Kapitel 62

Kursfahrt

Ich erzählte und schrieb Tim nichts davon, dass ich Julia geküsst hatte – vermutlich, um mir Diskussionen zu ersparen. Am Sonntag erledigte ich ein paar letzte Dinge und bereitete meine Kursfahrt vor. Petra fragte mich einmal kurz im Laufe des Tages, ob sie mir irgendwie helfen konnte. Gleichzeitig schloss sich ein Gespräch an: „Wie ist das für dich, dass Janine mit dabei ist?“ – „Richtig komisch. Ich glaube, für sie ist es richtig schmerzhaft.“ – „Da könntest du Recht haben.“ – „Spricht sie viel mit dir?“ – „Ja, aber das dürfte dich auch nicht wundern. Sie ist für mich wie eine Art Tochter geworden.“ – „Wow.“ – „Aber das dürftest du auch wissen, dass ich sie sehr ins Herz geschlossen habe. Nur, weil ihr euch getrennt habt, breche ich ja nicht einfach den Kontakt zu ihr ab.“ – „Das ist ja auch völlig in Ordnung. Das hätte ich nie erwartet oder verlangt.“ – „Das weiß ich, Großer. Deswegen ist auch alles ok. Möchtest du reden?“ – „Nein, nicht so wirklich. Mir geht es so weit eigentlich sogar ganz gut.“ Wir beide schwiegen einige Sekunden und Petra fragte: „Wo warst du eigentlich letzte Nacht?“ Ihr Tonfall war total ruhig und überhaupt nicht anklagend. Sie war einfach neugierig. „Bei Julia.“ – „Ui.“ Es traten erneut mehrere Sekunden Stille auf: „Und, ist was gelaufen?“ – „Nein. Also nicht wirklich. Wir haben uns geküsst, zwei Mal.“ – „Ui.“ Sie reagierte genauso trocken wie zuvor. „Findest du das schlimm?“, fragte ich sie zurück. „Nein, Großer, das ist doch völlig okay. Wenn du Lust auf eine neue Frau hast, ist das total in Ordnung. Aber horche in dich hinein, ob du die Trennung von Janine schon abgeschlossen hast. Das wäre einfach nur blöd, wenn du Julia oder irgendeiner anderen Frau was vorspielst.“ – „Damit hast du Recht. Abgeschlossen ist das sicher noch lange nicht.“ – „Siehste.“ – „Jetzt habe ich erst recht ein schlechtes Gewissen gegenüber Janine, dass ich mit Julia die ganze Nacht kuschelnd verbracht habe.“ – „Auch, wenn ich mir sehr wünschen würde, dass Janine und du wieder zusammenkommt, weil ihr einfach so toll harmoniert habt, musst du dich nicht schlecht fühlen, dass du dich auf eine Frau eingelassen hast. Dir fehlt bestimmt die Nähe und so.“ – „Ja, total. Woher weißt du das?“ – „Ich habe auch schon Trennungen hinter mir, schon vergessen?“ Sie brachte mich zum Lachen. „Es ist doch völlig normal, dass man sich nach Nähe sehnt. Von daher kann dir keiner einen Vorwurf machen, dass du mit Julia Zeit verbringst. Du bist getrennt, du bist keinem außer dir selbst eine Rechenschaft schuldig. Aber sei zumindest fair gegenüber Julia.“ – „Bin ich. Ich habe direkt mit ihr darüber gesprochen, dass ich nicht weiß, ob ich das alles so direkt kann und dass ich nicht weiß, was mir Julia gerade bedeutet. Sie hat mir gesagt, dass sie das mit mir genauso sieht und wir einfach ganz locker Zeit verbringen, bis uns klar ist, ob das mehr ist oder halt nicht.“ – „Klingt sehr vernünftig.“ – „Ist es auch. Sie hat sich auch völlig verändert. Sie war wohl auch etwa ein Jahr in einer Beziehung und hat sich ganz schön verändert.“ – „Ich war auch überrascht, als du erzählt hattest, dass ihr euch näherkamt.“ – „Ja, es hat mich selbst ja völlig überrascht.“ – „Falls Julia nur eine Überbrückungs-Beziehung werden sollte, mit der du einfach… Sex hast, ist das auch okay. Danach kommt wieder eine richtige Beziehung, mit der es ernst wird. Dafür brauchst du dich nicht zu grämen. Probiere dich einfach aus, bis du bemerkst, dass du mit Janine abgeschlossen hast.“ – „Danke, dass du mich nicht in Richtung Janine drängst.“, sprudelte es plötzlich aus mir heraus. „Na klar. Ich weiß, dass dich das Ganze mit Janine beschäftigt, ich will es halt nicht noch schlimmer machen. Aber wie gesagt, ich fand euch ein tolles Pärchen.“ – „Fand ich eigentlich auch.“ Ich zog eine kleine Schnute und Petra wuschelte mir durch den Kopf, danach verließ sie mein Zimmer und ich machte mich endgültig für die Kursfahrt fertig. Ich schrieb am Abend mit Julia noch ein paar kurze Nachrichten hin und her, in denen wir eigentlich nur herumalberten und uns auf die Kursfahrt freuten.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit Bus und Bahn zum Bahnhof, an dem sich unser Kurs traf. Ich war einer der ersten, der dort eintraf, nahezu zeitgleich mit Janine. Als sie zur Gruppe stieß, trafen sich unsere Blicke kurz, sie schaute schnell weg und umarmte einige aus dem Kurs. Um zu einer jungen Frau aus unserem Kurs zu kommen, musste Janine an mir vorbei – auf dem Weg zu ihr umarmte sie mich plötzlich mit. Ich war völlig verdutzt und rechnete nicht damit, auch wenn ich instinktiv meine Hand auf ihren Rücken platzierte und sie leicht unverfänglich streichelte. Eigentlich wollte ich diese Nähe nicht haben und nicht zulassen, aber sie überrumpelte mich einfach.

