paar Mal nur sehr kurz gesehen, aber er war eine wirklich liebe Person. Ich sah, dass er Mama guttat, und freute mich einfach so sehr für beide. Schade fand ich daher, dass er bei unserer Feier nicht mitkam. Er ging stattdessen seine Eltern besuchen, weil er sich bei Marc & Co. einfach fehl am Platz gefühlt hätte. Das konnte ich schon nachvollziehen, schade war es trotzdem. Er würde sich bestimmt gut mit den anderen verstehen. Wir wollten gegen halb sechs da sein. Auch wenn Marcs Vater erst gegen 18 Uhr ankommen sollte, entschieden wir uns mit Petra dafür, bereits vorher da zu sein. Marc sollte etwas Zeit bekommen, sich mit der Situation zurechtzufinden, dass seine Familie heute ganz besondere Gäste haben würde. Ich fand den Plan gut, gerade, weil er garantiert überfordert sein würde. Als wir im Auto saßen, ließ ich immer wieder das Geschenk, das ich persönlich für Marc zu Weihnachten hatte, durch meine Hände gleiten. Ich war sehr nervös, als ich über mein Geschenk nachdachte. Ich ging damit ein hohes Risiko ein und wusste nicht, was er dazu sagen würde. Das, was ich ihm schenken wollte, fühlte sich aber einfach richtig an. Es beschrieb unsere Situation besser als alles andere. Gleichzeitig wollte ich ihm einfach klarmachen, wie viel er mir bedeutete. Zusätzlich sollte ich ihm auch ein kleines Geschenk von Tim, Anna und mir gemeinsam überreichen: Wir schenkten ihm einen Abend in einer Karaokebar, weil er und ich so viel Spaß beim Karaoke vor wenigen Tagen hatten. Diese Gutscheinidee kam uns sehr spontan, als ich mit Tim schrieb, wie der Partyabend verlaufen war. Am Montag sammelte ich daher noch eine Unterschrift von Tim ein, der auch im Namen von Anna die kleine Karte unterschrieb, die ich für diesen Anlass gekauft hatte. Uns schwebte dabei vor, dass wir in der Woche zwischen Weihnachten und Silvester versuchen würden, einen gemeinsamen Abend zu finden, an dem er den Gutschein einlösen konnte.
Je näher wir Marcs Zuhause kamen, desto nervöser wurde ich. Mama spürte das, obwohl sie vorne und ich hinter ihr saß: „Das ist ein komisches Gefühl, oder?“ – „Ja, total. Ich war so lange nicht mehr hier.“ Sven, der die ganze Thematik nur sehr wenig bisher kannte, meinte mit einem Grinsen: „Das ist wahrscheinlich einer der ungewöhnlichsten Pläne, von denen ich in meinem Leben so mitbekommen habe.“ Mama erwiderte: „Ja, das ist wirklich schon komisch. Aber ich freue mich wirklich sehr. Ich glaube, das könnte ein toller Abend werden!“ – „Das hoffe ich auch. Hoffentlich ist Marc nicht sauer, dass ich ihn vorhin angelogen habe.“ – „Warum das?“ – „Er hat mir vorhin geschrieben und uns frohe Weihnachten gewünscht. Ich habe es ihm zurückgewünscht, ich wusste einfach nicht, was ich schreiben sollte. Ich durfte unseren Plan nicht verraten.“ – „Das wird er schon verstehen. Du hast doch erzählt, wie gut ihr wieder miteinander klarkommt. Er wird bestimmt nicht böse sein. Außerdem kann er sauer auf uns alle sein. Wir hängen alle mit drin.“ Sven meinte, um mich aufzumuntern: „Oh Mist, ich ja jetzt auch! Ihr habt mich da einfach mit reingezogen. Ich bin als Mitfahrer auch schuld!“ Ich mochte seinen Humor, er lenkte mich damit ganz gut von meinen Sorgen ab. Diese holten mich direkt wieder ein, als wir vor Marcs Haustür hielten. Mama und ich stiegen aus und verabschiedeten uns von Sven, der uns nach Möglichkeit nachher wieder abholen wollte. Wir sagten ihm aber auch, dass es bestimmt spät werden würde. Petra schlug vor, dass wir im Laufe des Abends neben einem Essen auch ein paar Brett- und Kartenspiele auspacken konnten, um einen lustigen Abend zu verbringen. Mir gefiel die Idee sehr. Die Schritte bis zur Haustür vergingen so schnell, mein Herz schlug schnell und fest. Nach dem Klingeln wurden wir schnell hineingelassen. Ich malträtierte meine Fingernägel, während wir auf den Aufzug warteten und als wir nach oben fuhren. Das Licht fiel leicht in den Hausflur. Mama ging vor und betrat als Erstes die Wohnung. Ich bemerkte diesen besonderen Geruch, den die Wohnung hatte. Es roch genauso wie damals. Der Geruch war frisch und für mich nicht wirklich beschreibbar. Es war einfach ein Geruch, den ich sehr mochte und der mich auch sehr an mein eigenes Zuhause erinnerte. Mein Herz raste, nachdem ich den Wohnungsflur betrat und die Tür hinter mir schloss. Petra drückte mich direkt zur Begrüßung. Ich rechnete jede Sekunde damit, dass Marc auftauchen würde, aber er kam nicht. Meine Anspannung wurde damit aber kein bisschen besser. Petra flüsterte leise: „Er hört in seinem Zimmer Musik. Er hat die Klingel vermutlich gar nicht gehört.“ – „Was mache ich jetzt?“ – „Ganz einfach: Du gehst zu ihm ins Zimmer. Klopf vielleicht vorher, damit er sich nicht erschreckt.“ – „Soll ich wirklich einfach reingehen?“ – „Ja, na klar. Los. Verbringe die Zeit mit ihm. Dafür machen wir das Ganze doch.“ Mama meinte darauf: „Was? Wir machen das nicht, damit wir alle Weihnachten zusammen verbringen?“ Petra lachte darauf herzhaft und meinte: „Doch, klar. Hatte ich das etwa vergessen?“ Wir drei schmunzelten. Ich freute mich, dass sich die beiden wie beim letzten Heiligabend auch weiterhin so gut verstanden. Irgendwie war das auch eine komische Geschichte, dass die beiden, obwohl sie sich so gut verstanden, sich nie getroffen und wohl nur sehr selten miteinander geschrieben hatten.
Ich kam nicht weg vom Fleck. Petra schubste mich daher leicht in das Wohnzimmer und von dort aus in den zweiten Wohnungsflur. Sie flüsterte leise: „Los jetzt. Manchmal muss man das Glück ein wenig erzwingen.“ – „Du hast ja Recht… Ich habe Angst.“ – „Du kannst es nur versuchen. Also komm. Sei mutig. Du hast dir so viel Mühe mit ihm gegeben. Jetzt gib nicht auf.“ – „Du hast absolut Recht.“ Ich atmete tief ein und aus und sah, wie Petra ins Wohnzimmer zurückging. Es gab für den gesamten Abend kein Zurück mehr. Wir waren jetzt hier und Marc würde ob so oder so in spätestens einigen Minuten wissen, was los war. Die letzten Schritte bis zu seiner Zimmertür fühlten sich wie Kilometer an. Ich hörte aus seinem Zimmer seine Lieblingsrockmusik kommen, lustigerweise genau der Song, den wir zusammen gesungen hatten. Ich klopfte und er rief laut „Hinein!“. Mit einer zittrigen Hand öffnete ich seine Tür und war überwältigt. Sein Zimmer hatte sich im Aufbau etwas verändert. Er hatte teils neue Möbel, was er mir bisher gar nicht erzählt hatte. Ich sah ihn auf seiner neuen kleinen Couch sitzen. Er trug seinen Anzug, den er schon beim Winterball getragen hatte. Dieser Anzug stand ihm weiterhin einfach toll. Sein Gesicht entgleiste völlig, als er mich sah. Als er trotz Fassungslosigkeit lächelte, wusste ich, dass die Überraschung offenbar doch gelungen war.
