Eine Chance
Als wir gegen halb zehn auf dem Rückweg zum Hotel waren, waren Anna und Janine in einem intensiven Gespräch über Tablets, da sie wohl Überlegungen hatten, sich für die Arbeit in der Schule eines zu kaufen. Es gab in unserem Jahrgang mittlerweile viele, die rein digital arbeiteten und ich fand es cool, dass die beiden auch darüber nachdachten. Ich hatte vor ein paar Monaten diesen Schritt gewagt und es bisher kein bisschen bereut, fast ausschließlich digital zu arbeiten. Tim kam während des Gesprächs zu mir und wir quatschten über Konsolenspiele, bis er plötzlich ganz leise einwarf: „Hättest du was dagegen, wenn du den heutigen Abend mit Janine noch mal verbringst?“ Ich dachte kurz nach und schüttelte den Kopf: „Du willst heute noch Zeit mit Anna haben, was?“ Wir grinsten und er meinte: „Ja. Es ist so schön, dass ich nach den letzten harten Wochen wieder so viel Zeit mit ihr verbringen kann. Ich will das ausnutzen.“ – „Kann ich total verstehen. Mach ruhig. Aber du solltest Janine auch fragen, ob sie damit überhaupt einverstanden ist.“ Er drückte mir sanft die Schulter und meinte leise: „Danke schön. Dafür gebe ich euch bald einen aus.“ Ich schmunzelte. „Das brauchst du nicht machen, du warst ja in den letzten Monaten so oft für mich da. Das ist das Mindeste.“ Ein paar Minuten später sah ich, wie er mit Janine sprach, sie hatte auch nichts dagegen. Ehrlich gesagt hatte ich wirklich Lust auf einen Spieleabend zu viert, aber Tim zuliebe verzichtete ich darauf, da ich nach meiner früheren Erfahrung mit Janine sehr gut nachfühlen konnte, wie es war, wenn man phasenweise wenig gemeinsame Zeit hatte. Auch wenn ich mit Tim nicht explizit darüber sprach, stellte ich mich im Innern darauf ein, dass Janine und ich wohl auch in dieser Nacht in einem Zimmer schlafen würden. In der letzten Nacht stellte dies ja auch kein Problem dar.
Im Hotel ging ich direkt duschen und Tim warnte mich dieses Mal wenigstens vor, dass vermutlich nach meiner Dusche Janine schon in meinem Zimmer sein würde. In der Dusche ließ ich mir für meine Verhältnisse erneut ungewöhnlich viel Zeit, weil ich spürte, dass mein Körper wieder ziemlich verspannt war. Besonders meine Schultern und mein Rücken waren seit einigen Wochen ganz schön in Mitleidenschaft geraten und während der Dusche spürte ich diese Verspannung wieder relativ schmerzhaft. Als ich aus der Dusche kam, war es im Zimmer richtig kalt, da Janine am geöffneten Fenster saß und nach draußen schaute. Sie erinnerte mich an mich selbst und ich glaubte, dass sie sich diese Eigenschaft während unserer Beziehung auch ein wenig angeeignet hatte. Ich schüttelte mich, weil ich doch sehr schnell fror und Janine zuckte leicht zusammen, weil sie gar nicht mitbekommen hatte, dass ich aus dem Bad kam. „Oh sorry, daran hatte ich gar nicht gedacht, dass das für dich richtig kalt sein wird.“ – „Kein Problem, ich wickele mich nur kurz in meine Decke ein. Ich finde es gut, dass hier durchgelüftet wurde.“ Janine schloss das Fenster, ich setzte meinen Plan in die Tat um und setzte mich auf mein Bett.
Bevor ich mich in die Decke einwickelte, streckte ich mich intensiv und hörte und spürte, wie mein Nacken und Rücken mehrfach knackten. Janine hörte das wenige Meter auch noch und reagierte sofort: „Uh, das klingt gar nicht gut. Soll ich dich ein bisschen massieren?“ Ich war von ihrer Frage etwas erstaunt und antwortete mit einem Lächeln: „Das ist lieb, brauchst du aber nicht. Durch die Dusche und die Bewegung heute ist das schon deutlich besser geworden. Aber wirklich danke.“ Janine lächelte, auch, als sie mich danach eingemummelt in meiner Decke sah. Es war dieses typische Lächeln, welches ich gestern und heute etliche Male bei ihr gesehen hatte. Sie ging zum Sessel und hatte auf dem Tisch bereits Zeichenutensilien zurechtgelegt. Ich griff mein Smartphone und fragte sie: „Ist es okay für dich, wenn ich leise Musik höre? Ich möchte dich nicht stören, falls du trotz Kopfhörern was hören solltest.“ – „Ja, mach ruhig, du störst mich nicht. Beim Zeichnen bin ich so konzentriert, dass ich das meiste ganz gut ausblenden kann.“ – „Okay.“ Da war es wieder, dieses herzliche Lächeln, welches sie gefühlt nur mir entgegenbrachte. Vielleicht täuschte meine Wahrnehmung mich auch, aber wenn sie mit Tim oder Anna sprach, strahlte sie in diesen Gesprächen nicht so sehr. Ich machte Musik an, steckte mir Kopfhörer rein, setzte mich wie gestern auf das Fensterbrett und schaute nach draußen. Es regnete zwar nicht, aber das Wetter wirkte trotzdem nicht besonders freundlich. Ich genoss es erneut, meine Seele so richtig tief baumeln lassen zu können.
Janine erzählt:
Er saß dort auf dem Fensterbrett und schaute nach draußen. Der heutige Tag war einfach toll! Wir verstanden uns so gut! Marc kam einige Male direkt zu mir, um mir einige Fundstücke in den Geschäften zu zeigen… Auch Tim und Anna bemerkten, wie er mit mir umging. Tim flüsterte mir in einer Ecke eines Ladens zu: „Denk dran, nicht überdrehen, immer schön vorsichtig. Aber es läuft doch super.“ – „Ja, total!“ Er bremste mich direkt wieder, damit ich meine Freude nicht zu sehr zeigte.
Während er aus dem Fenster schaute, fiel mir auf, dass er sich verändert hatte. Klar, nachdenklich war er schon, als wir zusammen waren. Seine Nachdenklichkeit hatte sich aber irgendwie verändert. Ich hatte das Gefühl, dass er seine Emotionen und Gedanken mehr als vorher versteckte. Ich wusste nicht, ob ich das gut fand, weil ich ihm damals schon immer sagte, dass er nicht alles in sich hineinfressen sollte. Allgemein hatte sich sein Charakter auch irgendwie verändert. Er wirkte noch selbstbewusster als früher, blieb dabei aber in seiner Art und Weise ruhiger und unaufdringlicher als sonst. Er strahlte eine Souveränität aus, die ich in dieser Form bisher noch nicht von ihm kannte. Er zog mich damit nur umso mehr an, weil ich diese neue Eigenschaft von ihm wirklich mochte. Trotz seines Selbstbewusstseins sah ich auch, dass er aufgrund seiner Schicksalsschläge eine große Menge an Demut besaß. Er setzte sich auch weiterhin sehr für meine Mitmenschen ein, in der Schule half er vielen, selbst Lehrern. Es war auch zu spüren, dass er das nicht machte, um sich einzuschleimen und in der Hoffnung, gute Noten zu bekommen. Es war einfach Teil seines Wesens, ehrlich mitzuhelfen und eine freundliche Umgebung zu erschaffen.
Ich kam eigentlich nicht zum Zeichnen, weil ich mich nicht konzentrieren konnte. Ich blickte immer wieder zu Marc, der so verträumt aus dem Fenster schaute, dass er meine Blicke gar nicht mitbekam. Tim hatte mir bei unserem Zimmerwechsel nur den Rat mitgegeben, nicht zu viel zu riskieren. Gleichzeitig sagte er mir aber auch, dass der heutige Abend meine größte Chance war. Nachdem der Tag so gut lief, musste ich einfach einen weiteren Schritt auf Marc zumachen und das Gespräch mit ihm suchen. Ich wusste nicht, wohin das Gespräch führen sollte. Es konnte sein, dass sich heute endgültig entschied, dass wir nur noch befreundet blieben. Auch wenn ich mir nicht ausmalen wollte, in welches Loch mich das wieder reißen würde. Mir war aber wichtig, dass wir endlich über die Vergangenheit sprachen, jetzt, wo einige Monate vergangen waren. Ziemlich verunsichert stand ich auf, ging an meine Tasche, holte einen Bluetooth-Lautsprecher heraus und ging in Richtung Fenster zu Marc.
Marc erzählt:
Ich saß lange Zeit am Fenster und dachte nach. Die Person, über die ich nachdachte, befand sich mit mir im Raum. Ich erinnerte mich zum wiederholten Male an die Vergangenheit zurück, in der so viel zwischen ihr und mir passiert war. Die schöne Zeit, die wir vor einem Jahr etwa hatten… Als sie nach meinem Gedicht herzzerreißend weinte… Die Sache mit dem Ring… Die damalige Zeit war schön und irgendwie sehnte ich mich danach. Mir wurde bewusst, dass ich diese Zeiten womöglich wiederhaben konnte. Janine schien auch weiterhin eine Beziehung mit mir haben zu wollen, was ich auf eine gewisse Art beeindruckend fand. Obwohl ich nach der Trennung teilweise mies mit ihr umgegangen war, hatte sie mich vermutlich die ganze Zeit nicht aufgegeben. Ich spürte, dass mich das Thema Janine wirklich beschäftigte. Gleichzeitig trug ich ein riesiges Gefühlschaos mit mir herum: Die gescheiterte Verbindung mit Sandra, meine unklare Gefühlslage für Julia, die mich echt in den Bann ziehen konnte und das tiefe Vertrauen zu Janine, mit der ich zwar seit Monaten nicht mehr zusammen war, mich aber heute so gut mit ihr verstand, dass es mich direkt an die alten Zeiten erinnerte, in denen wir keinerlei Probleme in unserer Beziehung hatten. Eine der Fragen, die ich mir dort am Fenster sitzend stellte, war: Waren die Geschehnisse um Jeremias in mir so weit verarbeitet, dass ich über das alles würde hinwegsehen können, sofern ich es wollte?
Genau während dieser Überlegungen stand Janine plötzlich direkt neben mir und ich erschreckte mich so sehr, dass ich fast auf den Boden fiel. Sie bekam große Augen und wir kicherten. Ich zog meine Kopfhörer aus den Ohren und schaute sie an. Sie fragte: „Hast du was dagegen, wenn ich dir Gesellschaft leiste?“ Ich fand diese Frage niedlich. Mit einem Lächeln sagte ich: „Nein… überhaupt nicht.“ Ich ging vom Fensterbrett hinunter und setzte mich wie gestern halb auf den Tisch. Per Hand deutete ich an, dass sie sich neben mich setzen sollte. Das tat sie und meinte: „Schau, auf deine Musik musst du auch nicht verzichten. Wenn du möchtest, haben wir beide was davon.“ Sie hielt eine Lautsprecherbox in den Händen. Ich grinste und fragte: „Wo hast du die so schnell hergeholt?“ – „Na ja, ich habe meine ganzen Sachen hier. Tim und ich haben vorhin einfach komplett das Zimmer getauscht. Wir haben unsere Sachen dorthin gestellt, wo wir auch die Nacht verbringen werden. Ist doch ok, wenn ich hier heute noch im Zimmer schlafe, oder?“ – „Klar. Ich hatte nach Tims Frage schon damit gerechnet.“ Ich zwinkerte sie an und sah, wie ihre Augen regelrecht leuchteten. Ich verband mich mit ihrer Musikbox und schaltete die Musik leise an. „Möchtest du was anderes hören?“ Meine aktuelle Musik war eher rockig und ich hatte das Gefühl, dass das für die Situation eher ungeeignet war. Sie rückte mir etwas näher, sodass sich unsere Körper an einigen Stellen leicht berührten und schaute mit mir auf mein Smartphone. Wir wühlten uns durch einige meiner Playlisten und sie schlug einen Interpreten vor, den wir definitiv damals wie heute mochten. Die Musik war insgesamt ruhiger und perfekt für einen solchen Moment wie diesen. Dass einzelne Lieder einen Hauch von Romantik besaßen, blendete ich bei unserer Entscheidung bewusst aus.
Unser darauffolgendes Gespräch war wohl das intensivste, das ich in meinem bisherigen Leben geführt hatte. Klar hatte ich mit ihr schon lange und besondere Gespräche geführt, aber dieses Gespräch war anders. Anders, weil wir uns wohl so tief wie wohl nie in die Seele schauen ließen. Anders, weil wir absolut ernst über die Zukunft sprachen. Anders, weil wir wohl zum ersten Mal alles auf den Tisch legten, was in unseren Köpfen war.
