Kapitel 60

Singleleben

Mir war richtig schlecht, als ich wieder nach Hause fuhr. Diese Begegnung fiel mir viel schwerer, als ich erwartete. In der Schule hatte ich mich irgendwie recht gut daran gewöhnt, dass wir nicht mehr zusammen waren, aber dieses direkte Gespräch war so richtig hart. Ich lenkte mich daher ganz stumpf mit meinem PC ab, bis Tim mir die konkreten Infos für den Abend schrieb. Wir machten aus, dass wir uns gegen 21 Uhr an einem Bahnhof in der Nähe der Feier trafen. Er präzisierte, dass es weniger eine Feier war als eher ein Treffen mit ein paar mehr Leuten aus unserem Jahrgang. Mir war das eigentlich sogar noch lieber, da ich damit viel eher in der Gruppe integriert war als bei einer richtigen Homeparty, bei der ich es nicht immer so einfach fand, Anschluss zu finden.

Ich zog mir für den Abend etwas bessere Kleidung an und stylte mich etwas lockerer und wilder, als ich es sonst machte. Zack, da war direkt die nächste Erinnerung: Janine fand mich etwas wilder gestylt auch immer toller, als wenn ich im eher etwas langweiligen Standardoutfit mit T-Shirt und einer nicht besonders gepflegten Jeans unterwegs war…

Als ich Tim zur Begrüßung umarmte, nachdem wir am Bahnhof trafen, sagte er: „Ich hoffe, dass die dich ein bisschen in Ruhe lassen… Du weißt schon.“ – „Ich hoffe es auch. Ich werde auf jeden Fall auf keine Details eingehen. Es geht keinen was an, warum Janine und ich nicht mehr zusammen sind.“ – „Und was willst du sagen, wenn sie trotzdem fragen?“ – „Na ja, ich werde einfach sagen, dass wir uns getrennt haben, weil wir bemerkt haben, dass wir eben doch nicht mehr so gut passen.“ – „Das stimmt ja irgendwie. Ich weiß nur nicht, ob es so fair ist, wenn du damit andeutest, dass auch Janine die Trennung selbst wollte.“ – „Ja, das stimmt, das wäre auch nicht richtig. Ach, ich weiß nicht. Ich sehe es einfach spontan. Vielleicht werde ich ja mit diesen Themen in Ruhe gelassen.“ – „Das wird schon.“

Tim und ich kamen in der Wohnung von einer Frau aus unserem Jahrgang an. Ich hatte mich mit ihr bisher immer gut verstanden, wenn wir miteinander sprachen. Auch bei Janines Geburtstagsfeier war sie mit dabei und ich fand sie auch dort wirklich höflich. Sie fand es richtig cool, dass ich auch mit dabei war, auch wenn sie das natürlich wusste, weil Tim sie vorher in meinem Namen fragte. Die anderen waren auch etwas überrascht, mich zu sehen, freuten sich aber auch wirklich. Fast etwas unangenehm war es für mich im ersten Moment, auf Julia zu treffen. Sie drückte mich bei der Begrüßung erstaunlich herzlich und ich stellte einfach fest, dass ich mit ihr nach meinem Zusammenkommen mit Janine wirklich kaum mehr gesprochen hatte. Wir hatten auch nur einen Kurs zusammen, sodass unsere Überschneidungen wirklich gering waren. Mehr durch Zufall saß ich an diesem Abend neben Tim und ihr. Ich dachte mir abgesehen davon auch nichts dabei, ich hatte einfach Lust auf einen entspannten Abend mit netten Leuten und teilweise Freunden. Ablenkung war einfach mein allerwichtigstes Ziel, weil es mir auch nur bedingt viel brachte, allein zu Hause vor dem PC zu sitzen. Auch in solchen Phasen dachte ich immer wieder viel zu viel über Janine und die Trennung nach.