Marc erzählt:
Ich entspannte mich weiter auf meiner Couch, während ich Musik hörte. Gegen halb sechs klopfte es an der Tür. Offenbar war mein Vater doch deutlich früher dran! Ich richtete mich ein wenig auf und schaute zur Tür, als sich diese öffnete. Mein Kinn klappte völlig nach unten, als ich sah, dass Janine vor der Tür stand. Was zur Hölle passierte hier gerade? Hatte sie mir nicht vorhin einen schönen Abend gewünscht? Vor allem, warum war sie allein hier? Oder war ihre Mutter ebenfalls wieder mitgekommen? Ich brauchte gleich mehrere Sekunden, bis ich überhaupt etwas sagen konnte. Das lag auch daran, dass sie wieder fantastisch aussah: Das Kleid, welches sie bereits letztes Weihnachten trug, betonte ihre Figur so sehr, obwohl sie keinerlei Einblick gewährte.
Ich war verdattert. Völlig erschrocken stand ich auf und schaute Janine an. Sie lächelte mit leicht roten Wangen und sagte irgendwie nichts. Ich wollte sie hereinbitten, bekam es aber auch nur mit einem Stottern hin: „Komm… komm doch… einfach herein.“ Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich. Ich musterte sie erneut vollständig, was sie auch bemerkte und es mit mir gleichtat. Sie sagte: „Du siehst wirklich sexy aus, das möchte ich dir ehrlich sagen.“ Ich nickte etwas verlegen und sagte: „Du hast das Kleid vom letzten Jahr angezogen, das sieht einfach wundervoll an dir aus.“ – „Danke schön.“ Wir standen noch eine Weile lang da, in der wir nichts sagten, umarmten uns fest und ließen uns lange nicht los. Ich vernahm ihren süßlichen Duft, den ich an ihr bisher nicht kannte. Diese Umarmung war ähnlich lang wie die bei unserer Verabschiedung nach dem spaßigen Partyabend.
Ich bat sie völlig überfordert darum, sich zu setzen. Auf der Couch schauten wir uns ungelogen zehn Sekunden lang an, ohne etwas zu sagen. Wir begannen plötzlich beide gleichzeitig damit zu reden, sodass ich ihr mit einem Schmunzeln sagte, dass sie den Vortritt haben sollte. „Es tut mir leid, dass ich dir vorhin nicht direkt die Wahrheit sagen konnte, als du mir geschrieben hast.“ – „Also ist das schon länger geplant gewesen?“ Sie schaute leicht beschämt und antwortete: „Vielleicht?“ – „Seit wann weißt du davon?“ – „Vielleicht schon direkt nach unserer Wochenendfahrt?“ – „Oha.“ Ich war sprachlos. Mit dieser Überraschung hatte ich nicht gerechnet. Kurz grübelte ich, was ich von dieser massiven Planänderung halten soll, spürte aber, dass ich mich einfach darüber freute, dass Janine gerade neben mir saß. „Bist du… böse oder wütend oder so?“ Sie wirkte sehr verunsichert. „Nein, gar nicht, ganz im Gegenteil. Ich bin gerade einfach überfordert…“ – „Das geht mir ganz genauso.“ Wir lächelten uns an und ich bemerkte, dass Janine relativ wenig geschminkt war. „Du siehst richtig schön aus.“, sagte ich ihr ehrlich. „Danke, du auch. Ich liebe deinen Anzug einfach sehr.“ – „Ich finde den auch toll. Ich komme nur viel zu selten dazu, ihn zu tragen. Petra hat mich überzeugt, den heute anzuziehen.“ Janine kicherte leicht und ich meinte: „Lass mich raten, das hat sie vorgeschlagen, weil sie wollte, dass du mich heute so siehst?“ – „Vermutlich war das ihr Gedanke. Das hat sie mir aber nicht verraten, dass sie dir das gesagt hat. Das wusste ich wirklich nicht.“ – „Okay. Wer hat das alles denn organisiert? Wie habt ihr das gemacht, dass ich das nicht mitbekam?“ – „Tim war der Auslöser. Er hat nach unserer Fahrt Petra angerufen und danach mich. Er hat Mama und mich gefragt, was wir von der Idee hielten. Mama fand die Idee schön, ich natürlich auch.“ Sie zwinkerte mir zu. „Ich bin immer noch total… überrascht und freue mich total, dass du hier vor mir sitzt.“ Hatte ich das gerade wirklich ausgesprochen?
„Was ich nicht so ganz verstehe: Warum hat Tim das euch allen vorgeschlagen? Habt ihr also alle unter einer Decke gesteckt und ich war der Einzige, der davon nichts wusste? Warum habt ihr mich nicht einfach gefragt, was ich von dieser Idee halte?“ Janine schwieg einige Sekunden lang, offenbar legte ich den Finger genau in die Wunde. Meine Fragen waren auch schärfer formuliert, als sie eigentlich gemeint waren. Ich freute mich ohne Frage, dass Janine vor mir saß, ich wollte, wie so oft, einfach nur die Beweggründe verstehen. Janine stellte eine Rückfrage: „Kannst du dir das nicht denken, warum Tim wollte, dass wir Weihnachten zusammen verbringen? Er wollte einfach, dass wir uns sehen und gemeinsame Zeit haben.“ – „Nur hatte er wohl nicht damit gerechnet, dass wir vorgestern beim Partyabend gemeinsam sein würden.“ – „Das stimmt, das hatte er nicht erwartet.“ – „Sorry, falls meine Frage gerade zu hart klang. Das war nicht so gemeint. Ich… finde es wirklich toll, dass du hier gerade neben mir sitzt. Auch wenn ich noch nicht so ganz darauf klarkomme. Mir ist richtig mulmig.“ – „Es ist völlig richtig, dass du fragst. Ich hätte mich an deiner Stelle auch so komisch gefühlt.“ – „Sie wollen einfach alle, dass wir noch eine Chance bekommen, oder?“ Janine schwieg, rutschte aber plötzlich die fehlenden Zentimeter näher zu mir und lehnte sich an mich an. Instinktiv ließ ich mich mit ihr gegen die Rückenlehne der Couch fallen und legte meinen Arm um sie. Sie kuschelte sich fester an mich an.
