Zusammenhalt
Ich war kurz nach 21 Uhr zu Hause – eine gute Zeit, um noch entspannt runterzukommen und ohne Schlafmangel den nächsten Tag beginnen zu können. Petra war wieder auf Arbeit, sodass ich fast schon wie immer die Wohnung für mich allein hatte. Ich schlurfte ins Bad, um mir die Zähne zu putzen und zog mir gerade mein Shirt aus, als mein Smartphone vibrierte. Ich war verdutzt: Wer rief mich um diese Uhrzeit noch an? „Marc? Bist du dran?“ Ich hörte Janines verweinte Stimme. Sie klang völlig verzweifelt und schluchzte laut. Ich kniff mich kurz selbst, um festzustellen, dass ich das nicht träumte und mir nicht einbildete. Sofort kroch in mir die Angst hoch: die Erinnerung an den Traum und an mögliche Suizidgedanken von Janine. „Hey, was ist los? Ist alles in Ordnung?“ Sie ließ mich nicht wirklich aussprechen, weil sie offenbar so verzweifelt war. Sie sprach ohne Pause, ihre Sätze waren einfach aneinandergereiht. Teilweise wiederholte sie diese, ohne es zu bemerken: „Mama ist gerade zusammengebrochen! Der Notarzt hat sie mitgenommen, ich durfte mitfahren, sie haben sie in den Untersuchungsraum geschoben, ich durfte nicht mit rein, das macht mich alles total fertig, ich habe Angst, dass sie stirbt, keiner hat mir so richtig gesagt, was sie hat, ich glaube, das wissen die selbst nicht, ich weiß nicht, was ich machen soll, was mache ich, wenn sie stirbt, das würde ich definitiv nicht überstehen…“ Sie sprach immer weiter, während ich schon abschaltete und ihr nicht weiter zuhörte. Das machte ich nicht deswegen, weil es mich nicht interessierte, sondern, weil ich direkt darüber nachdachte, was ich nun machte und wie ich ihr am besten helfen konnte. Ich traf eine Entscheidung: „Wo bist du?“ Ich versuchte sie zu unterbrechen, doch ihre Stimme wurde immer verzweifelter, immer lauter und sie weinte in immer größeren Schüben. Nach einigen weiteren Sätzen wiederholte ich meine Frage direkt mehrfach hintereinander, bis sie mir endlich kurz zuhörte und kurz schwieg. Ich stellte meine Frage erneut und sie antwortete mir mit einem klaren Gedanken, in welcher Klinik sie gerade war. „Ich komme vorbei und bleibe am Telefon. Du gehst jetzt kurz nach draußen.“ – „Aber ich muss doch hierbleiben! Ich kann doch nicht, wenn jetzt die Ärzte kommen und mir Bescheid gegeben, was mache ich, wenn sie das nicht überlebt, ich muss doch…“ Ich unterbrach sie: „Raus mit dir, los. Du brauchst frische Luft. Geh raus in die Kälte. Es hilft deiner Mutter nicht, wenn du jetzt durchdrehst.“ – „Ich habe wirklich Angst, dass…“ – „Raus, Janine. Los.“ Ich wurde am Telefon sehr grantig, weil ich sie aus ihrer Hysterie herausbekommen wollte. „Ja, okay.“ Immerhin hörte ich, dass sie sich wirklich in Bewegung setzte. Sie bat eine Schwester darum, nach draußen vor dem Eingang zu kommen, wenn es etwas Neues gibt, um sie zu informieren. Immerhin war ihr Verstand kurz wieder da. Hektisch zog ich mir meine Sachen wieder an und schloss gerade die Wohnungstür von außen zu, als ich hörte, dass Janine offenbar draußen war. Ich ignorierte den Aufzug und ging die Treppe zügig nach unten, um zu meiner U-Bahnstation zu laufen. Janine weinte draußen hemmungslos weiter und ich ließ sie weitestgehend reden, ohne allzu viel sagen. Ich lenkte sie vor allem damit ab, dass ich sie auf dem Laufenden hielt, wo ich mich gerade befand und wie lange ich noch brauchen würde. Glücklicherweise kamen meine Bahn und der Bus jeweils auf Anhieb, sodass ich in insgesamt zwanzig Minuten vor Ort war. Ich sah Janine in der Eiseskälte sitzen und legte auf, als ich vor ihr stand. Sie fiel mir sofort in die Arme und ich musste sie stützen, weil sie zitterte und ihre Beine fast nachgaben. Erst, als ich mit ihr dort auf eine der Stufen saß, wurde mir überhaupt so langsam bewusst, was überhaupt passiert war. Melanie war ein echt toller Mensch und ich wollte unter keinen Umständen, dass Janine das nun auch erleben musste, nachdem ihr Vater schon nicht mehr lebte. Natürlich machte ich mir Sorgen, aber das versuchte ich Janine nicht so sehr zu zeigen, um es für sie nicht noch schlimmer zu machen. „Was ist passiert? Erzähle es mir ganz ruhig und Schritt für Schritt.“ – „Mama hatte mir kurz vor dem Schlafengehen gesagt, dass sie an der Seite irgendwie ein Ziehen spürte. Sie wollte das nicht überbewerten, aber ich habe mir ein bisschen Sorgen gemacht. Wir sprachen noch kurz über die nächsten Tage, als sie plötzlich einmal laut vor Schmerzen brüllte und einfach zusammenklappte. Sie hat sich noch leicht den Kopf angehauen und es hat leicht geblutet… Ich habe sofort den Krankenwagen gerufen. Ich habe furchtbare Angst. Die Frau am Telefon war echt lieb und beruhigend… Aber keiner hat mit mir gesprochen! Keiner hat mir gesagt, was sie vermuten!“ Sie rief richtig laut, sodass ich sie mit einem „Psst“ bremste, damit wir nicht noch Ärger bekamen. In der Zwischenzeit spürte ich die Kälte ein wenig – ich war froh, neben meiner dicken Winterjacke einen Pulli und ein T-Shirt zu tragen. Ich legte meinen Arm über ihre Schultern und zog sie nah an mich heran. Sie kuschelte sich an mich, was mein Plan war, damit ich sie ein wenig wärmen konnte. Erst in diesen Momenten bemerkte ich, dass Janine neben einem dünnen Oberteil nur eine dünne Jacke trug. Sie zitterte nach und nach immer mehr, sodass ich meine Jacke öffnete. Janine fragte: „Was machst du? Es ist total kalt!“ – „Ich mache das einzig Richtige.“ Ich zog meinen Pullover aus und reichte ihm Janine, nachdem ich sehr schnell meine Jacke wieder anzog und schloss. „Nein, ich möchte nicht, dass du frierst.“ – „Du musst fit sein, sobald wir wissen, was mit deiner Mutter ist. Zieh den an.“ – „Nein, ich weiß ja ni-“ – „Los, anziehen.“ Ich hatte wieder kurz den kommandierenden Ton und würgte ihren Satz ab, weil ich weiterhin davon ausging, dass Janine nicht wirklich Herr ihrer Sinne war. Sie weigerte sich erneut, sodass ich mit einem leichten Schmunzeln sagte: „Ich diskutiere mit dir jetzt nicht. Los, anziehen.“ Sie machte es letztlich, auch wenn mein Pulli wieder einmal viel zu groß für sie war, aber das spielte keine Rolle. Hauptsache, sie wurde jetzt nicht auch noch krank. Ich stellte zu meinem Glück fest, dass mir mit T-Shirt und dicker Jacke dennoch nicht wirklich kalt war. Wir saßen noch einige Minuten draußen, bis plötzlich eine Krankenschwester nach draußen kam und uns zwei heiße Schokoladen aus dem Automaten brachte. Das fand ich so unfassbar lieb, dass ich sie hätte drücken können. Janine fragte natürlich erwartungs- und hoffnungsvoll: „Was ist mit meiner Mutter?“ – „Ich weiß leider noch nichts Neues. Aber wollt ihr nicht mit reinkommen? Ihr könnt hier doch nicht mehr draußen sitzen bleiben.“ Ich antwortete: „Wir kommen gerne mit rein.“ Die Krankenschwester fragte: „Bist du der Sohn der Patientin?“ – „Nein. Janine und ich waren eine Weile zusammen. Ich bin einfach weiterhin für sie da.“ – „Wow, das ist toll, dass du so spontan hergekommen bist.“ – „Es gibt nicht viele, für die ich das machen würde.“ Janine sagte während dieser Aussagen nichts, sie hatte wieder Tränen in den Augen, nachdem sie Minuten zuvor mit dem Weinen etwas aufgehört hatte.
