Trauer
Janine erzählt:
Als Marc vor meiner Wohnungstür auftauchte, hatte ich kurz große Hoffnung, dass er es sich wirklich anders überlegt hatte. Wollte er doch eine gemeinsame Zukunft? Wollte er über das alles sprechen? Als ich aber sah, dass er mir meine Dinge vorbeibrachte, die ich bei ihm zu Hause ließ, stürzte wieder alles über mich zusammen. Ich wollte ihm seine Dinge einfach nicht wiedergeben, weil sie mich irgendwie weiter mit ihm verbanden. In den letzten Wochen hatte ich meinen Lieblingspullover von ihm immer in meinem Bett. Er spendete mir Trost… und sorgte dafür, dass ich überhaupt nachts ein wenig schlafen konnte.
Als ich seine Dinge holte, versuchte ich alles, nicht zu weinen, aber es gelang mir einfach nicht. Dass Marc da gerade vor mir stand, führte zu dem größtmöglichen Schmerz, den ich fühlen konnte. Es war genauso schlimm wie am Abend der Trennung… Ich war ihm so unendlich dafür dankbar, dass ich seinen Pullover behalten durfte. Ich sah ihm an, dass er Mitleid hatte und kurz keimte in mir erneut Hoffnung auf… die er direkt wieder zunichtemachte. Als er nach unten ging, bemerkte ich, dass er richtig hektisch lief und dabei fast noch die Treppen hinunterstolperte. Warum war er nur so stur? Warum gab er mir und uns nicht eine Chance? Ich war mir sicher, dass er mich noch liebte, aber sein Kopf überlagerte jegliche seiner Gefühle.
Ich weinte zu Hause den ganzen Tag, nachdem Marc seine Dinge mitgenommen hatte. Mama nahm mich abends lange in den Arm und tröstete mich, so gut sie konnte. Sie verstand weiterhin nicht, warum wir getrennt waren, sodass ich mich dazu entschloss, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich war ihr so dankbar, dass sie mir keine Vorwürfe machte. Sie sagte, dass sie es auch nicht in Ordnung fand, wie oft ich zum Alkohol gegriffen hatte und machte sich selbst Vorwürfe, dass sie das nicht mitbekommen hatte. Gleichzeitig sagte ich ihr aber auch, dass ich das einfach immer gut verbergen konnte, wenn ich was getrunken hatte. Marc hielt ja auch zu mir und verriet mich ihr gegenüber nicht. Gleichzeitig war sie von Marcs Reaktion erstaunt: Sie konnte verstehen, dass er die Beziehung nicht mehr wollte, aber von seiner Stringenz war sie überrascht. So hatte sie ihn charakterlich nicht eingeschätzt.
Die Tage vergingen und ich aß tagelang kaum etwas. Mama drohte mir schon mit härteren Maßnahmen, wenn ich mich weiterhin so runterwirtschaften würde. Sie versuchte mich immer und immer wieder aufzubauen, sodass ich mich nicht hängenließ. Ich war zumindest froh, dass sie auf die typischen Sprüche wie „Andere Mütter haben auch hübsche Söhne“ verzichtete.
Besonders schlimm wurde es, als mir eine Mitschülerin erzählte, wie sehr Marc und Julia an einem der Wochenenden bei einer Feier rumhingen. Auch, dass sie noch zusammen nach Hause fuhren und dabei miteinander kuschelten, machte es für mich noch viel schlimmer. Der Gipfel war, als ich die beiden auf dem Gang stehen sah und den Eindruck hatte, dass sie erneut heftig mit ihm flirtete. Ich war drauf und dran, vollständig auszuticken… Mir fiel es immer schwerer, mich zurückzuhalten. Ich schnappte mir daher Tim, bevor ich völlig platzte. Ich fragte ihn um Rat und er gab mir einfach keinen wirklichen. Er wusste selbst nicht, was ich noch machen konnte, sodass ich immer verzweifelter wurde. Er hielt mich aber zumindest davon ab, in jedes Gespräch reinzugrätschen. Letztlich hatte er Recht damit, da ich alles nur noch schlimmer machen würde. Gerade für mich war die Lage schon maximal schwierig… Tim hatte Recht, dass ich mir nicht noch Freunde im Jahrgang verspielen sollte, weil ich mich gegenüber Julia eklig verhielt, da auch sie viele Kumpel und wirkliche Freunde im Jahrgang hatte und gut vernetzt war.
