Kapitel 65

Sandra

Marc erzählt:

An den letzten Tagen dieses Schuljahres fand ich es sehr cool, dass das Verhältnis zwischen Julia und mir so locker war. Wir sahen uns an jedem der Tage in mindestens eine der Pausen und alberten meist miteinander herum. Dabei waren wir sehr touchy und durch unsere Nähe zueinander hatten wir keinerlei Problem damit, das auch offen zu zeigen. Wir machten ja nichts Verbotenes, aber Außenstehende hatten definitiv das Gefühl, dass da was zwischen ihr und mir lief… Nur, dass eben vorher schon was lief. Wir verabredeten uns in der ersten Ferienwoche miteinander und beschlossen, auf eine Feier im Jahrgang zu gehen, die wie bei der Kursfahrt an einem See stattfinden sollte. Ich stellte mich also wieder auf einen lustigen, verrückten und besonderen Abend ein.

Bei dieser Feier waren wir weit über 20 Leute und es waren auch einzelne aus dem Jahrgang unter uns mit dabei. Die Stimmung war wirklich richtig gut und Julia und ich waren uns schon wieder ziemlich nah, was am frühen Morgen darin gipfelte, dass wir ohne Vorwarnung miteinander herumknutschten. Eigentlich wollte ich ein wenig Abstand zu ihr halten, weil ich mir hinsichtlich einer möglichen Beziehung mit ihr einfach nicht sicher war, aber wir zogen uns in der Früh total an. Ich genoss die Knutscherei sehr. Nach der Feier brachte ich Julia wieder nach Hause, die mich sogar fragte, ob ich nicht noch bei ihr übernachten wollte. Ich wusste genau, was diese Frage von ihr bedeutete und ich überlegte kurz, ob ich das wollte. Mir war klar, dass sie mit mir schlafen wollte. Ich konnte nicht leugnen, dass ich auch eine riesige Lust darauf hatte, weil sie mich wieder total anmachte, aber ich war mir sicher, dass Janine mir wieder im Kopf umhergehen würde… Ich empfand es auch einfach nicht als fair gegenüber Julia, wenn ich diesen Schritt wieder gegangen wäre, weil ich sie nicht noch verletzen wollte, wenn ich mich wieder nicht auf Sex mit ihr einlassen konnte. Ich lehnte daher ihr Angebot damit ab, dass ich schon gerne nach Hause wollte und einfach so todmüde war, dass ich ausschlafen wollte. Julia musste am nächsten Morgen nämlich früh raus und ich wollte nicht mit einer oder zwei Stunden Schlaf im schlimmsten Fall nach Hause fahren müssen…

Viel spannender war für mich aber noch etwas anderes. Bei dieser Feier am See war mir eine junge Frau aufgefallen, die ich von Anfang an sofort bezaubernd fand. Ich sah sie einige Male, kam mehrere Male für ein paar Momente mit ihr ins Gespräch und stellte direkt fest, wie sehr sie mich anzog. Sie hatte ein bisschen Ähnlichkeit mit Janine, war aber etwas größer als sie. Im Vergleich zu Janine war sie deutlich stärker geschminkt und machte mich so richtig an. Am faszinierendsten fand ich aber, wie charismatisch sie war: Sie strahlte eine so lockere, lustige und von sich selbst überzeugte Art aus, dass sie mir sofort extrem auffiel. Ich grübelte am Tag nach der Feier lange, woher ich sie kannte, bis es mir bewusstwurde: Sie war im Jahrgang unter uns!

Ich schrieb Tim eine Nachricht, ob er die Schülerin kannte, und er schrieb mir ein paar Minuten später, dass er mit ihrem Bruder Sebastian mehr oder weniger eng befreundet war. Er kannte sie, Sandra, aber dadurch und hatte sogar einige Male mit ihr Zeit verbracht, wenn er auf Sebastian zum Beispiel kurz in deren Wohnung gewartet hatte. Vor einigen Jahren, als wir alle noch Kinder waren, hatten die beiden sogar öfters zusammen auch ganze Wochenenden verbracht. Ich war erstaunt, dass Tim nie Interesse an ihr entwickelte, aber er sagte mir, dass er durchaus Interesse an ihr hatte, bevor er mit Anna zusammenkam. Die beiden verstanden sich sehr gut, aber irgendwie hatte es sich zwischen ihm und Sandra nie ergeben. So richtig begründen konnte er das nicht, aber er sagte mir auch, dass sie definitiv eine Frau war, die einen extrem wilden Charakter hatte. Meist war sie eine eher ruhige Person, aber sie konnte komplett ins Gegenteil umschwenken. Als ich ihn fragte, warum er dieser Auffassung war, kam die extreme Erklärung, mit der ich nun gar nicht rechnete: „Na ja, sie hat irgendwann mir gegenüber beiläufig erwähnt, dass sie mit zwei Jungs einen Dreier gehabt hätte und der Knüller ist ja noch, dass sie die beiden nur ein paar Stunden kannte.“ Darauf ich, beim Trinken in diesem Moment schon fast verschluckend: „Das hat sie erzählt?“ – „Ja, das hat sie mir vor ein paar Monaten erzählt.“ – „Das ist ja richtig übel. Wie alt war sie da? 16?“ – „Ja, 16, denke ich. Sie ist jetzt 17.“ – „Hast du ihr die Geschichte geglaubt?“ – „Ich weiß nicht, aber es klang mir eigentlich sehr glaubwürdig. So was denkt sich doch keiner einfach so aus. Und wenn sie sich das ausdenken würde, hat sie einige andere massive Probleme.“ – „Das stimmt auch wieder. Das ist ja ein sehr merkwürdiger Eindruck, den ich da gleich am Anfang bekomme.“ – „Na ja, kann dir doch aber auch egal sein. Du hast doch Julia.“ – „Na ja, wir haben uns darauf geeinigt, das komplett locker zu betrachten, also nicht wirklich ernst.“ – „Das hat mir gestern aber anders ausgesehen.“ Ich schickte ihm einen lachenden Smiley und schrieb ihm: „Na ja, sie hat mich irgendwie einfach total angezogen. Ich war ja nicht der einzige Schuldige.“ – „Ist doch auch total okay, wenn dir danach ist. Aber gib halt Acht, dass einer von euch sich nicht irgendwann mehr erhofft und das ganze Drama so richtig losgeht. Aber ich bemerke, dass du durch Julia noch lockerer geworden bist. Du bist viel häufiger bei Partys mit dabei.“ – „Damit hast du auch Recht. Deswegen habe ich dieses Mal direkt gleich ehrlich mit Julia gesprochen, weil ich nicht wollte, dass wir wieder in solch einen Streit geraten, wie damals, bevor ich mit Janine zusammenkam.“ – „Das war sicherlich eine gute Idee. Gib aber trotzdem Acht darauf, dass du nicht noch irgendwann mehr willst. Oder sie. Ich glaube nämlich, dass ihr eine tolle Freundschaft sein könntet.“ – „Das denke ich nämlich auch. Mehr kann ich vermutlich aktuell immer noch nicht… Janine kam mir immer wieder in den Kopf, wenn ich mich gerade voll auf Julia einlassen wollte.“ – „Siehst du, das sage ich ja. Du brauchst Zeit, bis du die Trennung verarbeitet hast.“

Als ich an diesem Abend zu Hause war, kramte ich mein Jahrbuch heraus und suchte in der Klassenstufe unter uns nach Sandra. Ich fand ihr Bild anfangs nicht, obwohl sie in der Liste mit allen Namen erwähnt wurde. Auch gab es keinen Vermerk dafür, dass sie nicht in den Bildern auftauchen würde. Ich war irritiert und suchte nach ein paar Minuten erneut. Da fiel es mir auf, als ich die Namen unter den Bildern genauer anschaute: Sie stand mit ihrem Spitznamen drin! Ich musste über mich selbst lachen, dass ich deswegen das zugehörige Bild nicht gefunden hatte.

