Kapitel 56

Eine Frage der Perspektive

Janine erzählt:

Wir lernten im Februar dieses Jahres auf Maximilians Geburtstagsfeier seine Freunde kennen. Blöderweise fiel die Feier genau auf das Wochenende, an dem Marc mich wegen unseres ersten Jahrestages in das tolle Wellnesshotel eingeladen hatte. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass wir am Sonntag trotzdem auf die Feier gingen. Ich wollte einfach nicht, dass im Jahrgang schlecht über uns gesprochen wurde, weil wir eine Einladung einfach so ignorierten. Außerdem hatte ich durchaus wieder Lust auf eine Feier. Durch die Schule und meinen Nachhilfeschüler war mein Kopf einfach oft so voll, dass ich mich nach Zerstreuung sehnte. Meine gemeinsame Zeit mit Marc half mir oft sehr dabei. Auch, dass wir regelmäßiger Sex hatten, entspannte mich wirklich spürbar und half mir, besser mit dem Alltag klarzukommen. Vor allem genoss ich es einfach, dass Marc immer lockerer wurde, sodass auch ich lockerer wurde und mich besser fallen lassen konnte.

Die Freunde von Maximilian fand ich echt in Ordnung. Sie tranken zwar offenbar gerne Alkohol, aber das störte mich eigentlich nicht. Ich fand es echt schade, dass Marc sie überhaupt nicht mochte. Überhaupt fiel mir auf, dass Marc viele Sachen nicht mochte, die ich wiederum mochte. Manchmal fragte ich mich, wie wir bei unseren verschiedenen Interessen und Charakteren zusammenfinden konnten. Natürlich zog mich Marc körperlich sehr an, aber das Entscheidende war, dass wir in vielen Dingen emotional ähnlich dachten und fühlten. Er vertraute mir und ich vertraute ihm, das genoss ich sehr. Er war immer für mich da, wenn ich ein Problem hatte. Absichtlich stellte er sein Handy auch so ein, dass ich ihn selbst nachts anrufen konnte und es bei ihm auch wirklich klingelte, wenn wirklich etwas sein sollte. Das hatte ich in der gesamten Zeit nur wenige Male getan. Vor allem rief ich ihn eher zum Anfang unserer Beziehung in der Nacht an, als es mir wegen Albträumen, in denen mein Vater vorkam, schlecht ging. Ich brauchte einfach seine beruhigende Art und Stimme und er war wirklich sofort kompromisslos für mich da.

Bevor Marc und ich die Geburtstagsfeier verließen, tauschte ich die Handynummern mit Jeremias und seinen Freunden aus. Die gesamte Gruppe zählte wohl zu den besten Freunden von Maximilian. Ich freute mich, einige wirklich nette, interessante Leute kennengelernt zu haben. Genauso freute ich mich darauf, nach Möglichkeit mehr Zeit mit ihnen verbringen zu können, um freundschaftliche Verbindungen aufzubauen. In der Woche darauf nahm ich mir an einem Donnerstag Zeit für ein Treffen mit Jeremias und Co. Marc kam bei dem Treffen mit, was ich sehr schön von ihm fand. Klar, ich fühlte mich etwas schlecht, dass ich etwas von unserer gemeinsamen Freizeit dafür opferte, ich hatte aber noch die Hoffnung, dass Marc sich vielleicht mit den Leuten auch etwas anfreunden würde. Aber auch bei diesem Treffen bemerkte ich, dass Marc eine totale Abneigung hatte. Ich konnte sie ihm auch nicht nehmen, sodass ich es einfach ließ. Er musste akzeptieren, dass ich Jeremias, Maximilian und die anderen als neue und weitere Freunde dazu gewinnen wollte.

Am Tag nach diesem Treffen verbrachte ich das Wochenende wieder mit Marc zusammen, was einfach immer sehr schön war. Er verwöhnte mich immer, so gut er konnte, auch wenn wir bei mir zu Hause waren.

Im März hatte ich einfach nicht wirklich viel Zeit für ihn. Ich traf mich öfters mit Jeremias und den anderen. In den ersten paar Treffen war es meist so, dass ich mich mit den anderen darüber unterhielt, was wir so für Menschen waren, für was wir uns interessierten und über ähnliche Dinge. Dabei bemerkte ich, dass es einfach in Ordnung war, wenn man sich entspannte und dabei etwas Alkoholisches zu sich nahm. Solange man sich nicht stark betrank, war es auch kein großes Problem… So sagte Marc das auch immer und das Gefühl hatte ich auch bei der Gruppe. Ich fühlte mich nicht unwohl, wenn die anderen etwas tranken, selbst wenn sie etwas zu viel tranken. Marc kam ja nach wenigen Treffen nicht mehr mit und ließ mich allein. Ein bisschen war ich von ihm enttäuscht, vielleicht sogar auch leicht verletzt, aber er machte das immer wieder dadurch wett, dass er öfters extra noch von zu Hause aus losfuhr, um mich abzuholen und nach Hause zu bringen.

Da ich mich daran gewöhnte, in der Gesellschaft von den Jungs zu sein, trank ich irgendwann ein bisschen mit. Ich bemerkte auch, dass ich mich nach und nach besser unter Kontrolle halten konnte. Wahrscheinlich lag das aber auch damit zusammen, dass sie nicht so wie Marc waren… Sie wiesen mich schon deutlich früher darauf hin, wenn es drohte, zu viel zu werden. Wenn es zu viel wurde, brachten sie mich in einer größeren Gruppe nach Hause. Marc hatte dabei auch seine Finger mit im Spiel, weil er die anderen frühzeitig darum bat, in solchen Fällen mich eben nach Hause zu begleiten. Sie machten das wahrscheinlich vor allem wegen ihm. Zumindest machte er sich auch Gedanken um mich und damit fand ich es weniger schlimm, dass er nicht mehr mit zu den Treffen kam.

Im März hatte ich zudem ziemlich viele Stunden mit meinem Nachhilfeschüler. Ich musste ihm manche Dinge mehrfach erklären und einige Extrastunden heran hängen. Ich bekam sie zwar bezahlt, aber mir ging meine wertvolle Freizeit flöten. Ich konnte verstehen, dass Marc sich missverstanden fühlte, wenn ich ihm sagte, dass ich keine Zeit hatte. Ich nannte ihm immer den Grund und erklärte ihm alles, aber ich konnte ihn natürlich verstehen.

Es kam zu einem kleinen Streit am Telefon, bei dem wir uns darüber stritten, wieso ich ihn nicht vorher gefragt hatte, als ich mir an einem Freitagabend Mitte März vornahm, mit Jeremias‘ Freundeskreis Zeit zu verbringen. Er war darüber enttäuscht und machte mir Vorwürfe. Die Konsequenz war die, dass wir uns am gesamten Wochenende nicht sahen, obwohl ich ihn gerne um mich gehabt hätte. Dabei hatte ich das restliche Wochenende für ihn Zeit. Ich fand es schade, dass Marc mich nach meinem wütenden Auflegen nicht nochmal anrief. Ich selbst war aber so stolz, dass ich ihn auch nicht anrief. Letztlich hatte er aber Recht mit seiner Äußerung. Es war das erste Mal, dass ich mit ihm nicht darüber gesprochen hatte, dass ein Treffen anstand. Wir machten das in der Vergangenheit immer gemeinsam aus und stimmten uns aufeinander ab, was ich wirklich toll fand. Die große Menge an Kommunikation war eine wirkliche Stärke in unserer Beziehung. Ich versprach ihm daher, in Zukunft mit ihm über anstehende Treffen zu reden und auch wirklich konsequent daran zu denken. Mehr gemeinsame Zeit gab ich ihm auch in Aussicht, da er phasenweise wirklich außen vor war. Er konnte dafür überhaupt nichts und ich wollte das auf keinen Fall.

Ein paar Tage später, wieder am Wochenende, erwischte er mich dabei, als ich betrunken allein zu Hause war.