Die nächsten Tage vergingen und die Kursfahrt rückte näher. Marc und ich hatten uns so sehr gefreut, dass wir unsere Lehrer überredet hatten, Tim und ihn bei der Kursfahrt meines Leistungskurses mitzunehmen. Ich hatte damals, als die Planung anlief, riesige Lust auf diese Fahrt, weil ich es einfach toll fand, mit Marc zusammen wieder wegfahren zu können, auch wenn wir eben nicht die ganze Zeit für uns bleiben konnten. Jetzt bereute ich es auf eine Art, dass er bei dieser Kursfahrt mitkam – und diese Schlampe Julia auch noch… Wie konnte ich denn ahnen, dass er sich direkt wieder an dieses Biest heranmachte, kaum, dass er sich von mir trennte? Hatte er sich vielleicht deswegen getrennt, weil er insgeheim schon ein Auge auf sie geworfen hatte? Oder hatte sie vielleicht schon Kontakt aufgenommen, während ich mit Marc noch zusammen war? Hatte sie womöglich zusätzlich Schuld an der Trennung? Mir war klar, dass ich einfach zu viel Mist gebaut hatte und dass mich natürlich die Hauptschuld traf. Nichtsdestotrotz traute ich Julia nicht über den Weg.
Als wir uns morgens für die Kursfahrt am Bahnhof trafen, tat es direkt von Beginn an weh. Ich hatte zwar überlegt, die Kursfahrt einfach krank abzusagen, aber ich wollte das Mama nicht antun, weil das Geld weitestgehend futsch gewesen wäre. Ich war vor allem auch deswegen auf der Kursfahrt mit dabei, weil ich eine kleine Hoffnung hatte, dort vielleicht wieder in Kontakt mit Marc kommen zu können. Dass Julia mir nun offenbar so sehr dazwischenkam und sich an ihn heranmachte, zerstörte meine Hoffnung nur noch mehr. Während ich einige der Mitreisenden umarmte, kam mir die Idee, Marc auch einfach zu drücken. Als er dort stand, spürte ich regelrecht, wie ich dieses Gefühl, ihn zu umarmen, vermisste. Ich liebte ihn und vermisste vor allem das Zusammensein, aber dieses einfache Gefühl einer Umarmung von ihm war auch mit Worten nicht zu beschreiben. Ganz spontan, ohne großartig darüber nachzudenken, setzte ich meinen Plan in die Tat um. Da neben ihm eine Mitschülerin stand, die ich auch drücken wollte, ging ich einfach ohne Vorwarnung direkt zu Marc und umarmte ihn. Er war so überrascht davon, dass er erst nicht reagierte und mich letztlich doch relativ fest umarmte. Ich versuchte, die Umarmung noch etwas zu strecken, indem ich ihn einfach festhielt, sodass er vorsichtig, aber schon spürbar mich nach wenigen Sekunden von sich wegschob. Die anderen durften das aber nicht bemerkt haben, da er das sehr vorsichtig und unauffällig machte. Ich spürte aber schon deutlich, dass er mich loslassen wollte. Immerhin hatte ich bei der Umarmung aber nicht das Gefühl, dass sie absolut kühl war. Ich spürte, dass er in seine Umarmung schon eine Menge Herzlichkeit gelegt hatte.