Ich stellte wieder fest, dass Sandra mir optisch extrem gut gefiel. Was mir auf dem Bild noch besonders auffiel, war das bezaubernde Lächeln, welches sie hatte und die für mich sehr anziehenden Augen. Ich fühlte mich so dermaßen angezogen, dass meine Neugier geweckt wurde. Ich wollte gerne in Kontakt mit ihr treten und wusste nicht so richtig, wie ich einen Kontakt auf die Beine stellen sollte. Tim war natürlich mein Schlüssel, aber da er auch keinen richtigen Draht mehr zu ihr hatte, war es vermutlich besser und einfacher, wenn ich zuerst ihren Bruder Sebastian so richtig kennenlernte. Als ich Tim fragte, ob er ein Treffen arrangieren konnte, schrieb er mir nur, dass er schauen würde, was sich machen ließe. Er schrieb mir aber auch, dass er weiterhin fand, dass ich zu früh mich auf neue Frauen einließ und warnte mich daher davor, mich an Sandra heranzumachen, weil er davon ausging, dass es zum Scheitern verurteilt war.

In der nächsten Woche traf ich mich mit Sebastian und Tim zum Bowling spielen. Im Laufe der Spiele quatschten er und ich eine ganze Weile lang und ich bemerkte, dass ich mich von Anfang an sehr gut mit ihm verstand, weil wir auch teilweise gemeinsame Interessen hatten. Zudem tauschten wir bereits an diesem Tag die Handynummern aus.

Als wir – Tim und ich – uns von Sebastian verabschiedeten, weil er in eine andere Richtung als wir fahren musste, meinte Tim zu mir: „Hat doch gut geklappt. Er hat ja auch schon das Angebot gemacht, dass wir ja zu ihm gehen könnten. Aber lasse mich dich trotzdem warnen.“ – „Wie… was ist denn?“ – „Selbst wenn du dich jetzt so richtig gut mit ihm verstanden hast, ist er sehr gerne hinterhältig.“ – „Aha?“ – „Daher sage ich dir lieber gleich vorher, dass du vorsichtig sein solltest, was du ihm so erzählst. Die meisten Sachen behält er auch für sich, aber bei manchen Sachen bin ich mir nicht sicher. Gerade, wenn er aus irgendeinem Grund auf dich sauer wäre, nutzt er jede Information, mit der er dich bei anderen schlecht machen könnte, gnadenlos aus. Also immer ein bisschen Abstand zu ihm einhalten.“ – „Ja, darauf werde ich schon achten. Schließlich will ich ja sowieso zu seiner Schwester durchdringen!“ Wir lachten, auch wegen der Zweideutigkeit dieser Aussage. Zuhause ging mir noch durch den Kopf, vor was mich Tim gewarnt hatte. Der Hinweis war deutlich genug, dass ich tatsächlich vorsichtiger in Zukunft sein wollte.

Wir machten aus, dass wir am Wochenende bei Sebastian zu Hause einen Abend veranstalteten, an dem wir unsere Spielekonsolen mitbrachten und gemeinsam spielten. Ich hoffte natürlich, dass ich dadurch vielleicht seine Schwester zu Gesicht bekam, um zumindest schon Kontakt in Form einer Begrüßung und vielleicht einem minimalen Gespräch haben zu können. Wir fanden uns am Samstagnachmittag mit unseren Konsolen ein und bauten soweit alles auf, was wir brauchten. Was ich nicht wusste, war, dass Sebastian insgesamt drei weitere Geschwister hatte. Neben seiner etwas jüngeren Schwester hatte er noch eine weitere kleine Schwester und einen kleinen Bruder. Was ich zudem nicht wusste: Seine Schwester Sandra war nicht da – schade, mein Plan war nicht aufgegangen. Interessant war auch, dass an dem Abend keiner aus seiner Familie nach Hause kam. Ich erfuhr zumindest, dass seine ganzen Geschwister und er nur mit der Mutter zusammenlebten, weil sich die Eltern getrennt hatten und der Kontakt zu dem Vater nur sporadisch vorhanden war.

Wenige Tage später traf ich mich mit Tim abends in einer Bar und quatschten über alles Mögliche. Wir sprachen dabei natürlich auch über Sandra und er erzählte mir ein paar ihrer Verhaltensweisen, die in mir immer mehr den Eindruck entstehen ließen, dass sie wirklich ziemlich wild sein konnte. Gleichzeitig sprachen wir auch über Janine. Sie tauchte in den letzten Tagen zwar hin und wieder in meinen Gedanken auf, aber ich vertrieb diese meist ziemlich schnell. „Hast du denn irgendwas von Janine gehört seit unserer Fahrt?“ – „Na ja, nicht wirklich. Sie hat sich wohl mit Benny getroffen.“ – „Oho!“ – „Aber Sabrina war wohl auch mit dabei. Die drei sind wohl schwimmen gegangen.“ Ich war neugieriger, als ich mir im Nachhinein eingestehen wollte. „Und… was läuft zwischen den beiden?“ – „Wieso fragst du?“ Ich fühlte mich ein wenig ertappt. „Eigentlich ohne besonderen Grund. Ich bin einfach neugierig, was aus ihr wird und was ihr so passiert.“ – „Wieso fragst du sie nicht einfach selbst?“ – „Du weißt selbst, dass das nicht die klügste Idee wäre.“ – „Wegen ihrer Gefühle, meinst du?“ – „Ja.“ – „Abgesehen davon wäre das vermutlich für dich selbst auch nicht unbedingt die klügste Idee, wenn du die ganze Zeit zu ihr Kontakt hättest.“ Ich schwieg darauf einige Sekunden, weil ich nachdenken musste. Irgendwie war da ein Gefühl in mir, das dafürsprach, mit ihr wieder mehr Kontakt zu haben. Mich interessierte einfach sehr, was in ihrem Leben passierte. Gleichzeitig hatte ich viel zu große Angst davor, Wunden aufzureißen, von denen ich glaubte, sie endlich versiegelt und verschlossen zu haben. „Ich weiß nicht.“, sagte ich ehrlich. „Ich möchte halt einfach, dass es ihr gut geht. Sie hat mir ziemlich leidgetan, als ich bei der Kursfahrt mit ihr sprach.“ – „Ich habe ehrlich gesagt auch nicht damit gerechnet, dass du ihr hinterhergehst und mit ihr sprichst.“ – „Es hat sich einfach… richtig in diesem Moment angefühlt.“ Wir drifteten relativ schnell in andere Themen ab.

Während des Abends bemerkten wir, dass zwei junge Frauen, die am Nebentisch saßen, uns ein paar Mal anschauten. Die beiden trafen sich offenbar genauso wie wir zum Quatschen. Mit fortgeschrittener Uhrzeit kamen wir mit den jungen Frauen ins Gespräch und die beiden waren wie wir 19. Eine der beiden fand ich an diesem Abend irgendwie spannend, vor allem, weil sie so ganz anders als Janine oder Julia war. Das fing mit ihrer Haarfarbe und der Augenfarbe an, ging dahin weiter, wie sie sich schminkte und mündete in ihrem Auftreten, da sie eine kuriose Mischung aus extrovertiert und introvertiert war. Einerseits wirkte sie im Gespräch sehr vorsichtig, fast schon zu vorsichtig, andererseits gab es immer wieder Aussagen von ihr, die ich erstaunlich direkt fand, sodass ich den Eindruck hatte, dass sie eher selten ein Blatt vor dem Mund nahm.

Ich tauschte zwar mit beiden die Handynummern, aber so richtig begeistert war ich nicht. Gerade mit der Frau, die ich so attraktiv fand, passte die Chemie irgendwie nicht, man harmonierte nicht miteinander. Am nächsten Tag löschte ich die Nummern daher wieder. Interessanterweise kam aber auch nie eine Nachricht von einer der beiden Frauen, sodass das gegenseitige Desinteresse vielleicht doch gemeinsam war. Nichtsdestotrotz war es ein schöner und für mich ungewöhnlicher Abend.

Wenige Tage später ging ich allein zu Sebastian, um mir unter vier Augen einen Eindruck von ihm bilden zu können. Meine bisher gesammelten Eindrücke bestätigten sich, er war eigentlich ein ganz netter, sogar ziemlich charmanter Mensch. Zugegeben, ich war natürlich auch zu ihm gegangen, um auf einen Kontakt mit seiner Schwester zu hoffen. Aber auch dieses Mal blieb es mir wieder verwehrt, weil seine Schwester einfach durchgehend in ihr Zimmer war und nicht nach draußen kam, zumindest nicht in den Momenten, in denen ich auf dem Flur war.