Wir spielten an diesem Abend mehrere verschiedene Partyspiele und ich fand die Stimmung wirklich richtig gut. Als wir Pantomime spielten, erklärten einige aus der Gruppe einzelne Begriffe so unheimlich lustig und teilweise unabsichtlich zweideutig, dass wir vor Lachen in Tränen ausbrachen. Mich machte der Abend und die Nacht von Stunde zu Stunde glücklicher, weil ich endlich wieder so richtig die Seele baumeln lassen konnte. Ich spürte im Laufe des Abends, dass ich mich mit Julia wieder unheimlich gut verstand. Mir war damals bei unserem ersten richtigen Kennenlernen aufgefallen, dass wir uns gut verstanden, aber je näher ich sie kennenlernte, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass sie unheimlich unreif und oberflächlich war. Die Julia, die da heute im Laufe dieses Abends neben mir saß, wirkte irgendwie… anders. Ich spürte, dass sie in den letzten anderthalb Jahren deutlich reifer wurde. Allein ihre Art, wie sie sich in den Gesprächen beteiligte, war so anders und viel tiefgreifender als damals. Ich fand das spannend, wie sie sich verändert hatte.

Im Laufe der Nacht, die bis morgens um vier ging, passierte auch etwas, was mich verunsicherte. Wir spielten nach der Pantomime das unheimlich lustige Spiel, welches Julia und ich bereits damals auf der Geburtstagsfeier spielten, bevor Janine und ich während unserer Freundschaft so heftig aneinander gekracht waren. Julia hatte das Spiel mitgebracht und es sich damals nach der Party direkt gekauft, weil es einfach für so gute Laune sorgen konnte. Wir spielten uns in einen so gewaltigen Rausch, dass ich erst sehr spät bemerkte, wie Jani… Julia in einem Überschwang an Gefühlen sich bei mir einhakte und minutenlang an meiner rechten Seite so blieb. Es fühlte sich in diesem Moment einfach so richtig an, offenbar bei anderen Frauen toll anzukommen. Gleichzeitig plagte mich aber ein sehr unwohles Gefühl, sodass ich mich äußerst vorsichtig und geschickt aus der leichten Umklammerung von Julia löste, weil ich aus der Küche etwas zu trinken holen wollte… Bei meinem Reinkommen trafen Tims Blick meinen und ich zuckte mit den Schultern, weil er mich grinsend und fragend anschaute. Ihm ging der gleiche Gedanke durch den Kopf: Was hatte das denn jetzt zu bedeuten? Wenn es freundschaftlich gemeint war, hatte ich damit überhaupt kein Problem, aber ich hatte nach meiner Abfuhr, die ich ihr damals erteilt hatte, eigentlich erwartet, dass sie mich auch weiterhin ziemlich scheiße finden würde. Offenbar hatte sich ihre Haltung mir gegenüber sehr verändert.

Als wir gegen vier Uhr alle nach Hause aufbrachen, waren die meisten von uns weiterhin unheimlich aufgedreht – durch die Müdigkeit, wie auch durch das großartige Kartenspiel. Da Tim in eine andere Richtung nach Hause musste, verabschiedeten wir uns von ihm als Erstes. Als ich ihn drückte, flüsterte er mir zu: „Mach keinen Mist mit Julia jetzt. Du weißt, wie das damals ausgegangen ist.“ – „Mach dir keine Sorgen. Abgesehen davon kann ich jetzt tun und lassen, was ich will.“ – „Ja, klar. Aber ich habe mir von Kumpels sagen lassen, dass man nach einer Trennung immer eine Weile Zeit vergehen lassen sollte, bevor man sich jemand Neues nimmt. Die Erinnerungen kommen einfach viel zu sehr hoch, als dass man sich auf jemand Neues einlassen kann.“ – „Da hast du sicher Recht. Danke dir.“ Ich fuhr mit dem Rest der Gäste weiter, bis letztlich nur noch Julia und ich im Nachtbus übrigblieben. Wir hatten noch einige Stationen zu fahren, auch wenn Julia vor mir aussteigen musste. Sie wohnte ja weiterhin nicht weit von Janines Zuhause entfernt…

„Hier, das muss ich dir noch unbedingt zeigen!“, sagte Julia und zückte ihr Smartphone. Sie zeigte mir eine Webseite mit einem weiteren kaufbaren Kartenspiel, welches wohl genauso lustig wie das heutige sein sollte. Sie erklärte mir recht kurz, um was es dabei ging und allein bei der Vorstellung mussten wir ziemlich lachen. Auch in dieser Szene fiel mir auf, dass Julia spielerisch Körperkontakt zu mir aufbaute. Sie berührte mich mehrfach kurz und flüchtig am Arm und ich war mir wirklich nicht sicher, ob das noch zufällig war oder ob sie nicht womöglich schon wieder begeisterter von mir war…