Am Mittag des Samstages war ich spontan mit Jeremias verabredet, wir machten eine kleine Shopping-Tour. Ich fühlte mich gegenüber Marc enorm schlecht, weil ich Marc vertröstete, mir aber doch so spontan Zeit für Jeremias nahm. Bei dem Treffen ging es mir vor allem darum, dass ich mit Jeremias ein offenes Gespräch führen wollte, da ich seit ein paar Treffen das Gefühl hatte, dass er versuchte, mit mir zu flirten. Nur aus diesem Grund traf ich mich mit ihm. Bärchie wusste von meinem Verdacht nichts und ich traute mich einfach nicht, ihm das zu erzählen, weil ich davon ausging, dass er mir den Kontakt endgültig verbieten wollen würde. Womöglich rastete Marc so richtig aus, wenn er davon erfuhr. Während des einstündigen kurzen Bummels bemerkte ich wieder, dass er meine Nähe suchte, sodass ich ihn sehr deutlich, aber noch vergleichsweise höflich von mir wies und ihm klar machte, dass ich kein Interesse an ihm hatte. Ich sagte ihm zudem überdeutlich, dass er selbst für mich nicht in Frage kam, wenn ich gerade nicht in der Beziehung mit Marc gewesen wäre, weil er einfach nicht mein Typ war und ich ihn nicht anziehend fand. Er nahm das erstaunlich positiv auf und hielt ab dem Zeitpunkt einen größeren Abstand mir gegenüber. Zum Ende des kurzen Treffens kauften wir noch etwas Alkohol für die nächsten Treffen, die er mit seinen Freunden geplant hatte. Ich ging darüber hinaus einige Dinge mehr für zu Hause einkaufen und Jeremias fragte vorsichtig und höflich, ob er mir mit dem Einkauf zumindest helfen durfte. Ich ließ mich darauf ein und er trug mir netterweise den Einkauf bis in die Wohnung, was mir eigentlich schon wieder zu viel an Hilfe war. Bei der Verabschiedung gab es zudem einen merkwürdigen Moment. Ich war mir nicht sicher, ob Jeremias plötzlich doch auf mehr hoffte, weil er mir einen intensiven Blick zuwarf. Ich machte das direkt zunichte, indem ich ihn nicht umarmte, sondern die Wohnungstür öffnete und ihn quasi höflich, aber bestimmt verabschiedete, ohne ihn zu berühren. Er ging auch anstandslos, aber unangenehm war mir das trotzdem, zumal ich ihm ja zuvor erst eine Ansage gemacht hatte!

In einer Mischung aus Frust und weil ich gerade einfach Lust darauf hatte, trank ich eines der alkoholischen Getränke, die ich gekauft hatte. Ich räumte noch die restlichen Lebensmittel weg und griff irgendwann noch zu einer zweiten Flasche. Ich fragte mich noch kurz, ob das so klug war, danach wusste ich aber nicht mehr so richtig viel…

Irgendwann abends erwachte ich in meinem Bett, spürte, dass ich gut angeheitert war und bemerkte, dass Marc gerade in mein Zimmer kam. Wir sprachen kurz und er sagte mir, dass er mich überraschen wollte. Er war drauf und dran, wieder nach Hause zu fahren, weil ich sowieso nur schlief, um meinen Rausch auszuschlafen. Mich machte es irgendwie direkt traurig, dass er mich allein lassen wollte. Aber er sagte mir auch, dass er in mein Zimmer kam, weil er sich nun zu mir legen wollte, um auf mich aufzupassen. Meine Gefühlslage war total schwankend. Ich spürte den Alkohol sehr deutlich. Er half mir, als ich kurz ins Bad ging und mich wieder hinlegte. Ich fühlte mich einfach wohl, als ich in seinen Armen einschlafen konnte. Das letzte, was ich mitbekam, war, dass er mir ins Ohr flüsterte, dass er immer für mich da sein würde. „Schlaf ruhig ein, Süße. Ich bleibe noch etwas länger neben dir wach, damit ich weiß, dass es dir gut geht. Wenn irgendwas ist, weckst du mich einfach sofort.“ Auch wenn ich mich wirklich schlecht fühlte, dass ich seine Überraschung zerstörte, genoss ich es in diesem Moment, dass er mir so viel wohlig warme Liebe entgegenbrachte. Am nächsten Morgen sprachen wir uns aus. Das Schlimmste für mich war, dass ich ihm einfach nicht die Wahrheit sagen konnte. Er wollte natürlich wissen, warum ich betrunken war. Ein paar Stunden zuvor, als ich aufwachte und Marc an mir gekuschelt schlief, lag ich einige Zeit wach, weil ich darüber nachdachte, was ich ihm auf diese Frage antworten würde. Ich entschied mich für die Wahrheit, auch wenn diese nicht vollständig war. Ich sagte ihm bei unserem Gespräch also, dass ich den Alkohol für die nächsten Veranstaltungen kaufte und einfach auf Vorrat hielt, damit ich nicht jedes Mal für eine Flasche oder zwei einkaufen gehen musste.

An dem darauffolgenden Wochenende lud ich Marc am Freitag zu mir ein. Ich wollte das Geschehen vom Wochenende zuvor wieder gut machen. Ich bat ihn darum, am Samstagabend nach Hause zu gehen und wollte zumindest den Sonntag für die Schule nutzen, wofür er Verständnis hatte. Gerade die bevorstehenden Klausuren machten mir Sorgen. Das Gleiche war auch am nächsten Wochenende. Ich ging jedoch am Freitag zu einem Treffen von Jeremias und den anderen, von dem Marc mich abholte. Dieses gemeinsame Wochenende war einfach schön.

Die folgenden zwei Wochen waren unsere Osterferien, die ich vor allem als Vorbereitung für die Klausuren nutzen wollte. Marc vertröstete ich auf die beiden Wochenenden in den Ferien. Der Gruppe um Jeremias sagte ich bei mehreren Anfragen in dieser Zeit ab. Ich hatte auch irgendwie das Gefühl, dass die Gruppe es in den Ferien so richtig übertrieb, da sie genauso wie wir Ferien hatten und sich fast jeden Tag zum Trinken trafen, was mir zu viel war. Ich mochte zwar die lockere Mentalität von Jeremias und seinen Freunden, aber ich spürte, dass allein in der Vorstellung mich das schon nerven würde. Die Zeit wollte ich daher wirklich für mich nutzen, bis auf die Wochenenden, die weitestgehend für Marc und mich waren. Nur am Freitag des zweiten Wochenendes ging ich auf ein Treffen der Jeremias-Gruppe, da einer aus der Gruppe Geburtstag hatte und er bei Jeremias feierte.

Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war, dass mir unter anderem Jeremias dabei half, die Wohnung zu verlassen, weil Marc und Tim wohl auf mich warteten. Am Samstagvormittag erwachte ich nicht zu Hause – ich war bei Marc! Ich war verwirrt, ich wusste nicht, was passiert war… Ich ging ins Wohnzimmer, wo ich Marc beim Aufräumen sah. Wir gingen irgendwie komisch miteinander um. Er erzählte mir, was vorgefallen war. Es war glücklicherweise nichts Schlimmes passiert. Er wollte mich überraschen und holte mich ab. Aber ich hatte ihm die Überraschung total versaut, da ich betrunken war. Aber er war trotzdem so lieb und nahm mich mit zu sich nach Hause. Er wollte nicht, dass Mama mich betrunken sah. Obwohl ich ihn in der letzten Zeit unabsichtlich so abweisend behandelt hatte, war er weiterhin einfach total lieb zu mir. Ich liebte ihn dafür umso mehr. An diesem Abend kuschelten wir lange und massierten uns. Ich war auch bereit für mehr, doch spürte ich, dass Marc es nicht wollte. Ich konnte es ihm nicht verübeln, dass er keinen Sex wollte. Schließlich wusste ich, wie sehr solche Dinge wie am letzten Abend an ihm nagten…

Am Sonntagmorgen erwachte ich schon kurz nach sieben, da ich ausgeschlafen war. Lange Zeit kuschelte ich mich an Marc heran, der tief und fest schlief. Schlafen konnte ich nicht mehr, dafür hatte ich genug Zeit zum Nachdenken. Dabei ging es vor allem darum, eine Möglichkeit zu finden, weniger Alkohol zu trinken. Ich fand nur die, ganz damit aufzuhören. Ich mochte es aber, ganz leicht angeheitert zu sein, weil ich mich dadurch etwas unbeschwerter fühlte. Lange beschäftigte ich mich mit dieser Frage, ohne eine Antwort zu finden. Gegen neun machte ich das Frühstück für Marc. Ich aß selbst ein wenig und ging zurück in sein Zimmer, um ihn mit dem Frühstück zu überraschen. Ich sah ihm im Gesicht an, dass er sich wirklich über meine Geste freute. Den Rest des Sonntages verbrachte ich zu Hause. Ich fand es wieder süß von Marc, dass er mich sogar nach Hause brachte.