Einige Minuten später kam Julia auch in der Gruppe an und drückte ebenfalls wie Janine einige. Als sie zu mir kam und unsere Blicke sich trafen, konnte sie mir in den Augen ablesen, dass ich ihr in dieser Runde keinen Kuss geben wollte, dafür war das alles noch nicht ernst genug. Sie verstand meine Signale und umarmte mich einfach fest. Wir standen eine Weile zusammen und Tim bemerkte auch, dass Julia in meiner Nähe stand. Janine hingegen schaute auffällig oft woanders hin, auch wenn sie in unserer Gruppe mit drinstand. Wenn sie sich aber umherschaute, bemerkte ich, wie sich ihr Blick massiv verfinsterte, wenn sie Julia anschaute. Das war natürlich allein auch deswegen auffällig, weil sich Julia schon konsequent in meiner Nähe aufhielt und weil zu spüren war, dass ich mich wieder gut mit ihr verstand. Ich machte mir, während wir dort standen und ich vergleichsweise wenig sagte, schon ziemliche Sorgen, wie diese Fahrt wohl werden würde, wenn Janine bereits jetzt so negativ reagierte…

Unsere beiden begleitenden Lehrer kamen derweil auch dazu und wir machten aus, welche Personen in welches Abteil gingen. Wir hatten mehrere Stunden Fahrt vor uns, da wir in eine kleinere Stadt im Gebirge fuhren. Unser Hotel war nahe einem großen beliebten Badesee, auf den ich mich auch wirklich freute. In unserer Reisegruppe waren schon etliche Gedanken dazu geäußert worden, in welcher Nacht man sich nach draußen schleichen würde, um am See baden zu gehen. Ich war mir nicht so sicher, ob ich mich da wirklich anschließen wollte, da ich schon überhaupt glücklich war, dort mitfahren zu können. Tim und ich hätten unter normalen Umständen nicht mitfahren dürfen, weil wir nicht im gleichen Leistungskurs wie Janine waren und nur als Ausnahme mit sehr viel Betteln mitgenommen wurden. Für den Fall, dass wir bei verbotenen Ausflügen erwischt werden würden, hatten wir als Nicht-Kursmitglieder sicherlich keine besonders guten Karten.