„Du hast wieder viel nachgedacht, oder?“, fragte mich Janine. „Ja.“ Ich schaute sie kurz von der Seite an. „Ich habe über dich nachgedacht.“ Überrascht fragte sie: „Über mich?“ – „Ja. Vor allem aber über das, was uns bis heute verbindet.“ Ich ließ ein paar Sekunden vergehen und meinte: „Kannst du dich noch daran erinnern, als wir die Gruppenarbeit machen sollten und ich dich zu mir nach Hause eingeladen habe?“ – „Oh, ja, ich weiß noch, wie peinlich mir das war, als ich voran geprescht bin und dich gefragt habe, wie ich dir den Vortrag zukommen lassen soll, damit wir den gemeinsam durchsprechen können.“ – „Ich fand das eigentlich gar nicht schlimm, ich war viel mehr auf die Klasse sauer, dass sie dich dazu gebracht haben, dass du ständig die Arbeit für alle gemacht hast.“ – „Na ja, einige waren solche Idioten und einfach so schlecht, dass ich Gruppenarbeiten lieber allein gemacht habe und dafür wusste, dass sie in der Qualität sind, wie ich sie gerne hätte. Und vor allem, dass sie so gut sind, dass wir möglichst auch gute Noten dafür bekamen.“ – „Dein Pragmatismus in diesen Sachen ist immer wieder erstaunlich.“ – „Aber ist doch wirklich so! So muss ich eben allein dafür sorgen, dass ich die Noten bekomme, die ich haben will. Dass die anderen davon auch profitiert haben, kann ich ja schlecht verhindern.“ – „Das stimmt. Ich fand es echt toll, als wir nach unserer Gruppenarbeit noch auf den Jahrmarkt gegangen sind. Ich war richtig überrascht von dir, wie locker man mit dir Spaß haben kann.“ – „Ja, du hast aber auch irgendwie genau meinen Nerv getroffen. Indem du mich immer ein bisschen geärgert hast, wurde ich dadurch locker. Aber es ist auch einfach deine Art. Du bist immer so lieb mit mir umgegangen. Ich habe dadurch erst getraut, mich zu öffnen.“ – „Na ja, damals war ich wirklich lieb, das stimmt, in letzter Zeit war ich das aber wirklich nicht. Ich habe mich wie ein Arschloch benommen.“ Ich bemerkte Janines Seitenblick und schaute vom Fenster aus kurz in ihre Richtung. „Daran bin ich aber am meisten schuld. Hätte ich nicht…“ Sie unterbrach sich selbst, weil sie spürte, dass unser Gespräch eine ziemliche Wendung bekam, die sie aber bewusst zunichtemachte, indem sie ergänzte: „Wollen wir gleich noch über die letzten Monate sprechen?“ – „Was meinst du?“ – „Ich finde es gerade einfach toll, dass wir uns an früher erinnern.“ – „Ja, das finde ich auch. Ich glaube, wir sollten nachher wirklich noch… über die letzten Monate sprechen.“ Ich sah in Janines Blick Hoffnung. Diesen Blick hatte sie damals bereits, als ich vor ihrer Haustür stand, um ihre Sachen zurückzugeben… auch wenn ich damals ihre Hoffnung zerstören musste.
Wir schwiegen einige Momente, weil sich durch meine Aussagen unsere Gedanken um die Trennung kreisten. „Ich weiß noch, wie sehr ich mich darauf gefreut habe, als wir eine Weile nach eurer Gruppenarbeit verabredet waren. Ich habe mich so sehr gefreut, weil ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass mich jemand wirklich so mochte, wie ich war. Bei Tim hatte ich auch schon lange zuvor das Gefühl, aber bei dir spürte ich das am Anfang am deutlichsten.“ – „Ich hatte auch gute Laune, als wir das Treffen ausgemacht hatten. Aber als ich vom Tod meiner Eltern erfuhr, ging gar nichts mehr.“ – „Ich habe mich so schlecht gefühlt, als ich einfach bei dir reingeplatzt bin und es dir so dreckig ging.“ – „Völlig ohne Grund. Du hast mich wahrscheinlich gerettet, genau wie Petra. Ich saß nur sinnlos am PC und wer weiß, was an diesem Tag noch hätte passieren können. Wären Tim, Petra und du nicht für mich da gewesen, wüsste ich nicht, ob es mich heute noch gäbe oder ob ich mir nicht irgendetwas angetan hätte.“ Janine legte ihre Hand auf meinen Arm und meinte: „Hab nicht solche düsteren Gedanken.“ – „Aber letztlich ist es doch so. Wenn ich euch nicht gehabt hätte, wüsste ich nicht, ob es mich heute noch gäbe oder ob es mir so gut geht, wie es heutzutage ist.“ – „Wie geht es dir denn aktuell?“ – „In letzter Zeit habe ich öfters an meine Mutter und an meinen Stiefvater gedacht. Ich glaube, weil mich in den letzten Wochen und Monaten einfach generell so viel beschäftigt hat. Dadurch war ich emotionaler als sonst.“ – „Das kenne ich aber auch von mir. Ich denke auch viel mehr an negative Dinge, wenn mich gerade sowieso schon etwas sehr beschäftigt.“ Janine nahm ihre Hand von meinem Arm.
„Ich bin dir einfach so dankbar, dass du all die ganze Zeit für mich da warst, als es mir so schlecht ging. Ich werde auch nie vergessen, als du abends extra zu mir gefahren kamst und ungeplant über Nacht geblieben bist.“ Sie schmunzelte leicht und meinte: „Ich habe dir damals schon gesagt, dass ich eigentlich geplant hatte, bei dir über Nacht zu bleiben. Ich wollte nachts nicht nach Hause fahren. Meine Mutter hatte es mir sogar erlaubt, bei dir über Nacht zu bleiben.“ – „Dass sie dir das auch erlaubt hatte, wusste ich bis heute nicht.“ – „Das habe ich dir damals auch nicht direkt erzählt und irgendwie ist es in Vergessenheit geraten. Ich habe es dir deswegen nicht erzählt, weil ich dich nicht noch mehr durcheinanderbringen wollte.“ – „Inwiefern?“ – „Na ja, ich hatte ja oft das Gefühl, dass du auf mich stehen würdest, und wollte es dir mit deiner Trauer nicht noch schlimmer machen.“ – „Ich war so glücklich am nächsten Tag, das kannst du dir kaum vorstellen.“ Wir kicherten und sie fragte: „Weil ich bei dir über Nacht blieb?“ – „Ja, aber vor allem, weil du dich in der Nacht an mich heran gekuschelt hast.“ – „In dieser Nacht hat es sich einfach richtig angefühlt, mit dir zu kuscheln. Für mich war das auch nicht einfach, dich so traurig zu sehen.“ – „Hat dich das auch so mitgenommen?“ – „Na klar… Ich kannte das doch auch nicht, für jemand so da zu sein. Du tust mir halt einfach leid, dass du diesen Mist erleben musstest. Mir sind fast selbst die Tränen gekommen, als du bei mir so sehr geweint hast. Ich habe mir vor allem so riesige Sorgen um dich gemacht. Die mache ich mir auch heutzutage noch.“ – „Du machst dir auch heute Sorgen um mich?“ – „Ja. Ich habe dich selten so nachdenklich wie gestern und heute erlebt. Wenn ich dich in der Schule sehe, hatte ich immer das Gefühl, dass dich irgendwas bedrückt.“ – „Ja, es sind einfach einige Sachen, die zusammenkamen. Der Stress mit den Klausuren, die ganzen Hausaufgaben und Vorträge… Ich habe an einigen Tagen nur vier Stunden Schlaf gehabt, weil ich sonst nicht hinterhergekommen wäre.“ – „Oha, so schlimm?“ – „Ja, für einige Sachen habe ich wirklich ewig gebraucht. War das bei dir nicht so?“ – „Na ja, ich habe freiwillig bei einigen Abgaben etwas geschlampt, um mich nicht völlig fertig zu machen. Meistens habe ich trotzdem eine Eins oder so bekommen.“ – „Oha. Das hätte ich dir nicht zugetraut.“ – „Na ja, ich habe mich auch verändert und mir gesagt, dass ich nicht mein gesamtes Leben für die Schule aufgeben will.“ – „Das ist sicher eine gesunde Einstellung.“
Es trat erneut ein kurzer Moment Stille ein, bis ich sagte: „Ich weiß noch, wie viel Mut es mich gekostet hat, dir ehrlich zu sagen, was ich für dich empfinde.“ – „Meinst du nach Jonas‘ Feier oder noch auf dem Berg in deinem Park?“ – „Auf dem Berg, ja. Dir das auf dem Riesenrad zu sagen war nicht die klügste Idee, die ich damals hatte.“ – „Die Höhe hat mir eine solche Angst gemacht. Ich hatte geahnt, dass du irgendwas vorhattest. Du hast so sehr gedrängelt, das kam mir sehr komisch vor. Glaubst du übrigens wirklich, ich habe nicht mitbekommen, wie du kurz abgehauen bist, um zu schauen, ob das Riesenrad gerade leer ist?“ – „Das hast du mitbekommen?“ Ich war leicht entsetzt, grinste aber breit. „Na klar. Ich wollte dir eines der Glastiere zeigen, um dich zu fragen, was du davon hältst, und da habe ich gesehen, dass du ein paar Meter weggelaufen warst. Ich habe mich aber ganz schnell wieder umgedreht und weiter so getan, als würde ich mich zwischen den Glastieren nicht entscheiden können, weil ich dir deinen Plan nicht versauen wollte.“ – „Menno, dabei hatte ich mich so sehr gefreut, dich damit überraschen zu können!“ – „Das war trotzdem total romantisch. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.“ – „Ich auch. Ich war schlagartig so überfordert… Mein Herz hat richtig gerast. Ich hatte plötzlich so Angst, dir das ehrlich zu sagen.“ – „Verstehe ich aber gar nicht. Wir hatten uns damals doch schon ein paar Mal geküsst. Ich hatte auch gar nicht unbedingt damit gerechnet, dass du ‚Ich liebe dich‘ sagen würdest. Ich wusste aber, dass du mir sagen würdest, wie du zu mir stehst. Als wir in der Schlange standen, habe ich mich so sehr gefreut, ich hätte platzen können. Ich wusste, dass du das nicht vorgeschlagen hättest, wenn du nicht etwas Positives vorgehabt hättest.“ – „Ich habe das gar nicht so richtig mitbekommen. Ich war in so einem Tunnelblick, dass ich richtig überfordert war.“ – „Also habe ich es richtig vermutet. Du warst plötzlich so still, als wir in der Schlange standen. Ich war fast und drauf dran, dich einfach zu fragen, was du vorhast. Ich wollte nicht abwarten, bis wir auf dem Riesenrad sind.“ Wir lachten darüber und Janine sagte: „Als du mir gesagt hast, dass du dich auch in mich verliebt hast, hast du es mir so viel einfacher gemacht.“ – „Warum das?“ – „Weißt du das nicht mehr? Ich habe dir damals ein paar Mal gesagt, dass ich einfach so häufig Zweifel hatte. Ich hatte Sorge, dass du mir doch noch wegläufst und mich nicht willst.“ – „Doch, daran erinnere ich mich natürlich noch. Ich habe einfach Zeit gebraucht, mich an das alles zu gewöhnen. Das hat mich völlig überrannt.“ – „Du hast dich an diesem Abend so sehr geöffnet und warst plötzlich wie ausgewechselt. Ab da wusste ich wirklich, dass du mit mir zusammen sein willst. Vorher warst du immer wieder so vorsichtig und reserviert. Ich war so richtig intensiv in dich verliebt und wollte dich die ganze Zeit um mich herumhaben. Du hast mich teilweise damit verrückt gemacht, wenn du mich ein bisschen auf Abstand gehalten hast und dich an manchen Tagen fast gar nicht gemeldet hast, bevor wir richtig zusammen waren. Weißt du noch, als wir mit Petra zusammen gekocht haben?“ – „Ja. Ich habe mich richtig mies gefühlt, dass ich kaum mitgeholfen habe.“ – „Das ist mir an diesem Tag auch aufgefallen…“ – „Irgendwie wart ihr so schnell und so fleißig, dass ich nicht so richtig wusste, wie ich helfen konnte. Ich wollte eigentlich schon helfen, weil ich das sonst auch mache, aber da war ich so richtig überflüssig.“ – „Nein, überflüssig warst du nicht, ich fand es toll, dass ihr da wart! Das hat sich für mich richtig wie eine zweite Familie angefühlt. Du und ich waren zusammen und Petra war für mich wie eine Ersatzmutter.“ – „Sie ist für mich auch wie eine Ersatzmutter. Ich sehe sie gar nicht mehr als meine Tante an. Das ist komplett anders geworden, seitdem wir zusammenleben. Ich bin einfach froh, dass sie da auch ist, auch wenn ich in den letzten Monaten eher wenig mit ihr gesprochen habe. Sie hat mir oft angeboten, mit ihr über das alles zu reden, aber ich wollte das nicht. Ich glaube, das hätte mir zu sehr wehgetan.“ Nach meinem Satz schwiegen wir einige Sekunden lang, weil ihr klar, worauf ich anspielte.