„Deine Mutter ist auch mitgekommen? Oder kommt sie noch her?“ – „Ja, Mama ist schon da. Sie ist im Wohnzimmer, schätze ich. Petra und sie haben direkt angefangen, zu quatschen.“ – „Die beiden haben sich damals ja schon gut verstanden.“ – „Ja. Total. Sie haben sich wirklich ein ganzes Jahr nicht gesehen.“ – „Oh, Mist, das ist mir jetzt so richtig unangenehm und peinlich.“ Ich war kurz völlig mit meinen Gedanken weggedriftet. „Was meinst du?“ – „Na ja, wir haben Weihnachten… und ich habe überhaupt kein Geschenk für dich!“ – „Das ist doch gar nicht schlimm. Du hattest doch gar keine Chance, was zu holen oder dir Gedanken zu machen…“ – „Das stimmt, aber mir ist das echt peinlich.“ – „Sieh es so, du bist das Geschenk für mich. Du schenkst mir Zeit… auch wenn es anfangs etwas unfreiwillig war.“ Sie brachte mich zum Grinsen und ergänzte: „Ich muss dir aber ehrlich sagen, dass ich etwas für dich habe. Sogar zwei Sachen.“ – „Oha… was?“ – „Das erste ist von Tim, Anna und mir. Da die beiden ja wussten, dass wir uns sehen würden, haben sie mir das mitgegeben, sodass ich dir das schenke. Wir drei fanden die Idee einfach richtig gut. Hier, schau.“ Sie gab mir mit zittrigen Händen den Umschlag aus ihrer Handtasche. „Zitterst du?“, fragte ich sie. „Könnte vielleicht sein?“ – „Bist du so nervös?“ Ich streckte meine Hand aus und griff ihre zittrige Hand. Wir hielten unsere Hände fest, ihre Hand war kalt. „Hey, nicht so nervös sein. Ist doch alles gut.“ – „Ja, jetzt ist alles gut. Aber die gesamte Herfahrt über und als wir gerade in die Wohnung kamen, ging mir richtig die Düse.“ – „Das ist dafür bei mir jetzt der Fall.“ – „Du verbirgst deine Nervosität aber gut.“ – „Ja, das kann ich ganz gut. Aber im Innern ist mir jetzt richtiges Chaos.“ – „Oh nein, das war nicht die Absicht.“ – „Weiß ich doch. Mach dir keinen Kopf. Ich… habe einfach noch nicht realisiert, dass du gerade wirklich neben mir sitzt.“ – „Na komm, öffne den Umschlag.“ Ich ließ ihre Hand los und schaute hinein. Die Karte, die eindeutig von Janine geschrieben war, da ich ihre Handschrift natürlich kannte, war süß, weil sie mich auf einen Karaokeabend in einer Bar einladen wollten. Diese Bar kannte ich von Erzählungen, weil man sich dort wohl eine Kabine mieten konnte, um recht abgeschirmt Karaoke singen zu können, ohne den anderen in der Bar auf die Nerven zu gehen. Die Bar bestand aber nur aus solchen Kabinen, eine klassische Bar existierte damit gar nicht.
„Wofür habe ich das verdient?“, fragte ich sie recht erstaunt. „Wir finden einfach, dass du Abwechslung gebrauchen kannst. Du warst in den letzten Jahren so oft für alle anderen da, dass wir dich damit einfach überraschen wollten. Außerdem wollten Tim und Anna dir dafür danken, dass du ihnen das Zimmer bei unserer Fahrt überlassen hattest.“ – „Das ist echt lieb. Aber warum hast du nicht auch ein Geschenk bekommen? Du hast doch vor allem euer Zimmer geräumt, damit die beiden allein bleiben können.“ – „Na ja, vermutlich dachten sie halt… dass dich das vielleicht Überwindung kostete, mit mir Zeit zu verbringen.“ – „Am Anfang war es wirklich ungewöhnlich, ja. Aber das wäre doch solch ein Gutschein echt nicht wert gewesen. Total lieb in jedem Fall, danke. Ich finde die Tage nach Weihnachten auch super dafür, das können wir auch gerne machen! Haben die beiden denn Zeit, weißt du das?“ – „Ja, sie haben mir das schon bestätigt. Wir können sie ja anschreiben und noch Genaueres planen. Ich habe auf jeden Fall auch die gesamten Tage Zeit.“ – „Klingt super. Ist es ok für dich, wenn ich Tim und Anna kurz schreibe und danke sage?“ – „Nein, mach ruhig.“ Ich verfasste eine sehr kurze Nachricht, weil ich mich zügig wieder auf Janine konzentrieren wollte. Dieser Moment war in so vielerlei Hinsicht einfach einzigartig und ich wollte ihn so ausführlich wie möglich genießen.
Gerade, als ich fertig war, legte Janine mir ein weiteres kleines, perfekt eingepacktes Paket direkt auf den Schoß. Ich war völlig verdutzt, was sie mir direkt ansah, aber nichts sagte. „Oha, jetzt fühle ich mich so richtig schlecht. Noch ein Geschenk von euch dreien?“ – „Nein… Das Geschenk ist nur von mir.“ – „Ich fühle mich so mies, dass ich nichts für dich habe, wirklich.“ – „Das brauchst du nicht. Ich bin doch nicht böse, dass du jetzt nichts hast, du wusstest doch davon einfach gar nichts. Los, mach schon auf.“ Ich packte vorsichtig ihr kleines Geschenk aus und fand neben einer kleinen Schatulle einen fein säuberlich gefalteten Brief vor. „Los, zuerst den Brief lesen.“ Sie lächelte mich an, während ich sie völlig überforderte anschaute. Mir war das alles so unangenehm und meine Überforderung war ja schon riesig, aber als ich ihren Brief las, wurde sie noch um Einiges größer.
„Lieber Marc,
ich erzähle dir jetzt keinen Quark,
aber diese Worte jetzt zu schreiben,
deine Fähigkeit, zu reimen, sich einzuverleiben,
ist viel schwerer, als ich je dachte,
daher wähle ich meine Worte besonders sachte.
Ich saß viele Stunden an diesen Worten,
hatte viele Ideen, plante viele Sorten,
ich investierte sehr viel Zeit,
aber heraus kam absolute Ungeschicklichkeit.
Daher rede ich gar nicht lange um den heißen Brei,
ich schreibe mir alles von der Seele, so richtig frei,
ich habe dich über viele Monate so sehr vermisst,
und hoffte, dass du mich nicht einfach vergisst.
Mit Tim und Anna auf ein gemeinsames Wochenende,
die Tage sprachen wahre Bände,
unsere Zeit war total schön,
ich konnte sie so sehr frön.
Ich hoffe, du fühlst das Gleiche,
wenn ich dir, wie gerade, nicht von der Seite weiche?
Ich wollte dir auch dieses Weihnachten etwas schenken,
du warst echt lieb, meine Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken.
Bekommt es bei dir in den nächsten Tagen ein Zuhause?
Trinkt es statt Schnaps auch brav eine Brause?
Oder will es jede Nacht immer nur auf eine große Sause?