Julia und Tim waren mit drei anderen, die alle auch bei den Spieleabenden dabei waren, in meinem Abteil, Janine ordnete sich einem anderen Abteil dazu. Ich war ganz froh, dass das so kam, mit Janine in unserer Gruppe wäre die Stimmung sicherlich die ganze Zeit sehe frostig gewesen und es hätte wohl auf eine sehr anstrengende Hinfahrt hinauslaufen können. Aber da Julia wieder ihr berühmt-berüchtigtes Kartenspiel dabeihatte, vergingen die Stunden wie im Fluge und wir alle waren wieder sehr am Lachen. Julia saß beim Spielen wieder direkt neben mir und unsere Blicke trafen sich oft. Ein, zwei Mal zwinkerte ich ihr zu, weil ich diese Momente so angenehm fand, und sie lächelte mich jedes Mal genauso an, wie in den Momenten, als wir uns bei ihr küssten. Es kamen direkt Erinnerungen an den Samstag und Sonntag hoch, was dazu führte, dass ich bei diesem reaktionsschnellen Spiel, welches wir spielten, direkt mit Strafpunkten bezahlen musste, weil ich mit meinen Gedanken wegdriftete. Wir waren phasenweise so laut, dass man uns definitiv etliche Abteile weiter hinten hörte, sodass sogar einer unserer Lehrer kurz nach dem Rechten schaute und selbst lachen musste, als er sah, wie intensiv wir dieses Kartenspiel spielten. Wir boten ihm sogar an, mitzuspielen. Aus seinem kurzen Besuch wurde eine ganze Stunde, die er mit uns verbrachte und letztlich genauso laut wie wir am Lachen war. Die Reise begann auf jeden Fall einfach großartig! Als wir in der fremden Stadt ankamen und relativ schnell unser Hotel gefunden hatten, bekamen wir unsere Zimmer und Tim und ich teilten uns eins. Es war klar, dass vor allem abends die Zimmer in ihrer Belegung wild durcheinandergemischt werden würden…

An diesem Tag passierte insgesamt nicht mehr besonders viel, wir gingen als gesamte Gruppe in einem Restaurant essen. Weder Julia noch Janine saßen dabei in meiner Nähe, sodass ich sehr viel mit Tim und den anderen Mitschülern quatschte. Aber gerade auch in Hinblick auf Julia störte es mich nicht, dass sie nicht in meiner Nähe war, weil wir eben ausgemacht hatten, das locker anzugehen und ich sie auch nicht die ganze Zeit um mich herumhaben musste.

Nach dem Essen legten sich die Lehrer schlafen – die beiden wussten definitiv, dass jetzt erst der richtige Abend begann, aber keiner sagte etwas. Besonders bemerkenswert fand ich, dass keiner uns kontrollierte. Da das Wetter ziemlich regnerisch war und es teilweise sogar blitzte, blieben wir alle im Hotel. Wie erwartet verteilten sich nahezu alle in irgendwelche anderen Zimmer und ich blieb mit Julia und ein paar anderen aus unserer Gruppe in einem der Zimmer. Da wir befürchteten, zu laut zu sein, wenn wir Julias Lieblingsspiel spielten, genügte uns auch ein einfaches Abhängen. Ein Mitschüler machte leise seine Musikbox an, sodass wir eine richtig angenehme Stimmung hatten, in der wir alle miteinander quatschten. Julia rutschte im Laufe des Abends immer weiter zu mir heran, sodass sie sich leicht an mich ankuschelte. Den anderen entging das nicht, aber ich störte mich daran nicht weiter. Es war klar, dass sie irgendwann bemerkten, dass da zwischen Julia und mir zumindest leicht etwas war.