In dem Gespräch, welches ich an diesem Tag mit ihm führte, lenkte ich das Thema ganz bewusst auf seine Schwester und konnte dabei unterschwellig herausfinden, dass seine Schwester nach seiner Einschätzung her nicht vergeben war. Das freute mich natürlich, da ich somit überhaupt eine realistische Chance haben konnte. Sebastian sagte mir, dass er wohl erst wieder in der nächsten Woche Zeit haben würde, sodass ich ihm vorschlug, direkt am Montag etwas zu unternehmen. Er stimmte zu und meinte, dass er Tim auch noch fragen würde. In diesem Moment dachte ich so: „Das könnte wieder deine Chance sein!“

Janine erzählt:

Ein paar Tage nach dem Schwimmausflug beschlossen wir ein neues Treffen und ich schlug Billard vor. Nicht, dass ich wirklich gut Billard spielen konnte, aber irgendwie war es ganz witzig, wenn ich bei Marc mit dabei war. Benny war von dieser Idee durchaus begeistert. Wir hatten beim Billard spielen eine ganze Menge Spaß miteinander und er tat genau wie Marc früher genauso schwer damit, mir zu zeigen, wie man den Queue am besten halten sollte. Abgesehen davon war ich so verkrampft, dass ich den Queue einfach nicht so halten konnte, wie Benny oder Marc mir das zeigten. Wie ich richtig vermutete, lud er mich zu dem Billard auch ein, was ich wirklich lieb von ihm fand. Nach diesem Tag sah ich Benny nun wirklich als Freund an. Ich kannte ihn zwar dafür zu wenig, um sagen zu können, dass er ein guter Freund war, aber ein Freund allgemein war er für mich schon geworden und ich war mir sicher, dass er mich als Freundin betrachtete. Ich bemerkte auch an diesem Nachmittag, dass er, wenn man allein mit ihm Zeit verbrachte, ganz anders war, als wenn man mit mehr Leuten unterwegs war. Benny schlug, da er durch einen Ferienjob einige Tage sehr viel zu tun hatte, für das nächste Wochenende ein weiteres Treffen zwischen uns vor. Ich stimmte dem zu und wir machten aus, dass wir in ein Gruselkabinett gehen wollten. Die Vorstellung und die Erzählungen von Benny gruselten mich schon, aber gleichzeitig hatte ich wirklich Lust auf diesen Nervenkitzel.

Marc erzählt:

Ich hatte ja in den Ferien nichts zu tun und lag mehr auf der faulen Haut als alles andere. Auch am Freitagnachmittag saß ich wieder zu Hause herum und wusste nicht, was ich mit meiner Zeit anstellen sollte, als plötzlich mein Handy klingelte: Es war Sebastian. „Hey, ich bin es, ich habe heute Zeit… Bock, was zu machen?“ – „Jo, schon… Irgendeine Idee?“ – „Was hältst du davon, wenn wir ins Kino gehen?“ – „Ja, das klingt gut. Da ist es vor allem nicht so warm drin.“ – „Jo. Willst du denn vorher kurz zu mir kommen? Wir gehen von hier aus direkt zum Kino. Bei mir in der Nähe ist ja eines.“ – „Geht klar.“

Da wir nur zu zweit bleiben wollten, machte ich mich nur ein wenig frisch und ging direkt los. Ich fuhr zu ihm und wurde von ihm hereingelassen. Nachdem ich seine Mutter begrüßt hatte, setzte ich mich im Wohnzimmer auf den Sessel, weil Sebastian mich darum bat, kurz zu warten. Im Wohnzimmer schaute ich Sebastians jüngerem Bruder zu, wie er an einer Spielekonsole am Spielen war und war echt beeindruckt, dass der Kleine das so gut hinbekam. Da kein anderer da war und der Kleine mir förmlich den zweiten Controller aufzwang, gab ich mir einen Ruck und spielte ein paar Minuten mit dem Kleinen, als mich plötzlich jemand von hinten antippte.

Der Kleine pausierte und ich drehte mich um – es war Sandra. Im ersten Moment war ich total verdattert, weil ich überhaupt nicht damit rechnete, dass ich ihr genau jetzt begegnen würde. Sie sah wirklich sexy aus. Ihre längeren blonden Haare trug sie geöffnet. Zudem hatte sie ein schwarzes Oberteil, welches in zwei breiteren Streifen ihre Brüste verdeckte, die nur zu einem gewissen Stück zu sehen waren, ansonsten aber echt viel Haut zeigte. Nachdem wir ja bereits am See ein paar wenige Worte miteinander gewechselt hatten, erkannte sie mich direkt und wir begrüßten uns per Umarmung. Ich fühlte mich direkt wohl…

Sandra setzte sich im Wohnzimmer auch direkt zu uns auf die Couch. Ihr Bruder wollte zugleich, dass ich erneut mit ihm an der Konsole spielte. Als das Spiel, welches ich mit dem Kleinen spielte, vorerst zu Ende war, versuchte ich mich, Sandra zu widmen, weil sie ja nun diejenige war, die ich kennenlernen wollte. Gleich zu Beginn meinte ich zu ihr: „Mir fällt gerade auf, wir sind ja auf der gleichen Schule, oder?“ – „Ja? Weiß nicht… hab dich bisher in der Schule noch nicht gesehen.“ Klasse, das war ja ein toller Anfang. Sie ergänzte: „Ich hatte mich aber auch schon gefragt, wie du zu der Feier am See gefunden hast. Ich dachte erst, dass du vielleicht einfach ein Kumpel von irgendwem warst.“ – „Also ja, das stimmt auch, aber ich mache nächstes Jahr das Abi.“ – „Ah, du bist ein Jahrgang über mir! Das erklärt, warum wir bisher vermutlich nie aufeinandertrafen.“ Sie lächelte und fragte mich, ob sie mir was zu trinken bringen könnte. Ich stimmte dem zu und war von ihrer Gastfreundschaft begeistert. Sie ging in die Küche und brachte mir Eistee.

Was mir absolut peinlich war – mein Aussehen. Ich fühlte mich absolut ungepflegt, obwohl ich es nach außen hin nicht unbedingt war. Eigentlich legte ich deutlich mehr Wert auf meine Haare und ich hatte normalerweise Gel drin, um sie zu bändigen, doch an diesem Tag fehlte das alles. Auch das übliche Parfüm, welches ich trug, fehlte ebenfalls. Ich war so natürlich wie wohl sonst kaum. Ehrlich gesagt wollte ich gerade nicht in dieser Form Sandra den ersten Eindruck von mir geben, aber nun war es dafür zu spät.

Wirklich viel ins Gespräch kamen wir nicht, weil sich Sebastian auch kurz ins Wohnzimmer setzte. Er wollte, bevor wir losgingen, noch etwas essen. Als ich wieder mit dem Kleinen spielen sollte, übergab mir Sebastian, der direkt davor mit seinem Bruder eine Runde spielte und nun sein Essen verzehren wollte, den Controller. Dabei wickelte sich das Band um mein Glas und bei der Übergabe kippte das noch relativ gefüllte Glas um. Ich hätte in Grund und Boden versinken können, weil es mir genau vor Sandra passieren musste. Zumindest nahm Sebastian mit einem Grinsen die Hälfte der Schuld auf sich, aber wirklich besser wurde es dadurch auch nicht. Sandra flitzte direkt wieder in die Küche und holte einen Lappen, während Sebastian und ich notdürftig mit Taschentüchern verhinderten, dass der Eistee auf den Teppich lief. Im Anschluss verabschiedete ich mich von Sandra sowie ihrem kleinen Bruder und ging mit Sebastian los zum Kino. Der erste Kontakt verlief doch etwas anders, als ich es erwartet hatte und eigentlich wollte. Lustig war es trotz allem irgendwie.