Wir setzten uns im Wartebereich vor der Notaufnahme auf die Bänke. Janine weinte weiterhin, sodass ich sie nah an mich heranzog und sie fest umarmte. Sie weinte sich minutenlang an meinem Oberkörper aus, bis sie Schritt für Schritt leiser und ruhiger wurde. Ich spürte mittlerweile meine Müdigkeit und vor allem, wie hart mich dieser Tag mit all seinen Emotionen überforderte. Erst die Schule mit dem ganzen Stress, die kurze Begegnung mit Janine auf dem Nachhauseweg, die Küsse mit Julia und jetzt diese zweite Situation mit Janine. Ich erahnte schon, dass ich am nächsten Schultag nur sehr wenig Schlaf haben würde, aber das nahm ich in Kauf. Janine war jetzt wichtiger, ich konnte sie nicht einfach in Stich lassen.
Nachdem wir einige Minuten lang schwiegen, sagte Janine mit verzweifelter Stimme ganz leise: „Danke, dass du für mich da bist. Ich weiß nicht, ob und wie ich das jemals wieder gutmachen kann, dass du hergefahren bist.“ – „Mach dir keinen Kopf. Wie… kamst du auf die Idee, mich anzurufen?“ – „Du bist von allen Menschen, die ich kenne, die Person, die meine Mutter am besten kennt.“ – „Da hast du bestimmt Recht. Aber…“ – „Kannst du dir das nicht denken, warum ich gerade dich angerufen habe?“ Ich nickte vorsichtig, weil Janine weiterhin fest an mich gekuschelt war, während ich ihr liebevoll über den Rücken strich. In meinem Innern waren für solche Gedanken wie der Frage, wie das mit Janine weitergehen sollte, gerade überhaupt keinen Platz, auch wenn ich spürte, dass dieses Thema mich sicherlich noch eine Weile lang beschäftigen würde… sobald wir wussten, was mit Melanie war.
Wir waren eine Weile lang still, als Janine leise flüsterte: „Du bist einfach der einzige Mensch, der es schafft, mich so sehr zu beruhigen. Du hast diese… Art, die sonst keiner hat. Ich weiß nicht, wie du das machst. Aber ich fühle mich bei dir einfach immer geborgen.“ – „Danke für das Kompliment.“ – „Ich… habe so ein schlechtes Gewissen, dass ich dich angerufen habe. Gerade auch mit morgen und so.“ – „Nein, hör auf damit. Ich bin jetzt hier und das passt. Scheiß auf den Tag morgen. Das ist wichtiger als alles andere. Ich möchte nicht, dass du hier allein sitzen und leiden musst. Und mit dem Wissen könnte ich jetzt auch nicht gehen. Ich möchte auch wissen, dass es Melanie wieder gutgeht.“ – „Meinst du… sie übersteht das alles?“ – „Ja, wir sollten fest daran glauben. Wenn sie wirklich vor Schmerzen laut schrie… War es vielleicht ihr Blinddarm oder so?“ – „Nein, den Wurmfortsatz hat sie schon viele Jahre nicht mehr.“ – „Klugscheißerin.“ Sie kicherte leicht und ich freute mich, dass ich selbst in dieser furchtbaren Situation sie leicht zum Schmunzeln bringen konnte. „Deine Mutter wird bestimmt operiert und danach geht es ihr wieder besser. Sie müssen nur rausfinden, was los ist.“ – „Und was mache ich, wenn sie Krebs hat und sie daran sterben wird? So wie Papa?“ Sie schob mich kurz leicht weg, um mir in die Augen zu schauen. Ich hielt ihrem Blick mit Optimismus und Zuversicht stand. Ihre Augen waren durch das viele Weinen mittlerweile recht gequollen. „Nein, das wird sie bestimmt nicht haben. Selbst wenn sie das hätte, kann man ja vieles über Operationen, Chemotherapien, etc. lösen. Sie brauchen bestimmt nur deswegen so lange, weil sie herausfinden müssen, was halt los ist. Das muss nicht Schlimmes bedeuten. Bestimmt sitzt gerade ein ganzes Team dort und wertet alles aus.“ – „Ich hoffe es.“ – „Hey, Kopf hoch. Hoffnung haben! Du hast doch selbst gesagt, dass sie selbst nach dem Zusammenbruch ganz normal geatmet hat. Vielleicht hat ihr auch nur irgendwas so krasse Schmerzen gemacht, dass ihr davon schwarz vor Augen geworden ist. Das kann auch bei harmlosen Sachen passieren. Hatte sie gerade ihre Regel? Oder bekommt sie die überhaupt noch?“ – „Nein, ihre Regel hatte sie gerade nicht. Aber die Idee hatte ich auch schon. Mich hat das auch einmal fast komplett umgeworfen.“ – „Ich weiß, deswegen habe ich nämlich daran gedacht.“
Wir schwiegen, die Stimmung war natürlich weiterhin eher mies. Wir umarmten uns weiterhin fest und ließen uns nicht los. „Du weißt, dass du mir gerade auch Halt gibst, oder?“ Sie flüsterte leise: „Aber… wie?“ – „Ich möchte jetzt auch nicht allein sein, nachdem ich das mit deiner Mutter weiß. Ich würde mir die ganze Zeit nur Gedanken machen.“ – „Du… tust mir einfach gut.“, sagte Janine leise. „Ich weiß“, erwiderte ich, „und genau deshalb bin ich hier.“ Wir lösten unsere feste Umarmung und Janine lehnte sich hinten an. Ich tat ihr das nach und sie kuschelte sich seitlich an mich. Nach einigen Momenten griff sie einfach nach meiner Hand und versuchte, unsere Finger miteinander zu verschränken. Oh weh, Janine, bitte nicht noch mehr gedankliches Chaos in meinem Innern… Ich ließ ihren Versuch zu und erneut fühlte es sich irgendwie richtig an. Janine schlief glücklicherweise an meiner Schulter ein, da wir wirklich schon sehr lange warteten, ohne etwas zu erfahren. Ich blieb mehrere Stunden lang eisern wach, weil ich die ganze Zeit auf ein Zeichen oder auf eine Information hoffte. Während Janine schlief, fragte ich mich etliche Male, was es zu bedeuten hatte, dass ich sofort alles stehen und liegen ließ und direkt zu Janine fuhr. Vor wenigen Wochen wäre diese Reaktion von mir undenkbar gewesen, da glaubte ich noch viel eher, dass wir nie wieder Kontakt zueinander haben würden… Wollte ich als Kumpel für sie da sein? Saß ich jetzt hier, weil sie wieder meine feste Freundin werden sollte? Oder hatte ich einfach Mitleid für sie und war deshalb sofort hergefahren? Hatte das alles mit Janine nichts zu tun und ging es mir nur um Melanie, um die ich mir große Sorgen machte? Ich fand wieder keine Antwort, allerdings wusste ich, dass die Wahrheit vermutlich aus all meinen Gedanken gleichzeitig bestand.