Gegen ein Uhr legten wir uns in unseren richtigen Zimmern schlafen, einige andere Zimmer feierten weiter. Ich war nur froh, dass das Zimmer von Tim und mir nicht belagert wurde, weil ich keine Lust hatte, Feierwütige und sicherlich stark Betrunkene rauszuschmeißen… Im Zimmer, in dem ich die letzten Stunden war, wurde zwar auch getrunken, aber vergleichsweise wenig, maximal war einer angeheitert. Ich selbst trank wie eigentlich immer an diesem Abend nichts.

Am nächsten Morgen stand ich daher relativ gut und entspannt auf, einige andere kamen zum Frühstück erheblich zu spät und waren völlig übermüdet. Einigen sah man den Restalkoholpegel definitiv noch an. Janine sah im Vergleich zu den meisten anderen recht fit aus, aber ich sah ihr trotzdem an, dass es ihr beschissen ging. Die Trennung schien ihr vermutlich auch weiterhin massiv zuzusetzen.

Nach dem Frühstück war der Plan, dass wir eine Tour zu einer nahen Burg machten. Den Ausflug fand ich richtig cool, das Wetter spielte wieder mit, es war sonnig und warm, aber nicht zu warm. Julia und ich hingen auch während dieses Ausflugs sehr viel miteinander herum, eigentlich begleiteten wir uns gegenseitig fast durchweg überall hin. Wir tauschten, außer uns ein paar Mal flüchtig zu berühren, sonst aber keine körperliche Nähe aus. Im Laufe des Tages aßen wir noch innerhalb der Burgmauern in einem Restaurant und die Stimmung war insgesamt ganz gut. Ich bemerkte aber auch hier wieder, dass Janine sich überhaupt nicht wohl fühlte. Sie sprach, während wir in diesem Restaurant saßen, mit fast keinem und wenn überhaupt, nur wenige Worte. Das passte so überhaupt nicht zu ihrem sonstigen Charakter. Als wir von der Burg aus losgingen, nahm Tim mich zur Seite und meinte: „Hey. Du solltest Janine vielleicht nicht zu offensichtlich beobachten, sie bemerkt das.“ – „Na ja, ich sehe halt, dass es ihr schlecht geht.“ – „Klar, ich sehe das auch. Aber ich möchte nicht, dass sie denkt, du würdest sie noch provozieren oder so was.“ – „Mache ich ja nicht. Ich reagiere ja gar nicht in ihre Richtung. Ich mache mir halt einfach auch irgendwie Sorgen um sie.“ – „Klar, das mache ich auch. Versteck deine Blicke vielleicht ein bisschen besser, sie leidet schon schlimm genug durch die ganzen Umstände.“ – „Sie hätte aber auch nicht mitfahren müssen, wenn sie damit jetzt nicht klarkommt.“ Ich war leicht angepisst, weil es mich nervte. Das war nicht das erste Mal, dass ich in den letzten Wochen von Tim Dinge über Janine hörte.

„Hätte sie jetzt ernsthaft auf die Kursfahrt verzichten sollen, weil du dich von ihr getrennt hast?“ – „Du lässt das so dastehen, als wäre ich schuld an unserer Trennung.“ – „Du hast faktisch die Trennung eingeleitet. Aber-“ – „Sie baut massig Scheiße und mich pflaumst du dafür an?“ – „Lass mich gefälligst aussprechen, ich war noch nicht fertig. Ich wollte eigentlich sagen: Aber du hast Recht, dass sie einigen Mist gebaut hat.“ – „Das wollte ich wohl auch meinen.“ – „Trotzdem bist du bei weitem nicht schuldbefreit. Auch wenn du es nicht mehr hören kannst, aber Leuten auf Maul zu hauen, ist definitiv keine richtige Lösung. Und seinen besten Freund anzupöbeln, übrigens auch nicht. Ich reiße mir hier den Arsch auf, für euch getrennt da zu sein, da brauchst du mich nicht von der Seite anzufahren, wenn ich sowohl für dich als auch für sie da sein will.“ Er ließ mich einfach stehen, als ich ihm gerade noch etwas darauf antworten wollte. Ich fühlte mich weiterhin ein bisschen angefressen, aber nahm das einfach schulterzuckend hin und beschloss, Tim zumindest an diesem Tag etwas in Ruhe zu lassen. Ich befolgte immerhin Tims Rat und mied Janine wirklich so gut ich konnte. Einmal rutschte mein Blick während unseres Nachhausewegs zu ihr – sie konnte das aber glücklicherweise nicht sehen, weil sie vor mir lief.