In der nächsten Woche stand für den Mittwoch ein Treffen an. Ich fand es nicht toll, dass es mitten in der Woche war. Ausnahmsweise sagte ich zu, auch, weil ich die Hausaufgaben vor dem Treffen noch erledigen konnte. Mama übernachtete an diesem Tag auch bei Freunden von ihr. Ich brauchte daher nicht so ganz genau auf die Uhr zu schauen, wann ich denn zu Hause ankam. Ich wusste aber, dass ich nicht lange bleiben wollte, um einfach rechtzeitig ins Bett zu kommen. Marc gab ich von meinen Plänen natürlich auch Bescheid. Ich sah ihm an, dass er sich direkt Sorgen machte, weil er sich nicht so richtig damit wohl fühlte, dass das Treffen in der Woche stattfand. Er warnte mich auch davor, zu lang zu bleiben, weil die Schule einfach Vorrang hatte, damit hatte er absolut Recht.

Der späte Nachmittag und der Abend waren spaßig, weil wir Partyspiele machten. Ich bemerkte leider nicht, wie die Zeit verrann, vielleicht auch deswegen, weil ich wieder relativ viel Alkohol zu mir genommen hatte… Ich hatte mir eigentlich geschworen, an diesem Tag auch wegen der Schule nichts anzurühren. Irgendwann wachte ich plötzlich auf und war immer noch in Jeremias Wohnung. Die anderen waren auch noch alle da, alle schliefen jedoch überall verteilt. Ich schaute auf die Uhr und sah: Es war vier Uhr! Ich hatte ein ernsthaftes Problem. Ohne irgendwem Bescheid zu geben, griff ich meine Sachen. Ich schlich mich leise aus der Wohnung und war auf der Straße, die stockfinster war. Die kleinen Lichter, die es gab, reichten nicht wirklich aus. Die Sonne ging erst noch so langsam auf. Mir war wirklich mulmig, als ich nach Hause fuhr und dabei teilweise auch laufen musste, weil so früh noch nicht überall Busse fuhren. Ich wünschte mir, dass Marc jetzt für mich da war. Vor allem war ich ziemlich wehrlos, da ich auch geistig kaum anwesend war… Ich hatte viel zu wenig geschlafen und daher auch noch leichte Kopfschmerzen. Meine Müdigkeit übermannte mich fast. Ich war um halb sechs zu Hause. Das war die Uhrzeit, zu der ich normalerweise aufstand, wenn ich zur Schule ging. In Hektik erledigte ich die Sachen, so gut es nur irgendwie ging. Ich ging in die Dusche, kleidete mich komplett um, packte meine Schulsachen zusammen, machte mir mein Essen… Ich versuchte, an so gut wie alles zu denken. Als ich auf dem Weg zum U-Bahnhof in der Nähe von Marcs Zuhause war, bemerkte ich zumindest, dass ich das Zähneputzen vergessen hatte. Das rächte sich, da Marc, als wir unten auf die U-Bahn warteten, bemerkte, dass ich noch eine Alkoholfahne hatte. Er flippte völlig aus.

Ich konnte verstehen, dass Marc plötzlich wütend wurde. Er hatte absolut Recht. Er warf mir vor, wieso ich verkatert in die Schule gehen wollte. Außerdem forderte er von mir, dass ich wieder nach Hause fahren und mich ausruhen sollte. Es wurde noch schlimmer, als er in meinen Augen sah, dass sie rot unterlaufen waren. Ich hatte durch seine Wut in diesem Moment wirklich ein bisschen Angst. Es tat mir auch wirklich leid. Ich wollte ja selbst nicht, dass das so eskalierte, ich war einfach bei der Feier eingeschlafen. Da die anderen scheinbar dies nicht schlimm fanden, weckten sie mich nicht. Ich wusste nicht, wann die anderen schlafen gingen und was an sich vorgefallen war. Irgendwie war mir bei dem Gedanken auch leicht unwohl, sodass ich es gar nicht so genau wissen wollte. Marc erklärte ich von dem, was passiert war, absichtlich nur sehr wenig. Er wusste gerade so viel, dass er die Gruppe um Jeremias in einem noch schlechteren Licht sah. Aber ich erzählte ihm bewusst nicht mehr Details, weil ich nicht wollte, dass er noch saurer wurde. Gleichzeitig verstand ich Marc mit seiner grundlegenden Kritik zum ersten Mal so richtig: War den anderen auf Jeremias Feier der nächste Schultag völlig egal? Oder hatten sie sich in der Früh Wecker gestellt, sodass sie auch noch zur Schule oder zu ihrer Ausbildung fuhren? Ich verstand nun wesentlich deutlicher, warum sich Marc an ihrer Mentalität störte. Dieser Abend gab mir auch ziemlich zu denken. Ich beschloss zumindest schon bei meiner Hinfahrt zum Treffpunkt von Marc und mir, dass ich zukünftig sehr genau auf die Zeit achten würde, wenn ich auf weitere Treffen von Jeremias ging.

Nachdem Marc mich ziemlich runtermachte und mir alles an den Kopf warf, was ihm in den Sinn kam, ließ er mich einfach stehen. Es tat mir schon ziemlich weh, dass er einfach ging, aber ich konnte ihn wirklich verstehen und nahm es ihm nicht übel. Er hatte auch die Nase irgendwann voll. Ich sah, wie er mit der U-Bahn davonfuhr. In den wenigen Minuten bis zur nächsten Bahn überlegte ich, ob ich zur Schule fahren sollte. Ich brauchte natürlich eine Entschuldigung und konnte mir diese selbst schreiben, das war nicht das Problem. Aber ich wollte in diesem Fall natürlich gerne zu Hause bleiben und ein paar Stunden schlafen… Ich hatte keine Lust, auf Mama zu treffen, weil ich nicht so richtig wusste, wie ich das erklären sollte. Sie hatte bisher von meinen Alkoholausrutschern nichts mitbekommen und das sollte auch so bleiben. Aber mir war klar, wenn ich mich wirklich krankmelden würde, dass Mama sich sicher wieder mehr um mich kümmern wollte. Sie machte das auch weiterhin, völlig egal, ob ich volljährig war oder nicht. Ich musste befürchten, dass sie bemerkte, dass ich noch eine Fahne hatte oder einfach extremen Schlafmangel hatte.

Ich musste zur Schule, daran kam ich nicht vorbei. Daher nahm ich die nächste Bahn und beeilte mich. Gerade so pünktlich betrat ich den Unterrichtsraum und ich sah an Marcs Gesicht, dass er von meiner Anwesenheit überrascht war. Wir redeten im Laufe des Tages fast gar nicht miteinander, obwohl wir in den großen Pausen miteinander Zeit verbrachten. Er verletzte mich wieder damit, dass er so abweisend mit mir umging. Ich wusste nicht, warum er das jetzt auch noch machte, wollte er mich absichtlich verletzen? War es nur, weil er weiterhin sauer war? Er war erst so wie immer, als wir nach der Schule nach Hause gingen. Ich bemerkte, wie ich immer müder wurde. Mir fiel auch ein, dass ich zum morgigen Tag noch einen Vortrag vorzubereiten hatte. Wie sollte ich das in meinem jetzigen Zustand schaffen? Da kam Marc mit seiner liebsten Idee überhaupt: Er wollte mir bei den Hausaufgaben helfen. Er schlug es selbst vor, was ich umso mehr an ihm schätzte. Außerdem entschuldigte er sich völlig ehrlich und ernst dafür, dass er mich einfach stehen gelassen hatte.