Meinst du, es ist bei dir auch immer so brav,
dieses niedlich kleine und süße Schaf?“
Gerade bei den letzten Zeilen musste ich sehr lachen, Janine strahlte mich von der Seite an. Obwohl ich gerade zum Ende so viel lachen musste, hatte ich aufgrund der Ernsthaftigkeit auch ein kleines Tränchen im Auge. Dieses Geschenk war einfach der absolute Wahnsinn, da ich nach dem Öffnen der Schatulle einen kleinen Anhänger in Form eines niedlichen Schafes sah. Natürlich sah der Anhänger nicht aus wie das legendäre Stoff-Schaf, welches bei Janine lebte, aber es war trotzdem ziemlich niedlich. „Besitzt du denn meine Kette noch, die ich dir damals geschenkt habe?“ – „Ja, na klar. Ich habe mich nach unserer Beziehung oft nicht mehr getraut, diese zu tragen, weil ich es falsch gefunden hätte, wenn ich sie zum Beispiel bei Treffen mit Julia oder Sandra getragen hätte. In der Schule wollte ich sie auch nicht tragen, weil ich dir keine falschen Signale senden wollte, gerade so frisch nach unserer Trennung wollte ich dich nicht noch mehr verwirren oder dir wehtun.“ – „Das kann ich verstehen. Aber schön, dass du sie noch hast.“ – „Solch ein Geschenk würde ich niemals wegschmeißen.“ – „In dieser Hinsicht kannte ich dich natürlich nicht, gerade auch, weil du eben sehr enttäuscht von mir warst.“ – „Ja, es hat mich damals sehr verletzt, aber das wäre ja nicht nur der Wert, sondern auch eine tolle Erinnerung, die ich einfach wegwerfen würde.“ – „Das stimmt.“ Ich ließ Janine kurz allein auf der Couch und ging an eine Schublade, um die Kette herauszuholen. Wieder neben Janine half sie mir dabei, den kleinen Schafanhänger an der Kette zu befestigen. „Möchtest du heute die Kette vielleicht wieder tragen?“, fragte sie mich sehr vorsichtig. „Ja, gerne.“ Ich drehte ihr den Rücken zu, sodass sie mir die Kette umlegen konnte. „Das Schaf sieht total putzig aus!“, sagte sie. Sie machte mit ihrem Smartphone ein Bild von mir und zeigte es mir im Anschluss – sie hatte Recht, das Schaf war wirklich etwas Besonderes. „Wenn du aber etwas ernster auftreten musst, solltest du den Anhänger vielleicht nicht tragen.“, sagte Janine mit einem Schmunzeln. „Damit hast du sicherlich auch Recht, aber so oft wird das ja im Normalfall auch nicht vorkommen.“ Sie nickte und schaute mir wieder lang und intensiv in die Augen. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und zog sie zu mir, sodass wir wieder auf der Couch kuschelten. Diese Nähe genoss ich wirklich, auch wenn in mir weiterhin die Unsicherheit war, ob das alles wirklich so richtig war, was sich hier gerade abspielte. Zusätzlich fragte ich mich, ob mir das alles nicht wieder viel zu schnell war. In den letzten drei Wochen hatte sich einfach der gesamte Zustand zwischen Janine und mir vollständig umgekrempelt.
„Ich finde die Idee total klasse, dass du mir ein Gedicht geschrieben hast.“ Sie lächelte und ich ergänzte: „Jetzt verstehe ich, wie du dich letztes Jahr gefühlt hast, als ich dir das Gedicht geschrieben habe. Das werde ich wohl nie vergessen.“ – „Ich auch nicht. Ich habe versucht, es auswendig zu lernen, aber ich habe es einfach nicht hinbekommen. Selbst beim Auswendiglernen war ich schon so nervös, dass ich mir nicht mehr als drei oder vier Zeilen wirklich gut einprägen konnte.“ – „In jedem Fall: danke. Das alles zusammen ist einfach ein schönes Geschenk. Aber womit habe ich denn dieses Geschenk verdient?“ – „Das habe ich dir geschenkt, weil ich dir einfach eine Freude machen und dafür danke sagen wollte, dass du mir die Chance gegeben hast, über das alles von damals zu reden.“ – „Eigentlich ist das doch eine Selbstverständlichkeit, dafür musst du mir doch wirklich nichts schenken. Ich müsste mich eigentlich schlecht fühlen, dass ich mich so lange verweigert habe, ein richtiges Gespräch mit dir zu suchen. Ich habe das alles einfach verdrängt, was aber eigentlich auch nicht gut war.“ – „Egal, Schwamm drüber. Ich möchte einfach gerne nach vorne schauen.“ – „Ich auch. Der Abend heute ist jetzt schon besonders.“ Janine gab mir plötzlich ohne Vorwarnung einen Kuss auf die Wange, was mich wieder leicht aus der Fassung brachte. Sie baute durch den Kuss eine so starke Anziehung bei mir auf, die ich wieder nur schwer in den Griff bekam.
„Mama und ich haben ein paar kleine Karten- und Brettspiele mitgebracht, hast du darauf nachher Lust?“ – „Oh, das ist eine tolle Idee!“ – „Petra fand unsere Idee auch cool und hat auch Lust, dass wir nach der Bescherung und dem Essen zusammen den Abend so verbringen. Das ist einfach was anderes.“ – „Finde ich auch. Darauf freue ich mich!“
Janine fragte mich nach ein paar Sekunden Stille: „Darf ich mich in deinem Zimmer umschauen? Es sieht schon anders als damals aus.“ – „Na klar. Hier, komm, ich zeige dir, was sich alles verändert hat.“ Ich stand zuerst auf und griff ihre Hände, um sie in den Stand zu ziehen. Kurz verharrte mein Blick auf Janine, die mich sexuell wirklich anmachte. Meine Gedanken drifteten an die etlichen Male Sex ab, die sie und ich hatten. Diese Gedanken machten mich leider nur noch mehr an, sodass ich einmal kurz nicht richtig aufpasste, was Janine sagte, aber nicht schlimm war, da sie davon nichts mitbekam. Janine und ich standen eine Weile in meinem Zimmer und ich zeigte ihr an vielen verschiedenen Stellen, was sich verändert hatte. Zwischenzeitlich legte ich meinen Arm wieder um ihre Schultern, während sie dafür ihren Arm um meine Hüfte legte. Als ich ihre Hand spürte, kribbelte es ziemlich in meinem Körper.
Während ich mit ihr mein Zimmer erkundete, klopfte es plötzlich an meiner Tür. Sowohl Janine als auch ich zogen gleichzeitig instinktiv unseren Arm jeweils weg, was aber zu spät war, da Petra noch kurz sah, was wir zuvor gemacht hatten. Sie lächelte uns zu und sagte: „Dein Vater hat gerade geklingelt, er dürfte gleich oben sein.“ – „Alles klar, danke.“ Sie wollte die Tür gerade wieder anlehnen, sodass ich ihr noch hinterherwarf: „Wir haben später noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen!“ Sie schaute kurz nur mit dem Kopf erneut in den Raum und meinte selbstbewusst: „Wo willst du jetzt noch eines aufgetrieben bekommen? Oder willst du in der freien Natur nach einem suchen?“ Sie streckte mir darüber hinaus sogar die Zunge raus und ging mit einem Grinsen wieder in Richtung Wohnzimmer. Ich schaute instinktiv Janine an, die sich über den Humor von Petra köstlich amüsierte. „Sie war frech zu mir, jetzt nimm mich doch auch in Schutz!“ – „Ich glaube, wenn, solltest du eher mit Tim Tacheles reden, er hat das alles ausgelöst.“ – „Oh ja, den knöpfe ich mir auch noch vor.“ – „Oder du gehst gleich mit uns allen ins Duell, wir sind ja alle irgendwie schuld.“ – „Das stimmt!“ Wir grinsten uns an und unser Blick hielt länger stand. Janine griff nach meiner linken Hand, um sie festzuhalten. Nach einigen Sekunden reagierte ich instinktiv und legte meine Hand auf Janines Wange. In mir fuhr einfach alles Karussell. Janine genoss meine Berührung sehr und stellte sich leicht auf Zehenspitzen. Ich senkte meinen Kopf auf ihre Höhe hinab und wir schauten uns, nachdem unsere Gesichter sehr nahe waren, für einige weitere, ewig lange Sekunden in die Augen. Meine Reize spielten völlig verrückt, ich kam ihren Lippen immer näher, worauf sie den letzten Schritt machte und mich küsste! Dieser Kuss war wirklich gefühlvoll, auch wenn wir nicht übereinander herfielen und sehr zaghaft blieben. Janine schloss bei diesem Kuss genauso wie ich die Augen. Ich war der Erste, der sie wieder öffnete. Direkt im Anschluss trafen sich unsere Blicke und ich bemerkte etwas in ihrem Blick, was ich schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte: Es war Liebe.