Im Hotel angekommen machten wir uns weitestgehend bettfertig und obwohl das Wetter auch im Dunkeln richtig gut war, blieben wir alle im Hotel, es traute sich offenbar keiner raus. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass einige noch so angezählt von der letzten Nacht waren, dass sie keine riesige Lust auf draußen feiern hatten… Julia und ich verbrachten an diesem Abend wieder zusammen in einem der Zimmer unsere Zeit. Die Stimmung war in einigen Zimmern nicht so wirklich gut, sodass wir mehrfach hin und her wechselten und relativ schnell feststellten, dass einige so richtig versackten, was uns beiden irgendwie auch zu langweilig war. Ich schaute kurz in meinem Zimmer vorbei und es war wie gestern leer, sodass Julia und ich allein blieben und in mein Zimmer gingen. Wir setzten uns auf den kleinen Balkon und genossen das milde Wetter sehr. Unser Gespräch, das über zwei Stunden ging, war wahrscheinlich das schönste und intensivste, welches Julia und ich bisher führten. Wir sprachen viel über unsere Träume und Wünsche, aber auch darüber, was wir in ein paar Jahren erreichen wollten. Ich fühlte mich in diesem Gespräch immer mehr zu ihr hingezogen, sodass wir bereits zur Hälfte unseres Gesprächs unsere Stühle sehr nach aneinanderrückten und uns während unseres Gesprächs so gut es ging aneinander kuschelten. Julia wies mich irgendwann darauf hin, wie toll sie unseren Ausblick von unsrem Balkon fand, was in mir ein so gewaltiges Gefühl der Anziehung erzeugte, dass ich ihr langsam, aber beständig näherkam und sie küsste. Sie ließ sich völlig auf den Kuss ein und diese Knutscherei machte mich so richtig an. Zum ersten Mal spürte ich, dass Julia und ich auch eine Art Rhythmus fanden. Waren unsere Küsse am Anfang noch vorsichtig, wurden wir relativ schnell leidenschaftlicher. Ich spürte, wie ich Schritt für Schritt meinen Kopf immer mehr ausschaltete und genoss es einfach immer mehr, diese intime Nähe mit Julia zu haben, als mich plötzlich ein Geräusch völlig herausriss.