Ich machte irgendwann auch ein kleines Nickerchen, bis morgens gegen drei Uhr die Schwester von etlichen Stunden zuvor mit einem müde aussehenden Arzt auf uns zukam. Da ich gerade durch Zufall wieder etwas munterer war, weckte ich zügig, aber vorsichtig Janine, die direkt fragte: „Was ist? Sagen Sie schon!“ Als der Arzt anfing, zu sprechen, hatte ich kurz Angst, aber seine Nachrichten waren glücklicherweise viel positiver: „Ihre Mutter hatte Nierensteine. Die haben so große Schmerzen verursacht, dass Ihrer Mutter einfach schwarz vor Augen wurde. Wir haben uns jetzt schon so gut es geht darum gekümmert, in ein paar Tagen können Sie Ihre Mutter wieder mit nach Hause nehmen.“ Der Arzt ging wieder mit einem Lächeln und die Schwester sagte: „Los, ihr solltet nach Hause und ein bisschen schlafen. Ihr könnt jetzt nicht direkt zu ihr, erst später nach dem Frühstück. Müsst ihr nicht zur Schule oder zum Studium heute?“ Ich antwortete: „Schule, es ist unser letztes Jahr. Ich bin gespannt, wie wir den Tag herumbekommen.“ Die Stimmung war extrem gelöst. Ich war so froh, dass es Melanie offenbar schon wieder besser ging und dass bekannt war, unter was sie litt. Janine und ich verließen relativ schnell das Krankenhaus, auch wenn ich sie eine Weile lang davon überzeugen musste, nach Hause zu fahren, weil sie wirklich dort auf den Bänken sitzen bleiben und warten wollte. Auf dem Weg zur Bahn griff sie wieder nach meiner Hand und wir verschränkten unsere Finger. Ich war so unendlich müde, dass ich schon gar keine Kraft mehr hatte, mich dagegen zu wehren. Janine war auf jeden Fall fitter als ich, weil sie immerhin ein paar Stunden an meiner Schulter schlafen konnte.
Während unserer Busfahrt fing es an, zu regnen, ich bekam das aber kaum mehr mit, weil ich immer wieder und immer fester einnickte. Ich konnte meine Augen kaum mehr offenhalten, ich war einfach nur noch völlig am Ende. Janine weckte mich wenige Stationen, bevor sie aussteigen musste, ich hingegen musste noch ein paar Stationen weiter und konnte selbst nach ihrem Hinweis meine Augen kaum mehr offenhalten. „Möchtest du bei mir übernachten?“ – „Nein… ich werde schon nach Hause kommen.“ – „Hey, du schläfst sofort wieder ein, wenn ich dich nicht wachhalte. Du verpennst noch deine Busstation.“ – „Du kannst ja mich nach Hause bringen.“ Ich brachte sie zum Schmunzeln und sie meinte: „Ich glaube, dann schaffe ich es einfach nicht mehr nach Hause, ich bin froh, gerade ein wenig wach zu sein.“ – „Mach dir keinen Kopf, ich komme schon nach Hause.“ Ich nickte schon wieder fast weg. Plötzlich wurde Janine überdeutlich: „Jetzt lass mich dir endlich auch helfen, verdammt noch mal!“ Sie boxte mir leicht gegen die Schulter und ich zuckte gleich aus zwei Gründen zusammen: erstens, weil ich so müde war und zweitens, weil ich diesen dominanten Tonfall kaum von ihr kannte. „Okay… Ich komme mit zu euch. Du hast wahrscheinlich Recht.“ Selbst für die letzten zwei Haltestellen nickte ich wieder ein und Janine weckte mich tapfer, sodass ich leicht torkelnd mit ihr aus dem Bus stieg. Der Regen wurde immer stärker, aber eine gute Sache hatte er: Er weckte mich damit auf. Wir bogen in ihre Straße ein und Janine griff wieder nach meiner Hand. Ich ließ es erneut zu. Irgendwie brauchte ich das nach dieser schweren Nacht. Einige Schritte später zuckten wir zusammen, als es plötzlich blitzte. Wir gingen dazu über, bis zu ihrem Hauseingang zu rennen und als wir dort schnaufend ankamen, meinte Janine: „Stell dir vor, du wärest jetzt noch bis zu dir durchgefahren…“ – „Das wäre nicht schön geworden, so viel steht fest. Ich gl-“ Ich unterbrach mein Wort, weil es erneut blitzte und kräftig donnerte. Als wir ihre Treppen nahmen, da wir den Fahrstuhl bei Gewitter nicht verwenden wollten, bemerkte ich erst, dass wir selbst beim Rennen bis zum Eingang unsere Finger verschränkt hielten. Wir hatten in diesem Moment einen solchen Zusammenhalt, dass wir uns gemeinsam aus dieser Situation retteten.
