Kapitel 69

Eine neue Freundin

Am Freitag fragte mich Sandra, ob ich auf eine Party mitkommen wollte. Ich gab ihr offen zu, dass ich eigentlich kein Kandidat war, der besonders gerne auf Partys ging oder sich in Diskotheken aufhielt, aber ich stimmte wegen Sandra zu. Abgesehen davon war ich in den letzten Monaten einige Male bei Veranstaltungen im Jahrgang, sodass ich das schon weit mehr gewohnt war. Sie freute sich sehr darüber, das spürte ich. Ich wollte jede Chance nutzen, um in ihrer Nähe zu sein. Ich sah wieder in der Zeit, die sie hatte, ein Problem, doch sie meinte: „Na ja, meine Mutter hat gesagt, ich darf bis drei Uhr wegbleiben. Aber nur, wenn du mitkommst, sie hat das als Voraussetzung genannt.“ – „Aha, also bin ich wieder dein Papi, der auf dich aufpasst?“ Sie lächelte und umarmte mich zum Dank einfach. Ich ging darauf natürlich gern ein. Aber gleichzeitig fragte ich mich, was dieses merkwürdige Verhalten sollte: Warum durfte sie plötzlich so lang weg? Abgesehen davon: Warum fragte sie immer noch ihre Mutter, wie lang sie wegdurfte, sie war volljährig!

Am Samstag trudelte ich gegen 18 Uhr bei Sandra ein. Sie war bisher nur duschen gewesen und trug Klamotten zum Herumgammeln. In ihrem Zimmer, welches durch die neue Couch umgestellt worden war, setzte ich mich auf eben diese. Sie sagte, dass sie sich noch umkleiden wollte und wusste nicht, was sie anziehen sollte. Ich schmunzelte darüber. Sie griff sich ein paar Sachen aus ihrem Schrank und meinte: „Dreh dich bitte um!“ Ich sollte mich mit dem Rücken zu ihr drehen und zum – mit Vorhängen verdeckten – Fenster schauen. Sie zog sich im Zimmer um! Ich war erstaunt und irgendwo auch verdattert. Sie hatte nichts dagegen, dass ich im Zimmer war, wenn sie sich umzog! Klar durfte ich nicht zuschauen – zu schade aber auch -, aber immerhin, ich sah dies als einen klaren Fortschritt an. Ich erfuhr von Sandra, dass die Party in einem älteren Gebäude stattfinden würde, wo auch einige ihrer Freunde sein würden. Das hieß, ich musste mich darauf einstellen, eine Menge neuer Gesichter kennen zu lernen. Ich kam damit schon klar, wenn ich wollte.

Sie zog sich mehrfach in ihrem Zimmer um und ich stellte wieder fest, wie attraktiv ich sie fand. Sie sah einfach toll aus! Nachdem sie sich für ein Outfit entschieden hatte, ließ sie es direkt an und fing an, sich zu schminken und ihre Haare zu stylen. Als wir gegen acht an der Wohnungstür standen und Sandra sich von ihrer Mutter verabschiedete, meinte diese: „Aber passt gut auf euch auf.“ Ich darauf: „Na ja, wir sind ja nun auch keine kleinen Kinder mehr. Wir achten schon auf uns, machen Sie sich da keine Sorgen. Bis nachher.“ Ich fand es ehrlich gesagt auch daneben, dass ich selbst nach all den Monaten sie immer noch siezte. Aus Respektsgründen eine Person zu siezen, war für mich völlig in Ordnung, aber gerade, wenn man sich so oft sah, was durch meinen Kontakt zu Sandra automatisch zustande kam, empfand ich das „Sie“ nach einer Weile als eher sinnlos.

Wir gingen zur Bushaltestelle, um zum nächstgelegenen S-Bahnhof zu fahren. Als wir auf den Bus warteten, meinte Sandra zu mir: „Du bist ja so still, so komisch?“ – „Ach na ja, ich bin vor Partys oder bevor ich in eine Disco gehe, immer etwas aufgeregt. Das kommt automatisch bei mir. Merkt man das deutlich?“ – „Ja, ich spüre das ganz schön. Entspann dich.“ Sie lehnte sich an mich, was direkt wieder eine Welle von glücklichen Gefühlen in mir auslöste.