„Ist das dein Ernst, Marc?“ Janine schaute mich verzweifelt an, Tränen liefen ihr an den Wangen hinunter. Neben ihr stand Tim, der ziemlich ratlos aussah. Scheiße, genau das wollte ich nun wirklich nicht. Ich wollte nicht, dass Janine wegen mir noch zusätzlich litt. Ja, wir hatten uns getrennt, aber ich wollte nicht als das Arschloch in die Geschichte eingehen, welches seiner Ex-Freundin das Leben zur Hölle machte. Ich war völlig verdutzt und Julia, die ich im Augenwinkel sah, wirkte auch leicht geschockt. Wir hatten uns bereits so aufeinander eingelassen, dass wir nicht mitbekamen, dass Tim die Tür aufschloss und die beiden eingetreten waren. Janine knickte leicht ein und rannte schluchzend nach draußen, sodass ich leicht zusammenzuckte. Es tat mir weit mehr weh, als ich es erwartet hatte. Meine Beine handelten schneller als mein Kopf und standen schon – ich schaute Julia aber an. Ich erwartete irgendwie eine wütende Reaktion, aber sie war wieder wirklich mild und meinte: „Los, sprich mit ihr. Sie tut mir auch wirklich leid.“ – „Danke“, flüsterte ich ihr leise zu und rannte aus dem Zimmer. Ich sah, dass Janine in ihrem Zimmer verschwand, sie schmiss die Tür ziemlich zu. Ich folgte ihr und war froh, dass durch den Schwung die Tür wieder ein Stück aufsprang, sodass ich vorsichtig eintrat. Janine war in ihrem Zimmer gerade allein. Sie schluchzte recht hörbar und es zerriss mir wieder das Herz. „Willst du noch mehr auf meinen Gefühlen herumtrampeln?“, warf sie mir direkt entgegen, als sie mich bemerkte. „Ich… nein… Janine, hey.“ Sie weinte hemmungslos in ihre Decke, da sie sich auf ihr Bett geschmissen hatte. „Muss es gerade Julia sein, mit der du herummachst? Hat es nicht gereicht, dass sie damals fast dafür gesorgt hat, dass wir fast nicht zusammengekommen wären?“ – „Hey, ich mache das nicht mit Absicht. Wir verstehen uns einfach gut.“ Sie warf mir recht laut entgegen: „Wie sehr willst du mir noch wehtun? Bis ich gar nicht mehr kann und endgültig aufgebe?“ – „Was soll das heißen?“ – „Glaubst du, ich sehe das nicht, wie sehr du mir mit Absicht wehtust? Wie lang willst du dich noch an mir rächen, dafür, dass dieses Arschloch Jeremias mich geküsst hat?“ – „Janine, das mache ich doch gar nicht. Wir sind getrennt. Ich wollte nicht, dass-“ – „Man Marc, du bist wieder so ein Arschloch, genauso wie damals, als du deinen Frust an mir ausgelassen hast, bevor wir zusammenkamen! Es tut mir doch leid, was mit Jeremias passiert ist, das wollte ich doch gar nicht!“ – „Das weiß ich doch. Das habe ich doch verstanden. Ich wollte nicht, dass du Julia und ich mich so findest. Ich möchte nicht auf deinen Gefühlen herumtrampeln.“ – „Aber du tust doch nichts anderes!“ – „Das tut mir wirklich leid. Ich wollte das nicht. Ich möchte nicht, dass es dir so schlecht geht. Aber…“ Sie schluchzte, aber schenkte mir ihre Aufmerksamkeit. „Wenn es dir wirklich weiterhin so schlecht geht… Ich weiß nicht, meinst du nicht, es wäre vielleicht gut, wenn du mit einem Arzt oder so darüber sprichst? Ich möchte einfach nicht, dass es dir noch schlechter geht. Ich sehe doch, dass du dich im Unterricht kaum mehr beteiligst.“ – „Danke für deine professionellen Ratschläge. Was denkst du, was ich bereits mache?“ – „Oh, okay. Sorry. Das wusste ich nicht.“ – „Kannst du ja auch nicht, nachdem du jeglichen Kontakt zwischen dir und mir unterbindest.“ – „Ich habe das vor allem auch deswegen gemacht, um es uns nicht noch schwerer zu machen, Janine.“ – „Das sehe ich ja, wie gut dir das gelingt.“ Sie klang in diesem einen Satz so richtig giftig. Interessanterweise blieb ich unheimlich ruhig, obwohl ich allen Grund dazu hatte, hochzufahren – gerade auch, nachdem ich mit Tim schon aneinandergeraten war.