Als ich mit Janine in die Wohnung trat, überkam mich eine unfassbare Menge an Gefühlen, die ich bisher erfolgreich vertreiben konnte. Seit der Trennung war ich nicht mehr hier gewesen. Janine wuselte direkt los, nachdem wir in der Wohnung waren und ich die Tür hinter mir schloss. Ich blieb wie angewurzelt an der Tür stehen und nach etwa einer Minute, als Janine mir ein Handtuch brachte, weil ich ziemlich nass war, meinte sie: „Was ist? Warum stehst du da noch? Möchtest du deine Jacke und deine Schuhe nicht ausziehen?“ – „Sorry… Ich war in meinen Gedanken versunken.“ Sie blieb vor mir stehen, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. „Ich… kann verstehen, dass das gerade komisch ist. Hier, komm erst an. Ich muss mich erst um das Blut kümmern.“ – „Blut?“ – „Hast du mir vorhin zugehört?“ – „… Ja, sorry. Ich bin einfach total am Ende heute. Es war heute alles zu viel.“ – „Tut mir leid.“ Sie drückte mich kurz fest, obwohl ich noch die nasse Jacke trug. Die Umarmung riss mich völlig aus meinen Gedanken und ich wurde die nassen Sachen endlich los.
Plötzlich hörte ich ein Schluchzen aus dem Wohnzimmer kommen. Ich ging, ohne lange zu fackeln, dorthin und sah, wie Janine vor dem glücklicherweise eher kleinen Blutfleck kniete und weinte. Ich näherte mich ihr von hinten und umarmte sie. „Hey… psst. Deiner Mutter geht es doch gut, es ist alles glimpflich ausgegangen.“ – „Ja, ich weiß… Es kam gerade einfach alles wieder hoch.“ – „Das verstehe ich. Du glaubst gar nicht, wie oft ich selbst bis heute die Bilder des Autounfalls meiner Eltern vor Augen habe. Die werde ich nie wieder los.“ – „Hast du dir wirklich die Bilder damals angeschaut?“ – „Ja. Ich habe das niemandem bisher erzählt, aber ich musste die Bilder einfach ansehen. Ich habe alle möglichen Webseiten danach durchsucht. Ich musste einfach verstehen… was passiert ist.“ – „Mir hast du das auf jeden Fall auch nicht erzählt. Das klingt furchtbar.“ – „Aber irgendwie hat es mir auch geholfen. Los, lass mich den Fleck putzen, du machst dich bettfertig. Ich möchte nicht, dass du das noch mehr in dich hineinfrisst. Abgesehen davon sollten wir wenigstens ein oder zwei Stunden schlafen, bevor wir zur Schule fahren.“ – „Okay.“ Sie hörte glücklicherweise sofort und gab mir das Putzzeug, nicht aber, ohne mich kurz fest zu drücken und ihre Tränen wieder zurückzuhalten. Ich bekam den Fleck schnell weg, aber ich wusste, wir würden am nächsten Tag noch schauen müssen, ob wirklich alles weg war, dafür war ich selbst mit Licht einfach zu müde und zu fertig, um das sicher feststellen zu können. Genau das rief ich ihr leise ins Bad hinein, damit sie Bescheid wusste.
Janine kam aus dem Bad und ich kümmerte mich endlich um meine nassen Haare. Kurz danach kam ich wieder aus dem Bad und schaute Janine an, die gerade im Flur stand und ein Kissen, eine Decke und Bettzeug in den Händen hielt. Sie schaute lächelnd zurück und ging mit diesen Dingen in ihr Zimmer. Ich wollte gerade fragen, in welchem Zimmer ich in dieser Nacht bleiben konnte… Ich nahm es einfach so hin, dass sie das entschieden hatte. Als ich ihr Zimmer betrat, überwältigte mich dieser Moment erneut gewaltig. Ihr Zimmer hatte sich im Vergleich zum letzten Mal vor einigen Monaten wenig verändert. Ich war aber so fertig, dass ich mich einfach nur noch nach Schlaf sehnte und auf die Details nicht mehr achtete. Mit meiner allerletzten Geschicklichkeit half ich ihr, das Bett zu beziehen. Ich legte mich mit Jeans und Shirt ins Bett und unter meine Decke. Janine kuschelte sich nah an mich und im Halbschlaf ließ ich es noch zu, dass sie auch unter meine Decke kam. Das letzte, was ich noch bemerkte, war, wie gut Janine wieder roch.
Janine erzählt:
Ich hatte Marc noch nie so körperlich fertig erlebt. Klar, als ich ihn nach dem Tod seiner Eltern oder seiner Oma sah, war er am Ende. Dass er es aber nicht mehr schaffte, sich wach zu halten, kam bei ihm äußerst selten vor. Er sagte mir vorhin auch, dass er sich stundenlang wachhielt, um für mich da zu sein, während ich in der Klinik an ihn angelehnt schlief und dadurch jetzt halbwegs wach war. Ich genoss es so sehr, mich an Marc zu kuscheln, bis er direkt einschlief. Ich griff vorsichtig mein Smartphone und schrieb zuerst Petra eine Nachricht, dass Marc bei mir übernachtete. Ich erklärte ihr in wenigen Sätzen, was in dieser Nacht passiert war, damit sie sich keine Sorgen machte. Erst in diesem Moment bemerkte ich, dass Mama mir vor wenigen Minuten geschrieben hatte, dass es ihr soweit gut ging und sie aus der Narkose erwacht war. Sie schrieb mir auch, dass sie von der Schwester erfahren hatte, dass Marc und ich da gewesen waren. Sie machte sich Sorgen, ob ich wieder heil zu Hause angekommen war. Ich schrieb ihr auch möglichst zügig, weil mich meine Müdigkeit auch immer schneller einholte. Zum Abschluss zwang ich mich dazu, den Tutoren unserer Schule, die Marc und mich betreuten, zu schreiben, dass wir an diesem Donnerstag krank ausfallen würden. Ich schrieb auch direkt ehrlich dazu, dass es sich um einen familiären Notfall handelte und Marc einfach die ganze Nacht für mich da war. Ich schrieb völlig emotional in diese Mail, dass wir jeweils erst schlafen mussten und versuchen würden, wieder am Freitag in der Schule anwesend zu sein. Ich kuschelte mich an Marc, der tief und fest schlief. Bevor ich einnickte, wurde mir bewusst, dass Marc wirklich bis zum Schluss davon ausging, dass wir in ein oder zwei Stunden wieder aufstehen würden, um in die Schule zu gehen. Was er aber nicht kalkuliert hatte, war, dass er vorher noch nach Hause hätte fahren müssen, weil er seine Schulsachen natürlich nicht bei mir hatte. Das hätte ihm auch noch wertvolle Zeit zum Schlafen gekostet. Wir hatten schon allgemein so wenig Schlaf, dass es das Gesündeste war, wenn wir diesen Tag zum Ausruhen nutzten. Ich hoffte nur, dass ich vor ihm aufwachen würde, damit er keine Panik bekam, wenn er feststellte, dass wir aus seiner Sicht völlig verschlafen hatten. Auf jeden Fall hatte er nicht daran gedacht, einen Wecker zu stellen. Allein dadurch waren seine Pläne nicht möglich gewesen.