Als wir in den Zug stiegen, distanzierte sich Marc direkt und ging direkt mit einer Gruppe um Julia und Tim in eines der Abteile. Tim schaute mich noch kurz fragend an, weil ich ihm ansah, dass es ihm leidtat, mich allein zu lassen. Ich nickte ihm lächelnd zu, weil ich Tim irgendwie immer noch etwas als Aufpasser betrachtete und mich an den letzten Strohhalm klammerte, dass er Einfluss auf Marc nehmen konnte, damit Marc hoffentlich nicht mit Julia oder wem anders zusammenkam. Ich fühlte mich ein wenig verloren und ging mit ein paar Mitschülern aus meinem Leistungskurs in ein Abteil. Ich litt die ganze Zeit, weil unser Abteil direkt neben Marcs war und wir immer wieder hörten, wie Marcs Gruppe offenbar sehr viel Spaß hatte. Meine leidvollen Blicke bemerkte vermutlich keiner, aber ich war Benjamin, Spitzname Benny, sehr dankbar, dass er ein Kartenspiel auspackte, um die Laune zu heben. Die Jungs, die mit uns zusammensaßen, waren alle gut drauf und so entwickelte sich eine doch recht fröhliche Stimmung, die mich immerhin lange gut ablenken konnte. Während des Spiels bemerkte ich, dass Benny ein bisschen Körperkontakt zu mir aufbaute. Wir stießen ein paar Mal unsere Fäuste aneinander an, weil wir uns während des Spiels gegen die anderen verbündeten und dadurch gewinnen konnten. Als ich ihm in einer der Spielrunden absichtlich in den Rücken fiel, um mit ihm herumzualbern, gab er mir einen sanften Stoß gegen die Schulter, um seine gespielte Empörung auszudrücken. Er brachte mich auf jeden Fall kurzfristig auf andere Gedanken und war wirklich lieb. Nichtsdestotrotz war ich bei anderen Männern sehr vorsichtig geworden, weil ich nach der ganzen Geschichte mit Jeremias deutlich schwerer Vertrauen fassen konnte.
An diesem ersten Reisetag gingen wir abends alle etwas essen, aber ich hatte bei der Sitzplatzverteilung einfach Pech und saß sehr weit von Marc entfernt. Ich konnte mich aber auch nicht einfach so umsetzen, ohne, dass allen bewusstwurde, was ich da gerade vorhatte. Meine Stimmung war daher ziemlich düster und mir tat es echt leid, dass Benny mein Verhalten ein wenig abbekam. Er hatte aber Verständnis dafür, was ich echt lieb fand. In einem Moment, in dem die anderen um uns herum abgelenkt waren, fragte er ziemlich leise und ganz vorsichtig: „Gefällt dir dein Sitzplatz etwa nicht?“ Er grinste mich an und ich fühlte mich peinlich berührt. „Doch, schon, ach… na ja.“ – „Marc?“, fragte er ziemlich direkt. Ich schaute erstaunt, dass er das kombiniert hatte, und ich nickte ihm vorsichtig zu. Er flüsterte: „Sieh es doch so, vielleicht ist es ganz gut, wenn du nicht in seiner Nähe bist. Du tust dir doch die ganze Zeit nur umso stärker weh, wenn du ihn die ganze Zeit siehst und an ihn denkst.“ – „Damit hast du sicher Recht, aber das ist alles nicht so einfach, wie es scheint.“ – „Einfach ist doch nie etwas.“ Er grinste wieder und steckte mich damit an. Irgendwie war ich überrascht, von ihm so erwachsene Worte zu hören, weil ich bisher kaum mit ihm gesprochen hatte und eher das Gefühl hatte, dass er noch recht kindisch war. Ich quatschte während des Essens noch relativ viel mit Benny und lernte ihn dadurch etwas kennen. Eigentlich erzählte er nur viel von sich, was aber nicht daran lag, dass er mich nicht auch vieles fragte, sondern vor allem daran, dass ich über mich eher weniger verriet. Er fragte nicht nach richtig privaten Dingen, das war also gar nicht das Problem, sondern eher, dass ich durch meine schlechte Stimmung ziemlich wortkarg war, wofür Benny nichts konnte. Als wir uns auf dem Weg zum Hotel machten, fragte ich ihn ziemlich direkt: „Hast du denn auch schon eine Trennung durch?“ – „Ich? Nein, das hatte ich bisher nicht durch.“ – „Also bist du gerade mit einer Frau zusammen?“ – „Nein, ich bin Single. Bisher war ich noch nicht vergeben.“ – „Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“ – „Wieso das?“ – „Du klangst so abgeklärt, als wärest du auch schon mit wem zusammen gewesen. Oder als wärest du gerade in einer Beziehung.“ – „Verstehe, aber nein, bisher hatte ich diese Erfahrung leider nicht.“ Wir schwiegen wenige Sekunden. „Ich wollte lange was von einer aus dem Jahrgang unter uns, aber die hat mich lange hingehalten und irgendwann hatte ich keine Lust mehr. Die hat wahrscheinlich die ganze Zeit nur mit mir gespielt.“ – „Oha, wer war es denn? Ein paar kenne ich aus dem Jahrgang unter uns ja auch.“ – „Spielt keine Rolle. Ich möchte einfach fair bleiben und nicht weiter schlecht drüber reden. Direkt hat sie mir nie was Böses angetan, aber ich hatte das Gefühl, sie war sich mindestens unsicher oder hat mich halt wirklich hingehalten. Aber es kann mir auch egal sein, ich habe mich von ihr komplett gelöst und den Kontakt abgebrochen. Freundschaftlich wäre das auf jeden Fall nicht gegangen.“ – „Oh, das tut mir leid. Nicht schön.“ – „Ach, es ist alles gut. Ich bin einfach nur der Meinung, man muss ja nicht noch nachtreten und die Person noch schlecht machen.“ – „Das ist sehr fair von dir.“ Ich lächelte ihn an, weil ich seine zurückhaltende, besonnene Art durchaus mochte.