Der Kuss war schön, aber ich wusste weiterhin nicht, ob ich ihn eigentlich wollte. Klar, mein Gefühl überwältigte mich und sehnte sich nach dieser Nähe, aber mein Verstand meldete sich, ob ich das alles mit Janine überhaupt wollte. Ich war maßlos überfordert und glaubte nach dem chaotischen Beginn des Treffens eigentlich nicht daran, dass meine Überforderung im Laufe des Abends noch größer werden konnte. Wir gingen anschließend nicht händchenhaltend ins Wohnzimmer. Zu unserem Kuss sagten wir nichts, obwohl mich im Innern wirklich interessierte, was Janine gerade fühlte. Nur war für diese Frage kein Platz mehr, weil Christian ins Wohnzimmer hineinkam und uns alle begrüßte. Ich freute mich sehr, dass er da war, auch wenn ich das in den ersten Minuten durch meine geistige Verwirrung sicherlich nicht so sehr zeigen konnte.
Als wir uns im Wohnzimmer setzen wollten, orientierte ich mich instinktiv zu meinem Vater, während Janine zu Melanie ging. Wir saßen damit direkt gegenüber voneinander, in der Mitte durch unseren Wohnzimmertisch getrennt. Zu Beginn schaute ich eher selten zu Janine, auch, weil mir immer sofort der Kuss von eben wieder einfiel. Unsere Blicke trafen sich aber immer öfter, da sich Melanie, Petra und Christian über einige Themen unterhielten, mit denen Janine und ich einfach wirklich wenig bis gar nichts zu tun hatten, sodass wir uns schon etwas langweilten. Es begann erst damit, dass wir teilweise mit den Augen rollten, wenn das nächste für uns langweilige Thema ausgepackt wurde und ging damit weiter, dass wir absichtlich leichte Faxen veranstalteten, um uns gegenseitig zum Lachen zu bringen. Die anderen drei bemerkten natürlich auch, was wir machten, und schlossen sich irgendwann kurz unserem Blödsinn an, sodass wir uns amüsieren mussten. Mir kam plötzlich ein Gedanke: „Was macht eigentlich das Essen?“ – „Ah, Mist, nein, nein, nein!“, schimpfte Petra mit sich selbst, während sie aufstand und in die Küche rannte. Als sie nach wenigen Minuten wieder ins Wohnzimmer kam, sagte sie: „Tut mir leid, das eigentlich geplante Essen… na ja, das ist vermutlich ungenießbar.“ In diesem Moment trafen sich wieder die Blicke von Janine und mir und irgendwie amüsierten wir uns über das Missgeschick, auch wenn es wirklich ärgerlich um das Essen war. Anschließend meinte mein Vater: „Na ja, ich denke, dass wir das trotzdem gerettet bekommen. Wollen wir nicht einen Brunch daraus machen? Ich glaube, das ist auch nicht schlecht, oder?“ Er schaute uns im Wohnzimmer nacheinander an und keiner hatte etwas dagegen. Darauf Petra erleichtert: „Das ist wirklich eine gute Idee. Dafür haben wir sicherlich noch genug Essen.“ Sie wuselte wieder in die Küche zurück, wo sie mich nach ein paar Minuten rief. Als ich zur Küche ging, schaute ich Janine dieses Mal nicht an, selbst wenn ich mir sicher war, dass sie mir hinterherschaute. Petra und ich kamen mit mehreren großen Tabletts ins Wohnzimmer. Es war sicherlich das ungewöhnlichste Essen, welches wir zu Weihnachten jemals hatten, aber ich fand es trotzdem toll und jeder wurde definitiv an diesem Abend satt.
Nach dem Essen machten wir die Bescherung, die im Vergleich zu den früheren Jahren deutlich später als sonst stattfand. Mich störte das nicht, die Bescherung hatte für mich aber eigentlich kaum mehr Bedeutung. Durch die Geschehnisse meiner Vergangenheit mit dem Verlust meiner Eltern und meiner Oma, die mich am meisten aufgezogen hatten, war so etwas wie eine Bescherung, bei der es meist nur um materielle Dinge ging, für mich weitestgehend bedeutungslos geworden. Ich freute mich trotzdem sehr über die Geschenke, die ich bekam, aber gleichzeitig war für mich der Zusammenhalt, das gemeinsame Zeit verbringen, viel wichtiger geworden. Bei dieser Bescherung kam für mich erschwerend hinzu, dass sich meine Gedanken vor allem um Janine und um die ungewisse Zukunft kreisten. Diese gesamte Situation, in die ich gezwungen wurde, baute einen erheblichen Druck in mir auf, den ich irgendwie lösen musste. Mir wurde bewusst, dass ich möglichst bald diesen Druck auflösen musste, da es im Innern an mir nagte. Ich war beeindruckt davon, wie offenbar alle möglichen Menschen, die mich kannten und gerne hatten, mich in Richtung von Janine schoben. Was ich mich aber nur fragte, war, warum sie dies taten. Glaubten sie, dass sie einfach so gut zu mir passte? Gingen sie davon aus, dass ich sie vermisste und zurückhaben wollte? Wollten sie Janine und mich einfach wieder zusammensehen, was ein klarer egoistischer Gedanke war, da sie meine Bedürfnisse dabei völlig ignorierten? Klar hatte ich in den vergangenen Monaten einige Male das Gefühl, die gemeinsame Zeit mit ihr wieder zurückhaben zu wollen, aber meistens waren das eher allgemeine Gedanken an eine schöne Zeit in einer Beziehung. Janine spielte dabei nur indirekt eine Rolle, mir ging es eher um das gute Gefühl an sich. Das sah man auch gut daran, dass ich sowohl Julia als auch Sandra datete und vor allem mit Sandra zusammenkommen wollte. Warum fragte mich denn keiner ernsthaft, ob ich eine Beziehung mit Janine überhaupt wollte? Warum wurde ich zu meinem Glück gezwungen? Oder sollte ich eher sagen, warum wurde ich zu einem Glück gezwungen, von dem die anderen ausgingen, dass es mein Glück sein würde?