„Am Anfang habe ich mir echt gewünscht, dass wir das noch mehr zeigen, dass wir zusammen sind. Ich fand es einfach so toll, dass du mit mir zusammen sein wolltest, dass ich am liebsten allen gezeigt hätte, mit wem ich zusammen bin.“, schob Janine plötzlich nach. Ich war von ihrer Kritik leicht überrascht: „Haben wir denn nicht gezeigt, dass wir zusammen sind? Wir sind doch fast überall Hand in Hand unterwegs gewesen. Und wenn Freunde mit dabei waren, haben wir das doch meistens auch gezeigt.“ – „Na ja, ich fand gerade am Anfang, dass du das eher versteckt halten wolltest. Du hast einige Male meine Hand sogar losgelassen, wenn wir kurz auf wen getroffen sind. Ich habe richtig gespürt, wie vorsichtig du lange Zeit warst.“ – „Das ist mir selbst ehrlich gesagt nicht so sehr aufgefallen. Du hattest es definitiv irgendwann angesprochen, als wir in der Schule waren. Aber ich habe das nicht als Problem empfunden.“ – „War es auch nicht wirklich. Irgendwann war deine Vorsicht auch weg. Du wurdest immer mutiger.“ – „Meinst du das jetzt sexuell?“ Ich schmunzelte und steckte Janine damit an. „Das auch, ja. Aber ich hatte irgendwann das Gefühl, dass du auch stolz warst, dass ich deine Freundin war.“ – „Bin ich auch.“ – „Bin?“ – „Na ja, ich bin auch heute noch stolz darauf, dass du meine Freundin warst. Wir hatten eine tolle Zeit zusammen, das hat mich sehr verändert. Du hast mich sehr verändert. Und ich weiß, dass ich auch dich sehr verändert habe. Wir haben uns in unterschiedlichen Bereichen Selbstbewusstsein gegeben, weil wir in manchen Dingen schüchtern und vorsichtig waren.“ – „Damit hast du Recht. Ich bin dir so dankbar, dass du mich einfach so akzeptiert hast, wie ich war. Mit all meinen kleinen und auch großen Macken.“ – „Ach, ehrlich gesagt hattest du wirklich eher nur kleine Macken, die ich nicht schlimm finde. Was macht eigentlich deine Schuhmenge?“ Sie schwieg beschämt, grinste dabei aber. „Siehst du. Ich finde das nicht schlimm, ist doch völlig ok, wenn Mode zum Beispiel eher deins ist.“ – „Ich finde das ja selbst an mir schlimm, aber ich habe deswegen auch letztens erst einiges ausgemistet und teilweise verkauft. Jetzt ist es schon deutlich weniger geworden.“ – „Klingt doch wirklich gut.“ – „Spielst du denn immer noch gerne am PC oder so?“ – „Ja, aber es ist echt deutlich weniger geworden, vor allem auch durch die Schule. Meist spiele ich eher nur noch mit irgendwem zusammen, zum Beispiel Tim. Allein spiele ich gar nicht mehr so wirklich, das ist auch viel weniger geworden.“ – „Das habe ich zum Beispiel auch nie schlimm gefunden, es ist vor allem halt auch ein Hobby von dir. So wie eben Schuhe bei mir… Ich mag Styling einfach, solange es nicht zu extrem ist.“ – „Und das war es bei dir nie. Deswegen fand ich das nicht schlimm. Auch wenn ich sagen muss, dass du früher eine ganze Weile lang echt zu stark geschminkt warst, obwohl du das bei den anderen Frauen so verurteilt hast.“ – „Gefiel ich dir nicht?“ – „Doch, total. Du bist damit total sexy, du hast mich damit immer echt angemacht. Aber wie ich dir ja damals schon sagte: Mit wenig Schminke fand ich dich genauso sexy, teilweise sogar noch anziehender, weil ich deine Augen einfach so toll finde.“ Wir schauten uns in diesen Momenten direkt in die Augen, in meiner Magenregion war es schon wieder ziemlich flau. „Du glaubst gar nicht, wie gerne ich manchmal mit dir Sex gehabt hätte, als wir in der Schule waren und du mich wieder angemacht hast.“ Sie schaute mich völlig erstaunt an. „Ich werde nie vergessen, wo du in irgendeiner Stunde deine Hand einfach auf meinen Oberschenkel gelegt hast und ohne Vorwarnung einfach einmal kurz durch die Hose hindurch meinen Penis berührt hast. Ich musste mich so zusammenreißen, das war so richtig dreckig.“ – „Das war doch nur eine ganz zufällige Berührung!“ Sie zwinkerte mich an. „Klar. Genau in einem Moment, wo alle Blicke von allen Leuten in eine andere Richtung gingen, sodass es keiner mitbekommen konnte. Total unauffällig. Fällt keinem auf. Das war so richtig mies.“ – „Aber du bist besser, als du mir in einer Freistunde, wo es keiner sehen konnte, an den Hintern gefasst hast, ja?“ – „So was würde ich doch nie tun…“ Ich betonte das Wort nie sehr lange, sodass wir richtig laut lachen mussten und sie mich einfach aus Spaß leicht versuchte, zur Seite zu schieben. Wir setzten uns wieder aber so nah, wie es vorher war, sodass wir uns an den Armen wieder berührten. Ich fand diese Momente der Erinnerung einfach schön, mir taten diese Momente wirklich gut.
„Ich war wirklich beeindruckt, als du mich vor Bennys Freund in Schutz genommen hast.“ Mir war das irgendwie unangenehm, dass sie das so direkt ansprach. „Ich konnte das einfach nicht ertragen, dass diese Arschlöcher mit dir so umgehen. Nicht nur, dass er dich überhaupt darauf ansprach und dich so angepöbelt hat, sondern auch, dass er das offen vor allen machte, wobei definitiv nicht jeder im Raum wusste, was zwischen Benny und dir war, war die unterste Schublade. Das hat mich richtig wütend gemacht. Aber ja, bei anderen wäre ich definitiv nicht aufgestanden. Nur, weil ich mich von dir getrennt habe, heißt es nicht, dass du mir plötzlich nichts mehr bedeutest.“ – „Dass Benny so scheiße mit der Situation umgehen würde, hatte ich nicht erwartet.“ – „Falls ich das fragen darf: Was ist denn überhaupt vorgefallen? Ich weiß nur, dass du mit ihm im Bett warst. Den restlichen Sachen habe ich nicht geglaubt.“ – „Was wurde denn noch über mich erzählt?“ – „Ach, solche Scheiße, dass du ihn verführt hättest, es voll darauf angelegt hast, rücksichtslos warst… Aber ich wusste, dass ich dich irgendwann selbst fragen werde, was wirklich passiert ist. Wenn du so gewesen wärest, wie mir berichtet wurde, hätte ich vermutlich nie wieder Kontakt mit dir haben wollen und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass du dich so verändert hast.“ – „Nein, das stimmt alles nicht. Aber ja, ich habe mit ihm geschlafen, das stimmt.“ – „Und, wie wars?“ Janine schaute mich ziemlich schockiert an, mir war meine Frage sofort unangenehm. „Sorry, wenn die Frage zu intim und direkt ist.“ – „Nein, die Frage finde ich völlig okay. Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass du mich das wirklich fragen würdest. Gerade, weil du ja früher nicht so gerne über solche Dinge geredet hast.“ – „Na ja, aber wir haben ja auch, als wir zusammen waren, immer öfter über solche Dinge geredet. Es war nicht so, dass ich die ganze Zeit nur so prüde war. Und ja, ich war wirklich prüde. Das bin ich nicht mehr. Ich lebe viel mehr nach Gefühl als früher, dafür bin ich dir vor allem auch dankbar, ich bin nicht mehr so sehr Kopfmensch wie früher.“ – „Das wirkte mir gestern, als du im Zug so nachdenklich warst, aber anders.“ – „Hihi, das stimmt natürlich. Aber so bin ich nur, wenn ich Dinge verarbeiten muss. Ich weiß, dass ich mich wesentlich leichter fallen lassen kann als früher.“ – „Das klingt schön. Aber du hast schon Recht, wenn du und ich miteinander geschlafen haben, haben wir ja auch immer öfter bemerkt, dass du gut abschalten konntest und immer wilder wurdest.“ – „Das habe ich vor allem dir zu verdanken, du hast mich wirklich locker gemacht.“ – „Wie ist denn deine Verbindung zu Julia?“ Meine Miene wurde kurz deutlich nachdenklicher, sie traf direkt den wunden Punkt. „Du hast geschickt von meiner Frage an dich abgelenkt!“ Wir grinsten und sie meinte: „Genau das versuchst du jetzt gerade auch.“ Sie schaute mich herausfordernd an und ich meinte: „Okay, ich erzähle dir das ehrlich, danach beantwortest du mir aber auch meine Frage.“ – „Deal.“ Wir stießen die Fäuste aneinander und ich begann: „Wir sind nicht zusammen oder so. Es hat sich ein paar Wochen so angefühlt, aber eigentlich sind wir nur extrem gut befreundet.“ – „Auch heute noch?“ – „Ja, auch heute noch. Wir reden oft miteinander. Sie ist für mich eigentlich eine beste Freundin geworden.“ – „Aber wart ihr nicht auch im Bett?“ – „Woher weißt du das?“ – „Ich habe einfach nur geraten. Man hat euch zwar nicht am Strand gesehen, aber mir hat jemand erzählt, dass er gesehen hat, wie ihr herumgeschmust habt.“ – „Das stimmt auch. Wir hätten zwei Mal fast miteinander geschlafen.“ – „Und warum habt ihr es nicht?“ – „Du bist ganz schön neugierig!“ Ich stieß sie von der Seite an und ergänzte: „Irgendwie… fing mein Kopf plötzlich an, nachzudenken. Am Strand haben vermutlich nur wenige Sekunden gefehlt, bis…“ Sie schaute mich richtig neugierig an. „… na ja, bis ihr vom Einkauf oder wo auch immer wieder zurückgekommen seid. Das hat sie und mich richtig rausgebracht.“ – „Oha, hättest du wirklich am Strand mit ihr geschlafen?“ – „Ja. Mir war in diesem Moment einfach alles so was von egal.“ – „Du bist wirklich locker geworden, ich habe dich unterschätzt.“ – „Ich habe es dir ja gesagt. Aber die meiste Lockerheit habe ich durch dich gewonnen, ein bisschen aber auch durch Julia.“ – „Wie nah seid ihr euch gekommen?“ – „Petting, aber nicht mehr. Da hat nicht viel gefehlt, aber mir hing einfach zu viel im Kopf drin, als wir kurz davor waren.“ – „Was hat dich denn so beschäftigt?“ – „Möchtest du das wirklich wissen?“ – „Ähm… ja?“ Sie klang verunsichert. „Ich habe mich dir gegenüber schlecht gefühlt, wenn ich mit ihr geschlafen hätte. Ich meine, wir sind seit einem halben Jahr getrennt, jeder von uns kann machen, was er oder sie will, aber ich habe einfach bemerkt, dass ich die Trennung vermutlich noch nicht ganz verarbeitet hatte.“ – „Und wie ist es jetzt?“ – „Ich glaube, unsere Trennung habe ich fast vollständig verarbeitet. Und wie geht es dir damit?“ Sie schwieg darauf lange… sehr lange. „Irgendwie habe ich unsere Trennung schon verarbeitet. Aber wirklich akzeptiert habe ich sie nicht.“ – „Was meinst du damit?“ – „Ich verstehe völlig, warum du die Beziehung beendet hast. Ich habe einfach so viel Scheiße gebaut, dass du das nicht mehr konntest und wolltest. Wenn ich jetzt über mich nachdenke, wie ich vor einigen Monaten war, ertrage ich mich selbst nicht mehr, darum habe ich so viel verändert.“ – „Wie zum Beispiel, dass du wirklich nichts mehr trinkst?“ – „Ja, genau. Ich habe seit unserer Trennung gar nichts mehr getrunken. Und ich habe mir geschworen, nur noch was zu trinken, wenn man zum Geburtstag oder so anstößt. Aber selbst das will ich eigentlich nicht mehr. Bei Bennys Geburtstagsfeier in einer Bar habe ich auch nichts getrunken. Ich lasse das nicht mehr zu.“ – „Das klingt mega gut. Das habe ich wirklich nicht gewusst.“ – „Hatte Tim davon nichts erzählt?“ – „Doch, schon, er hat es ein paar Mal erwähnt. Aber ich wusste nicht, ob er das nicht einfach deswegen macht, um uns direkt wieder zu verkuppeln oder so. Deswegen habe ich ihm das nicht so richtig geglaubt.“ – „Aber es stimmt wirklich. Ich habe vorhin deswegen auch nichts bestellt. Ich möchte das Zeug nicht mehr, das war einfach viel zu viel. Ich habe damit einfach so schöne Sachen kaputt gemacht und das soll mir nie wieder passieren.“ – „Ich finde es wirklich schön, dass du mit dem Alkohol aufgehört hast. Stimmt es wirklich, dass du keinen Kontakt zu Jeremias und so hast?“ – „Ja, ich habe sofort den Kontakt abgebrochen. Ich habe Jeremias noch ein einziges Mal kurz gesehen und ihm so dermaßen deutlich die Meinung gegeigt, dass er mich wohl mein Leben lang in Ruhe lassen wird. Ich bin so richtig ausgeflippt.“ – „Wie muss ich mir das vorstellen?“ – „Das Schwein hat versucht, mich noch mal zu küssen, sodass ich ihm einen Tritt in die Eier verpasst habe.“ Ich schaute richtig erstaunt und konnte mir einen gehässigen Seitenhieb nicht verkneifen: „Das hat dieser Penner aber so was von verdient.“ – „Fand ich auch.“ Obwohl wir unsere dunkle charakterliche Seite zeigten, harmonierten wir selbst in dieser.
„Es gab auch genügend Zeugen auf der Straße dafür, danach habe ich ihn überall geblockt wie auch alle anderen. Es kam auch nie wieder ein Anruf oder so was, der wird mich aus seinem Leben gestrichen haben, genauso, wie ich es vorher schon mit ihm und seinen Freunden gemacht habe. Heute verstehe ich, was du damals ganz früh schon geahnt hast. Ich wollte es damals nicht wahrhaben, dass die meisten keine richtige Perspektive für die Zukunft haben. Ich mochte einfach ihre entspannte Art, aber ich habe nach unserer Trennung auch verstanden, wie planlos einige von denen waren. Als die bis in die Nacht gefeiert haben und keiner von denen zur Schule ging, war ich das erste Mal so richtig entsetzt. Ich war zwar auch danach noch bei den Treffen, wie du ja weißt, aber das war das erste Alarmzeichen. Das zweite und letzte war das miese Verhalten von Jeremias… nur war es leider zu spät.“ Ich schaute ausnahmsweise stur zum Fenster und dachte über ihre Worte nach.