Marc erzählt:
Ich wachte völlig gerädert auf. Einzelne Sonnenstrahlen kämpften sich in Janines Zimmer. Mir ging der gestrige Tag durch den Kopf. Erst das Gefühlsgeständnis von Julia, die sich eine feste Beziehung mit mir vorstellen konnte und die mich geküsst hatte – im Anschluss Janine, die meinen Halt suchte und von der ich eindeutig wusste, dass sie weiterhin an eine Zukunft zwischen uns glaubte. Ich fühlte mich zu beiden hingezogen und war hin und her gerissen. Gleichzeitig wusste ich nicht, ob ich überhaupt so kurz nach Sandra eine Beziehung eingehen sollte, wollte und konnte. Zwischen Sandra und mir war letztlich nichts passiert, wir küssten uns ja nicht. Meine Gefühle für sie waren ein wenig definitiv noch da, aber Sandra konnte ich relativ gut ausblenden. Aber diese ständigen Nackenschläge – Trennung von Janine, der Fast-Sex mit Julia, das Scheitern mit Sandra – nagten an meiner Selbstsicherheit und nervten mich. Sie kosteten eine Menge Energie, auch wenn das einzig Gute immerhin war, dass Julia weiterhin fest zu mir hielt. Letztlich hielt auch Janine zu mir, was ich lange Zeit aber nicht genießen konnte.
Ich bemerkte erneut die Sonnenstrahlen, die in Janines Zimmer fielen. „Fuck“, sagte ich recht laut, ohne darüber nachzudenken. Mir tat es zugleich direkt leid, weil Janine weiterhin an mir gekuschelt war und ich sie nicht aufwecken wollte. Wir hatten verschlafen, die Schule hatte schon lange begonnen. Ich war heute Morgen einfach so fertig, dass ich leider nicht an einen Wecker gedacht hatte. „Lass uns bitte noch liegen bleiben… Für Schule ist es zu spät.“ Janine veränderte ihre Liegeposition leicht und kuschelte sich wieder fest an mich. „Habe ich dich geweckt?“ – „Nein, ich bin schon eine ganze Weile wach.“ – „Wie spät ist es?“, fragte ich sie leise. „Kurz nach elf.“ – „Oha. Das gibt doch bestimmt Ärger, weil wir uns nicht krank abgemeldet haben. Unseren Tutoren das zu erklären, wird sicher nicht ganz unkompliziert.“ – „Mach dir darum keine Sorgen. Ich habe heute Morgen, nachdem du eingeschlafen bist, unseren beiden Tutoren noch geschrieben und ehrlich mitgeteilt, dass ich einen familiären Notfall hatte und du mich die ganze Zeit begleitet hast, um für mich da zu sein.“ – „Wow. Danke.“ – „Beide haben mir auch geschrieben und gesagt, dass sie mir für die ehrlichen Nachrichten dankten. Sie sagten, wir sollten uns ausruhen und freuen sich darauf, wenn wir Freitag wieder in die Schule kommen sollten. Du siehst, ist also alles ganz entspannt.“ – „Danke, dass du dich darum gekümmert hast.“ Ich zog sie als Dankeschön noch fester an mich heran, weil mein Arm um sie herumlag. „Hey, nicht zu fest!“, beschwerte sie sich mit einem Lachen, worauf ich sie absichtlich aus Spaß noch fester zu mir zog und sie zum Abschluss mit beiden Armen umklammerte. Sie kitzelte mich, um sich zu befreien und ich war für kurze Momente stimmungsmäßig so gelöst, dass ich zurück kitzelte und wir auf dem Bett miteinander tobten. Ich genoss diese Situation sehr, weil ich ausnahmsweise nicht an all die belastenden Eindrücke, vor allem aus der letzten Nacht, denken musste. „Wie geht es deiner Mutter?“ – „Wir haben schon die ganze Zeit hin und her geschrieben, während du geschlafen hast. Ihr geht es wohl richtig gut. Ihr Kopf schmerzt noch, allein deswegen soll sie zur Beobachtung noch wenige Tage drinbleiben. Sie hat wohl eine Gehirnerschütterung neben ihren Nierensteinen.“ – „Das beruhigt mich sehr, dass es nichts Schlimmeres ist.“ Janine setzte sich wieder sehr nah zu mir und schaute mir direkt ins Gesicht. Ich spürte sofort, wie es plötzlich intim wurde. Janine: „Danke, dass du für mich da bist. Das… werde ich dir niemals vergessen.“ Wir schauten uns lange in die Augen und es knisterte ohrenbetäubend laut. „Gern geschehen.“ Janine zog mich an, ohne Frage. Das Unwohlsein in meinem Innern war so intensiv, dass ich es nur schwer unter Kontrolle halten konnte. Ich wusste, dass ich jederzeit wieder eine Beziehung mit Janine versuchen konnte, wenn ich es wollte. Ich fand es aber auch gut, dass Janine mir in dieser Situation nicht noch näherkam, um mich zu küssen. Diese Situation war absolut eindeutig und früher hätte Janine mich einfach geküsst. Sie spürte vermutlich, dass ein Kuss viel zu früh und völlig unangebracht gewesen wäre. Nach einigen Sekunden löste ich meinen Blick von ihr und fragte: „Gehen wir noch deine Mutter besuchen?“ Janines Augen wurden deutlich größer und sie freute sich über meinen Vorschlag, das konnte ich ihr ansehen. „Ja, möchtest du noch mitkommen?“ – „Klar. Ich möchte einfach vor allem sehen, dass es ihr wieder so weit gut geht.“ – „Gerne. Da wird sie sich freuen.“ – „Und du dich etwa nicht?“ – „Nein.“ Ihre Lüge war wenig glaubhaft, weil sie dabei breit grinste. Ich spielte ein wenig mit: „Gut, also muss ich auch nicht mitkommen. Du kannst mir einfach sagen, in welchem Zimmer sie liegt, ich gehe heute Nachmittag irgendwann allein vorbei.“ – „Doch, natürlich freue ich mich, Doofkopf.“ Ich legte ihr kurz meinen Arm über die Schulter und zog sie an mich, weil sie mir einfach in diesen Momenten guttat.
Janine ging anschließend zuerst ins Bad, während ich mich in ihrem Zimmer weiter umschaute. Bis auf einen Brunnen, der Dampf produzieren konnte, gab es in ihrem Zimmer auf dem ersten Blick nichts Neues. Die Position einzelner Gegenstände in ihrem Zimmer hatte sich leicht verändert, aber der sonstige Aufbau war weitestgehend gleichgeblieben. Mulmig wurde mir zumute, als ich das Bild von mir entdeckte, welches ich ihr vor langer Zeit geschenkt hatte. Sie hatte es weiterhin nicht weggetan und es stand weiterhin auf ihrem Schreibtisch, auch wenn sie es immerhin umgedreht hatte, sodass man nicht direkt draufschaute, wenn man in ihrem Zimmer stand oder an ihrem Schreibtisch saß. Im Anschluss schaute ich auf mein Smartphone und bemerkte Nachrichten von Julia und Tim. Beide fragten mich unabhängig voneinander, was los war. Ich schrieb beiden die gleiche Nachricht, was in der Nacht vorgefallen war. Ich verschwieg allerdings in den Nachrichten, inwieweit ich die Nähe Janines zugelassen und geschweige denn genossen hatte. Mir war klar, dass sie mich noch dazu fragen würden, sobald ich die Nachrichten abgeschickt hatte und sie mich in der Schule sahen.