Nach der Bescherung packten Petra und ich noch einiges an Snacks aus, obwohl die meisten von uns weiterhin gut gesättigt waren. Petra, Christian und Melanie redeten wieder über ein paar Themen, in denen Janine und ich mangels Lebenserfahrung weitestgehend außen vor waren. Janine verdrehte irgendwann wieder die Augen und brachte mich zum Schmunzeln. Ich rutschte auf meinem Teil der Couch ein wenig zur Seite, woraufhin sie aufstand und sich zu mir setzte. Sie flüsterte mir leise ins Ohr: „Na ja, wenn wir schon nicht so richtig beachtet werden, können wir uns doch wenigstens gegenseitig Beachtung schenken, oder?“ Irgendwie war es echt lieb, wie sie das formulierte. Ich machte den anderen drei keinen Vorwurf, dass sie uns so aus dem Gespräch ausschlossen, ich spürte, dass sie dies nicht mit Absicht machten. Janine lehnte sich wieder leicht an mich und es kribbelte in mir wieder, weil ich an den Kuss vorhin denken musste.
In einem günstigen Augenblick schlug ich vor, ob wir nicht zu den Brett- und Kartenspielen übergehen wollten, worauf alle große Lust hatten. Wir spielten anfangs in verschiedenen Teams und im Verlaufe des Abends spielten Janine und ich meistens zusammen. Es zeigte sich, dass sie und ich wirklich gut harmonierten und wir uns gerade in Quizspielen toll ergänzten. Generell waren wir auch in taktischen Spielen überzeugend, sodass wir mehrmals zu zweit gegen die anderen drei gewannen, was sowohl uns als auch die anderen drei oft überraschte. Janine griff während des Spielens mehrfach meinen Arm und suchte sehr viel körperliche Nähe, ohne aber aufdringlich zu werden. Ich ließ das lange an mir abperlen und versuchte, das einfach hinzunehmen, aber gegen späten Abend legte ich letztlich doch meinen Arm über ihren Rücken und hielt sie etwas länger fest, woraufhin sie sich ein wenig mehr an mich kuschelte. In einem anderen Moment griff Janine unter dem Tisch nach meiner Hand, was ich zuließ. Wir hielten uns eine Weile an den Händen fest, bis von ihr die Initiative ausging und sie die Finger mit meinen verschränkte. Auch dies ließ ich zu und ich konnte nicht abstreiten, dass sich auch diese Momente wieder gut anfühlten. Wirklich sicher war ich mir trotzdem nicht, ob ich das alles so wollte. Genau, als wir Händchen haltend in einer Spielrunde knobelten, bemerkte Petra plötzlich etwas: „Hast du die Kette neu geschenkt bekommen? Oder ist das…“ Ich antwortete vor Janine: „Ja, das ist die Kette, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Nur mit einem neuen Anhänger, der ist von heute.“ Janine war leicht peinlich berührt, dass das so deutlich zur Sprache kam, während ich noch ergänzte: „Das Schaf ist einfach ein wirklich putziger und niedlicher Anhänger.“ – „Zeig her!“, warf Christian ein. Ich schaute Janine kurz fragend an, die vorsichtig nickte, sodass sie mir die Kette kurz abnahm und ich diese samt Anhänger den anderen zeigte. Petra ergänzte: „Das Schaf ist wirklich süß.“ Ich schaute Janine an und bat sie: „Würdest du…“ – „Na klar.“ Sie legte mir die Kette wieder um und die kurze Berührung ihrer Hand an meinem Nacken löste ein Kribbeln in mir aus, sodass sie leise kicherte. Ich grinste sie an und sie flüsterte mir leise ins Ohr: „Du hast Gänsehaut bekommen.“ – „Dachte ich es mir doch, dass du darüber schmunzelst.“ Die anderen schauten uns weiterhin recht neugierig an und Janine sagte: „Na ja, auf die Idee mit dem Schaf bin ich gekommen, weil ich bis heute noch ein plüschiges Schaf habe, welches er mir geschenkt hat.“ Als sie das so aussprach, wurde mir im Innern noch bewusst, wie viel Symbolik Janines Geste, mir einen Schaf-Anhänger zu schenken, eigentlich beinhaltete. Petra sagte darauf: „Ich finde das ein total süßes Geschenk.“ Um diesen Gesprächspunkt möglichst zügig zu einem Ende zu bringen, weil mir das etwas unangenehm war, schloss ich ab: „Das ist es wirklich, damit hast du Recht.“
Um kurz vor Mitternacht beschlossen wir, den Spieleabend zu beenden, sodass wir das Wohnzimmer kurz aufräumten. Ich spürte, dass Janine selbst dabei meine Nähe leicht suchte. Wann auch immer ich sie anschaute und sich unsere Blicke trafen, sah ich sehr deutlich, dass sie mich wirklich liebte. Mein Vater wollte noch ein paar Minuten bleiben, weil er mit Petra noch quatschen wollte, während Melanie sich bereits nach und nach von allen verabschiedete und zur Tür ging. Damit stand auch der Abschied zwischen Janine und mir bevor. Sie fragte: „Weißt du, wo meine Tasche ist? Habe ich sie in deinem Zimmer gelassen?“ – „Könnte sein. Warte, ich suche sie.“ Ich fand in meinem Zimmer problemlos ihre Tasche und bemerkte, dass Janine mir gefolgt war. „Ah, super.“ – „Hier kommt nichts weg.“ Ich gab Janine ihre Tasche und sie schaute mich wieder intensiv an. „Das war ein toller Abend. Es hat sich einfach nach Familie angefühlt.“ – „Das hat sich für mich auch so angefühlt. Schöner hätte ich mir das nach all den Sachen, die ich so erleben musste, nicht vorstellen können. Die Idee, Spiele zu spielen, war richtig super.“ Janine kam einen Schritt auf mich zu und stand direkt nah vor mir. Mein Herz setzte aus und raste im Anschluss richtig. „Sehen wir uns in den nächsten Tagen? Zum Beispiel mit Tim und Anna? Oder wollen nur wir beide… was Schönes unternehmen?“ Diese letzte Frage überforderte mich. Klar waren wir gemeinsam auf der Party, aber ich wusste nicht, was mich erwarten sollte, wenn Janine und ich so richtig allein Zeit verbringen würden. Mir war klar, dass jedes Treffen mit ihr ein Date bedeuten würde und ich war weiterhin ziemlich verwirrt. Ich schaute kurz weg und als wir uns letztlich wieder in die Augen schauten, gab ich mir einen Ruck: „Was hältst du davon, wenn wir erst den Karaokeabend mit Tim und Anna machen? Vielleicht können wir ja auch Felix oder so mit dazu nehmen?“ Ich sah, dass Janine wieder leicht verunsichert war und ergänzte: „… Und je nachdem, wie das so läuft, können wir ja auch schauen, dass wir danach zu zweit etwas unternehmen. Okay? Ich… möchte es einfach nicht überstürzen.“ – „Klingt nach einem guten Vorschlag.“ – „Allein, dass wir uns heute gesehen haben, war ja schon nicht geplant und… ich möchte das einfach sacken lassen. Das war heute ganz schön viel, was auf mich eingeprasselt ist.“ – „Fandest du… den Abend trotzdem… schön, ja?“ – „Ja, der Abend war wirklich schön. Auch und vor allem die Zeit, die wir vorhin für uns allein hatten.“ Hatte ich das gerade wirklich ausgesprochen? Wollte ich nicht weiter vorsichtig sein in meinen Äußerungen gegenüber Janine? „Schlaf und träume was Schönes nachher.“ Sie kam ohne jegliche Verzögerung das letzte fehlende Stück näher und küsste mich direkt. Es war nur ein sehr kurzer Kuss, aber ich ging zweifelsohne darauf ein. Sie umarmte mich im Anschluss so fest, dass ich mit ihr fast das Gleichgewicht verlor. Anschließend lächelte sie mich nochmals an und ging ins Wohnzimmer, wo sie sich von den anderen verabschiedete. Melanie ging bereits die wenigen Schritte in den Hausflur hinaus und schon vor zum Aufzug, während sich Janine ihren Mantel und ihre wirklich hohen Schuhe anzog. Ich spürte, wie sie mich sexuell wieder anmachte. Janine umarmte mich erneut sehr fest und wirkte auf ihren Schuhen nicht besonders sicher, aber sie machte das Beste aus der Situation, als sie im Anschluss ihrer Mutter folgte. Ich schloss die Tür und hatte den Eindruck, dass sich ein Kloß in meinem Hals löste und langsam nach unten rutschte. Wie konnte eine Situation so angenehm und gleichzeitig so unangenehm sein?