„Bist du in Julia verliebt?“ – „Wie ich eben sagte: Ein bisschen war ich es sicher. Aber mittlerweile bin ich mir eher sicher, dass es eine Freundschaft ist. Darüber habe ich gestern und heute nachgedacht.“ – „Oha, warum das? Ist was vorgefallen?“ – „Nein, wir schrieben gestern nur ein paar Nachrichten hin und her. Sie fragte mich, ob ich gestern Abend nicht Zeit hatte. Das war natürlich ein schlechtes Timing.“ – „Habt ihr eine Freundschaft plus?“ – „Nein, eigentlich kann man das auch nicht so nennen. Ja, wir kamen uns näher, aber wir haben einfach eine besondere Freundschaft. Ich wüsste aber, wenn ich wieder mit irgendwem zusammenkommen sollte, dass Julia eben nur eine Freundschaft bleibt, aber nicht mehr. Ich möchte Julias Freundschaft nicht mehr missen, weil sie sich in ihrer letzten Beziehung echt verändert hat. Heute komme ich richtig gut mit ihr klar.“ – „Das klingt wirklich schön. Mir haben auch mehrere Leute erzählt, wie entspannt sie wohl geworden ist.“ – „Das sah mir vor ein paar Monaten aber noch anders aus. Ich hatte echt Sorge, du tust ihr irgendwann was an.“ – „Tut mir leid, dass du das so mitbekommen hast. Ich war vor, bei und nach der Kursfahrt einfach… eifersüchtig.“ – „Wäre mir ja gar nicht aufgefallen.“ Ich lachte darüber, Janine war leicht beschämt. Sie lachte aber mit. „Ich konnte gegen meine Eifersucht nichts machen, aber in meinem Innern bin ich mir sicher, dass Julia eigentlich nicht scheiße ist.“ – „Bist du auch jetzt eifersüchtig?“ – „Es ist deutlich besser geworden.“ – „Wirklich?“ – „Ja, wirklich. Ein bisschen eifersüchtig bin ich vielleicht immer noch, aber es hält sich wirklich sehr in Grenzen.“ – „Und warum das?“ Sie schwieg. „Kannst du dir das denn nicht denken?“ Ich nickte leicht, wir schwiegen aber.
„Wollten wir nicht eigentlich über die schönen Dinge reden, bevor wir über unsere Trennung reden?“, stupste mich Janine von der Seite an. Sie brachte mich zum Grinsen, dafür hatte sie definitiv ein Talent. „Das stimmt. Aber du lenkst ab: Wie war es für dich, Benny nahezukommen?“ – „Du bist aber auch neugierig!“ – „Ich? Nein? Würde ich niemals machen.“ Ich schaute ihr in die Augen und wartete auf ihre Antwort. „Es war… schön.“, sagte sie. „Ich habe mich begehrt gefühlt. Es hat sich einfach in dem Moment richtig angefühlt. Ich war ähnlich wie du vermutlich in dem Moment einfach verknallt.“ – „Aber…?“ – „Der Abend war wirklich schön. Der Sex war toll. Aber ich habe weder Benny gezwungen noch er mich. Ich habe ihn gleich mehrfach gefragt, ob er das wirklich direkt will. Im Prinzip war das auch nicht unser erstes Treffen, aber es war ganz offiziell unser erstes richtiges Date. Eigentlich hatte ich nicht geplant, dass es so weit kommt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir uns überhaupt küssen würden. Er hat mich an diesem Abend einfach angezogen. Ich war mir nicht sicher, ob ich das Date überhaupt wollte.“ – „Aber mehr ist nicht daraus geworden?“ – „Nein. Als ich morgens neben ihm wach wurde, hatte ich ein fürchterlich schlechtes Gewissen.“ – „Aber warum das? Ihr habt halt miteinander geschlafen, dabei war doch nichts Schlimmes?“ – „Ich habe einfach gespürt, dass ich mich nicht auf eine Beziehung mit ihm einlassen kann. Es war für mich rein freundschaftlich.“ – „Hattest du keine Gefühle für ihn?“ – „Doch, schon irgendwie. Aber ich hatte eben unsere Trennung noch nicht verarbeitet. Ich konnte das einfach zu diesem Zeitpunkt nicht.“ – „Und wie wäre es jetzt? Habt ihr noch Kontakt?“ – „Nein, Benny war stinksauer oder zumindest tief verletzt. Der Kontakt ist direkt auseinandergebrochen, aber vor allem, als sein bester Kumpel diesen Auftritt hingelegt hat. Wir haben abends miteinander telefoniert und sind uns richtig angegangen. Er hat gesagt, dass er von mir nichts mehr hören will. So ist es bis heute. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich daran jemals noch etwas ändert.“ – „Das klingt nach keinem besonders guten Ende.“ – „Ja, leider nicht. Ich wäre ehrlich gesagt gerne weiterhin befreundet mit ihm geblieben.“ – „Wer weiß, vielleicht wird das ja jemals noch was und ihr könnt darüber noch reden?“ – „Vielleicht. Aber an einer Beziehung mit ihm bin ich definitiv nicht interessiert, spätestens nach seinem Verhalten. Ich habe mich zig Mal bei ihm entschuldigt, aber sein Verhalten hat das endgültig zerstört.“
Wir schwiegen für einige Momente, bis ich einfach weiter über unsere Vergangenheit nachdachte. „Weißt du, was ich dir auch niemals vergessen werde?“, fragte ich Janine. Sie schaute gespannt. „Wie du für mich da warst, als meine Oma gestorben ist. Diese Tage, als du extra bei mir über Nacht geblieben bist, um mich abzulenken und für mich da zu sein, als es mir erneut so fürchterlich ging, werde ich auch nie vergessen. Genauso wie die Woche in eurem Garten.“ – „Du warst so extrem emotional, als ich dir sagte, dass ich auch die ganzen Tage weiterhin bei euch bleibe, bis Petra wieder da ist. Das hat mir fast das Herz zerrissen. Du warst so verzweifelt.“ – „Ja, ich war einfach so froh, dass du für mich da warst. Gleichzeitig habe ich mich so schlecht gefühlt, dass wir uns genau in diesen Tagen immer nähergekommen sind.“ – „Ich weiß auch nicht, warum das genau in dieser Zeit passiert ist. Später habe ich mich eine Weile lange gefragt, ob ich dich dort nicht überrumpelt habe, was ich absolut nicht wollte. Ich wollte, dass das komplett von dir selbst kommt, wenn wir miteinander schlafen.“ – „Ein bisschen Antrieb hat sicherlich nicht geschadet. Abgesehen davon zählen dabei immer zwei dazu, ne?“ – „Ja, klar, aber du weißt, was ich meine. Ich wollte deine Lage nicht ausnutzen.“ – „Keine Sorge, das hast du nicht. Ich habe schon gespürt, dass ich das selbst auch wollte.“ – „Dann bin ich wirklich deutlich beruhigter. Weil du den Garten erwähnt hast: Den Garten haben wir auch weiterhin noch. Ich war selbst aber kaum mehr da in den letzten Monaten.“ – „Na gut, aktuell ist es auch zu kalt.“ – „Das stimmt natürlich.“ Wir schmunzelten. „Ich werde nie deinen Blick vergessen, als ich mein Handtuch in eurem Badezimmer losgelassen habe.“ – „Na und? Ich war halt überfordert, was erwartest du?“ Ich lachte schon, aber Janines Lachanfall riss mich total mit, sodass wir ewig nur am Lachen und Kichern waren. Ich bekam schon leichte Magenschmerzen, bis ich mit etwas mehr Ernsthaftigkeit meinte: „Du bist der erste Mensch, der nicht Teil meiner Familie war und den ich wirklich vollständig nackt gesehen habe.“ – „Ich weiß, was du meinst. Mir ging es doch mit dir genauso.“ – „Warst du auch so aufgeregt?“ – „Natürlich war ich das, aber ich kann damit besser umgehen als du. Oder zumindest konnte ich das. Wie war es denn für dich, als du mit Julia nähergekommen bist?“ – „Ein wenig Anspannung war da schon da, aber ich war so im Rausch, dass es mir einfach egal war, dass Julia mich nackt sehen würde. Und durch unsere Beziehung früher war es für mich irgendwie auch völlig normal, sie nackt zu sehen, auch wenn ihr Körper natürlich ganz anders als deiner aussieht.“ – „Das ging mir mit Benny ähnlich. Ich habe eine Sache aber gespürt, ich könnte wohl keine One-Night-Stands haben.“ – „Warum das?“ – „Ich brauche Vertrauen, dass ich mir Sex überhaupt mit jemand vorstellen kann. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich das so schnell bekomme, wenn ich jemand gerade zum ersten Mal für ein paar Stunden treffe.“ – „Geht mir sehr ähnlich. So ganz direkt hätte ich mit Julia nicht ins Bett gehen können.“
„Unser Sex war definitiv besser als meine Erfahrung mit Benny.“, haute Janine plötzlich ohne Vorwarnung raus. Mir stand der Mund auf und ich schaute ihr direkt in die Augen. „So genau wollte ich das nun eigentlich wirklich nicht wissen, weil… du ja damit auch womöglich etwas über ihn verrätst, was ja ruhig ein intimes Detail zwischen euch bleiben soll. Das geht mich ja gar nichts an.“ – „Sorry? Ich sage damit nur aus, dass er eben nicht erfahren war und er und ich nicht so eingespielt waren wie du und ich. Abgesehen davon hast du vorhin direkt gefragt, wie der Sex war!“ Wir grinsten. „Ja, aber so war meine Frage auch nicht unbedingt gemeint. Man munkelt ja, dass er bisher noch keine Freundin hatte.“ Sie schwieg plötzlich lange und ich meinte leicht überrascht: „Oh.“ – „Verstehst du jetzt, warum ich mich so richtig schlecht gefühlt habe und immer noch fühle?“ – „Ja, nun verstehe ich das umso mehr. Aber trotzdem muss ich auch sagen: Er hätte genauso auch nein sagen können.“ – „Wahrscheinlich hat er gehofft, dass das ein Beziehungsanfang ist…“ – „Dass das bitter ist und schmerzt, verstehe ich. Seine Reaktion, seinen besten Freund als Kampfhund vorzuschicken, ist trotzdem absolut kindisch und scheiße. Wenn Benjamin dich scheiße findet, völlig ok, aber die Reaktion geht halt gar nicht.“ – „Damit hast du Recht, ja.“
„Du bist auf jeden Fall der Mensch, dem ich am meisten überhaupt vertraue.“ Dieser Satz rutschte mir plötzlich einfach raus, was ging denn in mir gerade vor? Ich war ziemlich emotional gerade. Ihr Mund stand vor Erstaunen leicht offen. „Aber… was ist mit Tim? Oder mit Petra?“ – „Den beiden vertraue ich auch, aber wir beide waren zusammen, das ist etwas ganz anderes für mich. Aus diesem Grund habe ich dich auch so sehr in Schutz genommen vor Bennys Freund.“ – „Danke.“ Wir schauten uns erneut in die Augen und mir war von einem Moment auf den anderen wieder leicht schlecht, weil mich ihre Blicke so verunsicherten. „Ich erinnere mich immer noch regelmäßig an das Gedicht, welches du mir an Weihnachten geschenkt hast. In mir kribbelt selbst heute immer noch alles, wenn ich es immer wieder lese.“ – „Ich werde nie vergessen, wie sehr du geweint hast, als ich mit dem Vortragen fertig war.“ – „Ich könnte selbst jetzt noch weinen, wenn ich darüber nachdenke.“ Sie lächelte mir zu und ich legte ihr in einem Schwall aus Emotionalität meinen Arm über ihre Schultern, um sie leicht zu tätscheln. Sie kam mir dadurch noch ein wenig näher und kuschelte sich leicht an mich. Nach einigen langen Momenten löste ich meinen Arm wieder von ihr und sie ging wieder auf den Abstand, den wir die ganze Zeit hatten. Unsere Körper berührten sich dennoch weiterhin leicht. Ich mochte das blinde Vertrauen, dass wir in diesen Momenten zueinander hatten. „Das war wohl einfach das schönste Geschenk, das ich jemals bisher bekommen habe. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man das so einfach toppen kann.“ – „Wie ich dir damals schon sagte: Darum geht es ja gar nicht. Ich wollte einfach ausdrücken, wie viel du mir bedeutest und ich glaube, dass mir das wirklich gut gelungen ist.“ – „Oh ja, ich liebe das Gedicht einfach.“ – „Und offenbar den Ring, den ich dir geschenkt habe, auch.“ Sie schaute nachdenklich auf ihren Ring, den sie am Ringfinger trug und berührte ihn leicht mit den Fingern ihrer anderen Hand. „Ja, dieser Ring ist einfach… toll. Er sieht einfach total schön aus und… ich trage ihn auch weiterhin total gerne.“ Sie wurde plötzlich ziemlich kleinlaut. Ich sparte mir meine Frage im Innern, warum sie diesen Ring auch weiterhin so liebte. Vielleicht, weil ich die Antwort schon kannte und einfach nicht hören wollte.