Einen Tag nach dem Kinoabend schrieb mir Julia eine Nachricht, in der sie mich fragte, wie es mir ginge und warum ich nichts von mir hören ließ. Mir tat dies wirklich leid, dass sie verhältnismäßig lange nichts von mir hörte, aber ich genoss die paar sehr ruhigen Tage sehr, weil ich einfach die letzten Wochen sacken lassen wollte. Aus einer Intuition heraus verabredete ich mich mit ihr an diesem Tag. Wir gingen erst in ein ziemlich überfülltes Freibad, in dem wir trotzdem eine Menge Spaß hatten. Vor allem dauerte es im Bad nicht lange, bis es zwischen Julia und mir wieder heftig knisterte. Wir alberten lange und viel miteinander herum, bis sie mich irgendwann so anmachte, dass ich sie im Schwimmbecken fest an mich zog. Es entwickelte sich ein kurzes, intensives Schmusen, welches wir aber genauso schnell wieder abbrachen, da einfach zu viele Menschen um uns herum waren. Das Schmusen mündete in eine Knutscherei, die wir wenige Momente später auf unserer gemeinsamen Decke fortsetzten. Es fühlte sich mit Julia wieder unheimlich gut an, was sie mir auch direkt spiegelte. Gleichzeitig war in mir auch weiterhin das Gefühl, dass sie mich zwar in den Bann zog, ich aber irgendwie wusste, dass eine Beziehung nicht vollständig passen würde. Daher fühlte ich mich später ein bisschen schlecht, dass ich mich körperlich wieder so auf Julia eingelassen hatte, weil ich sie nicht einfach dafür ausnutzen wollte. Julia selbst sagte mir später aber auch, dass sie unsere körperliche Nähe zueinander einfach genoss und es weiterhin einfach ganz schön fand, wenn wir uns eben hin und wieder so nahekamen.

Wir übernachteten an diesem Tag nicht beieinander, weil wir irgendwie das Gefühl hatten, dass das an diesem Tag nicht so richtig passte, obwohl wir definitiv die Zeit dazu hatten. In den Tagen darauf schrieben wir vereinzelte Nachrichten hin und her, ohne aber, dass wir uns sahen. Mir war irgendwie nicht so richtig nach einem Treffen mit ihr, weil ich bereits im Freibad den Eindruck hatte, dass wir ausnahmsweise nicht so richtig viel zu bereden hatten. Es war in den paar Tagen einfach zu wenig in unseren Leben passiert. Gerade diesen Aspekt fand ich auch in Hinblick auf eine mögliche Beziehung mit Julia fragwürdig, weil ich glaubte, dass das einer möglichen Beziehung nicht guttun würde, wenn wir öfters nichts mehr hatten, über was wir reden konnten. Manche dieser Gesprächslücken fühlten sich irgendwie nicht so richtig gut an. Mit Janine war das anders, irgendwie fanden wir ständig etwas, über was wir redeten. Oft hatten wir während der Beziehung sehr ähnliche Gedanken über unsere Umwelt und tauschten uns einfach über alles aus, was sich völlig natürlich anfühlte. Die Gespräche liefen von ganz allein los und selbst wenn wir schwiegen, fühlte sich das überhaupt nicht komisch an.

Über Sandra sprach ich mit Julia bisher nicht, mir war selbst nicht ganz klar, warum ich ihr von meinem Interesse für sie nichts erzählen wollte. Im Innern wollte ich mir vielleicht eine mögliche Chance mit Julia nicht damit zerstören, indem ich ihr aktiv sagte, dass ich an Sandra großes Interesse hatte. Ich wollte Julia aber auch nicht verletzen, indem ich ihr näherkam, während ich gleichzeitig ernsthaftes Interesse an Sandra hatte. Auch für den theoretischen Fall, dass ich Sandra näherkommen sollte, war es eher ungünstig, wenn ich noch so ein offenes Techtelmechtel mit Julia hatte. Die Situation war für mich nicht so ganz einfach, weil ich eben einfach nicht wusste, was das mit Julia war.

Wenige Tage später verabredeten Tim und ich uns mit Sebastian bei ihm zu Hause. Wir wollten spontan sehen, was wir genau machten, nur war für uns schon vor dem Treffen klar, dass wir bei dem vorhergesagten gewittrigen Wetter nicht wirklich nach draußen gehen konnten. Da ich Petra bei einem Einkauf helfen musste, fuhr ich etwas später zu Sebastian los. Ich bat Tim um einen gegenüber Sebastian nicht ganz fairen Deal: Tim sollte Sebastian bei Laune halten und mit ihm Zeit verbringen, damit ich parallel die Chance hatte, vielleicht seine Schwester kennenzulernen. Ich war erstaunt, dass Tim zustimmte, weil er solche menschlich nicht gerade feinen Aktionen zurecht nicht mochte. Gleichzeitig fiel mir nichts ein, wie ich anders mit Sandra in Kontakt bleiben konnte, da die Ferien noch einige Zeit gingen und ich außer Tim keine wirkliche Verbindung zu ihr hatte, zumal auch Tims Kontakt zu ihr nur noch sporadisch vorhanden war.

Auf meinem Weg zu Sebastian sah ich, dass sich die Sonne verzog und den dunklen Wolken Platz machte. Tim rief mich während meiner Hinfahrt, als ich in der U-Bahn stand, an und fragte mich, wo ich blieb. Ich sagte ihm, dass ich in etwa zwanzig Minuten da sein würde. Zugleich fragte ich ihn, ob Sandra auch zu Hause war und er bejahte es nur kurz und knapp mit einem Schmunzeln, was mich sehr freute. Glücklicherweise kam ich vor dem Regen und dem Gewitter bei Sebastian an.

Sebastians Mutter war nicht zu Hause, das konnte sicherlich von Vorteil sein. Da Tim im Wohnzimmer saß, ging ich erst dorthin und begrüßte ihn. Sebastian begrüßte ich ebenfalls, der gerade aus seinem Zimmer kam und kurz auf Toilette verschwand. Nach einer Minute ging Tim ins Sebastians Zimmer, ich folgte ihm kurze Zeit später. Da ich quer durch die Wohnung musste, schaute ich instinktiv in Richtung Küche und sah sie: Sandra! Bingo, mein Plan war bis jetzt aufgegangen. Ich stellte meine Umhängetasche in Sebastians Zimmer ab und sah Tim auf dem Boden sitzen, der in seiner Tasche wühlte und flüsterte: „Los, geh in die Küche. Geh in die Küche!“ Darauf ich – ebenfalls flüsternd und mit einem Grinsen – zu ihm: „Rate, was ich vorhabe!“

Ich ging aus Sebastians Zimmer und schnurstracks zur Küche, in der Sandra mit dem Rücken zu mir stand und Geschirr wegräumte. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst: „Über was willst du eigentlich mit ihr reden?“ Zuversichtlich, verplant und ohne wirkliche Vorüberlegung meinte ich zu ihr: „Hey!“ Sie drehte sich um, lächelte und kam auf mich zu. Wir drückten uns kurz und ich meinte recht locker: „Na, wurdest du wieder zum Küchendienst verdonnert?“ – „Na ja… ich mach das manchmal auch freiwillig. Das entspannt mich manchmal ganz gut.“ Wir grinsten. Genau danach entstand eine peinliche Stille, die ich unter allen Umständen vermeiden wollte. Wir wussten für einen kurzen Moment nicht, was wir sagen sollten und bevor ich wieder etwas sagen konnte, hielt sie das Gespräch am Leben, wofür ich sehr dankbar war. Dies war der Anfang für ein sehr langes Gespräch, welches insgesamt fast vier Stunden gehen sollte. In der ersten Stunde schaute ich ihr zum Teil zu, wie sie die letzten Dinge in der Küche verstaute, während wir ab der zweiten Stunde am Tisch gegenüber voneinander saßen. Wir redeten in der Zeit über sehr viele Themen und ich spürte eine Chemie zwischen ihr und mir. Wir sprachen darüber, was wir für die Zukunft vorstellten, und redeten natürlich auch über den größten Verbindungspunkt zwischen uns – die Schule. Ich spielte dabei einen kleinen Trumpf aus, da ich die Gelegenheit dazu bekam: Sandra erzählte mir, dass sie Probleme in Mathe und Physik hatte und so konnte ich direkt erwähnen, dass ich gerade in Physik und Mathe extrem gut war. Ich erzählte ihr auch, dass ich überlegte, Nachhilfe in den Fächern anzubieten und bot ihr an, falls sie da Hilfe brauchte, mich mit ihr zusammenzusetzen.