Nach Janine ging ich ins Bad und als ich wieder herauskam, fragte mich Janine: „Wie findest du mein Zimmer?“ – „Ich mag deinen Dampfbrunnen echt sehr. Aber ansonsten hat sich doch nicht so viel verändert, oder? Du hast ein bisschen umgeräumt, oder?“ – „Ja, das stimmt. Ich habe einiges ausgemistet.“ – „Wo ist eigentlich der grandiose Bär vom Jahrmarkt?“ – „Der ist in eine große Erinnerungskiste gekommen mit einigen anderen Dingen. Wir haben die Sachen unten in den Keller gestellt. Ich wollte ihn und die anderen Sachen auf jeden Fall nicht wegwerfen, aber ich wollte einfach Platz in meinem Zimmer schaffen, das hat ganz gutgetan.“ – „Kann ich verstehen. Ich staune, dass du den Bären so lange in deinem Zimmer hast schlafen lassen. Aber ist ihm da unten nicht bitterkalt?“ – „Er ist so sehr umgeben von verschiedenen anderen Sachen, da wird ihm sicherlich nicht kalt.“ Wir schmunzelten und Janine sagte: „Ich liebe diesen Bären wirklich sehr, aber ich glaube, ich bin mittlerweile nun aus dem Alter raus für solche großen Stofftiere.“ – „Weiß ich doch, ist doch alles gut. Er hat seinen Job gut erledigt, als wir uns freundschaftlich kennenlernten.“ – „Dass du ihn damals gewonnen hast, war einfach das Sahnehäubchen bei unserem gemeinsamen Ausflug.“ – „Definitiv. Ich fand es einfach toll, dass wir dadurch so gut Spaß haben konnten. Was macht eigentlich das legendäre Stoff-Schaf? Das Schaf, das uns begleitet hat, direkt, nachdem ich dir gesagt habe, dass ich mich auch in dich verliebt habe?“ – „Meinst du dieses hier?“ Sie griff in ein Fach in einem ihrer Schränke und holte das Stoff-Schaf heraus, welches plötzlich sogar bimmelte, weil es ein kleines Weihnachtsglöckchen um den Hals hängen hatte. Ich amüsierte mich sofort über dieses Glöckchen und bemerkte wieder, wie niedlich ich es einfach fand. „Wie kommt es, dass der arme Bär unten leiden und frieren muss, aber das Schaf hier oben puren Luxus genießen darf?“ – „Das Schaf hat sich halt immer benommen.“ – „Was hat der arme Bär denn angestellt?“ – „Er… war einfach zu groß.“ Janine wusste nicht mehr, was sie als Grund noch sagen sollte, sodass wir uns nur noch mehr amüsierten. „Das Schaf darf hier oben bleiben, weil es für mich noch eine ganz andere Bedeutung als der Bär hat. Beides verbindet mich mit dir, aber das Schaf noch viel mehr.“ – „Kann ich verstehen. Alles gut, das ist doch völlig normal, dass man irgendwann ausmistet. Der Bär hat wirklich viel Platz eingenommen. Vielleicht kannst du ihn als Spende irgendwohin verschenken?“ – „Habe ich auch schon überlegt, könnte gut sein, dass ich das bald mache.“ – „Ich fände es auf jeden Fall cool, wenn sich ein anderes kleines Kind über einen solch großen Bären freuen kann.“ – „Sehe ich auch so.“
Wir fuhren gemeinsam zum Krankenhaus los. Ich machte mich so gut es ging frisch, aber ich sah vom letzten Abend definitiv noch zerpflückt aus, auch gerade, weil ich bei Janine nicht duschen ging. Mir wäre das unangenehm gewesen, bei ihr zu duschen, sodass ich das einfach hinnahm, jetzt nicht besonders frisch auszuschauen, zumal ich definitiv keine Wechselkleidung dabeihatte. Beim gesamten Hinweg war unsere Stimmung recht locker und gelöst und wir sprachen vor allem über unsere verschiedenen Lehrer und die zahlreichen Macken, die wir bei ihnen rausfinden konnten. Im Krankenhaus trafen wir auf Melanie, die wirklich ganz gut aussah und uns fröhlich begrüßte. Sie war erstaunt, dass ich mitgekommen war und freute sich sehr darüber. Mich freute es auch sehr, zu sehen, dass es ihr wieder gut ging. Janine ging während unseres Besuches kurz auf Toilette, sodass ich mit Melanie allein war, ihre Zimmernachbarin war gerade auch außerhalb des Zimmers. Sie sagte: „Ich möchte dir wirklich vom ganzen Herzen dafür danken, dass du letzte Nacht für Janine da warst. Sie hat mir geschrieben, wie aufopferungsvoll du alles hast stehen und liegen lassen. Das hätten nicht viele Menschen getan.“ – „Janine und ich waren zusammen und verstehen uns weiterhin gut, das verändert eben einiges. Sie ist mir halt einfach wichtig und der Rest ist wohl einfach gute Erziehung, würde ich sagen.“ Ich grinste leicht, Melanie erwiderte darauf: „Deine Eltern und dein Stiefvater können stolz auf dich sein.“ – „Danke für das Kompliment. Du weißt, dass ich dich gerne habe, ich habe mir auch große Sorgen gemacht, nachdem Janine mich angerufen hat. Genau deswegen wollte ich auch hier sein, um mitzubekommen, was los ist. Aber ja, du hast natürlich trotzdem Recht, ich wollte Janine nicht allein lassen.“ – „Ich finde es vor allem toll, dass du für sie und quasi auch für mich da warst, obwohl ihr jetzt schon eine Weile nicht mehr zusammen seid.“ – „Ich glaube halt, dass man auch nach einer Trennung noch einen guten Kontakt zueinander halten kann.“ – „Eine sehr erwachsene Haltung.“ Es sprudelte plötzlich aus mir heraus: „Janine liebt mich immer noch sehr, oder?“ Melanie schaute völlig sprachlos und ich war irgendwie von mir selbst erstaunt, dass ich meinen Gedanken wirklich ausgesprochen hatte. „Du kennst die Antwort doch bereits. Sie hängt an dir, Marc, das weißt du. Sie hat in den letzten Monaten richtig gelitten. Aber aufgegeben hat sie dich nie. Ich möchte mich bei euch nicht weiter einmischen, daher solltest du mit Janine direkt reden, würde ich sagen.“ – „Danke für deine ehrlichen Worte. Ja, wir haben bereits intensiv gesprochen, aber eine andere Sicht zu hören, tut mir auch wirklich gut.“ – „Ich bin natürlich voreingenommen, klar. Aber ich kann dir zumindest ehrlich sagen, dass sie sich wirklich verändert hat. Sie hat mir vor ein paar Monaten alles ehrlich erzählt, wir haben stundenlang gesprochen. Sie bereut den Alkohol und ihr Verhalten wirklich sehr. Ich kann dir nur sagen, dass mein Gefühl die ganze Zeit war, dass sie sich wirklich komplett verändert hat, seitdem ihr euch getrennt habt. Den Rest müsst ihr miteinander ausmachen.“ – „Danke schön. Ich denke, das hat mir auch wieder sehr geholfen.“ – „Das klingt gut.“ Janine kam von der Toilette wieder und spürte, dass irgendwas gerade zwischen Melanie und mir besprochen worden war. „Ist was? Habt ihr über mich gesprochen?“, fragte sie vorsichtig. Ich antwortete: „Ja, ich habe sie nur gefragt, wie die letzten Monate waren.“ Dass ich meine Frage explizit nur auf Janine bezog, verschwieg ich an dieser Stelle lieber, aber Janine ahnte vermutlich, um was es in dem kurzen Gespräch ging. Zusätzlich glaubte ich, gesehen zu haben, wie Melanie Janine zuzwinkerte – ich ging davon aus, dass Melanie ihr später noch schreiben würde, was ich gefragt hatte. Wir blieben eine Stunde bei Melanie und ich war sehr beruhigt darüber, dass soweit alles in Ordnung war. Melanie drückte mich bei der Verabschiedung, das fand ich sehr lieb und war sehr ungewohnt, selbst zu der Zeit, in der ich mit Janine noch zusammen war.