Als wir wieder im Hotel ankamen, verabschiedete sich Benny von mir für den Abend: „Hab eine gute Nacht und schlaf gut.“ – „Legst du dich wirklich schon schlafen?“ – „Ich weiß nicht. Hätte ich jetzt vermutlich gemacht. Aber viele scheinen Party machen zu wollen.“ – „Hast du noch Lust, dass wir uns den anderen anschließen?“ – „Ja, ein bisschen schon, nur vielleicht nicht bis tief in die Nacht.“ Wir schlossen uns einer größeren Gruppe an und hatten mit den anderen recht viel Spaß. An diesem Abend verbrachten Benny und ich recht viel Zeit miteinander und aus einem positiven Gefühl heraus umarmte ich ihn, bevor wir schlafen und in unsere Zimmer gingen. Wir blieben nicht wie die anderen bis früh morgens wach, aber immerhin waren wir noch einige Zeit bei den anderen. Meine Stimmung war nicht so richtig gut vor dem Schlafengehen, aber es war vermutlich schon gut, dass ich ein bisschen auf andere Gedanken kommen konnte.
Am Dienstag unternahmen wir einen langen Ausflug zu einer tollen Burg. Ich mochte solche Ausflüge eigentlich sehr, aber, dass ich die ganze Zeit Marc sehen musste, machte mich einfach fertig. Es war eine durchweg anhaltende Folter, die einfach kein Ende nahm. Benny ahnte währenddessen immer wieder, dass es mir scheiße ging und versuchte mich aufzumuntern. Aber auch er biss sich ziemlich die Zähne an mir aus, obwohl ich es ein bisschen süß fand, welche Mühe er sich gab, mich bei Laune zu halten. Gleichzeitig fragte ich mich aber, was Bennys Motive wohl waren. Ich hoffte nicht, dass er Interesse an mir hatte und nun seine Chance sah, mich anzubaggern.