Wie es zu erwarten war, sollte unser Gespräch gestört werden: Ihre kleineren Geschwister, auf die sie aufpassen sollte, meldeten sich auch nach der zweiten Stunde zu Wort. Ich glaubte, dass sich die beiden bis dahin selbst beschäftigt hatten und fand es im Nachhinein etwas verantwortungslos von Sandra. Gleichzeitig wollte ich mich nicht beschweren, weil ich dadurch erst die Gelegenheit hatte, mit Sandra intensiv ins Gespräch zu kommen. In der dritten Stunde störten die kleineren Geschwister unser Gespräch immer häufiger, aber es war gleichzeitig faszinierend zu sehen, wie die Kleinen die Realität wahrnahmen. Die Kleinen tuschelten schon nach kurzer Zeit rum und ich bekam Fetzen mit, aus denen ich schließen musste, dass sie glaubten, dass Sandra und ich zusammen waren. Schlimm fand ich das nicht, Interesse hatte ich definitiv. Nach der dritten Stunde kam auch Tim wieder aus Sebastians Zimmer und gesellte sich zu uns.

Allerdings gab es an diesem Abend noch eine Aktion, die ich im Rückblick alles andere als förderlich fand. Tim schlug vor, dass wir ja Gruppenfotos machen könnten. Innerlich fasste ich mir an die Stirn, weil ich das einfach zu viel des Guten fand. Zuerst machte ich von Tim und Sandra ein Foto, sie danach von Tim und mir. Letztlich stand das Foto zwischen ihr und mir aus, was wir aber gekonnt ausließen, selbst wenn Tim ein wenig diesbezüglich drängelte. Er schoss meiner Meinung nach über das Ziel hinaus. Bei dem Vorschlag, dass wir alle drei ein Foto machten, waren Sandra und ich selbstverständlich auch nicht wirklich begeisterter, selbst wenn wir zustimmten. Wir legten uns dafür alle nebeneinander auf dem Teppichboden und ich machte mit dem Smartphone ein Selfie von uns. Wie ich später auf dem Foto sah, waren nur Tim und ich darauf zu sehen, Sandra nur bruchstückhaft. Ich hatte die Vermutung, dass sie womöglich dachte, dass Tim sich als großer Verkuppler auftun wollte, was ihm aber alles andere als gelang. So kannte ich ihn auch nicht: Was sollten denn diese Aktionen? Ich wusste, dass er mir im Grunde nur helfen wollte, aber ich hatte die Befürchtung, dass er mir damit eher geschadet hatte.

Tim und ich gingen gegen Mitternacht und der erste große Schritt war getan, der erste Kontakt mit Sandra bestand. Vorteilhaft war, dass wir auf dieselbe Schule gingen, ein riesiger Nachteil allerdings der, dass noch so viele Tage Ferien waren. In der Schule konnte man sich wenigstens während der Pausen über den Weg laufen, doch diese Möglichkeit blieb mir noch eine Weile lang verwehrt. Ich musste hoffen, dass ich es schaffen konnte, in den Ferien einen regelmäßigen Kontakt herzustellen, damit man sich nicht einfach wieder „vergaß“… Nur wusste ich nicht so ganz, wie ich das bewerkstelligen sollte. Vor allem war ich ziemlich vergesslich, dass ich nicht direkt nach ihrer Handynummer gefragt hatte, da ich den Eindruck hatte, dass sie sie mir bestimmt gegeben hätte. Hinterher war man halt immer schlauer. Gleichzeitig überlegten Tim und ich aber auch, dass er sie in meinem Namen anschreiben und fragen könnte, ob sie damit einverstanden war, wenn er mir ihre Nummer gab.

Beim nächsten Treffen zwischen Sebastian, Tim und mir veranstalteten wir nichts bei Sebastian zu Hause, was ich natürlich schade fand. Als ich mir Sebastian zur Seite nahm und ihm erklärte, warum ich beim letzten Treffen so wenig bei den beiden war, war ihm bereits vorher natürlich klar, dass ich Kontakt mit seiner jüngeren Schwester haben wollte. Er schien dafür nicht allzu viel Verständnis zu haben, nahm es aber hin. Höchst merkwürdig fand ich zumindest seine Aussage, dass laut seiner Sicht meine Chance, mit Sandra zusammenzukommen, bei zehn bis 20 Prozent lag. Interessant, welche Meinung er darüber gewonnen hatte, zumindest nahm ich sie nicht so wirklich für voll, weil ich auch nicht sicher war, ob da nicht vielleicht ganz einfach Eifersucht von Sebastians Seite aus im Spiel war. Vielleicht entwickelte er Eifersucht, weil er Sorge hatte, dass die entstehende Freundschaft mit mir nicht weiter bestehen würde, falls ich mit Sandra zusammenkommen würde, aber selbst in dieser Situation schloss das eine ja das andere nicht aus. Was auch immer seine Motive waren: Es bestätigte meine fragwürdigen Eindrücke von ihm. Aber mein Pech blieb mir ein bisschen hold: Die gesamte Familie wollte für die gesamten restlichen Wochen in den Urlaub fahren. Das war es zunächst mit meiner Idee, vielleicht in Zukunft mit Sandra etwas anzufangen.

Janine erzählt:

Wenige Tage nach dem Schwimmausflug traf ich mich mit Sabrina, die mich währenddessen fragte, ob ich über Marc hinweg war. Ich war froh, ausnahmsweise nicht mehr jede Minute an ihn denken zu müssen und schon fing sie wieder mit dem Thema an. Es fiel mir alles schon schwer genug. Ich wollte und konnte es nicht hinnehmen, was da damals vorgefallen war. Meine Überzeugung blieb, dass das nicht das Ende der Beziehung war. Ich gab ihr meine ehrliche Antwort darauf, die sie wohl auch fast vermutet hatte. Gleichzeitig bat ich sie aber auch darum, mich in Zukunft nicht mehr so häufig auf das Thema anzusprechen, weil es mir dadurch nur schlechter ging.

Am Samstag traf ich mich mit Benny. Ich freute mich eigentlich darauf, weil ich die Ablenkung definitiv brauchte. Gegen elf Uhr trafen wir uns und fuhren gemeinsam zum Gruselkabinett. Ich bezahlte meinen Eintritt selbst, aber ich spürte, dass Benny mich einladen wollte. Daher machte ich deutlich, dass ich gemeinsam für ihn und für mich die Karte bezahlte, woraufhin er mir später nur das Geld für seine Karte geben sollte.

Das Gruselkabinett war so aufgebaut, dass im Keller und im Erdgeschoss eine Ausstellung zu Gruselphänomenen installiert war. Das erste Obergeschoss war der Bereich, in dem es wohl richtig zur Sache gehen sollte. Wir kamen über eine kleine Treppe nach oben, bei der schon einige anstanden. Es wurden nur kleine Gruppen hineingelassen und das mit einigem Abstand zueinander. Die Spannung wurde dadurch noch höher. Als ich Schreie hörte, ging es mir auch nicht besser. Benjamin blieb vergleichsweise ruhig und locker. Ich bewunderte ihn in diesen Momenten. Er fragte mich sogar mit einem Grinsen: „Und, hast du schon Angst?“ Ich nickte. Mein Puls ging in diesen wenige Minuten Wartezeit ganz schnell nach oben.

Wir wurden irgendwann zu zweit hineingelassen. Es war alles sehr dunkel. Wir gingen ein paar Schritte nach vorn. Benny flüsterte, dass in der komplett schwarzen Nische, die links war, jemand drinstand. Diese Person würde wohl herausspringen, wenn man vorbei gehen würde. Wir nahmen, soweit es ging, Abstand davon. Ich krallte mich mit einem Schrei an seinem Arm fest, als wir daran vorbeirannten und eine Hand nach mir griff.