Janine und ich verließen das Krankenhaus und gingen relativ stillschweigend zur Bushaltestelle. Für einen kurzen Moment bekam ich einen Flashback an den gestrigen Abend, als ich Janine dort völlig aufgelöst vorfand. Janine stupste mich von der Seite an und fragte: „Ist alles ok?“ – „Du hast meine Gedanken gelesen, oder?“ – „Vermutlich.“ Nach einigen weiteren Sekunden meinte sie: „Gott sei Dank ist es nichts Schlimmeres gewesen. Aber die Sorgen haben mich wirklich fertig gemacht.“ – „Nicht nur dich.“ Sie schaute mich erstaunt von der Seite an. „Ich hatte es gleich doppelt fies: Ich habe mir Sorgen um dich und um sie gemacht.“ – „Warum… das?“ – „Na ja, ich weiß, was alles passiert und erledigt werden muss, wenn beide Eltern plötzlich nicht mehr da sind. Außerdem werde ich nie meinen Traum vergessen, in dem du die Rolle gespielt hast.“ Sie kuschelte sich plötzlich nah an mich und meinte: „Denke nicht mehr daran. So etwas würde ich niemals tun, so schlecht es mir auch geht. Das habe ich auch eingesehen, dass das kein Weg ist. Es gibt immer einen Weg.“ – „Das sehe ich genauso. Aber du kannst jetzt vielleicht verstehen, wie sehr mich deine Situation an mich erinnert hat. Wenn deine Mutter nicht mehr am Leben gewesen wäre, hätte dich dieser Schock zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt getroffen, nicht mehr lange bis zum Abitur. Ich wollte nicht, dass dir das gleiche wie mir passiert.“ – „Hey, ist genug jetzt davon. Ich möchte vor allem nicht, dass es dir schlecht geht, weil du an die Vergangenheit denkst.“ – „Du hast Recht.“ Wenige Sekunden später kamen wir bei der Bushaltestelle an, außer uns stand dort gerade keine Person.
„Ich bringe dich noch nach Hause, okay?“, schlug ich ihr vor, weil ich noch einen Plan hatte. Sie war sofort wieder super drauf und meinte: „Ja, gerne!“ Bis der Bus kam, schaute Janine aufs Smartphone, weil Tim ihr geschrieben hatte und sie fragte, ob mit ihr alles in Ordnung war. Ich half ihr beim Schreiben einer Antwort: „Ja, es ist wieder alles gut, meiner Mutter geht es ganz okay, in wenigen Tagen kommt sie wieder aus der Klinik. Marc sitzt gerade noch neben mir und hat mit mir meine Mutter besucht. Ich soll dir von ihm ausrichten, dass wir morgen wieder in der Schule sein werden.“ Kurz darauf kam noch seine Antwort: „Wow! Alles klar. Macht ihr heute noch was?“ Ich schrieb Tim von meinem Smartphone aus: „Ja, die Hausaufgaben, die wir heute aufbekommen haben.“ Janine und ich schmunzelten, obwohl es leider der Realität entsprach.
Wir nahmen uns im Bus eine Zweierbank und Janine fragte mich aus heiterem Himmel: „Ist es ok, wenn ich mich ankuschele?“ Ich schmunzelte, worauf sie irritiert wirkte. „Jetzt, nach etlichen Malen seit unserer Fahrt am Wochenende, fragst du mich zum ersten Mal, ob das Händchen halten, Ankuscheln, etc. in Ordnung ist?“ An meiner Stimme hörte sie, dass ich gute Laune hatte und meinen Kommentar alles andere als böse meinte. „Na ja, ich weiß nicht, ich kann dich aktuell einfach so schwer lesen, weil ich nicht weiß, was in dir vorgeht. Im Gegensatz zu früher kann ich deine Emotionen nicht mehr wirklich lesen.“ – „Ich würde dir gerne sagen, was in mir vorgeht, der Gag dabei ist: Ich weiß selbst nicht, was in mir vorgeht. Es sind eine Menge Gefühle, die in mir riesiges Chaos auslösen.“ – „Entschuldige, dass ich es dir nicht so einfach mache.“ – „Dafür brauchst du dich nicht entschuldigen. Ich hätte mich schon viel früher damit beschäftigen sollen, was ich eigentlich möchte. Du bist nicht die Einzige, die das Chaos in mir auslöst.“ – „Sandra?“ – „Nein. Diese Geschichte ist durch, da ändert sich nichts mehr.“ – „Julia?“ – „Ja, genau.“ Wir schwiegen locker eine Minute lang, es war eine Ewigkeit. „Ich wollte dich vor allem auch deswegen nach Hause bringen, weil ich dir noch ein paar Dinge sagen und erklären wollte. Ist das okay?“ – „Ja, total. Ich… möchte gerne wissen, was in dir vorgeht.“ Um die Zeit zu überbrücken, zückte ich wieder mein Smartphone, dessen Akkuladung mittlerweile gefährlich niedrig war. „Zocken?“, fragte ich mit einem Schmunzeln. „Ja!“, rief sie mir recht laut entgegen, sodass sich sogar der Busfahrer weit vorne sich kurz umdrehte und schaute, was da hinten in seinem Bus passierte. Wir lachten dadurch erst recht umso mehr.