Auf dem Weg zum Hotel bemerkte ich, dass Tim mit Marc sprach und die beiden sich kurz sogar ziemlich zofften. Das ging so weit, dass Tim offenbar mitten im Gespräch Marc stehenließ und sich zu anderen aus der Reisegruppe gesellte. Tim schaute mich kurz an, nachdem er Marc stehen ließ und rollte überdeutlich mit den Augen. Ich wusste nicht genau, worüber Tim und Marc sprachen, aber dass Tim meinen Blick direkt suchte, sagte mir, dass es vielleicht mit mir irgendwie zu tun hatte. Mir war abgesehen davon ausgefallen, dass mich Marc im Restaurant einige Male intensiv angeschaut hatte. Warum machte er das? Wollte er mich mit seinen Blicken noch mehr verletzen, als er es schon getan hatte? Hatte er Mitleid? Hatte er vielleicht doch weiterhin Gefühle für mich? Irgendetwas musste doch in ihm noch sein, sonst hätte er bei der Gegenstandsübergabe vor meiner Wohnungstür nicht so komisch reagiert…
Im Hotel ging ich zwar mit Tim in das Zimmer einer der Cliquen, die sich auf dieser Fahrt gebildet hatten, aber mir ging es durch meine Gedanken an Marc einfach so richtig schlecht, sodass ich mich nach einer Weile nach draußen verzog. Ich wollte eigentlich in mein Zimmer und für mich allein leiden, aber Tim hatte meinen Plan durchschaut und war mit auf den Flur gekommen. Er bot mir an, dass ich mich auskotzen durfte, sofern ich wollte. Außerdem wollte ich wissen, worüber Marc und er gesprochen hatten. Wir schauten in meinem Zimmer nach, wo gerade noch einzelne aus unserer Reisegruppe waren. Sie wollten zwar das Zimmer gleich wechseln, aber wir gingen daher nicht hinein, ich hatte keine Lust auf Trubel. Tim ging mit mir in sein Zimmer, weil es gestern bereits schon die ganze Zeit leer war und er davon ausging, dass das wieder der Fall sein würde. Kaum, nachdem wir das Zimmer betraten, hörten wir Geräusche vom Balkon kommen und ich sah meinen persönlich größten Albtraum: Marc und Julia küssten sich! Hatte dieses dreckige Biest ihn tatsächlich herumbekommen! Dieser Schmerz war vermutlich sogar noch schlimmer als der Schmerz direkt nach der Trennung. Mir war sofort richtig schlecht und ich hatte Angst, dass ich mich übergeben musste. Mir schossen in Bruchteilen von Sekunden direkt Tränen in die Augen und nachdem ich Marc noch die Frage „Ist das dein Ernst, Marc?“ an den Kopf warf, rannte ich nach draußen. Ich musste schleunigst weg, ich hielt es nicht mehr aus. Ich rannte auf den Flur und stützte mich kurz an einer der Wände ab. Mir war kurz schwindlig. Ich kämpfte mich in mein Zimmer und war so dankbar, dass keiner mehr drin war, die Leute hatten das Zimmer offenbar wirklich direkt verlassen. Ich warf mich auf mein Bett und weinte nur noch. Ich war völlig fertig. Plötzlich bemerkte ich, dass Marc mir hinterhergegangen war und auch in meinem Zimmer stand. Jetzt wusste ich erst recht nicht mehr, was ich fühlen sollte. Er redete immer wieder auf mich ein, dass er das nicht mit Absicht machte und mir nicht wehtun wollte. Ich steigerte mich immer mehr in meine Wut hinein und griff ihn mit meinen Aussagen an. Er hingegen fragte mich irgendwann, ob ich nicht mit einem Arzt sprechen sollte. Da rutschte mir heraus, dass ich das bereits tat. Ich hatte zwar keinen Therapeuten, weil ich einfach monatelang darauf hätte warten müssen und das nicht wollte, aber ich war meinem Hausarzt so sehr dankbar, dass er sich gleich mehrfach jeweils eine halbe Stunde Zeit für mich nahm, als ich zum Termin bei ihm war. Er forderte mich auf, auf meine Ernährung und dergleichen zu achten, weil ich in den letzten Wochen einige Kilogramm abgenommen hatte und meine Blutwerte auch nicht besonders gut aussahen… Das erklärte auch, warum ich oft einfach nur noch total schwach war und in der Schule kaum mehr etwas auf die Reihe bekam. Ich war daher total froh, dass das Semester zu Ende war und meine Noten kaum gelitten hatten, weil ich trotzdem ein tolles Abitur hinlegen wollte. Aber der Leistungsdruck war immens und meine Traurigkeit und emotionale Empfindlichkeit machten es mir nicht leichter.