Auch der Rest des Stockwerkes wurde nicht besser. Es gab einen Raum, der von einer Glühbirne beleuchtet war. Er war so perfekt konstruiert, dass alle vier Ecken des Raumes dafür stockduster waren. Ich wusste, dass in einer der vier Ecken jemand wartete. Nur wusste ich nicht, wo. Benny wollte unbedingt in diesen Raum. Ich konnte ihn leider nicht daran hindern. Kaum standen wir drin und schauten uns um, ging auf einmal die Glühbirne aus. Ich krallte mich wieder an Benny fest und war schon wieder bis aufs Mark erschrocken, weil mich aus irgendeiner Richtung jemand ganz kurz am Arm berührte. Als das Licht wieder anging, war die Person direkt wieder in eine der Ecken verschwunden. Nach etwa zehn Minuten traten wir aus dem Gruselbereich heraus, ich war gleich mehrfach zusammengezuckt und konnte mental nicht mehr. Ich zitterte und hatte Angst. Benny traute sich nicht so wirklich, mich in den Arm zu nehmen. Dagegen hatte ich nichts, weil ich für solche freundschaftlichen Gesten immer empfänglich war. Vermutlich dachte er, ich würde glauben, dass er Interesse an mir hatte. Letztlich drehte ich daher den Spieß etwas um und umarmte ihn einfach, weil ich diese Nähe wirklich gut vertragen konnte, er ging auf meine Umarmung auch ein. Abgesehen davon hatte ich das Gefühl, dass er sich sehr darüber freute, dass ich den Schritt auf ihn zugegangen war.

Ich beruhigte mich nach einigen weiteren Minuten und wir verließen das Gruselkabinett. Er schlug mir vor, noch in irgendeinem Café oder ähnlichem etwas trinken zu gehen. Ich stimmte überrascht zu, da ich nichts zu tun hatte. Wir quatschten und lachten viel und ich bemerkte wieder, was für ein lieber Mensch er wirklich war. Sein Wesen gefiel mir einfach. An diesem Tag redete ich auch mit ihm über die Vergangenheit. Wir sprachen erneut darüber, dass er bisher keine Freundin hatte. Er meinte selbst, dass er nicht wusste, was er falsch machte. Es gab irgendwie wohl bisher kein Mensch, der ihn scheinbar mehr als normal mochte. Ich spürte, dass er sich damit ein wenig selbst kritisierte. Dieses Gefühl kannte ich aus der Zeit, bevor ich mit Marc zusammenkam. Ich versuchte ihn aufzumuntern und sagte ihm, dass es doch überhaupt nicht schlimm war, wenn man noch keine Erfahrungen hatte.

Eigentlich wollte ich ihm über meine Vergangenheit möglichst wenig erzählen, weil der wichtige Teil davon sich ausschließlich um Marc drehte. Er fragte mich aber danach. So erzählte ich ihm einen größeren Teil der Beziehung zwischen Marc und mir und auch die Probleme, an denen es zum Schluss gescheitert war.

Marc erzählt:

Da Sebastians Familie in den Urlaub fuhr, beließ ich es zähneknirschend für den Rest der Ferien, irgendwie Kontakt zu Sandra zu bekommen, schwor mir aber, dass ich es nach den Ferien erneut darauf anlegen würde.

Abgesehen davon hatte ich den Eindruck, dass Tim mir in Sachen Sandra nicht so richtig helfen wollte. Ich hatte einige Gespräche über Sandra in den letzten Tagen mit ihm geführt und wollte von ihm einfach noch einige Details über sie erfahren, aber er gab sich mir gegenüber irgendwie recht schmallippig. Teilweise hatte ich auch den Eindruck, als spielte da womöglich Eifersucht bei ihm eine Rolle, was aber keinen Sinn ergeben hätte, da er ja glücklich mit Anna zusammen war, wie er mir in einem der Gespräche erst erzählte. Ich verstand daher sein Verhalten nicht so richtig, zumal er mir ja am Anfang sogar noch intensiv mit Informationen und Ideen half und das plötzlich komplett sein ließ.

Aber auch Julia war in den letzten Wochen nicht mehr vor Ort, da sie zuerst sehr viel Arbeit in ihrem Nebenjob übernahm und dann für volle zwei Wochen herumreiste. Die letzten Ferienwochen waren dadurch für mich phasenweise richtig langweilig. Wir telefonierten zwar während ihrer Reise ein paar Male und ich hatte bei allen Gesprächen das Gefühl, dass sie recht deutlich mit mir flirtete, aber da sie in diesen Momenten nicht direkt vor mir saß, brachte die Flirterei eher wenig bis gar nichts. Ich erzählte Julia, weil sie in erster Linie für mich eine beste Freundin war, von meinem langen Treffen mit Sandra. Sie fand es recht abenteuerlich, wie ich vorging, gab mir aber ansonsten keine wirklichen Ratschläge, was mich ein wenig verwunderte. Ob sie eifersüchtig war, vermochte ich nicht eindeutig zu sagen, da ich ihre Gestik und Mimik in den Telefonaten nicht sehen konnte.

Janine erzählt:

Nach ein paar Tagen Pause traf ich mich wieder mit Benny. Er lud mich zu sich ein. Bisher hatte ich seine Wohnung noch nicht gesehen. Es war eine große Wohnung, da er mit seinen Eltern und seiner 15-jährigen Schwester Alexandra zusammenlebte. Benny feierte am kommenden Wochenende Geburtstag und lud mich zu seiner Feier ein, ich fand das lieb von ihm. Seine Eltern wirkten mir vor allem bei seinen jüngeren Geschwistern etwas zu streng. Ich war zwar höflich, aber seine Mutter mochte ich nicht so richtig. Sein Vater war wesentlich sympathischer. Ich spürte, dass seine Eltern glaubten, dass ich Bennys Freundin war. Mir war das nicht gerade angenehm, ich behielt es aber für mich. Mit Alexandra, die ich auch kennen lernte, verstand ich mich aber umso besser. Wir konnten sofort über alles Mögliche lachen und ich mochte sie wirklich direkt sehr. Ich war für einige Stunden bei Benny. Wir schauten uns später einen Film an, nicht allzu lange danach ging ich auch schon wieder. Er war wirklich sehr gastfreundlich! Ich war mir halt nur nicht sicher, ob er das wegen mir machte oder ob er immer so war. Ich glaubte mittlerweile aber, dass er einfach solch ein Mensch war.

Bennys Feier stand vor der Tür und ich fühlte mich komisch, hinzugehen, da ich bis auf Sabrina niemanden kannte. Wir gingen in eine gemütliche Bar. Der Großteil trank wie selbstverständlich Alkohol und ich war wirklich überfordert damit. Ich hatte mich nach dem ganzen Chaos um Jeremias völlig von Alkohol ferngehalten, auch bei der Kursfahrt trank ich ja nichts. Ich dachte irgendwie unweigerlich auch an Marc… Er war ja nicht dabei, er konnte nicht schauen, ob und wie viel ich trank. Ich sprach Sabrina leise darauf an und sie sagte: „Ich pass auf dich auf, wenn du willst. Meine Mutter holt mich nachher mit dem Auto ab. Ich will nicht, dass sie mich betrunken sieht. Darum trinke ich heute gar nichts. Aber es schadet auch nicht, wenn du keinen Alkohol trinkst, bestell dir doch einfach einen alkoholfreien Cocktail. Marc würde es sicherlich auch gefallen.“ Der letzte Satz schmerzte wieder sehr, aber sie hatte Recht. Falls ich überhaupt noch eine Chance bei ihm hatte, musste ich mir selbst beweisen, nicht mehr oder nur äußerst wenig zum Alkohol zu greifen. Benny war an diesem Abend etwas angeheitert und leicht touchy, vor allem in meine Richtung, aber die Stimmung war sonst wirklich gut. Dass er ein bisschen auf Tuchfühlung ging, fand ich zudem auch nicht schlimm, sondern eher süß.

Am Samstag fuhr ich mit Mama recht spontan für zwei Wochen zu Verwandten. In dieser Phase konnte ich Benny leider nicht sehen, was er auch schade fand. Wir schrieben uns in den zwei Wochen, in denen ich weg war, zumindest einen Haufen Nachrichten.