Wir fuhren insgesamt eine ganze Weile und mussten drei Mal umsteigen, um nach einer Stunde endlich am Ziel anzukommen. Oben an der Straßenbahnhaltestelle warteten wir, da uns mehrere Freunde und Bekannte von Sandra abholen sollten. Wir standen eine Weile und Sandra erzählte mir, dass wohl auch jemand bei den Leuten, die uns abholten, dabei sein würde, den sie bisher noch nicht kannte. Sandra entdeckte einen jungen Mann, der auf der anderen Straßenbahnseite stand. Nur wusste sie halt nicht, ob er vielleicht dieser Unbekannte war. Sie hatte Furcht davor, ihn anzusprechen. Daher machte ich ihr das Angebot, dass wir noch eine Straßenbahn, die man in der nahen Entfernung sehen konnte, abwarteten und wenn er nicht in diese Bahn gestiegen war, ich ihn ansprach. Ich konnte fremde Leute locker ansprechen, damit hatte ich kein Problem. Bevor die Straßenbahn allerdings ankam, kamen die Freunde von Sandra und holten uns ab. Ich verstand mich mit den drei jungen Männern von Beginn an gut, was ich ganz praktisch fand.

Wir gingen eine Viertelstunde, bis wir das Gebäude erreichten, in dem die Feier stattfand. Die eigentlichen Räume bestanden aus einem großen Raum, der oben war und in dem Musik lief, während die untere Etage mehrere kleine Räume beherbergte. Man konnte sich nach freiem Belieben mit Getränken und Essen bedienen, was somit eine etwas andere Art von Party war. Eine richtig offizielle Party war es nicht, aber vermutlich konnte jeder rein, der den Eintritt zahlte, da es keine Gästeliste gab.

Ich war auch während der Feier ungewöhnlich angespannt, auch, weil diese Feier so ganz anders als zum Beispiel die Feiern von unserem Jahrgang war. Vor allem waren Sandra und etwas später ihre beste Freundin die Einzigen, die ich kannte. Ihre beste Freundin hatte ich im Laufe der Wochen in der Schule kennengelernt, als Sandra sie mir vorstellte. Die anderen Leute, die mit uns dasaßen, waren mir völlig unbekannt, obwohl ein Teil davon auch auf unsere Schule ging.

Ich bekam durch Sandras Mutter mehr oder minder auferlegt, dass ich den Alkoholkonsum von Sandra im Auge behalten sollte. Immerhin bat sie mich darum und stellte das nicht als Forderung auf, aber damit konnte ich im Vergleich zu der Zeiteinschränkung gut leben. Ich handhabte es so: Trinken durfte sie, aber es sollte nicht ausarten und so weit gehen, dass sie nicht mehr laufen konnte. Eigentlich hatte ich allein schon durch die früheren Geschichten mit Janine ein glückliches Händchen dafür gefunden, wann der Alkohol zu viel wurde.

Wir waren mehrere Stunden auf der Feier, wechselten ab und an die Räumlichkeit und zum Schluss waren wir relativ viele Leute, die um mehrere zusammengeschobenen Tische saßen. Ich blieb immer an Sandras Seite und bemerkte damit auch, wie viel Sandra trank. Es war etwa halb eins, als ich merkte, dass einer der Männer größeres Interesse an Sandra hatte. Es zwickte in meiner Magengegend, da ich aktiv nichts dagegen machen konnte. Klar, ich hätte ihre Hand greifen können, aber wir hatten keine Beziehung und auch bisher hatten wir nicht diese Stufe erreicht, dass wir jemals Hand in Hand gelaufen wären. Ich musste bis um kurz nach halb zwei die Zeit abwarten, da sie und ich vorher schon ausgemacht hatten, dass wir um diese Uhrzeit nach Hause fuhren. Der Rückweg dauerte einfach lange und gerade in dieser besonderen Nacht, in der die Wartezeiten auf Bus und Bahn sicher noch länger werden konnten, musste man mehr Zeit einplanen.

Dieser Typ, dessen Name ich im Verlauf der Zeit bereits wieder verdrängt hatte, machte sich richtig plump an Sandra heran. Er nutzte es eiskalt aus, dass sie schon recht angeheitert war. Er griff an ihren Oberschenkel entlang, kniff immer sanft an verschiedensten Stellen hinein und sie sprang total darauf an. Ich war schockiert darüber, dass sie darauf wirklich reagierte, weil er nicht mit ihr flirtete, sondern sie einfach berührte, obwohl sie ihm bisher keine Anstalten machte, dass sie mit solchen Berührungen von ihm einverstanden gewesen wäre.