Ich ließ Marc irgendwann deutlich mehr aussprechen und er entschuldigte sich wirklich ehrlich dafür, wie scheiße er mit mir umging und dass er das nicht mit Absicht machte. Das löste solch einen Gefühlsschub in mir aus, dass ich ohne nachzudenken aufstand und ihn nach einer kurzen Verzögerung einfach umarmte. Er ging auf meine Umarmung ein und ich fühlte kurz den alten Marc wieder. Er drückte mich ziemlich fest und lange und ich spürte etwas, dass ich so lange vermisst hatte: Geborgenheit. Ich saugte dieses Gefühl so intensiv ich konnte ein und hinderte Marc noch einige Sekunden länger daran, unsere Umarmung zu beenden. Er sagte etwas, womit ich nicht rechnete: „Ich… achte trotzdem auf dich… auch wenn wir getrennt sind. Ich möchte einfach nicht, dass es dir so schlecht geht, hörst du?“ Das überraschte mich wirklich sehr, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass er sich wirklich bisher darum geschert hatte, wie es mir ging. Hatte er Tim offenbar doch weit mehr ausgefragt, wie es mir ging – oder die anderen? Allzu viele wussten im Detail nicht, wie es mir ging. Hatte er Sabrina vielleicht nach mir gefragt? Ich nahm mir vor, sie bald danach zu fragen, aber eigentlich ging ich davon aus, dass sie mir das sofort erzählte, falls er sich bei ihr nach ihr erkundigt hatte.
Marc verließ mit meinem Einverständnis mein Zimmer und Tim kam wenige Momente später zu mir. Wir redeten intensiv über das, was Marc und ich gerade besprachen und Tim sagte, dass er aus Marc nicht schlau wurde. Einerseits hielt mich Marc deutlich auf Abstand und vermied solche Situationen, andererseits lief er aber von sich aus direkt los, um mit mir zu reden, nachdem ich ihn mit Julia gesehen hatte. Wir stellten fest, dass Marc weiterhin irgendeine Art von Fürsorge für mich fühlte. Aber so richtig beschreiben konnten wir die Art und Weise der Fürsorge nicht, sie war irgendwie merkwürdig.
Nach dem Gespräch mit Tim legte ich mich einfach schlafen. Ich war müde, weil ich meist nicht gut schlafen konnte und diese Situation mit Marc mich fertigmachte. Lange lag ich noch in meinem Bett wach und dachte an die Szene, dass ich Marc mit Julia knutschen sah. Es tat mir so weh, die beiden zu sehen, weil ich mir vor allem wünschte, an Julias Stelle wieder zu sein… Aber ich musste die berechtigte Sorge haben, dass ich nun wirklich gar keine Chance mehr bei Marc hatte. Erschöpft schlief ich irgendwann ein.
Am nächsten Tag war meine Stimmung ein ganzes Stück besser, weil ich spürte, wie sehr mich die Umarmung mit Marc aufmunterte. Mir ging es natürlich trotzdem nicht gut, aber immerhin etwas besser und ich war etwas weniger deprimiert. Ich redete an diesem Tag mit kaum jemandem, mir war einfach nicht danach. Benny verbrachte auch viel Zeit mit den anderen Jungs, dadurch wollte ich auch mit ihm nicht wirklich abhängen. Am Donnerstag fragte mich Benny direkt morgens beim Frühstück, ob ich mit ihm und ein paar anderen am Badesee zusammen abhängen wollte. Mich freute das irgendwie sehr, dass er mich fragte und ich hatte vermutlich die beste Laune seit dem Trennungstag. Vermutlich lag das auch daran, dass ich ab diesem Donnerstag in eine Art wütenden Protest gegenüber Marc eingetreten war: Er wollte mir zwar Fürsorge entgegenbringen, zeigte diese aber so gar nicht, was ich nicht verstand. Aus Trotz versuchte ich mich nun aber davon zu lösen und sagte mir, dass ich mich nun einfach mit den anderen ablenkte. Benny, den ich wirklich mittlerweile mochte, kam daher wirklich wie gerufen, weil er einen guten Draht zu den anderen hatte und weil er mich wirklich gerne dabeihaben wollte. Ich genoss dieses Gefühl, leicht begehrt zu werden und schloss mich daher einfach an, es war abgesehen davon vermutlich auch der beste Plan, irgendwie gut durch den Tag zu kommen.
Wir hatten den ganzen Tag am Badesee richtig Spaß und Benny alberte wirklich viel mit mir herum. Immer, wenn er das Gefühl hatte, dass es mir nicht gut gehen könnte, ließ er sich direkt etwas Neues einfallen, um mich bei Laune zu halten. Er tobte irgendwann so wild mit mir herum, dass er mich im Wasser wieder anhob, mich durch die Luft wirbelte und ins Wasser schmiss. Er brachte mich mit seiner guten Laune so dermaßen zum Lachen, dass ich wirklich Marc teilweise währenddessen vergaß. Obwohl ich sogar beobachten musste, dass Julia und er sich wieder geküsst hatten und sehr nah beieinander kuschelten, schaffte Benny es, dass ich meine gute Laune nicht verlor.