Marc erzählt:

In den letzten Ferientagen traf ich mich mit Felix, der von seinem Familienurlaub wieder zurückgekehrt war. So erzählte ich ihm erst an diesem Tag, dass ich seit einer Weile von Janine getrennt war. Als er mich nach den genaueren Hintergründen fragte, erklärte ich ihm diese, weil er eigentlich auch das Recht hatte, es zu erfahren, ich vertraute ihm wirklich sehr. Er wirkte sichtlich schockiert, weil er damit überhaupt nicht gerechnet hatte. Ich bemerkte auch, dass er sich ein wenig Sorgen machte, dass es genauso schlagartig bei seiner Freundin und ihm passieren konnte. Eigentlich brauchte er sich keine Sorgen zu machen, da die beiden vom Thema Alkohol nicht betroffen waren. Ich erzählte ihm, dass es relativ schleichend zwischen Janine und mir kam. Ich hatte monatelang versucht, entgegenzuwirken, aber die Trennung war eine Konsequenz der ganzen letzten Konflikte. Es war das erste Mal, dass ich mich mit der Trennung wieder genauer befasste. Ich hatte das Thema eigentlich relativ erfolgreich vor mir weggeschoben, weil ich mich damit genauer nicht beschäftigen wollte. Als ich zu Hause war, dachte ich wieder darüber nach, wie es Janine wohl in der letzten Zeit ging. Hatte sie sich damit abfinden können, dass eine Trennung wohl das Beste für uns war? Ich sah das Ganze mittlerweile relativ neutral. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich von Janine getrennt war und sagte mir, dass ich vermutlich richtig gehandelt hatte.

Der erste Schultag meines nun letzten Schuljahres stand bevor. Dieses Gefühl war richtig komisch. Umso gespannter war ich auf die teilweise neuen Kurslehrer, aber auch, mit welchen Mitschülerinnen und Mitschülern ich zusammen in die Kurse gemischt wurde. Die Leistungskurse blieben natürlich gleich, aber in den Grundkursen ergaben sich gleich einige deutliche Veränderungen: Julia und ich hatten stand nur einem gleich drei Grundkurse zusammen, aber mit Janine war es extrem, da sie und ich nahezu jeden Grundkurs zusammen hatten! Ich hatte insgeheim die Hoffnung, dass die gemeinsamen Kurse mit ihr etwas weniger wurden, damit die Distanz endlich etwas größer werden konnte, aber damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Wir hatten dadurch über 20 Schulstunden jede Woche gemeinsam.

Die erste Woche lief soweit aber relativ ruhig. Ich freute mich darüber, mehr Zeit mit Julia verbringen zu können, mit der es immer wieder knisterte, ohne, dass akut etwas passierte. Ich verfolgte dieses Knistern mit Julia aber nicht weiter, weil ich weiterhin großes Interesse an Sandra hatte. Ich wollte aber vor allem alles Mögliche daransetzen, mehr Kontakt mit ihr zu haben. Gerade nach dem Gespräch, bei dem wir uns richtig gut verstanden hatten, hatte ich Lust auf mehr. Da ich von ausgehen musste, dass man sich in der Schule eher selten sah, versuchte ich dem Zufall auf die Sprünge zu helfen. Am Montag und am Dienstag schaute ich mich, während ich mit Tim und ein paar anderen in der Cafeteria stand, ziemlich genau um, ob ich Sandra irgendwo vorbei huschen sah. Dabei fiel mir auf, dass sie immer zuerst zum Vertretungsplan ging. Diese Erkenntnis wollte ich ausnutzen. Am Mittwoch – wir waren wieder alle in der Cafeteria – beeilte ich mich, zur Pause zu kommen und wartete regelrecht darauf, dass sie zum Vertretungsplan ging. Als ich sah, dass sie das tat – den Vertretungsplan hatte ich schon gesehen -, ging ich kurz von unseren Leuten weg und direkt zum Plan, den Sandra gerade studierte. Ich stellte mich neben sie und meinte: „Hey!“ Es sollte überrascht klingen und ich glaubte, dass meine Aussage das Ziel erfüllt hatte. Sie drehte sich um und grinste mich an. Ich plauderte einige Minuten lang mit ihr, wobei es eigentlich alltäglicher Smalltalk war. Da die Pausen leider auch nicht ewig gingen, verabschiedeten wir uns und sie ging einen der Gänge entlang. Was hattest du schon wieder vergessen? Ihre Handynummer!

Am Wochenende der ersten Schulwoche verabredete ich mich nicht, weil meine Stimmung nicht die beste war. Irgendwie war ich recht betrübt, was sicherlich auch daran lag, dass ich teilweise über die Trennung nachdachte. Ich konnte mich zwar mittlerweile aus diesen Gedanken leichter und schneller herausziehen und mich ablenken, aber ein paar Mal huschten meine Gedanken schon in diese Richtung. Ganz abgesehen davon hatte der Großteil der Leute aus dem Jahrgang keine Zeit, wie ich bei Nachfragen herausbekam.

In der zweiten Schulwoche folgte ich wieder dem Motto des „zufälligen“ Treffens, nahm mir dieses Mal aber etwas mehr vor. Ich stand wieder bei den Leuten aus meiner Klasse und sah, wie sie einen der Gänge entlang und nicht vorher erst zum Vertretungsplan lief. Ich zog mich in einem günstigen Moment aus der Gruppe zurück und flitzte Sandra unauffällig hinterher. In der Haupthalle, welches zugleich auch der Haupteingang der Schule war, überholte ich sie und tat wieder auf überrascht. Mir war nicht klar, ob sie mir das glaubte. Es wirkte aber so, dass sie dies tat. Wir quatschten wieder eine Zeit lang miteinander und ich ging aufs Ganze: „Was hältst du davon, wenn wir zum Beispiel Billard spielen gehen? Wir können auch Tim mitnehmen… das wird doch bestimmt cool.“ Darauf eine Antwort mit ein paar Sekunden Zögern, mit der ich ehrlich nicht gerechnet hatte: „Klar, können wir machen.“ Ich schlug ihr den Samstag und 14 Uhr vor, und sie sagte, dass dies in Ordnung gehen würde. Um gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, kam meine letzte Frage: „Weiß nicht, aber falls doch etwas schieflaufen sollte, oder wenn einer von uns zu spät kommt, hast du was dagegen, wenn wir die Handynummern austauschen?“ – „Nein, hier hast du meine.“ Sie schrieb mir ihre Nummer auf und ich war auf dem Höhepunkt meiner Gefühle – endlich!

Als ich später mit Tim redete, grinste er mich breit an und meinte: „Wie machst du das?“ – „Ich weiß es nicht, es lief irgendwie einfach!“ An diesem Tag war ich absolut glücklich, mir ging es wieder richtig gut. Tim stimmte dem Treffen glücklicherweise zu, das war wohl mitunter das Wichtigste daran, da er von seinem „Glück“ eines Treffens mit Sandra vorher gar nichts wusste. Ich hatte Tim auch nur vorgeschlagen, damit sie vielleicht einen Grund mehr hatte, mitzukommen. Es ging darum, dass zum Anfang zumindest eine Verbindungsperson zwischen ihr und mir vorhanden war. Wie man sah: Es funktionierte. In den nächsten Tagen war meine Freude durchgehend hoch und ich spürte, wie meine Beteiligung im Unterricht dadurch sich noch massiv steigerte.

Am Samstag, es war der siebte September, stand das Treffen mit Sandra und Tim an. Ich war eine Viertelstunde vorher bereits am Treffpunkt, der direkt vor dem Billardcafé war. Ich war echt aufgeregt, das konnte ich nicht abstreiten. Aber ich verhielt mich insgesamt ziemlich ruhig und wollte das auch, weil Sandra nicht bemerken sollte, dass mich das Treffen beschäftigte. Ich stand etwa zwei Minuten, als Tim mich plötzlich über Handy anrief. Er sagte mir, dass er später kommen würde. Ich hatte damit absolut kein Problem, es freute mich. Nachdem ich ein paar weitere Minuten wartete, kam Sandra genau entgegengesetzt zu der Richtung, aus der ich kam. Als sie wenige Meter von mir entfernt war, lächelte sie mich schon an, was ich für ein gutes Zeichen fand. Wir umarmten uns und ich sagte ihr, dass Tim mit Verspätung kommen würde, daher gingen wir schon rein. Wir nahmen uns einen Tisch und begannen schon mit dem Spielen. Sie sagte mir, dass sie selten spielte. Das war für mich, der bereits eine Menge Erfahrung hatte, auch sehr schnell zu sehen. Allerdings wollte ich charmant sein und machte ihre Leistung nicht runter. Ich versuchte ihre Leistungen eher noch zu beschönigen, um vielleicht damit ein wenig punkten zu können. Während des Billards quatschten wir auch wieder auch ein wenig, bis Tim eintrudelte. Seine Verspätung, die er angekündigt hatte – über eine halbe Stunde – war letztlich nur eine Viertelstunde, was ich zugegeben schade fand. Die Zeit, die ich mit ihr allein hatte, wollte ich nutzen und hatte ich in jedem Fall sehr genossen.