Relativ plötzlich während unserer Busfahrt fragte sie mich: „Wie geht es dir wirklich?“ – „Was meinst du?“ – „Na ja, im Jahrgang weiß doch fast jeder, dass Janine und du nicht mehr zusammen seid.“ – „Na ja, wie soll es mir gehen? Ziemlich kacke halt. Ist halt nicht einfach. Aber das Treffen heute war richtig gut. Das kann ich echt öfters vertragen.“ – „Ging mir genauso.“ – „Warum das? Geht es dir auch nicht so gut?“ – „Na ja, meine Beziehung hielt zwar nur knapp ein Jahr, aber das nagt auch noch an mir.“ – „Oh, ich wusste gar nicht, dass du in Beziehung warst.“ Sie erzählte mir von einem aus meinem Jahrgang, mit dem ich bisher wirklich fast nichts zu tun hatte, von dem ich aber wusste, dass er wohl ein sehr vernünftiger und bodenständiger Kerl war. Irgendwie rutschte mir die Frage einfach so heraus, weil ich neugierig war: „Woran ist es denn gescheitert?“ – „Wir haben einfach bemerkt, dass wir wirklich nicht so richtig zusammenpassen. Er ist wirklich menschlich echt fein, aber von unseren Vorstellungen für die Zukunft passte es zum Beispiel einfach nicht.“ – „Inwiefern?“ – „Er weiß zum Beispiel jetzt schon, dass er definitiv niemals Kinder haben will. Ich wünsche mir später auf jeden Fall Kinder.“ – „Oh, verstehe.“ – „Wir haben einfach auch sehr unterschiedliche Interessen. Ich bin halt gerne draußen, mache bei solchen Spieleabenden wie heute gerne mit und er mag so was eher weniger. Er ist halt sehr zurückhaltend und eher still.“ – „Das ist schade, dass das zwischen euch nicht passte.“ – „Danke und ja, es ist schade. Aber die Trennung kam von uns aus, wir waren da auch total ehrlich und waren überhaupt nicht sauer. Wir verstehen uns auch weiterhin richtig gut und verbringen hin und wieder Zeit mit Freunden zusammen. Aber es ist halt klar, dass mehr eben nicht funktioniert.“ Ich war von ihren bodenständig wirkenden Antworten wirklich positiv angetan. Offenbar hatte sie sich auch durch die Beziehung verändert. Sie war definitiv ruhiger geworden, ihre wilde Seite hatte sie offenbar stärker abgelegt. Auch fiel mir während des Gesprächs auf, dass sie viel weniger offenherzig als früher herumlief. Auch die Menge an Schminke war deutlich weniger geworden.

Eigentlich wollte ich Julia diese Frage nach ihrem Beziehungsende nicht stellen, weil mir klar war, was sie nun fragen würde: „Wieso hat es zwischen Janine und dir nicht mehr funktioniert?“ Ich hatte mit einer ehrlichen Antwort sehr zu kämpfen, weil ich Janines Alkoholeskapaden nicht herumerzählen wollte. Ich wählte einen Mittelweg, bei dem ich möglichst wenig von Janine verriet: „Na ja, ich glaube, es ist irgendwie so wie bei euch gewesen: Wir haben nicht mehr so richtig gut zusammengepasst. Aus dem Grund habe ich die Beziehung beendet.“ – „Oh, wirklich?“ – „Ja, wieso fragst du?“ – „Viele glauben, dass Janine die Beziehung beendet hat und dass du einfach zu langweilig für sie warst.“ – „Nein, das war nicht der Grund. Ich habe die Beziehung beendet.“ – „Ich habe das auch nicht geglaubt. Man kann doch mit dir Spaß haben. Das habe ich ja damals auf der Party gesehen und heute auch wieder.“ – „Danke für das Kompliment.“ – „Gern geschehen.“