Wir hörten, wie mein Smartphone in meiner Hosentasche vibrierte. „Du bist wohl wichtig“, meinte Janine mit einem Schmunzeln und ich sagte: „Das kann warten, das ist jetzt nicht wichtig.“ – „Schau ruhig drauf. Vielleicht hat Tim keine Lust, rüberzukommen und uns irgendwas mitzuteilen.“ Das brachte uns ins Lachen, sodass ich mit ihrer Erlaubnis draufschaute und wir feststellten, dass sie Recht hatte! Er fragte per Nachricht nach, wann wir morgens aufstehen wollten, da wir ja vormittags die Hotelzimmer wieder verlassen mussten. Ich antwortete ihm eine vernünftige Uhrzeit und als ich anschließend dabei war, mein Smartphone vollständig stumm zu schalten, fragte Janine: „Hast du immer noch diese lustigen Spiele drauf?“ Die Erinnerungen an die zahlreichen Momente, in denen wir Tränen lachen mussten, kamen wieder hoch. „Könnte schon sein…“ Dabei zog ich eine lustige Grimasse, die Janine aufblühen und richtig aktiv werden ließ. „Willst du eine Runde spielen… und ich schaue mit zu?“ – „Sicher, dass wir das jetzt schon machen wollen?“ Ich schaute ihr mit einem Lächeln zum x-ten Male tief in die Augen, dass es mich selbst durchschüttelte. Nach ein paar Momenten ergänzte ich: „Was hältst du davon, wenn wir das nachher machen, bevor wir schlafen gehen?“ – „Klingt gut. Ich verstehe schon, was du meinst. Dein Plan klingt super.“ Ich steckte daraufhin mein Smartphone wieder weg und erzählte: „Weil du vorhin vom Garten gesprochen hast: Unsere Tage dort waren einfach fantastisch. Obwohl wir gar nicht verreist sind, waren diese Tage wirklich definitiv einige der Schönsten, die ich je hatte.“ – „Das habe ich auch so gefühlt. An diesen Tagen habe ich gespürt, wie gut wir zusammenpassen… und da habe ich zum ersten Mal gedacht, dass wir es auch schaffen könnten, ein Leben lang zusammen zu bleiben.“ Nachdenklich schaute ich zum Fenster, gegen das von draußen Wind gegendrückte. „Das Gefühl hatte ich damals auch. Wir haben so gut harmoniert beim Zusammenleben, dass ich davon gerne noch mehr Tage gehabt hätte.“ – „Das hast du schön gesagt.“
„Ich bereue es, dass ich nicht auf dich gehört habe und wir trotzdem an unserem Jahrestag-Wochenende zu der Geburtstagsfeier gegangen sind.“ Sie schaute mich von der Seite an, sodass ich mich zu ihr drehte. „Hey, du hattest damals schon Recht, finde ich. Die Abwechslung konnten wir schon gut vertragen. Ich kann dich verstehen, dass du dahingehen wolltest. Du hast im Vergleich zu mir viel weniger in der gesamten Zeit unternommen, meistens warst du ja sonst nur mit mir oder höchstens mit den anderen unterwegs, aber eigentlich auch nur, wenn ich mit dabei war.“ – „Das stimmt. Ich habe auch immer mehr gespürt, dass ich mehr draußen sein wollte, mehr von der Welt sehen, mehr mit Freunden machen. Das Abitur ist extrem wichtig für mich, aber damals habe ich deutlich gespürt, dass ich neben dem ständigen Arbeiten mehr erleben wollte, auch mit dir zusammen. Das Wellness-Wochenende war einfach schön und ich habe geglaubt, dass diese Feier für unseren Beziehungszusammenhalt positiv sein würde. Mein Gedanke war einfach, dass es uns noch mehr zusammenschweißen würde, wenn wir noch mehr gemeinsame Erlebnisse haben würden.“ – „Daher sage ich ja, ich kann dich heute voll verstehen und es tut mir leid, dass ich dich damals so ausbremsen wollte. Ich hätte dich vermutlich damals auch nicht an die Feier erinnert, wenn du sie einfach vergessen hättest, aber das wäre überhaupt nicht fair von mir gewesen. Das ist mir vor ein paar Monaten bewusst geworden, dass ich da total bestimmend war und das war nicht in Ordnung.“ – „Dafür brauchst du dich doch nicht zu entschuldigen, du bist ja trotzdem mitgekommen. Aber ich bereue es trotzdem, dass wir dort waren… so wäre ich nicht auf diese Idioten getroffen und hätte mich nicht so in den Bann ziehen lassen.“ – „Hast du mir nicht oft genug gesagt, dass ich sie so nicht nennen soll?“ Ich gab ihr einen kleinen Stupser an die Schulter, den sie mir direkt zurückgab. „Ja, ich weiß. Aber nach den ganzen Erlebnissen kann ich wirklich sagen, dass es mindestens ein riesiges Arschloch unter all den Leuten gab.“ – „Bei einem gebe ich dir absolut Recht. Auch wenn ich die lockere Art der meisten nicht leiden konnte, waren die meisten wirklich völlig in Ordnung, außer, dass sie eben definitiv zu viel Alkohol tranken.“ – „Das klang damals definitiv auch noch ganz anders.“ Sie grinste. „Ja, ich war gegenüber den meisten nicht fair. Ich hatte einfach unheimliche Angst, dass ich dich an die Gruppe verlieren würde, und das wollte ich unter allen Umständen verhindern. Ich habe dich viel zu sehr geliebt, als dass ich das einfach so akzeptieren wollte.“ – „Diese Eigenschaft liebe ich wirklich an dir, dass du so beharrlich bist und dich für die Menschen, die dir wichtig sind, einsetzt.“ – „Danke schön.“ Ich ließ das Kompliment kurz sacken und fuhr fort: „Einzelne aus der Gruppe von Jeremias waren wirklich auch echt nett, so fair muss ich sein. Es tut mir leid, dass ich dir das vor allem in den ersten Wochen so oft madig gemacht habe. Das war nicht fair von mir. Ich wusste nicht wohin mit meinen Sorgen und meiner Angst. Und ja, ich war auch irgendwie eifersüchtig, gerade, als du mit denen so regelmäßig Zeit verbracht hast. Dabei ging es mir nie darum, dich von neuen Freunden fernzuhalten, das habe ich dir total gegönnt. Ich habe einfach gespürt, dass das irgendwas mit dir gemacht hat. Ich hatte das Gefühl, dass du dich nicht mehr wirklich auf unsere Beziehung konzentriert hast und wir dir teilweise egal geworden waren.“ – „Das ständige Saufen hat einfach alles kaputt gemacht, dafür hasse ich mich sehr.“ – „Hey.“ Ich griff ihren Arm leicht und schaute sie an. „Ja, das hat zu keiner guten Zeit geführt, aber das Entscheidende ist doch, was man daraus macht. Ich finde, du hast doch genau die richtigen Konsequenzen daraus gezogen, dass du mit denen keinen Kontakt mehr hast und sogar nichts mehr trinkst, ist doch auch eine gute und richtige Entscheidung.“ – „Ja, aber ich habe dir damit eine lange, schwere Zeit verursacht und nachdem du dich getrennt hast, war es für dich sicher auch nicht leicht, oder?“ – „Es war viele Monate lang nicht wirklich einfach. Es wurde nach und nach einfacher, auch, weil ich mich durch Julia und später durch Sandra gut ablenken konnte. Aber du hast Recht: Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich abends zu Hause saß und wie oft es mir so richtig wehtat, dass ich mich getrennt habe. Nicht nur dir sind häufiger Tränen gekommen.“ Wir schwiegen einige Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten. „Marc, es tut mir wirklich so sehr leid, dass ich dich die ganzen Monate lang so scheiße behandelt habe, nachdem wir Jeremias kennengelernt hatten. Du hattest das nicht verdient. Ja, ich fühlte mich manchmal so, als wolltest du mein Vater sein, aber du hattest völlig Recht mit deinem Bauchgefühl. Jeremias hat mich einfach benutzt und wollte mich von dir losbekommen. Ich habe das nicht gesehen und der beschissene Alkohol hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich würde es jederzeit alles rückgängig machen, wenn ich könnte. Egal, wie hoch der Preis ist, ich würde ihn zahlen. Weil ich nicht möchte, dass unsere Verbindung so auseinander geht. Ich hatte Angst, dass wir nach der Trennung kein Wort mehr miteinander sprechen, was ja lange Zeit auch der Fall war.“ – „Ich habe das vor allem auch wegen mir selbst gemacht. Ich wusste, dass ich mich selbst schützen musste. Wäre ich weiter mit dir zusammengeblieben, weiß ich nicht, wie lange ich das noch ausgehalten hätte. Dich so zu sehen, hat einfach so oft so wehgetan. Gerade auch, als ich dich in der Nacht vor meiner Geburtstagsfeier abgeholt habe und du dich einfach überall übergeben hast. Das hat einen richtigen Knack in mir ausgelöst und der Kuss mit Jeremias war einfach viel zu viel.“ – „Ich wollte dich mit diesem Kuss wirklich nicht verletzen. Er hat mich einfach völlig überrumpelt. Es hatte rein gar nichts zu bedeuten. Ich war so angewidert und habe ihn direkt danach gehasst. Auch, wenn du nicht plötzlich da gewesen wärest, hätte ich den Kontakt zu ihm sofort komplett abgebrochen, weil er das eiskalt ausgenutzt hat. Es ekelt mich selbst jetzt noch an, wenn ich daran denke, dass dieses Schwein mich geküsst hat.“ – „Das glaube ich dir auch, dass du diesen Kuss nicht wolltest. Ich wusste anfangs nicht, was ich wirklich glauben sollte, aber ich war mir schnell sicher, dass du mich niemals betrügen wolltest. Da hat mich mein Bauchgefühl nicht getäuscht. Aber dieser Kuss war einfach zu viel, ich bin einfach ausgetickt. Ich habe die Kontrolle verloren, das hätte mir nicht passieren dürfen. So etwas ist mir seitdem auch nie wieder passiert und soll mir auch nie wieder passieren. Es tut mir leid, dass du das mitbekommen hast, wie ich auf ihn losgegangen bin. Vor allem fühle ich mich schlecht, dass ich dich womöglich sogar hätte verletzen können, wenn ich ihn zum Beispiel verfehlt hätte. Oder es hätte ja auch sonst was passieren können.“ – „Ich bin dir deswegen überhaupt nicht böse. Ich verstehe deine Reaktion. Na klar war es falsch, aber ich habe nun gar keinen Grund, böse zu sein, ich habe dieses ganze Chaos erst verursacht.“ – „So ganz hast du aber auch nicht Recht.“ Sie schaute mich erstaunt an, während ich weiter in Richtung Fenster schaute. „Ich hätte wirklich etwas lockerer damit umgehen müssen, dass du hin und wieder Alkohol getrunken hast. Zumindest hatte ich kein Recht, stinkig zu sein, wenn du einfach nur ein wenig angeheitert warst, daran ist und war nichts Schlimmes. Selbst darauf habe ich meist sehr heftig reagiert, das tut mir leid, das hätte ich nicht machen dürfen. Das war nicht in Ordnung.“ – „Ich verstehe heute wirklich sehr gut, warum du so reagiert hast. Du wolltest mich einfach beschützen. Ich bin dir, wie gesagt, überhaupt nicht böse, Marc.“ Dass sie erneut meinen Namen direkt sagte, obwohl ich neben ihr stand, erschütterte mich. Aber völliges Chaos löste sie in dem Moment aus, als sie plötzlich nach meiner Hand griff und versuchte, ihre Finger mit meinen zu verschränken. Ich ließ das nach einem etwas längeren Moment des Nachdenkens zu, weil es sich einfach gut anfühlte. Ich löste unsere Verbindung nicht und blieb dort Hand in Hand mit ihr sitzen.
„Weißt du, was ich besonders schlimm finde?“, fragte mich Janine. „Benny hat in dem letzten Gespräch so etwas wie Schlampe erwähnt, als er mir zum Vorwurf gemacht hat, dass ich erst die Beziehung mit dir so kaputt gemacht habe und mit ihm herummache, ohne, eine Beziehung von ihm überhaupt zu wollen. Mich hat das richtig fertig gemacht… als wäre das in den ganzen Monaten nicht schon genug gewesen.“ – „Diese Bezeichnung geht gar nicht. Du bist keine Schlampe, nur, weil du betrunken fremdgeküsst hast und mit ihm unter vernünftigen, normalen Umständen im Bett warst. Wärest du jetzt mit etlichen Kerlen im Bett gewesen und hättest allen was vorgespielt oder wärest mies zu denen gewesen, sähe das vielleicht anders aus, aber selbst, wenn du jetzt mit verschiedenen Männern Sex gehabt hättest, macht dich das trotzdem nicht zur Schlampe. Der soll also schön seine Klappe halten. Ja, es ist bitter, dass er womöglich verliebt in dich ist oder war, aber darüber muss er halt hinwegkommen und wieder von vorne anfangen.“ – „Damit hast du Recht. Er kam halt nicht damit klar, als ich ihm sagte, dass es nur eine einzige Person gab und gibt, die ich liebe… und das warst und bist du.“ Ich wusste es.