Die interessanteste Frage, die ich mir an diesem Tag gefallen lassen musste, war von einem der Männer: „Bist du eigentlich ihr Bruder?“ Ich fasste mir im Innern an den Kopf und dachte so: „Nein, aber ich wäre gerne ihr Freund, was hältst du denn davon?“ Ich schüttelte als Antwort nur den Kopf und musste mir enorm auf die Zunge beißen, nicht noch einen Streit vom Zaun zu brechen. Als es halb zwei war, machte ich Sandra darauf aufmerksam, dass wir nun los gehen mussten. Sie wollte unbedingt noch dableiben, was mir natürlich überhaupt nicht passte. Ich wollte sie so schnell von da wegbringen, um es nur irgendwie verhindern zu können, dass der Typ ihr noch mehr auf die Pelle rückte. Sie bat mich um eine Viertelstunde, die ich ihr noch gab. Aber es wurde wirklich Zeit, zu gehen, weil wir es sonst einfach auch nicht pünktlich zu ihr nach Hause schaffen konnten und ihre Mutter garantiert unzufrieden war. Abgesehen davon war mir ihre Mutter im Kern herzlich egal: Ich wollte vor allem vermeiden, dass meine Beziehungschancen mit Sandra weiter zusammenschrumpften.

In der Viertelstunde gingen diese Annäherungen gegenüber Sandra weiter. Als es Viertel vor zwei war, machte ich sie wieder darauf aufmerksam, dass wir jetzt gehen mussten, aber auch gleich mit der Aufforderung, nun mitzukommen. Dieses Mal hörte sie auf mich und wir verabschiedeten uns von der Runde. Auf eine etwas freche Nachfrage hin, warum wir denn jetzt gehen mussten, entgegnete ich völlig kühl: „Weil ich ihr eine Verpflichtung gegenüber habe und dafür zu sorgen habe, dass sie um drei Uhr zu Hause ist.“

Wir gingen nach draußen und sie torkelte leicht. Es regnete etwas und die Temperatur war in den Keller gestürzt. In den ersten paar Metern versuchte sie, ihre Jacke zu schließen. Betrunken, wie sie war, schaffte sie dies nicht. Es folgte eine sehr niedliche Frage: „Könntest du mir die Jacke schließen?“ Ich lächelte, schaute sie an und meinte: „Bleib ruhig kurz stehen.“ Das tat sie und ich erfüllte ihren Wunsch. Ich blieb nahe bei ihr, weil ich bemerkte, dass sie noch nicht so ganz gut laufen konnte. Auch konnte man ihr dies an der Stimme schnell anhören, dass sie etwas mehr getrunken hatte. Wir gingen runter zur U-Bahnstation und warteten auf die Bahn, die nach kurzer Zeit kam. Wir mussten nur eine Station fahren. Als wir einstiegen und uns setzten, fragte sie mich: „Darf ich mich anlehnen?“ Die Frage war wieder süß. Mein Herz machte wieder einen Hüpfer. Es war unbeschreiblich. Wir lehnten uns aneinander, Kopf an Kopf und ich führte sie aus der Bahn raus. Wir wechselten zum Bahnsteig nach oben, wo die S-Bahnen fuhren. Als wir oben ankamen, fragte sie mich: „Hat dir die Feier gefallen?“ Ich schaute sie an und meinte: „Sie war in Ordnung.“ An sich war die Feier auch in Ordnung, nur konnte ich schlecht sagen, dass es mir überhaupt nicht gefiel, dass sich dieser Kerl an sie herangemacht hatte. Darauf entgegnete sie mir: „Das tut mir leid, dass dir die Feier nicht gefallen hat.“ Sie umarmte mich und wir standen minutenlang so auf dem Bahnsteig, neben einigen anderen Menschen, die wohl ebenfalls auf dem Nachhauseweg waren. Wer uns nicht kannte, dachte wohl, dass sie und ich zusammenwaren. Es wurde sehr emotional in diesen Minuten. Sie meinte zu mir, während wir da umarmend standen: „Aber wieso hat dir denn die Feier nicht so gut gefallen?“ – „Weißt du, die Feier war ganz in Ordnung, ich fand sie eigentlich gut.“ Sie nahm es mir endlich ab und wir standen halt weiterhin still auf dem Bahnsteig, eng beieinander. Ich griff ausnahmsweise zu einer Notlüge, weil ich wusste, dass sie meine Begründung durch ihre Betrunkenheit nicht so richtig verstanden hätte.