Als ich zu Hause war, versuchte ich, den Kontakt mit meiner Mutter möglichst gering zu halten. Sie sah mich einmal kurz. Ich sagte ihr, dass ich eine Menge für die Schule zu tun hatte, sodass sie sich damit zufriedengab.

In meinem Zimmer arbeitete ich, so gut ich noch irgendwie konnte. Je mehr ich schaffte, desto weniger musste ich mit Marc gemeinsam machen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass er extra zu mir gefahren kam und mit mir das ausbadete, was ich verbockt hatte. Meine Augen fielen immer wieder zu, bis ich irgendwann einschlief. Marc weckte mich, als er angekommen war. Mir war es unangenehm, dass er mich so fand.

Marc half mir wirklich sehr bei den Hausaufgaben, sodass ich wirklich gut an dem Vortrag arbeiten konnte. Dadurch, dass Marc da war, hielt mich das recht gut vom Einschlafen ab. Spät abends fuhr er wieder nach Hause. Ich wollte mich nach dem Verabschieden direkt schlafen legen, doch Mama kam zu mir ins Zimmer, als ich mich bettfertig machte. Sie fragte mich, was mit mir los war. Sie wusste, dass es mir schlecht ging. Mir wurde klar, dass Marc mit ihr sprach, bevor er in mein Zimmer kam. Meine Mutter stellte die Fragen auch so, dass ich nicht genau wusste, an welchen Stellen in meiner Erzählung ich lügen konnte. Ich erzählte ihr, dass ich in der letzten Nacht hier zu Hause so gut wie gar nicht schlafen konnte. So konnte ich meine Müdigkeit und auch meine gereizten Augen erklären. Mama gab sich damit zufrieden und empfiehl mir, den morgigen Tag zu Hause zu bleiben. Das, was Mama sagte, klang fast identisch mit Marcs Aussagen. Ich ging am Ende fest davon aus, dass die beiden sich abgesprochen hatten, was mich vermutlich wegen meiner Müdigkeit so richtig wütend machte. Mit Mama zusammen entschied ich, dass ich am Freitag wirklich nicht in die Schule ging. Sie schrieb mir dafür sogar eine Entschuldigung, obwohl sie das gar nicht mehr brauchte. Ich fand es sehr lieb von ihr, dass sie sich solche Sorgen um mich machte. Umso schlechter fühlte ich mich daher, dass ich sie angelogen hatte. Nach dem Gespräch mit ihr legte ich mich direkt schlafen.

Ich stand am Freitag um zehn auf. Marc hatte ich absichtlich nicht geschrieben, weil ich noch so angefressen war. Wir hatten abgesehen davon die Absprache, dass er allein zur Schule fuhr, wenn ich nicht bis zu einer gewissen Uhrzeit mit dem Bus ankam. An diesem Freitag wollte ich mich vor allem ausruhen und schlief wirklich sehr viel. Die Nacht vom Mittwoch und den gesamten Donnerstag spürte ich immer noch ziemlich deutlich. Ich war selbst nach meinem langen Ausschlafen ziemlich sauer auf Marc. Meine Enttäuschung war groß. Er tat so auf scheinheilig, half mir hier noch mit den Hausaufgaben, dabei hinterging er mich gleichzeitig. Nachmittags rief er mehrfach an. Es nervte, dass er mich mit seinen Anrufen erst sehr spät in Ruhe ließ.

Am Samstagmorgen schaltete ich mein Smartphone aus, damit Marc mich wenigstens an diesem Tag in Ruhe ließ. Er rief den ganzen Tag über nicht an, doch es klingelte nachmittags an der Tür. Mama war nicht zu Hause. Ich war schon auf dem Weg zur Tür, als mir der Gedanke kam, dass es vermutlich Marc war. Es wäre typisch für ihn gewesen, wenn er direkt vor der Tür gestanden hätte. Ich öffnete die Tür nicht. Marc rief mich auch am Sonntag nicht an. Ich las am Sonntag seine Nachrichten, dass ich den Vortrag zu einem späteren Zeitpunkt halten durfte und dass das gar kein Problem war. Immerhin beruhigte mich zumindest, dass mein Lehrer offenbar über die spontane Verschiebung nicht sauer war.

Am Montagmorgen wollte ich wegen meiner Enttäuschung nicht mit Marc zusammenfahren. Ich war zwar nicht mehr wirklich sauer, aber er sollte spüren, dass ich enttäuscht war. Ich fuhr deshalb früher als sonst zur Schule und war bereits im Raum, als Marc sich neben mich setzte. Er redete sehr vorsichtig und ich spürte, wie achtsam er seine Worte wählte. Im Laufe des Gespräches bekam ich heraus, dass er mit meiner Mutter tatsächlich geredet hatte. Ich war wirklich im Irrtum, weil er dichtgehalten hatte und Mama nur sagte, dass sie selbst mit mir reden sollte. Er wollte nicht, dass irgendwas hinter meinem Rücken besprochen wurde. Er sagte, dass unsere Beziehung einfach nur noch schlecht laufen würde… Ich sah die Probleme bei weitem nicht so schlimm wie er. Er hatte aber durchaus Recht, dass wir einige Male aneinandergeraten waren. Seine Aussage machte mir irgendwie auch Angst, als ich im Laufe des Schultages darüber nachdachte. Dachte er über eine Trennung nach? Ich wusste, dass mich das in einen riesigen Abgrund stürzen würde, wenn sich Marc von mir trennen würde.

Die nächsten Tage über sah ich Marc außerhalb der Schule fast nicht, nur an unserem üblichen Donnerstag verbrachten wir die Zeit gemeinsam. Auch am Wochenende sahen wir uns nicht, da ich für die Schule vorarbeiten wollte. Am Montag der nächsten Woche erzählte Bärchie beiläufig, dass ihm auffiel, dass er in zwei Tagen Geburtstag hatte. Ich hatte es total vergessen! Das war mir bisher noch nie passiert und irgendwie schämte ich mich sehr dafür. Er wusste zwar nichts davon und bemerkte es auch nicht, aber trotzdem fühlte ich mich schlecht. Umso schwerer war es daher auch für mich, ein passendes Geschenk zu kaufen. Ich kaufte ihm ein gut riechendes Parfüm, das so ähnlich wie sein aktuelles war. Zusätzlich packte ich noch ein schönes, dickes Buch dazu, da er ja gerne in seiner Freizeit las.

Ich lud Marc an seinem Geburtstag zu mir ein. Dort bekam er das Parfüm, in der Schule hatte ich ihm schon das Buch gegeben. Er freute sich wirklich sehr, darüber war ich sehr froh. Wir schliefen an diesem Nachmittag auch wieder miteinander, was ich wirklich schön fand. Ich hatte unsere Zweisamkeit wirklich vermisst.

Trotz allem fühlte ich mich nicht wohl, dass ich Marcs Geschenk auf den letzten Drücker erledigt hatte. Ich schwor mir, dass Marc zukünftig wieder mehr Aufmerksamkeit von mir bekommen sollte, weil ich ihn in den letzten Wochen viel zu oft vor dem Kopf gestoßen hatte. Das Treffen von Jeremias und seinen Freunden am Freitag kam mir daher völlig ungelegen, auch wenn ich dort hinging. Ich sprach aber direkt mit Marc ab, dass ich danach mit ihm Zeit verbringen wollte. Marc wollte mich gegen Mitternacht abholen, das fand ich wirklich toll. Ich freute mich vor allem darauf, dass ich bei ihm über Nacht blieb und wir den nächsten Tag gemeinsam beginnen konnten. Marc war sonst eher recht pragmatisch, was seine Feiern betraf, aber ich spürte, dass er sich auf seine Geburtstagsfeier freute. Er steckte mich mit seiner guten Laune an. Fatal war einfach, dass ich an diesem Abend sehr starken Alkohol ausprobierte, was mich so richtig schnell umwarf. Ich bekam einfach fast nichts mehr mit und hatte mich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle.