Nach einigen stillen Momenten fragte sie mich: „Darf ich dich fragen, was bei dir mit der Geschichte um Sandra los war?“ – „Sandra ist die Schwester eines Kumpels von Tim, Sebastian heißt er. Du hast ja mitbekommen, dass sie bei uns auf der Schule ist.“ – „Ja“, sagte sie fast in einem Flüsterton. Das schien sie sehr zu beschäftigen. „Ich habe sie seitdem ständig auf den Gängen gesehen. Sie ist mir sonst eigentlich nie aufgefallen.“ – „Geht mir ähnlich. Ich habe sie tatsächlich kennenlernen dürfen, nachdem ich mit Sebastian mehr rumgehangen habe. Ich habe in den ganzen Monaten viel Zeit mit ihr verbracht, wir haben eigentlich fast täglich miteinander telefoniert und ich habe eigentlich wirklich geglaubt, dass ich mit ihr schon fast zusammen bin, aber plötzlich kam auf einer Feier irgendein Typ und hat sich ganz billig an sie herangemacht. Zack, war sie mit dem zusammen, um mir nach ein paar Tagen schon zu sagen, dass sie mit ihm nicht zufrieden war und dass er nicht solch ein Gefühlsmensch war, wie sie das gerne gehabt hätte. Ich habe mich richtig verarscht gefühlt, weil ich echt durchweg für sie da war. Vor allem sagte sie mir direkt nach der Feier noch, als sie noch recht betrunken war, dass sie mit mir noch im Bett landen würde, wenn sie jetzt noch ein wenig mehr getrunken hätte. Attraktiv schien sie mich also gefunden zu haben, aber offenbar hat sie irgendwas gebremst. Aber was solls, ich habe den Kontakt ziemlich enttäuscht und wutentbrannt abgebrochen, zumal wir uns auch noch gestritten haben. Keine Ahnung, wie ihre Geschichte da weiterging, aber es kann mir auch egal sein. Ich habe sowohl den Kontakt zu Sebastian als auch zu ihr abgebrochen.“ – „Aber das ist doch schade, wenn dein Kontakt zu Sebastian auch kaputt gegangen ist.“ – „Na ja, meine Verbindung zu ihm war die ganze Zeit nicht besonders gut, das Problem war vor allem, dass ich ihm nicht so richtig trauen konnte. Tim hat mich auch gewarnt, dass Sebastian gerne hinterhältig ist und auch Sandra erzählte mir immer wieder, wie mies er mit ihr umgegangen war und sie immer eiskalt ausgenutzt hat, wenn sie nicht auf der Hut war.“ – „Das klingt nach keinem tollen Bruder.“ – „Sehe ich auch so.“ – „Hast du denn wirklich keinen Kontakt mehr zu Sandra?“ – „Nein, wir reden gar nicht mehr miteinander. Wenn wir uns in der Schule über den Weg laufen, schauen wir uns höchstens stumm an, aber reden nicht mehr miteinander. Ich habe sogar ihre Nummer gelöscht, damit ich gar nicht mehr auf die Idee komme, sie jemals noch anzuschreiben.“ – „Wie fühlst du dich denn jetzt, wenn du über sie nachdenkst?“ – „Verletzt. Enttäuscht. Irgendwie auch ausgenutzt. Ich glaube, sie fand mich definitiv attraktiv, aber hat sich einfach nicht getraut, war sich nicht sicher, hat auf eine Reaktion mir gewartet oder irgendwie so was. Aber tja, die Chance hat sie nun endgültig verspielt. Dann halt nicht. Aber es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit an sie denke. In der kurzen Zeit jetzt habe ich sie sehr gut aus meinem Kopf bekommen. Ich konzentriere mich jetzt wieder auf Schule und auf mein restliches Privatleben. Sie soll mir keine Zeit mehr kosten.“ – „Das klingt doch nach einem guten Plan.“ Janine öffnete kurz ihre Finger, um meine Hand direkt wieder fest zu umschließen. Hand in Hand dort mit ihr zu sitzen war ein richtig komisches Gefühl. Ich wusste nicht wirklich, was das alles zu bedeuten hatte. Warum freute ich mich im Innern darüber, dass wir unsere Finger verschränkt hatten? Warum zwickte es mir immer wieder in meiner Magengegend? Mein Kopf sagte mir glasklar, dass zwischen Janine und mir rein gar nichts mehr war. Mein Gefühl hingegen wusste nicht mehr, wo vorne und hinten war.
„Gibt es denn keinen anderen Mann, den du gerade spannend findest?“ – „Nein, Benny war wirklich eine Ausnahme. In diese Geschichte bin ich einfach ungewollt so reingeschlittert. Ich fand es toll, dass ich bei der Kursfahrt einfach so locker mit ihm Spaß haben konnte, er hat mich gut abgelenkt. Der Rest kam ja eher dadurch, dass ich mit ihm so viel Zeit verbrachte und dass ich ihn eben auch attraktiv fand. Sonst hätte ich das ja gar nicht so weit zugelassen.“ Ich schaute sie intensiv an und sie erwiderte nach einigen Momenten meine Blicke. „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass du Julia und mich so oft beim Küssen gesehen hast. Ich habe mich jedes Mal richtig schlecht gefühlt, wenn du uns so nah gesehen hast. Vor allem tut es mir wirklich leid, dass du sie und mich in meinem Zimmer gesehen hast, als du mit Tim da reinkamst. Ich habe mir immer geschworen, dass ich kein Arschloch sein wollte, auch wenn wir getrennt sind. Ja, ich habe damals wegen Jeremias und den ganzen blöden Sachen Schluss gemacht, aber ich habe dich nie gehasst oder so was, ganz und gar nicht, deswegen wollte ich niemals, dass ich dir irgendwie emotional Schmerzen zufüge. Es tut mir wirklich leid, weil du das nicht verdient hast. Du verdienst es, dass man gut dir umgeht. Du hast zwar Mist gebaut, aber du verdienst Respekt und Anstand, und den habe ich dir bei der Kursfahrt nicht entgegengebracht.“ Sie drückte meine Hand liebevoll und sagte: „Hey, das ist alles vergeben und verziehen. Ich war dir auch danach nicht böse, auch wenn du mir wirklich wehgetan hat.“ – „Lass uns das alles doch einfach vergessen, ok?“ – „Klingt gut. Danke.“
Wir waren erneut eine Zeit lang still und ich meinte: „Ich hatte vor kurzem einen schrecklichen Albtraum, in dem hast du eine große Rolle gespielt.“ – „Oh je. Um was ging es da?“ – „Ich bin ganz normal in die Schule gegangen. Da habe ich eine Menge Leute auf dem Hof gesehen und die haben alle nach oben gestarrt. Als ich dazu kam, sah ich, dass du oben auf dem Dach des Altbaus unserer Schule standest. Du wolltest dich… umbringen.“ – „Was?“ Sie drückte meine Hand richtig fest und ich sagte: „Ja, du standest da oben mit der Absicht, zu springen. Ich habe zu dir hoch gebrüllt, versucht, dich zu überzeugen, dass es nicht der richtige Weg ist. Ich bin sogar zu dir hochgekommen. Zumindest standen wir auf dem Dach und ich habe auf dich eingeredet. Ich wollte, dass du wieder zu mir kommst. Du solltest vom Dach wegkommen. Ich wollte dich retten. Ich bin dir langsam nähergekommen und du hast mich immer gefragt, ob alles so wie früher werden würde. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, und rief immer wieder, dass wir in Ruhe über das reden könnten, was da damals vorgefallen war. Du hast mir aber einfach nicht geglaubt und kurz, bevor ich bei dir ankam und dich retten konnte, bist du gesprungen. Ich bin noch nach unten gerannt und als ich dich im Traum da unten habe liegen sehen, ist mir schwarz vor Augen geworden und ich bin zusammengebrochen. Petra hat mich wach gemacht und aus dem Albtraum befreit.“ – „Oha, ach du scheiße… Das hast du geträumt? Weißt du… warum ich dir nicht geglaubt habe?“ – „Ja und nein. Ich weiß nicht, wieso ich das geträumt habe, aber ich kann mich daran erinnern, dass du einige Tage lang sehr schlecht ausgesehen hast. Dir ging es nicht gut, und ich wusste auch, dass ich der Grund dafür war. Aber ich weiß nicht, warum du mir das nicht geglaubt hast. Ich glaube, du hast es mir nicht geglaubt, weil ich da noch versucht hatte, mit Sandra zusammenzukommen.“
Es waren einige Momente Stille, in denen ich Janine anschaute und sie gedankenverloren zum Fenster blickte. Sie sagte: „Mir ging es wirklich phasenweise sehr, sehr schlecht. Mein Arzt hat mir auch schon gedroht. Ich hatte zwischendurch einige Kilo weniger, das war aber wirklich zu wenig. Mein Körper hat nur noch schlapp gemacht. Ich möchte auch weiterhin mit dir zusammen sein und das weißt du. Aber, als ich mitbekommen habe, wie sehr du mit Julia oder Sandra rumgehangen hast, hatte ich Angst, dass du wirklich mit einer der beiden zusammenkommst. Ich wollte das nicht. Ich hätte das vermutlich nur sehr schwer ertragen können.“ Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Ich habe mich sogar einmal mit der Frage beschäftigt, ob ich überhaupt noch leben möchte. Erst scheitert die Beziehung mit dir, ich habe mich bei Benjamin nicht unter Kontrolle, ein Teil des Jahrgangs macht sich über mich lustig… Das war einfach irgendwann zu viel.“ Meine Augen wurden ganz groß und ich sagte eindringlich: „An so was darfst du nicht denken!“ – „Ich habe es aber. Ich war völlig am Boden.“ – „So gut wie kein Mensch auf der Welt ist es wert, dass du dein Leben gibst! Denke in solch einem Fall immer zuerst an dich.“ – „Na ja, ich habe auch eingesehen, dass ich mich nicht hängen lassen darf. Aber du hast dir gerade damit selbst widersprochen, weißt du das?“ – „Wie meinst du das?“ – „Du hast doch in dem Gedicht, welches du mir geschrieben hast, ganz zum Schluss geschrieben, dass du dein Leben für mich sogar geben würdest. Ist das nicht genau das Gegenteil von dem, was du mir gerade geraten hast?“ – „Ja, du hast Recht, ich habe das so geschrieben. Ich stehe damals, wie auch heute aber auch hinter der Aussage, dass du wohl fast der einzige Mensch bist, für den ich im krassesten Fall mein Leben geben würde. Du bist einer der ganz wenigen Menschen, für den ich diesen ultimativen Preis zahlen würde. Ich bin dir einfach für die Zeit, in der wir zusammen waren, so sehr dankbar.“ – „Oha, das war wirklich lieb von dir, danke schön.“ Sie gab mir einen Kuss auf die Wange, der mich wieder leicht überforderte und ich ließ ihre Hand los, weil ich mich umdrehte. Ich schaltete die Musik ab und sagte: „Es ist schon langsam wirklich spät. Wir müssen morgen etwas früher raus, denn nach dem Frühstück müssen wir die Zimmer verlassen haben.“ – „Oh, na gut, ich packe schon den Großteil meiner Sachen zusammen, damit das morgen schneller geht.“ – „Ja, das ist eine gute Idee. Das werde ich jetzt auch machen.“ Wir wuselten gleichzeitig durch das Zimmer, wobei sie recht wenig zu tun hatte. Dadurch, dass sie ihre Sachen ein paar Stunden zuvor erst in das Zimmer geholt hatte, hatte sie ihre Sachen nicht so verstreut, wie ich es tat. Aber auch mein Packen der Tasche ging schnell, so viele Sachen hatte ich für zwei Tage Fahrt natürlich nicht mitgenommen.
Mittlerweile war es nach Mitternacht und ich wurde auch wirklich müde. Janine saß auf ihrem Bett und schaute mir zu, während ich die letzten Dinge verstaute und einfach allgemein ein bisschen Ordnung schaffte. Ich setzte mich zu ihr aufs Bett, Janine schaute neugierig, was ich vorhatte. Ich zückte mein Smartphone und sagte: „Nur eine Runde! Wirklich nur eine!“ – „Geht klar!“ Wir spielten eines der bekloppten Minispiele, die sie und ich damals schon auf meinem Smartphone ständig spielten und bei dem wir uns ohne Ende amüsierten. Aus einer Runde wurde natürlich noch vier weitere und wir hatten wieder den riesigen Spaß, den wir damals schon immer damit hatten.