In der S-Bahn lehnten wir uns wieder aneinander, bis wir nach zwei Stationen wieder aussteigen mussten. Es stand ein letzter Gleiswechsel – es war nicht der letzte Umstieg – an, dieses Mal blieben wir bei den S-Bahnen. Dieser Moment war einmalig: Sie fragte mich, als wir aus der Bahn stiegen, ob sie meine Hand halten durfte! Ich war verdattert und stimmte dem zu, sodass wir Hand in Hand nach oben zum anderen Gleis gingen. Meine Gefühle waren völlig durcheinandergeworfen. Ich führte sie sicher mit mir, weil auf dem Bahnsteig eine Auseinandersetzung zwischen zwei Polizisten und zwei scheinbar Betrunkenen war. Oben angekommen standen wir wieder eng beieinander und in der letzten S-Bahn-Fahrt an diesem Morgen saßen wir eine Weile lang Kopf an Kopf. Es war so richtig schön. Wir kuschelten uns leicht aneinander.

Als wir ein letztes Mal zum Bus umstiegen, warteten wir einige Minuten. Es war kurz nach halb drei, und laut der Busanzeige sollten wir es genau schaffen. Während wir auf dem Bus warteten, klagte sie leise darüber, dass ihr kalt war. Zugegeben, mir war auch etwas kalt und ich hatte keine so dicke Jacke wie sie an. Ich fragte sie: „Stört es dich, wenn ich dich ein bisschen wärme?“ Ich griff ihr mit voller Absicht um die Hüfte, und sie meinte: „Nein, gar nicht.“ Wir standen ein paar wenige Minuten wieder nah beieinander und stiegen in den Bus, in dem sie zum Teil wieder ihren Kopf auf meine Schulter legte. Im Bus, kurz, bevor wir aussteigen mussten, kam der Hammer. Sandra sagte: „Weißt du, wenn ich jetzt noch mehr getrunken hätte… Ich wüsste nicht, was heute noch zwischen uns noch passiert.“ Was war das denn für eine Aussage? Ich war verdattert und wusste nicht wirklich, was ich darauf sagen sollte. Ich war einfach nur erstaunt.

Wir kamen zwei Minuten vor drei bei ihr zu Hause an. Das Ziel war damit erreicht. Ich war erstaunt, als ich sah, dass ihre Mutter mit Gästen im Wohnzimmer auch noch auf war. Ich begrüßte alle und Sandra ging erst ins Badezimmer, was ich verstehen konnte. Ihre Mutter fragte mich: „Wie war die Feier?“ – „Die Feier war ganz in Ordnung.“ – „Du siehst überhaupt nicht müde aus. Könntest noch weiterfeiern, was?“ – „Ähm, sehe ich wirklich so gut aus?“ Ich grinste und ergänzte: „Na ja, ich bin schon ein bisschen müde, aber es geht eigentlich.“ Sandra kam kurz ins Wohnzimmer und ich bemerkte, dass sich im Laufe der Fahrt ihr Alkoholpegel ein wenig gelegt hatte. Sie sprach wieder fast normal, aber man sah ihr an, dass sie ziemlich müde war. Nach einem kurzen Gespräch zwischen ihrer Mutter und mir und einem Dankeschön mir gegenüber, dass es gut war, dass ich auf sie geachtet hatte, ging ich noch für eine Weile zu Sandra ins Zimmer. Sie hatte mich darum gebeten und das wollte ich ihr nicht ausschlagen. In ihrem Zimmer lagen wir direkt gegenüber und redeten noch ein wenig. Es war sehr leise, aber auch sehr gemächlich. Ich bemerkte, dass sie langsam wieder sie selbst wurde. Der Alkohol hatte sie verändert und daher fragte ich mich, was hatten diese ganzen Annäherungen nun zu bedeuten? War sie vielleicht wirklich in mich verliebt und konnte es mir nicht sagen, aber dafür betrunken zeigen? Umsonst sagte man nicht, dass Betrunkene oft ehrlicher als sonst waren. Ich war nach dem Abend verwirrt und wusste einfach nicht mehr, was ich glauben sollte.