Am späten Abend ging fast die gesamte Reisegruppe noch an den Badesee und ich hatte auch total Lust darauf. Mir entging nicht, dass sich Julia und Marc ziemlich abseits hielten und vor uns versteckten, aber ich versuchte, es einfach hinzunehmen, ohne mich fertig zu machen. Einen entscheidenden Anteil daran hatte definitiv wieder Benny, mit dem wir zusammen Getränke für unsere Runde einkaufen gingen, um später am Wasser bis tief in die Nacht abzuhängen. Ich war noch nie so spät noch baden, aber die anderen Jungs und er schafften es, die gesamte Zeit über für gute Stimmung zu sorgen. Als wir es schon richtig früh morgens hatten, saßen Benny und ich für einige Zeit allein auf einer Decke, während die anderen Jungs erneut im Wasser waren, was eigentlich zu kühl geworden war. Benny fragte mich leise: „Dir geht es heute besser, oder?“ – „Ja, total. Danke.“ Er rutschte plötzlich nah zu mir und setzte sich so nah neben mich, dass sich unsere Arme leicht berührten. Ich umarmte ihn einfach von der Seite, weil ich ihm wirklich dankbar war und ihn wirklich gerne hatte. „Ich bin mir sicher, dass du früher oder später über ihn hinwegkommen wirst“, sagte Benny. „Das sage ich mir auch immer, aber daran glaube ich nicht. Ich liebe ihn wirklich sehr. Es hat sich kein bisschen verändert, seitdem er die Beziehung beendet hat.“ – „Ah, habe ich es doch richtig vermutet. Viele glauben ja, dass du die Beziehung beendet hast, weil Marc dir zu langweilig geworden sei oder so.“ – „Nein, das war ganz und gar nicht der Grund. Vermutlich würde ich auch gar nicht so sehr leiden, wenn ich wirklich die Beziehung beendet hätte.“ – „Das kann natürlich sein, ja.“ Benny streichelte mir mit seiner Hand vorsichtig über den Arm, zog seinen Arm wieder zurück und schaute weiter nach vorne in Richtung See, genauso wie ich. Nach einigen Sekunden sagte ich: „Ich finde es sehr respektvoll, dass du mich nicht fragst, woran die Beziehung wirklich gescheitert war.“ – „Na ja, eigentlich geht mich das nichts an. Aber klar, neugierig bin ich trotzdem.“ – „Ich habe ungewollt jemand anders geküsst.“ – „Ui!“ – „Das war alles nicht geplant und ich war währenddessen ziemlich angeheitert. Aber Marc hat das tief verletzt.“ – „Das kann ich auch verstehen. Ich glaube, das würde mir auch sehr wehtun, wenn meine Freundin das machen würde.“ – „Ja, ich habe einfach große Scheiße gebaut.“ Wir schwiegen wieder einige Zeit und Benny schlug recht spontan vor, ob wir unsere Handynummern austauschen wollten. Ich war von seiner Frage leicht überrascht und stimmte seinem Vorschlag aber zu, weil ich glaubte, dass ich eine tolle Freundschaft mit ihm aufbauen konnte. Direkt, als ich ihm meine Nummer mitteilte, schaute er mir sehr tief in die Augen. Ich hielt diesem Blick stand und wusste nicht, ob er das auch fühlte, aber kurz kam das Gefühl von Romantik auf. Ich sträubte mich dagegen, weil ich voll und ganz Marc zurückhaben wollte, aber in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich auch für andere Männer interessiert war. Die Romantik unterbrach ich aber recht unelegant, weil ich aufstand und meine Sachen zusammensuchte, da es schon so spät war, dass mein Schlafmangel richtig schlimm ausfallen würde. Ich sah aus der Entfernung nicht, was bei Marc und Julia abging, aber ich vermutete, dass die beiden gerade miteinander kuschelten und sich bestimmt küssten. Benny und die anderen schlossen sich uns auch an, sodass wir ins Hotel gingen und ich einfach nur todmüde ins Bett fiel. Trotzdem räumte ich vorher alles chaotisch in meinen Reisekoffer, um morgens möglichst wenig machen zu müssen.