Mit bester Stimmung und einem nun nahezu leeren Akku stiegen wir aus dem Bus aus, die Stimmung war sofort eine gänzlich andere. Ich wollte gerade anfangen, als Janine mich fragte: „Sehen wir uns in den nächsten Tagen außerhalb der Schule?“ – „Darüber wollte ich mit dir reden.“ Ich sah Unsicherheit in ihr. „Ist es ok für dich, wenn ich in den nächsten Tagen noch etwas nachdenke? Ich… weiß einfach aktuell gar nichts mehr.“ – „Ja, das ist total in Ordnung. Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“ – „Auch wenn Julia mich dafür töten wird, aber ich verrate dir was, was nur noch mehr Chaos in mir ausgelöst hat. Du musst mir versprechen, dass du mit niemandem, auch nicht mit Tim, darüber sprichst. Mit keiner Person, auch deiner Mutter nicht.“ – „… Ja, okay?“ – „Julia hat mir gesagt, dass sie sich mehr mit mir vorstellen kann und mich gefragt, wie ich dazu stehe.“ – „Und… was hast du gesagt?“ – „Ich habe ihr das gesagt, was ich dir jetzt sagte, nämlich, dass ich Zeit zum Nachdenken brauche. Eigentlich hatte ich mich mittlerweile damit abgefunden, dass das zwischen Julia und mir nur eine Freundschaft ist.“ Einige Sekunden lang schwiegen wir. Janine griff plötzlich nach meiner Hand und versuchte, ihre Finger mit meinen zu verschränken. Ich ließ es wieder zu. Einige Schritte später fragte ich sie: „Und du bist dir sicher, dass ich für dich immer noch als Freund in Frage komme, obwohl ich mich schon verändert habe?“ Diese direkte Frage haute sie aus den Socken, sie sammelte sich einige Sekunden, blieb stehen, schaute mir in die Augen und sagte: „Ja, ich liebe dich, Marc.“ Sie wusste ganz genau, wann sie meinen Namen erwähnen musste, um so richtig Eindruck zu schinden. „Ich habe dich die ganzen Monate geliebt, das hat sich kein bisschen verändert. Genau deswegen konnte ich auch keine Beziehung mit Benny anfangen, der Sex mit ihm war einfach nur zum Abbauen von Frust und weil ich es einfach toll fand, dass mich jemand attraktiv fand.“ Ich hielt ihrem Blick weitere Momente stand und sie sagte: „Als du mir am Wochenende erzählt hast, wie du all die Sachen siehst und wo du Fehler bei dir gesehen hast, habe ich nur umso deutlicher gespürt, dass ich gerne wieder mit dir zusammen sein möchte. Du hast dich seit unserer Trennung so verändert und bist noch viel offener geworden, das finde ich einfach toll.“ – „Das war auf jeden Fall eine deutliche Ansage.“, sagte ich ihr mit einem Grinsen, woraufhin wir Hand in Hand die letzten Meter bis zu ihrer Haustür zurücklegten. Janine stellte sich vor mich und schaute mir intensiv in die Augen. Auf eine ungewöhnliche Art knisterte es, irgendwie fühlte es sich vor allem vertraut an. „Ich möchte dich nicht überrumpeln, deswegen küsse ich dich nicht.“, sagte sie plötzlich sehr ehrlich. „Das ist sehr fair von dir.“ – „Nimm dir die Zeit, die du zum Nachdenken brauchst. Das ist völlig in Ordnung. Da ich dich nicht lesen kann: Ist es aber okay für dich, wenn wir trotzdem ein paar Nachrichten hin und her schreiben oder so? Oder wenn wir in der Schule miteinander quatschen, wenn wir Freistunde haben?“ – „Ja, das ist total ok. Ich sage dir schon, wenn es mir zu viel ist.“ – „Danke. Keine Sorge, ich werde nicht verletzt sein, falls du mir sagst, dass es zu viel ist oder so. Ich… lerne dich irgendwie auch wieder neu kennen und weiß noch nicht so richtig, wie du funktionierst.“ – „Das geht mir mit dir genauso. Ich hätte nicht gedacht, dass du mit einem anderen ins Bett gehst, obwohl du mit mir zusammen sein willst.“ – „Erinnere mich doch bitte nicht wieder daran…“ – „Sorry. Aber das entspricht der Wahrheit. Ich war sehr überrascht, als ich davon hörte. Aber versteh mich bitte nicht falsch, das ist völlig in Ordnung, wir sind getrennt, du kannst machen, was du willst.“ – „Das stimmt, aber Schwamm drüber, das ist vorbei.“ Wir schauten uns erneut länger in die Augen und Janine fragte: „Darf… ich mir denn überhaupt Hoffnungen machen? Du warst so eiskalt, als du damals die Beziehung beendet hast und auch, als ich versucht hatte, mit dir Kontakt aufzubauen. Das hat mich bis heute verunsichert.“ – „Habe ich nicht gesagt, dass ich Zeit zum Nachdenken brauche?“ Ich nahm ihre Frage locker hin, ich konnte Janine verstehen. Sie war strukturliebend und konnte solch einen Zustand wie den aktuellen einfach nicht ausstehen. „Reicht es nicht schon als Zeichen, dass ich es zugelassen habe, dass wir Hand in Hand laufen, du dich an mich kuschelst und ich dich zu mir heranziehe?“ Kleinlaut sagte sie: „Das stimmt…“ – „Abgesehen davon schuldest du mir noch einen Pulli.“ Sie schaute verwundert und ich sagte: „Ich rede nicht von dem, der sowieso schon bei dir fest eingezogen ist. Ich rede von meinem Pulli gestern Abend, der offenbar jetzt auch schon bei dir eingezogen ist.“ – „Oh, stimmt, den habe ich völlig vergessen!“ – „Das würde ich jetzt auch sagen.“ Wir lachten und sie fragte: „Soll ich ihn dir runterbringen? Oder willst du kurz hochkommen und ich gebe ihn dir?“ – „Nein, ist schon in Ordnung, den gibst du mir einfach, wenn wir uns das nächste Mal treffen. Du kannst mir ja schreiben, wie du in der nächsten Woche Zeit hast. Ich weiß nicht, ob ich dieses Wochenende noch Zeit habe.“ – „Nächste Woche klingt toll!“ Sie gab mir wieder ohne Vorwarnung einen Kuss auf die Wange, den ich wirklich schön fand. „Hattest du nicht gesagt, dass du mich nicht küssen willst?“ Ich nahm sie absichtlich aufs Korn. „Ja, das war nur ein Kuss auf die Wange. Das ist etwas anderes!“ – „Aha?“ – „Jetzt hör auf, mich immer mehr zu verscheißern. Du bist doof.“ – „Zack, Minuspunkt.“ Sie öffnete ihren Mund vor Empörung und boxte mir gegen den Oberkörper. „Das glaube ich dir nicht.“ – „Zack, gleich der zweite Minuspunkt.“ Sie kitzelte mich leicht, was ich damit zunichtemachte, dass ich sie fest umarmte. Janine verschwand mit einem Winken in das Wohnhaus. Ich lief die Strecke nach Hause wieder, da ich frische Luft zum Nachdenken brauchte. Ich wusste im Detail nicht, was ich für sie fühlte, aber ich konnte ohne Zweifel sagen, dass unser Zusammenhalt in echten Krisensituationen früher wie auch heute ein mächtiger Pluspunkt für sie war.