In diesen wenigen Augenblicken wurde mir eigentlich bewusst, dass es keine besonders kluge Idee war, Janine hinterherzurennen, weil ich einfach gar nicht wusste, was ich mit dieser Aktion nun bezwecken wollte. Wollte gerade ich sie beruhigen? Ich, der alles ausgelöst hatte? Wie dumm war denn diese Idee? Aber gleichzeitig fühlte ich mich irgendwie für die Situation und auch für Janine verantwortlich, obwohl wir eben nicht mehr zusammen waren. Trotz allem: Wie sollte denn gerade ich sie trösten, an dem sie ja definitiv immer noch mehr als alles andere hing?

„Janine, es tut mir wirklich leid, wenn es dir schlecht geht. Das möchte ich wirklich nicht. Ich hoffe einfach, dass es dir irgendwann wieder etwas besser geht und dass du möglichst bald irgendwie wieder glücklich werden kannst. Ja, ich habe mich von dir getrennt, aber es war niemals mein Ziel, dir die ganze Zeit Schmerzen zuzufügen. Entschuldige, falls es dir wegen unserer Trennung immer noch so dreckig geht.“ Ohne, dass ich damit rechnete, stand Janine plötzlich ziemlich schlagartig vor mir. Ich zuckte leichte zusammen, weil ich bei meinen Sätzen ein wenig verträumt war und das gar nicht so richtig mitbekam, was aber auch an der Dunkelheit im Raum lag, da keiner von uns das Licht angeschaltet hatte. In einer Mischung aus Mitleid, völlig durcheinander geworfenen Gefühlen und irgendwie auch Traurigkeit über die gescheiterte Beziehung mit Janine ließ ich mich auf die Umarmung ein, als Janine den letzten Schritt einfach auf mich zumachte. Wir umarmten uns lange und sie weinte sich an meinem Oberkörper aus. Super, Marc, war es das, was du jetzt wolltest?

Nach einer Ewigkeit begann ich vorsichtig, die Umarmung von Janine und mir wieder zu beenden. Sie weigerte sich anfangs etwas und löste sich letztlich aber wirklich von mir, worüber ich froh war. Mit völlig verlaufener Schminke schaute sie mir direkt in die Augen, das konnte ich in dem wenigen Licht, das von draußen hineinfiel, deutlich sehen. „Hey.“, sagte ich vorsichtig zu ihr. „Ich… achte trotzdem auf dich… auch wenn wir getrennt sind. Ich möchte einfach nicht, dass es dir so schlecht geht, hörst du?“ – „Ich weiß.“, sagte sie ziemlich leise und sank mit ihrem Blick zu Boden. „Aber bitte… akzeptiere, dass wir nicht mehr zusammen sind. Ich müsste damit genauso klarkommen, wenn du jemand anders küssen würdest.“ – „Ja… du hast schon Recht. Es ist schon okay, wenn du jetzt wieder gehst.“ – „Danke.“ Ich schaute ihr noch einige Momente lang in die Augen, da sie erneut zu mir aufschaute und lächelte sie vorsichtig an. Sie bemühte sich um ein gequältes Lächeln und ich drehte mich um, um nach draußen auf den Flur zu gehen. Ich schloss ihre Tür hinter mir. Direkt draußen neben der Zimmertür stand Tim, ich zuckte leicht zusammen. „Ich glaube, das hast du gut gemacht.“ – „Danke. Endlich keine bösen Töne in meine Richtung.“ – „Verstehe bitte nicht immer alles gleich so hart. Ich bin für euch da. Ich lasse mir aber auch nichts gefallen, wenn es unberechtigt ist.“ – „Hast ja Recht.“ Er flüsterte ganz leise, sodass Janine drinnen es definitiv niemals hören konnte: „Mach mit Julia, was du möchtest. Das ist völlig okay. Aber such dir nächstes Mal vielleicht ein anderes Zimmer. Das war einfach total unglücklich, dass Janine euch gesehen hat. Ich wollte ihr einfach eine Möglichkeit geben, sich auszuweinen, weil sie erneut so traurig ausgeschaut hat, das hat ihr jetzt natürlich den Rest gegeben.“ – „Ja, leider. Ich hoffe, dass ihr das gerade vielleicht ein bisschen geholfen hat.“ – „Wir werden es sehen.“ Tim klopfte an Janines Zimmer und sie ließ ihn hinein.