So richtig bekam ich wieder mit, was um mich herum passierte, als wir bei Marc waren und ich in seinem Bett lag, weil wir schlafen gingen. Ich fragte ihn, ob er böse auf mich war, worauf er extrem gefühlskalt antwortete. Vor dem Einschlafen wusste ich, dass ich Angst vor dem nächsten Tag hatte. Ich war gleichzeitig aber auch so fertig und müde, dass ich nicht mehr direkt mit ihm sprechen konnte…

Nachts wachte ich auf, weil Marc zu mir ins Bett kam. Er war fast genauso eiskalt wie Stunden zuvor, aber immerhin ließ er es zu, dass ich mich an ihn herankuschelte. So schliefen wir ein und ich erwachte einige Stunden später, während Marc noch schlief. Er schlief fast die gesamte Zeit über sehr unruhig und drehte sich öfters von einer Seite auf die andere. In einem günstigen Augenblick stand ich auf und gab mir für ein gemeinsames Frühstück so richtig Mühe. Ich wollte es einfach wieder gutmachen, weil ich schon wusste, dass ich ziemlich großen Mist gebaut hatte. Wie schlimm ich genau war, wusste ich noch nicht, aber ich hatte Angst vor Marcs Reaktion, sobald er auf den Beinen war.

Unser gemeinsames Frühstück war richtig unangenehm. Ich gab mir alle Mühe, aber Marc machte es mit seiner Kälte komplett zunichte. Ich war ihm natürlich nicht böse, schließlich hatte ich den Mist gebaut. Nach unserem Frühstück sprachen wir kurz miteinander und vertagten unser Gespräch. Ich gab mir während Marcs Geburtstagsfeier alle Mühe, so locker wie sonst zu sein. Ich hatte ein so schlechtes Gewissen wie niemals zuvor. Die anderen spielten glücklicherweise auch sehr gut mit, sodass Marcs Feier eigentlich wirklich schön und spaßig war. Ich sah aber während der gesamten Feier, wie es in Marc ratterte. Auch seine wirklich wenige Zuneigung mir gegenüber war ein klares Zeichen, was in ihm während der Feier vorging.

Auf dem Nachhauseweg von der Bar konnte ich Marc von einem langen Spaziergang überzeugen, weil ich wusste, dass nun ein Gespräch besser für ihn war, als dass wir nur bei ihm zu Hause waren und er frustriert ins Bett ging. Er erzählte hemmungslos alles, was passiert war und ich wäre am liebsten im Boden versunken. Vieles war mir einfach extrem peinlich, aber Marc tat mir einfach leid. Er hatte mein beschissenes Verhalten einfach nicht verdient. Er gab sich wirklich echt Mühe für die Beziehung, das sah und spürte ich. Aktuell zerstörte ich unabsichtlich aber fast jede seiner Bemühungen…

Er schlug mir eine Pause in unserer Beziehung vor, zumindest eine, in der wir uns privat weniger sahen und hörten. Er wollte dies nicht ewig ziehen, nur ganz wenige Wochen lang, aber er wollte uns einfach Zeit zum Nachdenken geben. Ich fand die Idee wirklich gut, auch, weil ich Angst davor hatte, unsere eigentlich tolle Beziehung noch unabsichtlich aufs Spiel zu setzen. In den Tagen, in denen ich von Marc weniger sah und hörte, dachte ich wirklich sehr viel über uns nach. Ich liebte ihn sehr und fand es wirklich toll, dass er sich selbst in den Alkoholdingen mehr öffnete, als ich ihm jemals zugetraut hatte. Ich wusste, dass er mich nicht dafür verurteilte, wenn ich ein bisschen angetrunken war. Allein das fand ich wirklich toll an ihm. Gleichzeitig konnte ich ihn aber auch wirklich verstehen, dass er keine Lust auf mich besaß, wenn ich zu viel getrunken hatte.

Wenige Tage nach der Pause fragte mich die Gruppe von Jeremias wieder, ob ich am Samstag zu einem Treffen kommen wollte. Ich fühlte mich in einer Zwickmühle, weil ich mich schlecht gegenüber Marc fühlte, nach meinem Absturz direkt wieder mit denen Zeit zu verbringen. Ich erzählte ihm davon und er schlug von sich aus vor, dass ich dort doch hingehen könnte, sofern ich wollte. Davon war ich sehr erstaunt, sodass ich wirklich zu dem Treffen ging. Ich fragte Marc am Telefon gleich mehrere Male, ob er wirklich damit einverstanden war. Ich erzählte ihm auch von meinen Zweifeln, die er zerstreute. Er betonte, dass er kein Problem damit hatte, wenn ich zu Treffen der Gruppe ging. Er machte sich einfach wegen des Alkohols Sorgen…

Besonders toll fand ich, als Marc mir abends schrieb, dass er mich als Überraschung würde abholen wollen. Ich freute mich wirklich sehr darüber und war erstaunt, dass er so sehr über seinen Schatten springen wollte. An diesem Abend spürte ich, dass ich mich in Sachen Alkohol bremsen konnte. Ich war zwar angeheitert, konnte mich aber endlich selbst daran hindern, noch mehr zu trinken. Gleichzeitig bemerkte ich, dass Jeremias an diesem Samstag enorm meine Nähe suchte. Im Laufe des Abends wies ich ihn erneut in seine Schranken und verlangte eine gewisse Distanz, die er einhalten sollte. Er tat dies auch, aber nicht auf Dauer, später kam er mir wieder sehr nah. Gerade, als ich bemerkte, dass Marc offenbar in der Wohnung von Jeremias angekommen und ich dadurch abgelenkt war, zog mich Jeremias in einer flüssigen Bewegung einfach zu sich und küsste mich. Ich ging auf diesen Kuss wirklich nur minimal ein, weil ich völlig überrascht davon war, aber innerlich war ich eiskalt. Jeremias war in diesem Moment für mich zum absoluten Widerling geworden, weil er seine Versprechen mir gegenüber brach. Direkt nach dem Kuss schubste ich ihn auch kräftig weg, aber es war zu spät: Marc hatte unseren Kuss gesehen. Er tickte vollständig aus und prügelte auf Jeremias ein. Er hatte ihn definitiv mehrfach kräftig getroffen. Die gesamte Situation machte mir ziemliche Angst. Ich hatte richtig Angst vor Marc, aber auch vor Jeremias. Ich war froh, dass Tim mit dabei war, der sich Marc griff und nach hinten wegzog, sodass er sich wenige Sekunden lang beruhigen konnte. Mir schossen direkt die Tränen in den Augen, weil ich an dieser Auseinandersetzung Schuld hatte. Ich hatte Angst davor, dass Marc nun richtig große Probleme bekam. Gleichzeitig riss meine Seele auseinander, als Marc unsere Beziehung beendete. Eiskalt hatte ich ihn ja nun schon erlebt, aber Marc zeigte mir sein abscheulichstes Gesicht. Ich konnte es ihm nicht verübeln, ich hatte unsere Beziehung einfach nur noch wie Dreck behandelt. Nun bekam ich die Quittung dafür.