Julia stellte fest, dass sie gleich aussteigen musste, während ich in diesem Moment intensiv gähnte. „Du hast nicht zufällig Lust, mich noch nach Hause zu begleiten? Ich fühle mich zu diesen Zeiten einfach wohler, wenn ich Begleitung bis zur Haustür habe.“ Ich schaute sie fragend an, weil ich nicht so richtig wusste, was ich nun wollte. Einerseits war ich unfassbar müde und wollte einfach nach Hause durchfahren, andererseits… „Können wir machen.“ Ich fühlte mich durch den Abend wieder unbestreitbar von Julia angezogen. Wir stiegen aus dem Bus aus und sie hakte sich wie selbstverständlich bei mir ein. Ich wusste nicht, ob ich das so richtig wollte, nahm das aber einfach entspannt hin und lief den Weg bis zu ihr. „In welchen Kursen bist du denn so gelandet?“, fragte mich Julia. Ich erzählte ihr von meinen verschiedenen Lehrern, von denen einige echt furchtbar waren. „Einige sind richtig unnötig streng. Wir sind als Kurs meist total entspannt und trotzdem drehen einige Lehrer so richtig ab. Das nervt einfach nur.“ – „Oh, da habe ich es mit meinen Kursen richtig gut erwischt.“ – „Wen hast du denn so abbekommen?“ Sie erzählte mir ganz fasziniert von einzelnen Fächern. „Ich finde es total cool, dass der Philosophie-Leistungskurs zustande gekommen ist. Das macht mehr Spaß, als ich je gedacht hätte.“ – „Kannst du dir denn auch später was in dem Bereich vorstellen?“ – „Weiß ich noch nicht. Ich glaube, als zukünftigen Job ist das nicht so einfach. Es sei denn, dass ich Lehrerin mit Philosophie werden würde.“ – „Ich glaube, das könnte sogar ganz gut zu dir passen.“ – „Was? So richtig schön spießig? Mit dicken Brillengläsern und buckligem Gang?“ Sie brachte mich sehr zum Lachen. Ihren Humor, den sie da plötzlich auspackte, kannte ich in der Form bisher auch noch nicht. Vor allem steigerte sie sich auf unserem Weg bis zu ihr immer mehr hinein, sodass ich mich immer mehr vor Lachen kringeln konnte. „Nein, ich habe mir eher vorgestellt, dass du mit einem alten Besen vorne stehst und jedem dem Mund schrubbst, der dir irgendwie doof kommen könnte. Jeder nennt dich alte Hexe, weil sich jeder vorstellt, wie du mit dem Besen durch den Raum fliegst.“ Sie kicherte herzhaft und zog mich instinktiv dabei nah an sich heran. Sie ging dabei sogar so weit, dass sie kurz ihren Kopf gegen meinen während des Spaziergangs drückte. Ich genoss das in diesem Moment wirklich sehr, gleichzeitig erinnerte mich das sehr an Janine, die das auch gerne machte, wenn wir auf einem Spaziergang unterwegs waren. Besonders fies war das für mich auch deswegen, weil wir genau in diesem Moment, als Julia das machte, fast auf Höhe von Janines Wohnhaus waren… Ich ließ mir das aber wirklich null anmerken, welcher Gedanke mir kurz durch den Kopf ging.

„Mir fehlt aber eigentlich nur eine richtig riesige und krumme Hexennase!“ – „Vergiss nicht die ganzen Pusteln und Pickel im Gesicht und auf dem gesamten Körper!“ – „Ieeeeeeeeh!“ – „Hat doch aber auch Vorteile: So traut sich kein Schüler mehr in deine Nähe. Jedes Mal, wenn ein Schüler Stress macht, gehst du einfach nur in die Nähe und jeder ist sofort ruhig, weil er oder sie Angst vor dir hat.“ – „Bist du fieeeees!“ Sie lachte sich genauso krumm wie ich. Meine Laune war den gesamten Abend über schon echt gut, aber durch diese Herumalberei wurde sie definitiv noch viel besser.

Julia legte aber noch nach: „Bestimmt denkt auch jeder Schüler, dass ich sie verhexen könnte!“ – „Damit sie danach genauso aussehen wie du? Und genauso Lehrerin werden?“ Sie löste sich aus ihrem Einhaken und schubste mich mit einem lauten Lachen ein Stück weg. „Du bist voll frech! So schlimm wäre ich gar nicht als Lehrerin! Ich würde sie eher verhexen, dass sie endlich ihre Aufgaben machen und an ihrem Stuhl festgebunden sind, bis sie fertig sind.“ – „Ach so eine bist du also!“ Ich war mittlerweile wieder nah neben Julia und ließ sie sich bei ihr wieder einhaken.