Auf der Rückfahrt schlief ich weitestgehend und verabschiedete mich am Bahnhof wirklich herzlich von Benny, weil ich spürte, dass er mir auf dieser Fahrt wirklich gutgetan hatte. Bei unserer Umarmung machten wir aus, dass wir uns möglichst bald treffen wollten, um einfach Zeit miteinander zu verbringen. Ob wir die anderen mit dabeihaben wollten, ließen wir offen, aber ich konnte mir auch gut vorstellen, mit ihm allein Zeit zu verbringen.
Das Wochenende und die letzten Schultage vergingen und Benny schrieb mir am Wochenende, ob ich in der ersten Ferienwoche Zeit hatte. Ich war über die kommende Abwechslung sehr froh, weil noch nicht klar war, ob Mama und ich gemeinsam in den Urlaub fahren konnten, da wir Verwandte besuchen gehen wollten. Ich befürchtete, dass diese Sommerferien so richtig zäh werden konnten, auch, weil ich wusste, dass ich Marc sechs Wochen lang nicht sehen würde. Ich wusste einfach nicht, wie ich Kontakt zu ihm herstellen sollte, weil er das nicht wollte. Oder war sein Satz, dass er auf mich Acht geben würde, ein Hinweis dafür, dass er doch Kontakt mit mir wollte? Warum kam er aber in den Tagen vor den Sommerferien nicht auf mich zu? Mich machte das alles einfach fertig. Ich freute mich zwar auf das Treffen mit Benny, gleichzeitig wollte ich aber meine gesamte Trauer auch nicht bei ihm rauslassen. Ich wollte nicht, dass er dachte, dass er einfach als mein Kummerkasten funktionieren sollte.
In der ersten Woche der Sommerferien traf ich mich mit Sabrina, die mich fragte, was ich von Benny hielt. Mittlerweile hatte sich offenbar die Info zu ihr fortgetragen, dass ich in der Reisewoche mit Benny relativ viel quatschte. Ich wusste, warum sie mich das fragte, weil sie hoffte, dass ich durch Benny von Marc wegkommen würde. Aber mir wurde klar, dass das nur schwierig möglich war. Ich liebte Marc einfach zu sehr, als dass das so einfach passieren würde. Nichtsdestotrotz fand ich Benny wirklich attraktiv. Nicht nur seine ruhige, gelassene Art, auch optisch zog er mich durchaus schon an. Er war kleiner als Marc, aber dennoch etwas größer als ich. Seine Kleidung war unauffällig, aber er lief immer grundsätzlich gepflegt herum. Generell wirkte er sehr unscheinbar, umso mehr überraschte mich sein Charakter nach unseren bisherigen Gesprächen.
Benny und ich beschlossen, an einem See schwimmen zu gehen und nahmen dafür noch zusätzlich Sabrina mit, die anderen konnten leider nicht. Wir gingen zwar zwischenzeitlich im See baden, aber insgesamt waren wir doch ziemlich wenig im Wasser und quatschten dafür viel mehr miteinander. Ich lernte Benny dadurch noch viel mehr kennen: Er war für seine Freunde und seine Familie sehr aufopferungsvoll. So half er zum Beispiel einem guten Freund von sich mitten in der Nacht, weil dieser aufgrund dessen zu strengen Eltern rausgeschmissen wurde. Das Besondere daran war zudem, dass er im Schlaf durch den Anruf des Freundes geweckt wurde und, obwohl er am nächsten Morgen wieder zur Schule musste, seinem Freund half. Benny ging daher nur mit ein paar Stunden Schlaf zur Schule, aber mit dem Gewissen, etwas Gutes getan zu haben. Ich war mir sicher, dass ich mich spätestens an diesem Tag mit ihm angefreundet hatte. Nur war ich mir weiterhin nicht sicher, ob Benny nicht vielleicht sogar mehr Interesse für mich hatte. Er machte an diesem Tag keine Anzeichen, aber am letzten Reiseabend, als wir auch am See saßen, hatte ich schon ein komisches Bauchgefühl, als er mir über den Arm strich und sich direkt neben mich setzte.