Ich ging ins Wohnzimmer zurück und sah die neugierigen Blicke von Petra und Christian. Er fragte direkt: „Wie hast du die Überraschung gefunden?“ – „Ich war ziemlich entsetzt, als Janine vorhin in mein Zimmer kam.“ – „Das glaube ich gerne, das war bestimmt ein ziemlicher Schocker.“ Er schmunzelte leicht und ich fragte mit einer unüberhörbaren Schärfe in meinen Worten: „Warum habt ihr mich so sehr in die Falle gelockt und mir wirklich keiner gesagt, was ihr vorhabt?“ Das Strahlen der beiden verschwand plötzlich und ich sah so etwas wie schlechtes Gewissen in den Blicken. Petra antwortete: „Wir empfanden das einfach als schöne Überraschung, dass du nichts davon wusstest, dass Melanie und Janine auch kommen.“ – „Und was wäre gewesen, wenn mir das überhaupt nicht recht war, gerade, weil Janine und ich getrennt sind? Es ist nicht gerade die üblichste Ausgangslage, dass man mit seiner Ex-Freundin zusammen Weihnachten verbringt und man bis direkt davor nichts davon weiß.“ – „Sorry, Großer. Du hast Recht. Natürlich hätten wir mit dir darüber reden müssen… Das machen wir nicht wieder. Ich habe mich bei der Idee auch nicht ganz wohl gefühlt, aber wir alle hatten vor allem die Hoffnung, dass es einfach ein schöner Abend wird. Der ist es doch geworden, oder? Fandest du das Weihnachten schön?“ – „Ja, das war wahrscheinlich einer der schönsten Weihnachtsabende, die ich mir so vorstellen konnte.“ Wir drei schwiegen einige Sekunden und Christian fragte ganz direkt: „Konnten wir euch denn helfen? Oder konnten wir dir denn irgendwie helfen?“ – „Ich weiß es nicht. Ihr habt mein Chaos nur noch schlimmer gemacht.“ Darauf schwiegen beide wieder leicht bedrückt und ich ergänzte: „Wir haben uns heute zwei Mal geküsst. Eben gerade in meinem Zimmer das zweite Mal.“ – „Das ist doch ein super Zeichen!“, warf Petra strahlend ein. „Ja, irgendwie schon. Ich weiß aber einfach nicht, wo mir der Kopf steht. Ich glaube, ich sollte einfach eine Nacht darüber schlafen. Wenn es ok ist, würde ich mich daher schon bettfertig machen.“ – „Klar, mach doch ruhig.“ Ich verabschiedete mich von Christian, nicht aber ohne mein Versprechen, dass wir uns möglichst in den nächsten zwei oder drei Wochen sehen würden. Außerdem bot er mir, als ich mit ihm kurz im Flur stand, an, mit ihm ausführlich über Janine und seine Eindrücke zu reden, wenn ich das wollte. Ich sagte ihm, dass ich darauf bestimmt noch zurückkommen würde, weil er mir sicherlich dabei helfen konnte, meine Gedanken zu sortieren. Nachdem ich mich bettfertig gemacht hatte und Petra eine gute Nacht wünschte, ging ich in mein Zimmer und legte mich auf dem Rücken auf mein Bett, um nachzudenken. Wir hatten uns heute geküsst – gleich zwei Mal!
Janine erzählt:
Als ich in Marcs Zimmer war, kam in mir wieder alles hoch, meine ganzen Gefühle. Ich hätte ihn am liebsten fest in die Arme genommen und nie wieder los gelassen… Ich fühlte mich so wohl in seiner Nähe. Ich liebte ihn sehr. Die Zeit verrann so schnell, als ich neben ihm saß und wir später miteinander kuschelten. Meine Nerven flatterten, als er mein Geschenk öffnete und das Gedicht las. Das Gedicht kostete mich etliche Stunden am Tag zuvor, weil ich einfach nicht gut reimen konnte. Ich half mir schon mit dem Internet aus, indem ich wieder nach passenden Reimwörtern suchte, weil mir einfach keine einfielen oder meine Sätze einfach keinen Sinn mehr ergeben hätten. Ich wollte ihm aber unbedingt ein Gedicht schenken, weil ich seines beim letzten Heiligabend einfach so toll fand und ihm gerne etwas Ähnliches zurückschenken wollte. Vor allem wollte ich ihm zeigen, wie wichtig er mir war, weil ich mir solche Mühe machte. Auch einen passenden Schaf-Anhänger zu finden, war nicht einfach, weil ich mehrere Läden dafür abklapperte, bis ich ein Schaf fand, welches ich niedlich fand und irgendwie auch zu Marc passte. Marc strahlte, als er mein Gedicht und den Anhänger sah, und ich durfte ihm die Kette wieder umhängen, die ich ihm damals geschenkt hatte. Er hatte sie nicht weggetan, was für mich neben den vielen anderen Dingen ein gutes Zeichen war. Später schaute ich mich in seinem Zimmer um, welches sich sichtbar verändert hatte. Ich fand es süß, als er seinen Arm wieder über meine Schultern legte und mich ein wenig zu sich zog. Es fühlte sich in diesen Momenten für mich wirklich an, als waren wir wieder zusammen. Ich musste mich aber trotzdem zurückhalten, um ihn nicht zu überfordern und mir alles kaputt zu machen. Das war meine wohl schwerste Herausforderung. Nachdem Petra kurz in Marcs Zimmer kam, weil der Abend so richtig losgehen sollte, fühlte ich, dass der Moment gekommen war, für den mich Tim sensibilisieren wollte. Marcs Blick war eindeutig, er fühlte gerade einfach nur sehr und schaltete seinen Kopf dabei aus. Er legte seine Hand auf meine Wange und zog mich zu sich heran. Ich war wie elektrisiert, alles kribbelte in meinem Körper. Die letzten Zentimeter ging ich näher, weil ich mir diese Chance unter keinen Umständen nehmen lassen wollte. Ich küsste ihn und versank völlig. Unser Kuss war richtig intensiv. Er war bei weitem nicht so vorsichtig wie unser allererster Kuss damals, was sicherlich daran lag, dass wir früher eben zusammen waren. Aber es war schon zu spüren, dass wir trotzdem etwas zaghaft waren.