„So, ich lege mich jetzt schlafen. Wenn du möchtest, kannst du noch gerne aufbleiben, das Licht stört mich beim Schlafen nicht wirklich, so hell ist es ja nicht. Oder willst du noch das Spiel auf meinem Smartphone allein weiterspielen?“ – „Nein, ich lege mich auch schlafen, ich…“ Sie gähnte lautstark. „… halte auch nicht mehr lange durch.“ – „Alles klar.“ Ich war gerade dabei, mich auf mein Bett zu legen, als sie mich fragte: „Hättest du was dagegen… wenn wir unsere Betten näher aneinanderschieben?“ Ich schaute überrascht und wusste kurz nicht so richtig, ob ich das auch wirklich wollte. Sie sah meine Zweifel, aber im Vergleich zu früher machte sie keinen Rückzieher, was definitiv Teil ihres weitaus größeren Selbstbewusstseins war. „Geht das so einfach?“ Ich schaute mir mein Bett an und fühlte mich nicht so wohl dabei, einfach mein Bett zu schieben. Im nächsten Moment schob ich es einfach mit genügend Kraft und es rutschte erstaunlich gut über den Boden, sodass unsere Betten nur noch durch eine kleine, aber schon noch sichtbare Lücke getrennt waren. „So besser?“, fragte ich sie mit einem Lächeln, worauf sie meinte: „Ja. Ich habe einfach noch Lust, mit dir zu reden und fände das doof, wenn ich so laut reden müsste, damit du mich da drüben noch verstehst.“ Ich schmunzelte: „Da drüben klingt ja so, als wäre ich drei Zimmer von dir entfernt.“ – „Ja, wenn du da drüben bist, fühlt sich das wirklich so an!“ Sie brachte mich mit diesen niedlichen Gedanken immer mehr zum Schmunzeln. Ich ging zum Lichtschalter, weil Janine schon eingemummelt in ihrer Decke war. Sie amüsierte sich darüber, als sie bemerkte, wie ich in vorsichtigen Einzelschritten zu meinem Bett zurückging, weil es nun wirklich komplett dunkel im Raum war. Ich legte mich anschließend auf dem Bauch auf mein Bett und drehte meinen Kopf auf meinem Kissen zu Janine. Sie drehte sich komplett auf die Seite und flüsterte: „Die letzten beiden Tage waren wirklich total schön. Ich mag diesen Ort hier sehr.“ – „Finde ich auch. Ich konnte heute auf jeden Fall einige schöne Bilder machen und bin sehr auf Annas Bilder gespannt. Sie hat dafür echt ein gutes Händchen.“ – „Ich bin auch gespannt, wie gut unsere Gruppenbilder geworden sind.“ Oh, die Gruppenbilder hatte ich völlig vergessen. Wir hatten im Laufe des Tages voneinander einige Bilder gemacht. Anna hatte vor allem das Talent, Janine und mich oft im Einklang zu erwischen, wenn wir uns gerade in den Läden über bestimmte Souvenirs amüsierten. „Auf die bin ich auch gespannt, ja. Heute war auf jeden Fall ein echt schöner Tag. Ich bin gespannt, wie unser Ausflug morgen wird, bevor wir wieder zurückfahren.“ – „Ich auch! Ich finde es total schade, dass wir morgen schon wieder zurückfahren müssen, weil es hier noch so viele tolle Dinge gibt, die man sich gemeinsam anschauen könnte.“ – „Ja. Unsere Gruppe harmoniert schon sehr… ein bisschen so wie früher.“ Janine stutzte kurz bei meiner Antwort: „Das stimmt.“ Sie gähnte und steckte mich an. Ich bemerkte, wie Janine ihren Arm zu mir ausstreckte und mit der Hand versuchte, unter meine geschlossene Decke zu kommen. „Was machst du da?“, fragte ich sie irgendwie belustigt. „Ist das nicht offensichtlich?“, fragte sie mich mit einem Grinsen zurück. Ich gab mir einen Ruck und hielt ihr meine Hand entgegen, woraufhin wir unsere Finger verschränkten. Es fühlte sich irgendwie gut an. Gleichzeitig war mir vor Aufregung über die Situation wieder schlagartig schlecht und richtig flau im Magen. „Was meinst du, was die beiden wohl drüben machen?“, fragte mich Janine, als ich so langsam vor Müdigkeit wegknickte. „Ist das nicht offensichtlich?“, antwortete ich ihr mit der exakt gleichen Frage zurück. Wir kicherten laut und Janine sagte: „Es ist so wahnsinnig, wie die Zeit rennt, oder? Weihnachten und Silvester sind auch nicht mehr weit weg.“ – „Ja, da hast du absolut Recht. Ich freue mich auf jeden Fall wieder auf Weihnachten, ich habe meinen Vater schon ein paar Monate nicht mehr gesehen. Irgendwie haben wir es ständig nicht hinbekommen und wenn wir verabredet waren, war mindestens einer von uns immer krank.“ – „Das ist schade. Haltet ihr aber trotzdem zumindest noch Kontakt?“ – „Ja, wir hören uns zumindest öfters und telefonieren öfters.“ Wir schwiegen einige Momente, und ich sagte zu Janine: „Schlaf und träume schön. Gute Nacht.“ – „Schlaf du auch schön, Bärchie.“ Ich spürte maximal eine Minute danach, wie Janines Finger meine so langsam losließen, weil sie am Einschlafen war und sie die Kontrolle verlor. Kurz, bevor ich einschlief, gingen mir die letzten Stunden durch den Kopf. Was hatte das alles zu bedeuten?
In dieser Nacht schlief ich fürchterlich, mehrfach wachte ich nachts auf. Bei einem der Male lag ich noch einige Zeit länger wach und mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Dieses irre Gespräch mit Janine bekam ich nicht aufgelöst. Ich war von vielen ihrer Worte wirklich beeindruckt und spürte, dass sie sich wirklich verändert hatte. Gleichzeitig fand ich es interessant, dass sie auch meine Veränderung viel stärker als ich selbst empfand. Aber ja, sie hatte Recht, ich wurde noch deutlich selbstbewusster und lockerer, was unter anderem an Julia lag. Ich dachte auch lange über sie nach. Was empfand ich für sie wirklich? War es wirklich nur Freundschaft? Ich konnte meine Gefühle nicht so richtig deuten, meistens war Julia für mich eine beste Freundin. Sie wusste mittlerweile viel von mir, zwar nicht ganz so viel wie Tim und erst recht nicht wie Janine, aber weit mehr als sonst alle anderen. Sie wusste vermutlich selbst deutlich mehr als Felix, mit dem ich zwar regelmäßig digitalen Kontakt hielt, aber ihn eher selten sah, weil wir nicht so oft gemeinsam Zeit dafür fanden. Zudem wusste sie nun als einer von zwei Menschen, wie ich nackt aussah, das war immer noch ein komisches Gefühl.
Janine und dieser merkwürdige Abend gingen mir nicht aus dem Kopf, dadurch lag ich lange wach. Wie sollte ich das mit Janine nun einschätzen? Ich wusste nicht, ob sie wirklich ahnte, welches monströse Chaos sie in mir auslöste. Mit dem gestrigen Abend übte sie einen nicht unerheblichen Druck auf mich aus, da sie mir zu verstehen gab, weiterhin nicht nachzulassen, um mit mir wieder zusammenzukommen. Dabei hatte ich mich eigentlich fast vollständig von ihr gelöst und dachte, dass sie endlich auch darüber hinweg war. Unser offenes Gespräch war Balsam für meine Seele und ich spürte, dass das meine Blockade, die ich zum Schutz in ihre Richtung aufgebaut hatte, fast vollständig zum Einsturz gebracht hatte. Aber wenn ich auch nur rein theoretisch darüber nachdachte: Konnte ich mir das nach den vielen Monaten überhaupt noch mit ihr vorstellen? Ich hatte Angst, dass sie mir doch nur etwas vormachte und ich direkt wieder verletzt werden würde, wenn ich mich auf sie einlassen würde. Aber warum hatte ich nicht abgeblockt, als sie beide Male meine Hand griff? Hatte mein Gefühl schneller als mein Kopf reagiert? Ich vertrieb irgendwann in der Nacht frustriert meine Gedanken und schlief wieder ein, auch wenn ich wusste, dass mich das Thema sicher noch länger beschäftigen würde.
Als morgens der Wecker klingelte, sprang ich vor Schreck direkt auf, mein Kreislauf dankte es mir für ein paar Momente nicht so wirklich. Janine reagierte, obwohl ich den Wecker etwas klingeln ließ, gar nicht, sodass ich mich auf die Kante ihres Bettes setzte und sie durch vorsichtiges Rütteln an ihrer Schulter weckte. Es dauerte eine weiter Minute, bis sie die Augen vorsichtig öffnete und mich mit völlig verwuschelten Haaren anschaute. „Warum grinst du so?“, fragte mich Janine mit einer brüchigen Stimme, darauf erwiderte ich: „Deine Haare sehen einfach nur richtig wild aus, du hast in der Nacht offenbar eine fette Party gefeiert.“ Sie stand leicht wackelig auf und ging zum Spiegel, um festzustellen: „Oha, du hast Recht. Das wird nachher wieder Arbeit, die irgendwie hinzubekommen.“ – „Kann ich mir vorstellen.“ Ich schmunzelte und sie ergänzte: „Ich will vor allem eigentlich jetzt nicht extra duschen gehen, das schaffe ich mit Haaren doch zeitlich nicht, bis wir nachher das Hotel verlassen haben. Ich würde vor allem gerne auch noch entspannt Frühstück essen.“ – „Na ja, dann sind deine Haare halt mehr verwuschelt, wenn wir heute noch durch die Stadt gehen. Das wird doch hier keinen interessieren, dich kennt doch hier keiner. Abgesehen davon hast du das doch früher auch gemacht, dir nicht die Haare zu waschen, selbst wenn sie nicht mehr so gut lagen.“ – „Ja, das stimmt schon, aber ich mag das eigentlich nicht. Aber du hast Recht, sehe ich heute halt etwas verwuschelter aus, was soll schon passieren?“ – „Du könntest doch deine Haare wieder unter der Mütze verstecken?“ – „Stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht. Gute Idee!“ Ich schenkte ihr ein Lächeln und fragte sie anschließend, ob ich zuerst in die Dusche durfte. Sie fand das ok, weil sie erst noch in Ruhe so richtig wachwerden wollte, sodass ich im Bad verschwand. Ich beeilte mich etwas, weil ich davon ausging, dass Janine sicherlich noch einige Zeit im Bad für sich haben wollen würde. Ich war gerade fertig angezogen und verließ zügig das Bad, da wir insgesamt schon relativ spät dran waren, als Janine in unserem Zimmer plötzlich splitterfasernackt vor mir stand.
Sie bemerkte das erst nach etwa einer Sekunde auch und schrie leise vor Schreck, während ich sie anschaute. Ich drehte mich sofort mit dem Rücken zu ihr und schaute die Badtür an. Sie zog sich etwas drüber und flüsterte leise: „Du kannst dich jetzt wieder umdrehen…“ Sie war wirklich rot im Gesicht, was ich selten bei ihr überhaupt gesehen hatte. Mir war das zutiefst peinlich und unangenehm, dass ich sie so gesehen hatte, aber wie sollte ich auch damit rechnen, dass sie da gerade nackt stand? „Hast du mich gesehen?“, fragte sie mich vorsichtig. Ich schwieg lange und fragte sie: „Möchtest du darauf wirklich eine Antwort haben?“ – „Ok, ich kenne die Antwort schon.“ Wir schauten uns für wenige Momente weiter an und brachen in einen großen Lachanfall aus. Die Tatsache, dass wir früher intim miteinander waren, löste diesen Moment glücklicherweise völlig friedlich – nicht auszumalen, wie das ausging, wenn wir nur befreundet gewesen wären. Ich konnte damit locker umgehen, dass ich sie so gesehen hatte. Der Anblick war toll, ohne Frage, sie zog mich sexuell extrem an. Sie hatte sich körperlich eigentlich kaum verändert, ich sah ihr aber die paar Kilogramm an, die sie wohl noch weniger als früher wog. Doch empfand ich nicht unbedingt das Gefühl, welches ich damals immer hatte, wenn ich sie nackt sah. Es war anders, was wahrscheinlich daran lag, dass reine Sexualität mir ohne Beziehung nicht besonders viel bedeutete.
Bevor Janine ins Bad ging, fragte sie mich: „Du… können wir das für uns behalten?“ – „Klar. Keine Sorge, ich erzähle auch Tim davon nichts. Das bleibt einfach unser kleines Geheimnis. Abgesehen davon: Ich habe nichts gesehen, was ich bisher nicht kennen würde.“ Ich zwinkerte ihr zu und sie meinte: „Dieses Selbstbewusstsein hast du früher definitiv nicht gehabt, als wir die ersten Monate zusammenwaren.“ – „Aber ich bin durch dich immer lockerer geworden, ich sage es immer wieder. Julia hat mir auch schon gesagt, dass ich früher so nicht war, obwohl sie mich ja weit weniger kennengelernt hat als du mich.“ – „Mir ist das furchtbar unangenehm.“ – „Muss es nicht, es ist doch nichts passiert. Aber wie kam es denn dazu, dass du nichts angezogen hattest?“ – „Ich habe geglaubt, dass du noch viel länger brauchst, und wollte mir einfach schon was anderes anziehen. Mein Smartphone hat mich vorher aber zu lange abgelenkt, dadurch habe ich völlig die Zeit aus den Augen verloren.“ – „Ich war aber auch sehr schnell mit der Dusche, das kam auch noch dazu. Tut mir leid, dass ich dich so gesehen habe, das war nicht mein Plan.“ – „Weiß ich doch, dich trifft ja nun gar keine Schuld. Ich war einfach verpeilt.“ Mit einem Lachen verschwand sie im Bad und ich nutzte die Gelegenheit, bei Tim und Anna zu klopfen, woraufhin die beiden sehr schnell die Tür öffneten. Tim: „Hey, guten Morgen. Wie liefs bei euch gestern Abend?“ – „Echt super. Wir haben sehr lange über die Vergangenheit gesprochen… auch über unsere Trennung.“ Anna aus dem Hintergrund: „Wow, das klingt total gut!“ Tim nickte und sagte: „Und hat es dir was gebracht?“ – „Ja, ich finde schon. Ich fand es toll, zu erfahren, wie es ihr jetzt geht und vor allem zu erfahren, wie sie sich verändert hat.“ – „Das glaube ich und das klingt doch schön. Wir sind auch soweit startklar für das Frühstück. Du kannst Janine holen gehen. Wir gehen gemeinsam runter zum Frühstück.“ Er zwinkerte und wir alle schmunzelten. „Janine macht sich gerade noch frisch, aber ich schaue, wie die Lage bei ihr jetzt ist.“ Ich schaute in meinem Zimmer nach dem Rechten und Janine benötigte noch ein paar Minuten, bis wir alle nach unten gingen.