Dieser Schmerz, der mich über hereinbrach, als Marc die Wohnung verließ, war das Allerschlimmste, das ich jemals erlebte. Selbst der Tod meines Vaters war weniger schlimm, weil ich mich über Wochen von ihm verabschieden konnte. Aber dieser Verlust von Marc war so schmerzvoll, dass mir gefühlt das Herz stehen blieb. Ich fühlte mich völlig leer… Ich war verloren, hilflos, überfordert und weinte einfach nur hemmungslos. Ich war sekundenlang in einem absoluten Schock, bis Tim mich zurück in die Realität holte. Er war so richtig aufgebracht und kümmerte sich einerseits um Jeremias, andererseits griff er mir an die Schultern, schüttelte mich und fragte mich, wie ich so dumm sein konnte, mich auf einen Kuss einzulassen. Sein Ton verletzte mich sehr, aber im Kern hatte er Recht. Er sagte mir, dass ich Marc sofort hinterherlaufen sollte. Er meinte, ich durfte ihn jetzt nicht allein lassen und sollte ihm direkt alles erklären, wenn ich noch irgendwie eine Chance haben wollte. Tim vermutete abgesehen davon auch, dass ich keine Chance mehr auf ein Gespräch haben würde, wenn ich jetzt nicht mit Marc direkt sprechen würde. Ich rannte daher, so schnell ich konnte, Marc hinterher und fand glücklicherweise die richtige Richtung, in die er abgebogen war.

Auf den Metern, in denen ich Marc hinterherrannte, ging mir durch den Kopf, wie er Jeremias den Tod an den Hals wünschte. Ich wusste, dass Marc hasserfüllt sein konnte, wenn ihn etwas bis auf Blut reizte, aber so etwas Heftiges hatte er noch definitiv niemanden an den Kopf geworfen. Geschweige denn hatte er jemals solche üblen Gedanken jemals geäußert.

Ich holte Marc ein und legte all meine Verzweiflung in meine Worte. Ich bekam durch meine Tränen und durch meinen Schmerz die Worte fast nicht heraus. Ich versuchte alles, um ihn zu überzeugen und erklärte ihm, dass ich den Kuss nicht wollte. Er blockte mich aber einfach ab. Mein Schmerz wurde immer größer. Meine Panik, ihn für immer verloren zu haben, ebenso. Ich versuchte, ihn zu küssen, an mich heranzuziehen und zu umarmen, damit er verstand, dass ich meine Aussagen ernst meinte. Er blockte mich aber ab und ging weiter. Ich gab nicht auf, ich konnte es einfach nicht. Ich wollte es nicht. Ich redete wieder auf ihn ein und küsste ihn. Er war steif und schob mich sogar auch noch von sich weg. Ich spürte, wie meine Beine weich wurden. Marc war plötzlich todernst und absolut ruhig, als er mir sagte, dass die Trennung endgültig war. Ich nahm alles zusammen und stellte mich ihm wieder in den Weg, weil ich ihn und uns nicht aufgab. Er schrie mich plötzlich an, was er bisher noch nie gemacht hatte. Er machte mir wieder Angst und ich ließ nun wirklich von ihm ab. Mir knickten die Beine ein, sodass ich in die Hocke ging und einfach nur noch weinte. Mein Kopf dröhnte vor Schmerzen. Ich weinte immer weiter, bis Tim mich plötzlich einholte. „Ich bin da.“, sagte Tim leise zu mir. Er half mir auf die Beine, während ich einfach weiter weinte und fast keine Worte herausbekam. „Sag nichts, ich habe gehört, wie Marc reagiert hat. Ich bringe dich nach Hause.“ – „Nein…“, sagte ich ihm heiser. „Gehe mit Marc mit. Pass auf ihn auf. Bring ihn nach Hause. Kannst du… mit ihm reden? Vielleicht hört er dir ja zu?“ – „Bist du sicher? Du kannst dich kaum auf den Beinen halten…“ – „Ich komme schon irgendwie nach Hause.“ – „Schreib mir, wenn du zu Hause bist, hörst du?“ – „Mach ich…“ Tim lief los in Richtung Marc, der schon einige Meter weiter war.

Direkt danach sprach mich ein Pärchen an, das mir auf dem Gehweg entgegenkam. Die beiden fragten mich, ob mit mir alles in Ordnung war, und ich sagte ihnen, dass ich Mist gebaut hatte. Sie hörten mir für zwei, drei Minuten einfach zu und ich war ihnen unendlich dankbar dafür. Sie gaben mir den Rat, mit ihm das Gespräch zu suchen, wenn sich die Gemüter beruhigt hatten. Mir war klar, dass sie Recht hatten, gleichzeitig musste ich davon ausgehen, dass Marc völlig dicht machen würde. Als die beiden weiterzogen, rief ich mir ein Taxi. Ich wusste, dass ich sonst nicht nach Hause kommen würde. Der Taxifahrer tat mir richtig leid, weil er mir ansah, wie dreckig es mir ging, sich aber nicht zu fragen traute und vermutlich von der Situation sicher überfordert war. Ich war dankbar dafür, dass er nichts sagte, obwohl ich minutenlang auf der Rückbank schluchzte.

Als ich zu Hause ankam, schlief Mama Gott sei Dank schon. Ich ging in mein Zimmer, schloss es zu und legte mich aufs Bett. Ich weinte. Es tat so weh. Mit meinem Verhalten hatte ich ihn verloren. Er war einfach mein Ein und Alles. Lange Zeit weinte ich nur möglichst still… Ich wollte nicht, dass Mama etwas mitbekam. Wie sollte ich nur die nächste Zeit durchstehen? Ich wollte ihn nicht missen… Ich liebte ihn doch!

In dieser Nacht schlief ich kaum. Effektiv war ich zu nichts imstande. In der Phase, in der ich doch schlief, trug ich noch meine normale Kleidung. Meine Energie wurde mir so geraubt, dass ich mich nicht umziehen konnte. Als ich vormittags wieder aufwachte, war es minimal besser geworden. Ich schleppte mich zum Frühstück und Mama sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Anfangs fragte sie mich nicht, doch als ich am Tisch einfach ohne Vorwarnung weinte, traute sie sich doch, zu fragen. Darauf entgegnete ich ihr emotionslos: „Marc und ich… sind nicht mehr zusammen.“ Sie ließ daraufhin weitere Nachfragen, sagte mir aber, dass sie jederzeit für mich da war, falls ich sie zum Reden brauchte.

Ich verbarrikadierte mich in mein Zimmer. Ich saß lange Zeit einfach nur herum und machte nichts. Nicht mal der Fernseher lief währenddessen. Ich musste mit ihm sprechen… Es konnte nicht seine endgültige Entscheidung sein. So konnte es einfach nicht sein. Ich rief ihn an. Um zu verhindern, dass er gar nicht erst ran ging, unterdrückte ich meine Nummer. Nach ein paar Sekunden ging er sogar heran! Ich meinte vorsichtig: „Marc?“ Er legte einfach auf. Ich brach wieder in Tränen aus. Es nahm mich total mit. Ich hatte meine Chance, mit ihm zu reden, verwirkt. Ich rief ihn ein weiteres Mal an. Es kam sofort seine Mailbox heran. Er hatte das Smartphone ausgeschaltet. Wieso tat er dies? Er ließ mir keine Chance, mit ihm zu reden!