Während des Spielens gab es auch eine Phase, in der wir rumalberten. Das sah so aus, dass wir den anderen, der gerade beim Stoßen war, ablenkten, indem wir diesem durch Kitzeln an den Seiten ärgerten. Jeder machte dies bei jedem, bis es Sandra irgendwann wohl zu viel wurde. Sie sagte, dass wir einfach die bezahlte Zeit vergeuden lassen würden, was sie nicht wollen würde. Ich glaubte allerdings, dass es ihr wohl darum ging, dass sie einfach nicht noch mehr Albereien wollte und ihr diese womöglich zu weit gingen. Nach rund zwei Stunden beendeten wir das Billard und eigentlich stand damit auch schon das Ende des Treffens an. Ich wollte mich noch nicht von Sandra verabschieden und glaubte, Tim spürte dies. Er schlug vor, dass wir Sandra noch nach Hause bringen könnten, sofern ich die Zeit dazu hatte. Locker, wie ich in diesem Punkt war, nahm ich mir natürlich die Zeit. Sandra selbst sagte, dass sie nicht nach Hause gebracht werden musste, sie würde den Weg natürlich auch allein finden. Wir ließen uns aber nicht abhalten und überredeten sie. So quatschten wir eine lange Zeit weiter und brachten sie bis vor die Haustür, wo sie sich bei uns bedankte und verabschiedete. Ich redete im Anschluss mit Tim, der mir das sagte, was ich auch hören wollte: „Es lief doch prima!“ Nun war ein weiterer Schritt getan, doch es stellte sich wieder die Frage, wie es nun weitergehen sollte. Ich wusste es nicht so genau, ich musste versuchen, in Zukunft alleinige Treffen mit ihr zu arrangieren. Aber immerhin hatte ich jetzt endlich ihre Handynummer, das machte die Sache wesentlich leichter.

In der nächsten Woche gab es eine Überraschung für mich. Ich suchte nicht speziell nach Sandra, aber es passierte etwas anderes: Am Dienstag unterhielt ich mich mit Tim und war auf das Gespräch mit ihm konzentriert, als er etwas stockend zu mir meinte: „Ähm… da möchte wohl jemand was von dir.“ Ich drehte mich um und wer stand da – Sandra. Mein Herz machte einen riesigen Hüpfer. Ich fragte sie: „Hey, na, wie gehts dir?“ – „Ja, ganz gut… Du? Würdest du mir einen großen Gefallen tun?“ – „Klar, was gibts denn?“ – „Du hast doch gesagt, dass du gut in Physik und Mathe bist. Meine beiden Lehrer drehen voll durch und schreiben direkt in der nächsten Woche jeweils schon einen Test. Würdest du mit mir die Sachen durchgehen?“ – „Na klar, kein Problem!“ Ich freute mich in diesem Moment tierisch.

„Noch was…“ – „Ja?“ – „Hättest du was dagegen, wenn meine beste Freundin mit dabei ist?“ Fast meine ganze Freude im Innern löste sich auf. Ich konnte schlecht nein sagen, weil ich einfach einen schlechten Eindruck gemacht hätte. Darum sagte ich: „Klar. Okay, ich erkläre es euch beiden, kein Problem!“ – „Prima! – „Wo soll ich euch Nachhilfe geben?“ – „Du kannst ruhig zu mir kommen. Sagen wir auch wieder am Samstagnachmittag, das dürfte schon gehen. Ich frage noch nach, aber wir können ja schon 15 Uhr sagen und wenn es nicht klappt, schreibe ich dir, ok?“ – „Klar, kein Ding.“ Wir umarmten uns am Ende der Pause wirklich herzlich und ich genoss das sehr. Als ich Tim dies noch am Dienstag in der Pause erzählte, meinte er: „Ich glaube, du schaffst es tatsächlich langsam, sie um den Finger zu wickeln.“ – „Ich weiß auch nicht, wie ich das mache. Yeah!“

Ich schlug Sandra auch direkt vor, dass sie mir ihren Hefter geben könnte – sie machte dies am Tag darauf. Das war einfach deswegen auch wichtig, weil ich sehen musste, was sie im Unterricht bisher so gemacht hatten. Ich bereitete mich möglichst ausführlich auf den Samstag vor, weil ich durch mein Wissen punkten und vor allem meine Aussage einhalten wollte, fit in den Fächern zu sein.

Am Samstag machte ich mich wieder besonders fein, weil ihre beste Freundin als „Kontrollperson“ auch mit dabei war. Wenn ich also beide überzeugen konnte, hatte ich vermutlich noch deutlich bessere Karten. Da ich etwas zu lange zu Hause brauchte, musste ich extrem schnell gehen und schaffte es mit minimaler Verspätung bis zu ihr nach Hause. Ich klingelte und ging nach oben in den ersten Stock des Hochhauses, wo sie mir die Tür öffnete. Sie war zwar nicht sehr besonders gekleidet und trug vor allem Hauskleidung, sah aber trotzdem total sexy aus. Ihre blauen Augen fand ich einfach total anziehend – gerade in Kombination mit der Wimperntusche und dem dezenten Lidschatten sah das einfach geil aus. Ihr Aussehen erregte mich zugegeben meist noch etwas mehr als Janine.

Wir umarmten uns, ich zog mir meine Schuhe aus und fragte sie als erstes: „Wo ist denn deine Freundin?“ – „Die hat mir vorhin abgesagt, die kommt nicht.“ Ich hätte einen Luftsprung machen können, das Glück ließ mich scheinbar echt nicht in Stich. Ich versuchte es aber so darzustellen, dass ich gewissermaßen untröstlich war: „Na ja… das ist schade. So helfe ich dir zumindest, wo ich kann.“ Sie ging mit mir in ihr Zimmer, welches ich in diesem Moment zum ersten Mal sah. Es war im Vergleich zu meinem Zimmer deutlich kleiner. Ihr Zimmer besaß eine in die Länge gezogene Kommode, auf der unter anderem ihr Fernseher stand. Das Bett stand zwischen Kommode und der gegenüberliegenden Wand, sodass ein recht schmaler Pfad zum Gehen zwischendrin übrigblieb. An der Wand, an der das Bett stand, war noch ihr kleiner Schreibtisch, der zumindest ein wenig Platz bot. Direkt neben der Tür – auch an der Wand des Bettes – stand ein größerer Schrank, der allerdings in die Höhe, dafür nicht in die Breite ging.

Sie sagte mir, dass wir in ihrem Zimmer schlecht Nachhilfe machen konnten, worauf ich ihr zustimmte. Daher gingen wir in die Küche und sie nahm ihre Sachen aus ihrem Zimmer mit. Ich fand es cool, dass sie mir ihr Zimmer gezeigt hatte. Ich spürte auch, dass wir schon lockerer als bisher miteinander umgingen. Zwar hielt es sich noch in Grenzen, aber ich war mir sicher, dass ich absolut auf dem richtigen Weg war. In der ersten halben Stunde beschäftigten wir uns tatsächlich mehr oder weniger mit Mathe und Physik, doch wir gerieten schnell ins Plaudern. Bei diesem Gespräch ging es auch schon weit privater zu, was wohl die entstehende Verbindung zwischen uns festigen sollte. Ich freute mich, dass es so gut lief. An diesem Tag war ich bis kurz vor Mitternacht bei ihr und die letzten zwei Stunden verbrachten wir quatschend in ihrem Zimmer. Als ich mit einem Strahlen nach Hause fuhr, wurde mir bewusst: Ich hatte mich in Sandra verliebt.