Die Sitzordnung am Frühstückstisch war identisch zum Vortag, wir nahmen uns sogar wieder denselben Tisch. Die Stimmung war exzellent und um Welten besser als gestern. Wir scherzten alle miteinander rum, was sogar darin mündete, dass Janine und ich uns wenige Male in die Seite piksten, um uns zu ärgern. Wir bekamen einige mahnende Blicke der anderen Hotelgäste, aber das war uns aufgrund unserer guten Laune egal, zumal wir direkt nach dem Frühstück auschecken wollten.
Mit unseren vollen Rucksäcken zogen wir noch für wenige Stunden durch die Stadt, um weitere Sehenswürdigkeiten und einfach schöne Ecken der Stadt zu sehen. Mir machte dieser Ausflug wirklich großen Spaß, da unsere gesamte Stimmung wirklich gut war und das Wetter sich auch noch von seiner besten Seite präsentierte. In einer der Sehenswürdigkeiten verteilten wir vier uns weit auseinander, bis Janine plötzlich zu mir kam. Sie griff einfach nach meiner Hand, um mich mitzuziehen, weil sie mir unbedingt ein kleines Detail an diesem Ort zeigen wollte. Während sie mich mit sich zog, verschränkte sie plötzlich unsere Finger miteinander, was mir in diesem Moment nicht recht war und was ich nicht wollte. Ich ging noch wenige Schritte mit ihr mit und als sie mir stolz ihre Entdeckung präsentierte, löste ich unsere verschränkten Finger. Janine schaute mich kurz etwas unsicher an, während mein Blick eher neutral war. Ich freute mich zumindest für sie mit, weil sie wirklich begeistert war und wir vier zogen kurzerhand weiter durch die Stadt.
Später am Bahnhof hatten wir immer noch etwas Zeit bis zur Abfahrt, sodass wir in einen Zeitungs- und Buchladen gingen und uns dort austobten. Die meisten von uns holten sich eher Süßkram für die Fahrt, doch Janine schlug so richtig zu und holte sich zusätzlich zwei kleinere Bücher. Sie kramte ihr gesamtes Geld Stück für Stück zusammen und ich beobachtete sie dabei, während ich fast neben ihr stand. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ihr Geld vermutlich nicht reichen würde – genauso kam es auch. Janine schaute mich peinlich berührt an und überlegte, was jetzt das Beste war. Ich schaltete wesentlich schneller als sie und legte für den restlichen Betrag einfach einen größeren Schein hin, sodass wir gemeinsam ihre Dinge bezahlten. „Danke, dass du das gerade bezahlt hast. Ich habe mich echt verrechnet, war doch mehr, als ich dachte.“ – „Kein Problem, ich hatte ja das Geld noch.“ – „Wie wollen wir das jetzt machen? Soll ich dir jetzt mein ganzes Kleingeld geben und in der Schule gebe ich dir das restliche Geld? Oder soll ich dir das Geld gleich komplett in der Schule geben? Ich habe es dann bestimmt größer.“ – „Wir machen das einfach so: Du gibst mir einfach dein Kleingeld und die zwei, drei Euro, die da übrigbleiben, übernehme ich einfach. Einverstanden?“ – „Ähm… Nein, das musst du wirklich nicht machen, da würde ich mich nur schlecht fühlen. Schließlich wollte ich die Sachen ja kaufen.“ – „Ist ein einmaliges Angebot, du gibst mir einfach dein Kleingeld und den Rest geht aufs Haus.“ – „Wenn du das wirklich machen willst… Na gut, ok, ausnahmsweise. Vielen, vielen Dank!“ Sie umarmte mich schwungvoll und gab mir wieder einen Kuss auf die Wange. Sie übertrat mit dem Kuss schon wieder eine Linie, die ich auch eigentlich weiterhin gezogen hatte. Klar, die Linie ließ ihr nun viel mehr Spielraum als zuvor, da der gestrige Abend wirklich viel in mir verändert hatte, aber Grenzen zog ich zwischen ihr und mir auch weiterhin. Mein Verhältnis zu ihr war viel besser geworden, aber sie missachtete allein von gestern Abend bis heute mehrere Mal die Tatsache, dass wir nicht mehr zusammen waren. Ich wusste nicht, wie ich unser Verhältnis nun beschreiben sollte: Waren wir nun befreundet? Waren wir einfach eine Ex-Beziehung, ohne befreundet zu sein? War sie für mich eine Kumpeline? Ich hatte auf all diese Fragen einfach keine Antwort.
Im Zug saßen wir in unserer gewohnten Platzanordnung in unserem Viererabteil und ich schaltete wieder sehr schnell ab, weil mich meine Müdigkeit, die sich über den Tag hinweg angesammelt hatte, einholte. Ich steckte mir daher meine Kopfhörer in die Ohren und schloss meine Augen. Wenige Minuten später, fast, bevor ich einschlief, tippte mich Janine vorsichtig von der Seite an. „Hey… alles ok?“, fragte ich sie leise, da Tim und Anna auch schon schliefen. Wie viel Schlaf die beiden wohl in ihren wilden Nächten hatten? „Hast du was dagegen, wenn ich deine Musik mithöre? Ich mag deine Bands einfach so gerne.“ – „Nein, ich habe nichts dagegen, hier.“ Ich hielt ihr einen der beiden Kopfhörer hin und schloss wieder meine Augen, während ich mich in seinem Sitz fallen ließ. Wenige Minuten, bevor ich einschlief, bemerkte ich, wie Janine sich an mich herankuschelte und offenbar auch beim Einschlafen war. Ich überlegte noch einige Momente, ob ich damit wirklich einverstanden war, gab mir aber einen Ruck und wollte das nicht überbewerten. Dieses Herankuscheln war letztlich eine einfache Umarmung und somit nichts Besonderes.
Einige Zeit später erwachte ich und bemerkte, dass wir gerade kurz vor der Einfahrt in unserem Heimatbahnhof waren! Ich weckte schnell die anderen und wir sprangen zügig auf, um noch gerade rechtzeitig aus dem Zug zu kommen. Glücklicherweise hatte keiner von uns irgendetwas im Zug vergessen, sodass wir aus der Situation noch glimpflich hinauskamen. Tim fragte uns noch, wie das passieren konnte, aber letztlich waren wir alle tief und fest eingeschlafen und die Zeit dadurch so schnell verrannt, dass es keiner mitbekam. Interessant war aber auch, dass wir im Zug nicht kontrolliert wurden, weil sonst mindestens einer von uns sicherlich geweckt geworden wäre.
Wir gingen von den Bahnsteigen aus hoch zu den Ausgängen – der Moment des Abschiedes war nun gekommen. Ich war der Erste, der sich verabschiedete. Zuerst umarmte ich Tim, anschließend Anna. Als ich vor Janine stehen blieb, schauten wir uns ewig lange zwei oder drei Sekunden an und mein Körper spielte wieder verrückt. Ich wusste nur, dass das Zwicken in meiner Magengegend immer in solchen Momenten mit Janine auftrat, sodass ich zumindest mittlerweile davon ausging, dass mich mein Körper auf irgendetwas aufmerksam machen wollte. Ich umarmte sie sehr fest und ziemlich lang, weil ich diese Umarmung irgendwie sehr genoss. Sie antwortete darauf, indem sie mich ebenfalls sehr festdrückte und mir erneut einen Wangenkuss gab. Ich lächelte sie an und meinte: „Machts gut, ihr drei.“ Ich verließ mit meiner Tasche den Hauptbahnhof und fuhr mit den Bussen allein nach Hause.
Zu Hause war Petra, die mich bei der Ankunft umarmte. Mir war schon klar, dass sie sich Sorgen gemacht hatte, schließlich hatte ich mich bis auf ganz wenige Nachrichten gar nicht während der gesamten Fahrt gemeldet. Ich erzählte ihr von der Fahrt, verschwieg aber die vielen Momente, die ich mit Janine zusammen verbrachte. Ich wusste nicht, warum ich dies genau tat. Vielleicht wollte ich mir auch einfach eine Diskussion ersparen, in der ich erklären musste, warum ich Janines Nähe mir gegenüber soweit zugelassen hatte.
Janine erzählt:
Ich fand es schade, dass Marc allein nach Hause fahren wollte. Ich hatte gehofft, dass wir den Weg noch zusammenfahren würden. Das Wochenende war einfach phänomenal! Marc und ich hatten wieder einen guten Draht zueinandergefunden. Das Gespräch am Samstagabend war befreiend. Es war so schön, dass ich mit ihm über das alles reden konnte. Wir verstanden uns wieder richtig gut. Er war richtig neugierig, was für mich ein Zeichen war, dass er sich für mich wirklich noch sehr interessierte. Dass er sogar das Händchen halten zuließ, überwältigte mich sehr. Umso irritierter war ich, als ich das vorhin versuchte und er das aber abblockte. Da wusste ich nicht mehr, woran ich bei ihm war, aber ich traute mich auch nicht, ihn zu fragen. Da er direkt danach wieder so gut drauf wie vorher war, schob ich diesem Abblocken nicht allzu viel Bedeutung zu. Es war ein grandioser Anfang!
Ich war happy. Als Marc weg war, meinte Tim: „Habt ihr das gesehen? Er hat dich breit angelächelt, als du ihm auf die Wange geküsst hast! Was ist gestern vorgefallen, dass er auf einmal so mit dir umgeht?“ – „Wir haben gestern sehr, sehr lange geredet. Das Beste war einfach, wir haben eine Weile lang Händchen gehalten! Auch, als wir schlafen gingen, hat er auf meine Frage hin sein Bett nahe an meins herangeschoben und wir haben noch Händchen gehalten, als wir im Bett lagen und einschliefen!“ Tim und Anna sagten darauf wirklich gleichzeitig: „Ihr habt was?“ – „Ja, wir haben Händchen gehalten! Ich bin immer noch total glücklich! Ich habe gestern einfach während des Gespräches seine Hand genommen. Wir haben unsere Finger verschränkt. Es hat sich einfach so gut angefühlt, ich habe das so sehr vermisst…“ Tim erwiderte: „Oha, das hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Ich habe nicht geglaubt, dass er sich so schnell wieder für dich interessiert.“ Anna meinte mahnend: „Achtung, Janine. Ich glaube, das Händchen halten muss auch nicht heißen, dass er dich wieder liebt. Vergiss das nicht. Es kann auch einfach heißen, dass er eine positive Zukunft im Sinne einer – vielleicht auch guten – Freundschaft mit dir will. Ich habe auch schon von normalen Freunden gehört, die Händchen haltend durch die Stadt zogen.“ – „Ja, ich weiß… Aber irgendwie glaube ich das nicht. Das, was er gestern erzählt hat, es klang so positiv. Er hat seine Fehler, die er hatte, eingesehen und vor allem, er hat sich für so viele Dinge entschuldigt, auch in den letzten Monaten. Ich hatte das Gefühl, dass er vieles richtig stellen wollte. Er hat viele Sachen aus der Vergangenheit aufgezählt, es war so vertraut… Auch vorhin, als wir in dem Zeitungsladen waren: Mein Geld hat nicht ganz gereicht… Er hatte es bemerkt, meine Sachen bezahlt und hat mir die letzten Euro geschenkt, weil ich einfach zu wenig Bargeld hatte. Er wollte die restlichen Euro nicht wiederhaben.“ – „Das hat er gemacht?“, fragte Anna überrascht, woraufhin ich das bejahte und hinzufügte: „Im Zug eben auch: Er hat nichts dagegen gehabt, dass ich meinen Kopf auf seine Schulter legte und mich angekuschelt habe. Er war auf jeden Fall noch wach. Irgendwie hatte ich sogar das Gefühl, dass er das genossen hat, auch wenn er es nicht zugegeben hat. Er hat nichts gesagt oder so und auch keine Reaktion gezeigt. Aber wenn ich das alles zusammennehme, es sieht wirklich gut aus!“ Tim und Anna stimmten mir zu. Sie sagten zwar, dass es auch bisher alles freundschaftlich gemeint sein konnte. Aber sie sahen die Situation insgesamt sehr im Aufwind. Tim warnte mich davor, mich zu sehr hineinzusteigern. Er wollte mich einfach davor schützen, zu tief zu fallen. Das fand ich sehr lieb von ihm. Aber ich hatte zum ersten Mal wirkliche Hoffnung, dass ich mit Marc wieder zusammenkommen konnte. Ich verabschiedete mich von Tim und Anna und fuhr ebenfalls allein nach Hause.
Tim erzählt:
Mein Plan war perfekt aufgegangen. Ich hatte aber wirklich nicht damit gerechnet, dass sie sich so sehr annähern. Ich wollte eigentlich nur, dass sie zumindest ein wenig Kontakt miteinander haben und vielleicht über die Trennung sprechen, aber das, was Janine erzählte, war weit mehr, als ich erwartete. Das hieß, Teil eins meines Plans, die beiden wieder zusammenzubringen, hatte exzellent funktioniert. Mein zweiter Plan war ungleich schwerer, dafür musste ich sowohl Marcs Tante als auch Janines Mutter von einer verrückten Idee überzeugt bekommen… Ich rief daher direkt am Montag über das Festnetz an und hatte das Glück, beide auch direkt zu erreichen.