Dieser Weihnachtsabend war wirklich schön. Ich verbrachte mit Petra und auch mit Marcs Vater Christian wirklich gerne Zeit. Petra war für mich eine Ersatzmama geworden, mit der ich gerne über meinen Alltag sprach. Ich spürte auch, dass sie mich wirklich fest ins Herz geschlossen hatte. Marc ging über den gesamten Abend hinweg mit mir fast so um, als waren wir wieder zusammen. Ich genoss es alles sehr und konnte mich dadurch so richtig fallen lassen. Später, als wir in seinem Zimmer standen und ich meine Tasche mit ihm holte, küssten wir uns ein zweites Mal! Ich musste mich so sehr zusammenreißen, um ihn nicht auf sein Bett zu ziehen und mit ihm wild weiter zu knutschen. Mir rutschte das Herz in die Hose, als er auf meinem Vorschlag, zusammen etwas zu unternehmen, erst nur sagte, dass wir das gemeinsame Vierer-Treffen machen konnten. Er ergänzte aber direkt, dass wir danach ja schauen könnten, auch etwas zu zweit zu unternehmen. Ich glaubte nämlich fest, dass nicht mehr viel fehlte, vielleicht noch ein paar wenige Treffen zu zweit, um Marc endgültig davon zu überzeugen, unserer Beziehung einen zweiten Versuch zu geben. Ich spürte doch, wie er sich mir gegenüber immer weiter öffnete! Er brachte mich zumindest noch zur Tür und wir drückten uns noch so fest, dass es mir kurz wirklich die Luft raubte.
Sven stand bereits unten und holte uns ab. Mama fragte mich im Auto, wie ich den Abend fand. Sie sagte außerdem, dass sie eigentlich den Eindruck hatte, dass Marc sich für mich bereits wieder entschieden hatte. Ich bremste sie aber mit der Einschätzung, weil ich mich nicht zu sehr hineinsteigern wollte. Ich erzählte ihr aber alles, was passiert war und stimmte ihr zumindest dabei zu, dass ich wirklich Hoffnung haben durfte. Vor allem schätzten wir es als sehr positiv ein, dass er nicht sauer darüber war, dass wir alle ihn in diese Falle gelockt hatten. Ich wusste, dass ich bei Tim so sehr in der Kreide stand, dass ich mir schon etwas Großes einfallen lassen musste, um seine Mühe und seinen Einsatz irgendwie wieder gutmachen zu können…
Als wir zu Hause waren, zog ich mich flink um und schminkte mich ab. Ich griff danach zum Smartphone: Ich wollte Marc eine Nachricht schicken. Ich schrieb ihm, dass wir gut zu Hause angekommen waren und wünschte ihm schöne Träume für die Nacht. Wenige Minuten später bekam ich sogar noch eine Antwort von ihm: „Ich liege gerade auf meinem Bett und lasse mir den ganzen Abend durch den Kopf gehen. Heute war echt ein wahnsinniger Tag. Aber er war wirklich richtig schön. Danke für deine tollen Geschenke! Schlaf du auch schön und träume was Süßes!“ Ich fühlte mich direkt wieder wohl, als ich seine Nachricht las, und ging wenige Minuten später schlafen. Obwohl es schon reichlich spät und ich ziemlich müde war, brauchte ich bestimmt eine Stunde zum Einschlafen.
Tim erzählt:
Janine rief mich am ersten Weihnachtsfeiertag ganz aufgeregt an. Sie erzählte mir, dass die beiden sich geküsst hatten! Wieder einmal konnte ich sagen: Mein Plan war aufgegangen. Sie klang viel besser als noch vor ein paar Wochen, in denen es ihr schlecht ging. Ich war mir sicher, dass die beiden eine immer größere Chance hatten, die nächsten Jahre zusammen zu verbringen.
Sie sagte mir aber auch, dass Marc ein bisschen mit ihr spielte. Mal war er wie ihr Freund, gleichzeitig gab es Phasen, in denen er abweisend war. Ich konnte sie verstehen, blickte aber auch sehr gut in das Denken von Marc. Er überlegte halt, ob zwischen ihm und Janine noch was gehen konnte und vor allem, ob sich das Risiko in seinen Augen lohnte, während sie immer ankam und ihm näherkommen wollte. Da er aber durchaus empfänglich für die Nähe Janines war, ließ er diese so weit immer zu, was Janine irritierte.
Janine fragte mich, wie es weitergehen sollte. Das war das richtige Stichwort für die letzten beiden Asse, die ich hatte. Wir vereinbarten für den 27. Dezember direkt nach den Weihnachtsfeiertagen, dass wir den Karaokeabend in der Bar machen wollten. Ich buchte dafür online eine Kabine in der Bar und hatte Glück, dass noch eine Kabine so spontan frei war und vor allem, dass man diese so unproblematisch buchen konnte. Mein letztes Ass war Silvester: „Ich lad dich auf meine Silvesterfeier in meinem Garten ein. So ganz nebenbei lade ich Marc natürlich auch ein, weil ihr ja nun meine besten Freunde seid. Da ich mit ein paar anderen Bekannten von mir wohl auch reden werde und bestimmt nicht die ganze Zeit für euch da sein kann, kannst du die Zeit mit Marc nutzen. Ist das eine Idee?“ – „Ja, die Idee ist prima!“ Sie freute sich und ich spürte das deutlich.
Wenn diesen Abende auch nichts bewirken sollten, wusste ich auch einfach nicht mehr weiter. Ich gab Janine abschließend den Rat, dass sie weiterhin an Marc dranbleiben sollte. Doch sagte ich ihr auch, dass sie ihn direkt auf das Hin und Her ansprechen musste, wenn er sich auch in Zukunft über seine Gefühle nicht klarwerden sollte. Gleichzeitig fehlte doch nicht mehr viel! Sie war so nah dran an ihrem Ziel, ich vermutete, dass Marc für sie bereits wieder sehr viel empfand.
Außerdem bedankte sich Janine sehr für den Heiligabend. Sie meinte, dass ich bei ihr dafür etwas guthatte, aber das musste nicht sein. Mein Ziel war es einfach, den beiden zu helfen, wieder zusammen zu finden. Im Prinzip hatte ich daher mehr die Funktion eines Beziehungsberaters, auch wenn ich diese Rolle eigentlich gar nicht haben wollte.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag rief ich Marc an und lud ihn ebenfalls auf meine Silvesterfeier ein, er sagte direkt zu. Wir sprachen auch den 27. ab und er hatte keine Einwände gegen diesen Termin. Er sprach mich auf den Heiligabend an und ich schmunzelte. Darauf sagte ich, dass ich das für eine schöne Überraschung hielt, wenn die beiden es zusammen verbringen würden. Interessant fand ich, dass er mir von dem Kuss und den Annäherungen zwischen Janine und ihm nichts erzählte. Ich wusste nicht, warum er das nicht tat, aber die Hauptsache war, dass er es mit Janine erlebte. Er machte mir gegenüber keine richtige Äußerung, ob er sich freute oder Ähnliches tat. Ich nahm es ihm nicht übel, weil ich bei ihm vermutlich ein riesiges Gefühlschaos ausgelöst hatte. In jedem Fall drückte ich den beiden die Daumen. Janine war die Einzige, die es jetzt mit ihm wieder hinbiegen konnte. Letztlich konnte keiner von uns mehr helfen, mehr konnten wir nicht tun. Janine und Marc mussten es jetzt ganz allein hinbekommen.