Es waren nur noch wenige Meter bis zu ihrem Zuhause. Ich sagte: „Aber ernsthaft, ich glaube, du könntest eine gute Lehrerin sein. Du bist offen, lässt dir nichts gefallen und gehst gut mit Leuten um. Wie gut du Dinge erklären kannst, weiß ich natürlich nicht.“ – „Danke, das war lieb. Leuten Dinge zu erklären, macht mir wirklich Spaß, aber so richtig habe ich bisher über Lehramt eigentlich nicht nachgedacht. Es ist ja auch noch etwas Zeit bis dahin, so richtig bin ich mir nämlich bisher nicht sicher, was ich eigentlich später machen will. Auf jeden Fall will ich nicht als Philosophin enden…“ – „Möchtest du also nicht meine Zukunft vorhersagen?“ – „Haha, ich wusste, dass jetzt genau solch ein Vorurteil kommt… Aber ich kann natürlich trotzdem deine Zukunft vorhersagen.“ – „Aha, und zwar? Wie willst du das machen? Was werde ich denn erleben?“ Ich schmunzelte und steckte sie damit an. Sie bemerkte, wie sehr ich sie gerade einfach aufs Korn nehmen wollte. „Ich bin mir sicher, dass du wieder eine tolle Freundin finden wirst.“ In diesem Moment schaute sie mir intensiv in die Augen und ihr Tonfall war weit ernster. Dieser Blick hielt spürbar einige Momente zu lang an, sodass ihre Aussage eine wuchtige Wirkung erzielte. Bisher hatte man die Dinge theoretisch auch rein freundschaftlich interpretieren können, aber dieser Blick war ein klarer Flirt. Ich hielt ihrem Blick stand und sagte: „Davon bin ich überzeugt.“ Auch nach meiner Aussage hielt ich meinen Blick noch für ein paar Momente stand. Erst danach fiel mir auf, dass wir während der letzten Sekunden nahezu stehengeblieben waren.

Wir standen vor ihrer Haustür und ich wusste tatsächlich gerade nicht so richtig, was ich wollte. Ich genoss es sehr, dass mich Julia offenbar gerade ziemlich begehrte und mir Avancen machte, gleichzeitig spürte ich aber, dass der Schmerz um Janine immer noch ziemlich präsent war. Julia schaute mir erneut tief in die Augen und sagte: „Hey, danke, dass du mich nach Hause begleitet hat. Wenn du magst, gebe ich dir gerne demnächst dafür einen aus.“ – „Klingt fair, können wir so machen.“ – „Komm gut nach Hause. Schreib mir bitte, wenn du heil zu Hause bist. Hast du eigentlich noch meine Nummer?“ – „Ist es die gleiche Nummer wie damals?“ – „Ja, ist es.“ – „Dann habe ich sie noch. Also klar, ich schreibe dir.“ – „Ich will einfach nur wissen, ob du sicher zu Hause angekommen bist.“ – „Klar. Gute Nacht.“ – „Dir auch.“ Sie kam den fehlenden Schritt auf mich zu und ich stellte mich fast darauf ein, dass sie mich küssen würde. Ich war intuitiv sogar dafür bereit, auch wenn meine Gefühle völliges Chaos in mir stifteten. Mir war klar, dass ich mich einem Kuss mit einer hübschen Frau nicht verweigern würde, auch wenn ich wusste, dass ich für mehr sicher noch nicht wieder bereit war. Es kam aber nicht ganz wie erwartet: Sie umarmte mich etliche Sekunden lang sehr fest und gab mir anschließend einen Kuss auf die Wange. Sie grinste, winkte und verschwand im Eingang ihres Wohnhauses. Immerhin: Sie hatte mich nicht reingebeten!