Ich wollte auf keinen Fall aufgeben und beschloss nachmittags, zu ihm zu fahren. Ich hatte die Hoffnung, dass er mich an seiner Tür oder in der Wohnung nicht wegschickte. Petra schrieb mir, dass sie von unserer Trennung bereits erfahren hatte und sagte mir, dass ich gerne vorbeikommen konnte, um das Gespräch mit ihm zu suchen. Sie sagte mir auch, dass Marc gerade nicht in der Wohnung war, sie wusste aber nicht, wohin er ging. Sie wusste auch nicht, wann er wieder da sein wollte. Ich machte mich zu Hause frisch und versuchte, nicht ganz so fertig auszusehen. Je näher ich Marcs Zuhause kam, desto intensiver schlug mein Herz. Als ich vor der Wohnungstür stand, sprach ich einige Momente mit Petra. Ich erzählte ihr, dass ich Mist gebaut hatte. Irgendwie war sofort mein Vertrauen da, mit ihr darüber zu sprechen. Sie bot mir an, ruhig reinzukommen und ein Gespräch zwischen Marc und mir zu unterstützen, weil sie wie ich davon ausging, dass er sonst einfach dicht machte. Gerade, als ich eigentlich eintreten wollte, tauchte Marc auf dem Hausflur auf. Er sah mich und rannte weg. Mein Herz zerbrach erneut in tausend Teile. Ich rannte ihm instinktiv hinterher und holte ihn im Treppenhaus ein. Wir weinten und es tat mir so sehr weh, dass Marc wegen mir weinte. Ich hatte leichte Hoffnung, die er mir sofort nahm, als er mich bei meinem Versuch des Umarmens wegstieß. Er sagte tief verletzt, dass es ihm einfach nicht mehr gut ging und ließ mich stehen. Ich war so schwach, dass ich erneut fast zusammenklappte und meine Beine nachgaben. Ich schaffte es gerade noch, mich auf eine Stufe zu setzen. Einige Momente später kam plötzlich Petra ins Treppenhaus und nahm mich in den Arm. Wir saßen dort minutenlang und ich war so unendlich dankbar dafür, dass es sie gab. Sie sagte mir, dass die Zeit zeigen würde, ob Marc und ich das wieder zusammen hinbekommen würden. Sie versprach mir, möglichst bald mit ihm darüber zu reden und gab mir den Rat, ein paar Tage zu warten, bevor ich erneut versuchen sollte, mit ihm zu sprechen. Ich weinte mich in ihren Armen wirklich aus, bis ich zumindest so stabil wieder war, dass ich nach Hause fahren konnte. Sie bot mir an, auf ihre Kosten ein Taxi zu rufen oder mich bis nach Hause zu begleiten, aber ich lehnte ab. Ich lief die Strecke nach Hause und setzte mich zu Hause an einen Brief für Marc. Wenn er schon nicht direkt mit mir sprechen wollte, hoffte ich, dass er zumindest einen Brief las. Ich wollte ihm einfach alles erklären und ihm zeigen, dass ich wirklich mit Jeremias und seinen Freunden nichts mehr zu tun haben wollte. Ich saß den Großteil der Nacht an diesem Brief und schrieb wahrscheinlich vier oder fünf Varianten, weil ich über jedes meiner Worte intensiv nachdachte. Mit wahrscheinlich weniger als drei Stunden Schlaf machte ich mich morgens fertig für die Schule.

Ich machte mich so hübsch wie sonst kaum, weil in mir die sinnlose Hoffnung war, dass ich Marc damit irgendwie von mir wieder überzeugen konnte. Ich fuhr zu der Zeit los, mit der ich mich sonst mit Marc getroffen hätte. Er stand nicht am Treffpunkt, was meine Wunde im Innern gleich wieder aufriss. Durch meinen Schlafmangel war ich noch viel emotionaler… Meine Hoffnung schwand immer mehr. Auf dem Weg zur Schule kamen mir mehrfach die Tränen und Sabrina, die ich zufällig auf dem Fußweg von der U-Bahn zur Schule traf, nahm mich direkt in den Arm, bevor sie mich überhaupt fragte, was überhaupt vorgefallen war. Marc war bereits im Unterrichtsraum, als ich ankam. Wir hatten auch noch genau die ersten beiden Stunden zusammen! Bevor ich zu meinem Platz direkt neben ihm ging, trafen sich unsere Blicke. Ich sah nicht mehr den Hass und die Wut in seinen Augen, das gab mir ganz leichte Hoffnung. Ich hatte eher das Gefühl, dass er Zweifel oder Unsicherheit ausstrahlte. Als ich mich neben ihm setzte, kam von ihm keine Reaktion, überhaupt nichts. Ich wünschte ihm einen guten Morgen, den er mir immerhin zurückwünschte. Wenigstens redete er noch mit mir, auch wenn er mich dabei nicht anschaute. Auch das gab mir ganz leichte Hoffnung.

Ich wartete lange, ob er an diesem Tag mit mir wenigstens einmal sprach. Er tat es leider überhaupt nicht. Tim schrieb mir in der zweiten großen Pause eine Nachricht, dass ich jetzt eine einzige Chance hatte, Marc meinen Brief zuzustecken, da er auf Toilette war und seine Tasche kurz bei Tim draußen ließ. Ich rannte zu Tim und konnte den Brief gerade noch rechtzeitig in Marcs Tasche verschwinden lassen, weil er schon wiederkam. Ich bog direkt vom Weg ab, sodass er mich nicht gesehen haben durfte. Ich war Tim so dankbar, dass er mir diese Gelegenheit gegeben hatte, weil er von meinen Plänen wusste und ich beim gemeinsamen Unterricht keine Chance bekam, Marc den Umschlag mit dem Brief unterzujubeln.

Im restlichen Verlauf des Tages fand ich Marc nie an den Plätzen, an denen er sonst normalerweise war, selbst wenn wir nicht zusammen Zeit verbrachten. Mir wurde klar, dass er mich mied, und das verletzte mich nur noch mehr. Daher schrieb ich ihm nach seiner letzten Stunde nur „Bis morgen“ und verwendete bewusst seinen Kosenamen, weil ich ihm zeigen wollte, dass ich unsere Beziehung nicht aufgab. Er antwortete mir! Aber die Ernüchterung folgte zugleich, als er mir nur ein sehr neutrales „Bis morgen, Janine“ zurückschrieb. Ich hoffte wirklich, dass er den Brief entdeckte und heute las. Marc war hinsichtlich seiner Hefter sehr ordentlich, sodass ich mir sicher war, dass er den Umschlag entdecken würde. Ich betete, dass er diesen Brief nicht zerriss und ihn wirklich las. Ich wusste aber auch nicht, wie das alles enden sollte, wenn er den Brief las, aber trotzdem seine Entscheidung so blieb… Ich wusste nur eines. Ich hatte Angst.

Marc erzählt:

„Lieber Bärchie,

ich bitte dich aus vollem Herzen darum, diesen Brief bis zum Ende zu lesen. Bitte lies ihn vollständig… Bitte.

Ich hätte nicht gedacht, dass die Begegnung mit Jeremias und den anderen zu dieser Situation führen würde. Wenn ich es geahnt hätte, hätte ich den Kontakt niemals zugelassen. Ich konnte es aber leider nicht erahnen und das tut mir fürchterlich leid. Ich weiß, dass du das Verhalten der Leute nicht magst. Ich hatte immer gehofft, dass du wenigstens ein bisschen Verständnis für sie aufbringen würdest, und fand es toll, dass du sie zumindest akzeptiert hast. Ich hoffte, dass du irgendwann besser mit ihnen klarkommen würdest. Aber ich war schon wirklich froh darüber, dass du mich einige Male von Treffen abgeholt hast, das fand ich wirklich toll.

Ich fand es sehr schade, dass du nach kurzer Zeit nicht mehr mit zu den Treffen kommen wolltest. Ich hätte dich sehr gerne dabeigehabt, weil ich dich über alles liebe. Du hast mir gefehlt, während ich meine Zeit mit den anderen verbracht habe. Als ich bei den Treffen war, dachte ich nahezu immer an dich. Ich fragte mich oft, was du wohl gerade in den Momenten gemacht hast.

Ich habe dir nie wirklich erzählt, was wir auf den Treffen so unternahmen. Oft machten wir wirklich nicht viel und saßen nur beisammen, während wir uns unterhielten. Ich möchte ehrlich sein, Bärchie: Es war öfters Alkohol im Spiel. Ich habe bei den ersten Treffen wirklich gar nichts getrunken und habe mich später irgendwann überzeugen lassen, wenigstens ein wenig mitzutrinken. Das war auf jeden Fall ein Fehler, den ich sehr bereue. Dadurch hatte ich meine Alkoholmenge einfach nicht unter Kontrolle. Ich habe es lange nicht hinbekommen, meine Grenze selbst zu erkennen. Es tut mir einfach unendlich leid, dass ich dir deinen Geburtstag so versaut habe. Ich verstehe mich selbst jetzt einfach nicht, wie ich so dumm sein konnte. Ich weiß nicht, warum ich dich so mies behandelt habe. Du hast mein schlechtes Verhalten einfach nicht verdient.

Ich möchte keine Geheimnisse vor dir haben, darum schreibe ich dir das jetzt alles. Ich traute mich oft nicht, dir alles zu erzählen, weil ich weiß, wie groß deine Abneigung ist. Ich weiß, dass du mein Handeln oft verurteilt hast und trotzdem hast du zu mir gehalten. Das hatte ich definitiv nicht verdient.