Ich klopfte im Anschluss leise an Julias Zimmertür, sie öffnete mir. „Und, wie geht es Janine?“ – „Hoffentlich ein wenig besser. Ich weiß aber nicht, ob das klug war, dass gerade ich zu ihr hingegangen bin.“ – „Ich denke schon. Irgendwie.“ – „Es tut mir total leid, dass die beiden so dazwischen geplatzt sind. Ich habe das sehr gemocht.“ Plötzlich strahlte sie ziemlich und meinte: „Ich auch. Es ist alles in Ordnung, ich bin nicht böse. Ich… kann verstehen, dass du ihr hinterher wolltest.“ – „Wollen wir noch ein bisschen Zeit heute verbringen?“ – „Nein, eher nicht. Ich bin einfach nur total müde, das wollte ich dir vorhin eigentlich auch noch sagen. Aber… wir waren ja beschäftigt.“ Wir kicherten leise und sie sagte: „Aber habe kein schlechtes Gewissen. Ich möchte einfach nur wirklich ins Bett. Das hat jetzt mit ihr und so gar nichts zu tun.“ – „Alles klar. Schlaf schön. Bis morgen früh.“ Julia schaute kurz links und rechts auf dem Gang entlang, sah, dass dort keine Person entlanglief und huschte den Schritt nach draußen, um ein paar intensive Küsse mit mir auszutauschen. Das machte mich ziemlich schnell wieder an und sie flüsterte: „Schlaf du auch gut. Träume was Schönes.“ Es folgte ein letzter Kuss und eines musste ich Julia wirklich lassen: Sie zu küssen war wirklich ein Erlebnis. Im Anschluss legte ich mich in meinem Zimmer auch schlafen, auch wenn ich mit offenen Augen im dunklen Zimmer an die Decke schaute. Mir gingen einfach die Szenen aus der letzten Stunde durch den Kopf, bis ich irgendwann einschlief. Tim war noch nicht wieder in unser Zimmer zurückgekommen.

Am Mittwoch waren wir alle ganz schön angezählt, da so ziemlich die gesamte Reisegruppe viel zu lang aufgeblieben war. Unsere Lehrer bemerkten das auch und einer der beiden, der in der Schule für lustige und stichelnde Sprüche bekannt war, meinte in Richtung von einigen Jungs: „Na, müde? Beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen weniger saufen?“ Ich amüsierte mich köstlich darüber, fragte mich gleichzeitig aber auch, ob die beiden Lehrer nicht Ärger bekommen würden, falls jemals herauskommen sollte, wie sehr unsere Reisegruppe die Regeln dehnte…

Wir bekamen einen Stadttag zur freien Verfügung, an dem wir selbst entscheiden konnten, was wir machen wollten. Eine Gruppe um Julia und mich ging sehr lange in der Altstadt bummeln, abends machten wir deutlich entspannter, da die Lehrer mit uns gemeinsam noch abends ausgingen. Janine wirkte bei diesem Restaurantbesuch wieder munterer und wieder einen Hauch glücklicher, aber wie es in ihr aussah, war mir sowieso klar. Nach dem gemeinsamen Abendessen saßen wir noch ein bisschen in verschiedenen Gruppen in den Zimmern zusammen, aber Julia und ich beschlossen ziemlich zeitig, uns schlafen zu legen, da wir vom Abend zuvor noch richtig müde waren. An diesem Tag küssten wir uns nicht, auch wirkliche körperliche Nähe tauschten wir kaum aus. Wir wollten vor allem noch den letzten Reisetag ausführlich nutzen, da unsere Lehrer vorhatten, den letzten Tag am Badesee mit uns zu verbringen, da die Temperaturen an diesem letzten Tag ziemlich hoch gingen.