Die nächsten Tage lassen sich enorm unspektakulär kurzfassen: Sandra begann vier Tage nach der Feier mit dem Typen, den wir auf der anderen Straßenbahnseite ganz zu Anfang gesehen hatten, eine Beziehung. Dieser junge Mann, der auf der anderen Straßenbahnseite stand, war genau der, der sich an sie bei der Feier heran gemacht hatte. Als sie mir das am Mittwoch erzählte, gratulierte ich ihr zähneknirschend. Ich war enttäuscht, es tat richtig weh. Nach all den Sachen, die sie und ich nun schon erlebt hatten, war es einfach nur traurig. Ich war zutiefst enttäuscht. Ich hatte mir echt etwas erhofft von Sandra. Gerade die Aktion, die hier bei mir zu Hause vorgefallen war, ließ mich auf mehr hoffen. Aber vielleicht war dies die Abrechnung dafür, dass ich den Reißverschluss damals nicht heruntergezogen hatte. Ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Zumindest wusste ich: Ich hatte meine Chance nicht genutzt.

Julia war die Erste, der ich von diesem merkwürdigen Ende der Geschichte erzählte. Sie schäumte vor Wut, weil sie für mich gehofft hatte, dass sich daraus eine Beziehung ergeben würde. Die beleidigenden Begriffe, die sie für Sandra übrighatte, war ich von ihr nicht unbedingt gewohnt, gleichzeitig überraschte es mich nicht wirklich, wie deutlich sie ihre Meinung über Sandra kommunizierte. Julia baute mich ein wenig auf, auch wenn ich mich zumindest nicht herunterziehen ließ und mein Leben halt weitergehen würde. Auf jeden Fall war ich echt dankbar, dass sie für mich da war.

In den nächsten Tagen sprach ich öfters noch mit Sandra am Telefon und eigentlich klang sie ganz glücklich, selbst wenn ich ihr die harte Kritik entgegenwarf, dass es ganz schön gewagt war, nach vier Tagen Bekanntschaft mit jemandem eine Beziehung zu beginnen oder zumindest davon zu sprechen. Ich hatte das Gefühl, dass diese Kritik bei ihr in einem Ohr rein, aus dem anderen wieder raus ging. Egal, ob ich da was sagte oder nicht, an dem Zustand zwischen ihr und mir – dass wir nicht zusammen waren – sollte sich wohl nichts mehr ändern. Es war gerade eine Woche vergangen, Sandra hatte sich ein paar Mal mit ihrem neuen Freund getroffen, da erzählte sie, dass sie von ihm nicht das bekommen würde, was sie sich wünschte. Sie meinte, dass es ihm scheinbar vor allem nur um den körperlichen Aspekt in einer Beziehung ginge, während er den emotionalen Teil wohl ziemlich ausblendete. Sie beklagte sich darüber in einem Telefongespräch eine Stunde lang und am Schluss des Gespräches war mein Gedanke: „Willst du mich verarschen? Ich habe mir alle Mühe der Welt gemacht, um einen Kontakt zu dir hinzubekommen, ich rede fast täglich mit dir, ich war immer für dich da, wenn es dir schlecht ging, und nun gehst du mit ihm zusammen und beklagst dich bei mir, dass du nicht das bekommst, was du willst? Was soll das? War ich dir nicht gut genug, nein?“ All diese Gedanken sprach ich nicht aus, aber sie bemerkte, dass ich im Laufe der Tage an ihren Erzählungen alles andere als wirklich interessiert war. In den nächsten Tagen bekam ich das auch zu spüren, weil sie sich von Tag zu Tag mehr und schneller distanzierte. Sie kam in den Pausen kaum und irgendwann gar nicht mehr, wir fuhren nicht mehr gemeinsam nach Hause an manchen Tagen. Nur telefonieren, das wollte sie absurderweise noch immer täglich, aber das ließ ich nicht mehr mit mir machen. Das Geschehene ließ ich nicht auf mich sitzen, ich hielt die Gespräche immer kürzer und ich rief sie auch nicht mehr an, bis sie die Anrufe bei mir auch sein ließ. Wir hatten im Stillen und scheinbar im gemeinsamen Einverständnis den Kontakt abgebrochen.

Ich hatte auch weiterhin einige Gefühle für Sandra, aber ich versuchte sehr schnell, sie zu unterbinden. Jetzt konnte ich verstehen, was sie meinte, als sie sagte, dass sie eine wilde Seite hatte. Sie ließ sich auf Beziehungen mit Leuten ein, die sie erst wenige Tage kannte. Sie sprang mit zwei jungen Männern in die Kiste, die sie nur wenige Stunden kannte. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen, was hatte ich mir von ihr erhofft?