An dem Tag, an dem ich morgens angetrunken zur Schule kam, habe ich dir nie so ganz erklärt, was passiert war. Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich es auch nicht mehr so richtig weiß. Wir saßen halt wieder alle beisammen und tranken. Viele haben Partyspiele gemacht und die Zeit ist einfach so davongerannt. Dabei war ich irgendwann ungewollt eingeschlafen. Gegen vier bin ich aufgewacht und alle anderen, die da waren, schliefen ebenfalls überall verteilt in der Wohnung. Ich schlich mich aus der Wohnung und bin sofort nach Hause gefahren. Ich wollte dort nicht einschlafen, ich wollte gar nicht überhaupt so lange auf dieser Feier bleiben. Ich verstehe auch heute noch nicht, wieso mich keiner geweckt hat. Darauf habe ich nie eine wirkliche Antwort bekommen. Es war wirklich nicht toll, was an diesem Abend passiert war. Ich wollte es selbst nicht. Ich habe trotzdem bewusst die Konsequenzen gezogen und bin zur Schule gefahren, weil mein Gewissen das von mir verlangt hat. Ich musste es, ich wollte wegen des Patzers nicht die Schule schwänzen. Ich kann verstehen, dass du ausgerastet bist. Ich war ja auf mich selbst genauso sauer. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich auch heute nicht weiß, was in den Stunden, in denen ich geschlafen habe, passiert ist. Ich glaube nicht, dass sich irgendeiner auch nur an mich herangewagt hat. Ich glaube es auch deswegen nicht, weil ich zu den meisten zumindest großes Vertrauen hatte.

Ich weiß, dass du über Samstagabend nicht sprechen möchtest, daher schreibe ich dir das jetzt. Bitte lies alles, was ich dazu aufgeschrieben habe. Es ist das Wichtigste in diesem Brief.

Ich war an diesem Abend wieder angeheitert. Ich hatte aber nicht so viel getrunken und konnte mich besser unter Kontrolle halten. Mir ist ein paar Stunden, bevor du mich abholen wolltest, aufgefallen, dass Jeremias versuchte, sich an mich heranzumachen. Ich habe ihn vor allen deutlich in die Schranken gewiesen und ihm mehr als deutlich gemacht, dass er das nie wieder versuchen sollte. Ich war richtig sauer und wusste, wenn er das noch einmal probieren würde, dass ich den Kontakt zu der gesamten Gruppe abbrechen würde. Ich sagte ihm das auch vor allen anderen direkt ins Gesicht, weil ich wollte, dass die anderen es auch mitbekamen. Mich hat vor allem so wütend gemacht, dass er vor ein paar Wochen versucht hat, mit mir zu flirten, wo ich ihm auch schon direkt deutlich gemacht habe, dass er das sofort sein lassen sollte. Ich dachte eigentlich, dass er daraus gelernt hatte, aber ich sollte mich in diesem Arschloch täuschen.

Als du gerade Jeremias‘ Wohnung betreten hattest, überrumpelte er mich einfach. Ich vermute, dass er mich mit Absicht zu sich heranzog, als er dich sah. Er hatte es einfach von Anfang an darauf angelegt, uns auseinanderzubringen. Dieser Kuss hat mir überhaupt nichts bedeutet, Marc. Es war einfach widerlich, was er da gemacht hat. Ich bin drauf und dran, ihn deswegen auch anzuzeigen. Ich habe keine Gefühle für ihn und werde auch nie welche für ihn haben, weil ich jetzt sehe, was für ein Schwein Jeremias ist. Er wollte scheinbar unterschwellig unsere Beziehung zerstören und ich habe die Angst, dass er es geschafft hat. Ich weiß, dass du gesagt hast, dass es kein „uns“ mehr geben würde. Ich kann total verstehen, dass du enttäuscht von mir bist und mich vielleicht sogar hasst. Ich wäre es vielleicht auch, wenn das alles irgendwie umgekehrt passiert wäre.

Ich will nicht, dass unsere schöne Zeit so zu Ende geht. Ich will es nicht und kann es nicht ertragen. Marc, du bist für mich das mit Abstand Wichtigste im Leben. Ich habe doch nicht mehr viel. Mir bleibt nur meine Mutter und du bist und bleibst noch immer der Mensch, der mich zum Grinsen bringen kann. Ich liebe dich und will dich nicht verlieren. Mir ist ein großer Fehler unterlaufen und ich hasse mich dafür selbst, aber ich will weiterhin mein Leben mit dir leben. Bitte gib mir und uns die Chance dazu, bitte. Ich bitte dich darum, denk darüber nach, ob wirklich zwischen uns Schluss sein sollte. Ich möchte nicht, dass es so zu Ende geht. Ich habe auch schon den Kontakt zu allen aus dieser Clique abgebrochen, weil ich einfach keinem mehr dort trauen kann. Ich möchte unsere Beziehung retten, Marc. Ich bin auch dafür bereit, wirklich vollständig auf Alkohol zu verzichten, weil ich jetzt ja nun sehe, wie viel das zerstören kann.

Bärchie, ich liebe dich. Bitte lasse uns weiterhin die Jahre miteinander verbringen, bitte…

Deine Süße“

Der Brief hatte es in sich. Er ging mir förmlich unter die Haut, als ich ihn las. Ich war noch enttäuschter als vorher. Ich hatte es geahnt – ich hatte es die ganze Zeit gewusst, dass diese Ratte namens Jeremias was von Janine wollte. Er bekam es sogar gewissermaßen.

Ich überlegte an diesem Abend lange. Was war nun richtig und was falsch? Sie hatte mir über längere Zeit gewisse Dinge verschwiegen, das belastete die Contra-Seite neben dem Kuss noch deutlich mehr. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihr auch weiterhin so vertrauen konnte, wie es bisher eigentlich der Fall war. Ich liebte sie, das sprach natürlich für sie. Von ihrem Wesen her war sie – von ihren betrunkenen Phasen abgesehen – weitestgehend so, wie ich sie kannte, als ich mit ihr zusammenkam. Auch das sprach für sie, genauso auch ihre ehrlichen Worte und ihre Selbstreflexion, auf die ich lange warten musste.

Primär ging es darum, ob ich den Kuss und das indirekte Anlügen in Form von Verschweigen verzeihen konnte oder nicht. Hinzu kamen die ganzen Enttäuschungen in den letzten Monaten durch ihre alkoholischen Abstürze. Ich lag in dieser Nacht lange wach und ging irgendwann frustriert auf unseren Balkon. Ich war froh, dass Petra auf Arbeit war, sodass ich meine Ruhe hatte. Ich saß sicher bis mindestens zwei Uhr auf dem Balkon, weil ich nachdachte und wusste, dass ich vorher nicht würde schlafen können. Selbst, als ich in Richtung Bett ging, hatte ich noch keine echte Entscheidung, die ich erst kurz vor dem Einschlafen traf.

Der Dienstag lief eigentlich wie immer ab, mit der Ausnahme natürlich, dass Janine und ich nicht zusammen zur Schule fuhren, was auch daran lag, dass ich im Vergleich zu ihr später Unterricht hatte. Ich war vor Janine im gemeinsamen Unterrichtsraum und in mir tobte ein Orkan mit den gegensätzlichsten Gefühlen. Selbst, als ich dort saß, war ich mir hinsichtlich meiner Entscheidung eigentlich nicht vollständig sicher. Janine kam in den Unterrichtsraum und gab mir einfach ungefragt einen Kuss auf die Wange. Das Chaos wurde nur noch schlimmer. Sie sagte erstaunlich positiv gestimmt: „Ich wünsche dir einen wundervollen guten Morgen.“ Ich erwiderte ihr ein einfaches „Morgen“ und ergänzte einen Satz, der mir wirklich nicht leichtfiel: „Janine, es wäre das Beste, wenn du dich von mir wegsetzen würdest.“