Ich machte mich auf dem Nachhauseweg und war vom Abend ziemlich überfordert. Eigentlich wollte ich nur etwas Ablenkung mit Freunden bekommen, aber dass genau Julia da sein würde, war für mich eine kleine Überraschung, weil ich mit ihr seit damals eigentlich keine Zeit mehr verbracht hatte. Dass sie direkt die Gunst der Stunde nutzte, um mir etwas näher zu kommen, nachdem ich sie damals hatte abblitzen lassen und die Beziehung mit Janine nun zu Ende war, war eine noch viel größere Überraschung. Ich wusste nicht, was ich von Julias plötzlichem Verhalten halten sollte. Fand sie mich an diesem Abend einfach total angenehm und wollte mir das zum Ausdruck bringen? Dagegen sprach aber ihr direkter Flirt vor wenigen Minuten als auch den großen Körperkontakt, den sie mit mir aufbaute. Hatte sie nur auf eine Gelegenheit gewartet, um mir näher kommen zu können? Sie hätte das aber auch schon in der Schule bringen können, aber da hatte ich von ihr eigentlich rein gar nichts mitbekommen, zumal ich sie bis auf in dem einen Kurs so gut wie nie sah. Ich war von ihrem Verhalten sichtlich verwirrt.

Ich nahm den nächsten Nachtbus und kam völlig übermüdet, aber irgendwie ziemlich glücklich zu Hause an. Als ich die Wohnungstür aufschloss, grinste mich Petra aus der Küche an. Ich gähnte und sie meinte furztrocken: „Na, gerade aufgestanden? Ah, wobei, ich vergaß: Du bist ja von der falschen Tür reingekommen.“ Sie steckte mich mit ihrem blöden Gag total an und ich lachte mit. Ich sagte: „Nein, ich war einfach bei ein paar Schulfreunden und wir haben einen Spieleabend gemacht. Der ist nur bis tief in die Nacht gegangen.“ – „Ich kenne diesen Blick. Du strahlst ein bisschen. War Janine mit dabei?“ – „Nein. Janine spielte gar keine Rolle. Ich bin nur ein bisschen verwirrt, weil ich das Gefühl habe, dass Julia sich an mich herangemacht hat.“ – „Du meinst die Julia, auf die du damals keinen Bock hattest?“ – „Ja, genau. Sie hat sich, glaube ich, in dem letzten Jahr total verändert.“ – „Aha, interessant?“ Sie war ziemlich neugierig und ich meinte: „Aber ich weiß nicht. Sie hat mir einen Kuss auf die Wange gegeben, weil ich sie nach Hause gebracht habe. Keine Ahnung, was das jetzt zu bedeuten hatte. Ich pack mich hin.“ – „Klingt gut. Bewerte das nicht über. Abgesehen davon kann ich dir nur den Rat geben: Verarbeite das mit Janine erst, bevor du dich auf jemand Neues einlässt. Das geht selten gut, wenn man zu früh wieder zu viel will.“ – „Sehe ich auch so. Gute Nacht.“ – „Sag eher guten Morgen!“ Wir lachten und ich ging in mein Zimmer. Ich schrieb Julia noch eine kurze Nachricht, dass ich zu Hause war. Sie antwortete mir sogar noch mit einer kurzen Sprachnachricht: „Das war ein unheimlich lustiger Abend, ich habe schon lange nicht mehr so gelacht. Hast du gesehen, dass wir alle nächstes Wochenende wieder eingeladen worden sind?“ Ich schickte ihr eine kurze Sprachmemo zurück: „Nein, habe ich noch nicht gesehen. Ich bin aber auch so müde mittlerweile, dass ich keine Konzentration mehr habe. Ich hätte nächste Woche auf jeden Fall wieder Lust auf einen solchen Abend!“ – „Ich auch. Ich freue mich! Schlaf und träume schön!“ – „Du auch. Nacht!“

Einige Stunden später erwachte ich recht schreckhaft, weil ich von Janine träumte. An den genauen Traum konnte ich mich nicht mehr erinnern, ich wusste aber noch, dass es mir an die Nieren ging, als ich Janine in meinem Traum weinen sah. Da es mittlerweile 12 Uhr war, bemühte ich mich, aufzubleiben, damit mein Schlafrhythmus nicht noch mehr durcheinandergeriet. Mir ging der verrückte letzte Abend durch den Kopf und ich hatte direkt wieder gute Laune, was eher mit den lustigen Spielen als zwingend damit zu tun hatte, dass sich Julia ein bisschen an mich herangemacht hatte. Trotzdem konnte ich nicht abstreiten, dass es meinem Ego guttat, Aufmerksamkeit von einer solch hübschen Frau zu bekommen.