Geburtstagsfeier
Am nächsten Morgen wurde ich einerseits von meinem kleinen Nachtlicht, andererseits von Küssen von Janine geweckt, weil sie mir unter anderem welche an den Hals gab, was direkt beim Wachwerden für ein Kribbeln in mir sorgte. Sie weckte mich absichtlich eine ganze Stunde vor unserem Wecker, was aber kein Problem war, da ich ziemlich früh einschlief und Janine sich wohl auch zügig schlafen gelegt hatte. Wir blieben noch ein paar Minuten eng kuschelnd liegen und ich genoss diese Momente so sehr, weil ich mich einfach geborgen fühlte. In den letzten Monaten wurde dieses Gefühl der Geborgenheit sogar noch viel größer, als es schon beim Zusammenkommen war. Ich verstand auch weiterhin nicht richtig, wie Janine dieses Gefühl so sehr auslösen konnte, aber ich vermutete, dass es einfach das uneingeschränkte gegenseitige Vertrauen war.
Wir nahmen uns die Zeit und aßen in der Küche ganz in Ruhe noch ein Frühstück. Auch das Essen für den Tag konnten wir vorbereiten, als plötzlich die Wohnungstür aufgeschlossen wurde und Petra hineintrat. Sie kam nach einigen Momenten und begrüßte uns mit einer Umarmung. Bei mir machte sie das ehrlich gesagt nicht so oft, was aber auch daran lag, dass wir uns regelmäßig sahen, auch wenn die Uhrzeiten oft schwankten. Ich war aber sehr überrascht davon, dass sie Janine zur Umarmung drückte! Ich sah sogar Janine im Gesicht an, dass sie von dieser Umarmung sehr überrascht war, aber sie freute sich darüber total. Ich schaute Petra anschließend direkt ins Gesicht und sah ihr an, dass sie absolut fertig war. „Du siehst wirklich sehr müde aus. Ist alles ok?“ – „Die Schicht war definitiv einer der schlimmsten, die ich jemals hatte. Das waren wieder locker anderthalb Schichten, weil wir zu wenig Leute waren und irgendwer den Laden ja am Laufen halten muss.“ Wir setzten uns intuitiv an den Küchentisch, da Janine und ich unser Essen für den Tag fertig hatten und Janine dachte wohl dasselbe wie ich: Ein paar wenige Minuten sollten wir uns nehmen, um ihr zuzuhören. Es wirkte einfach so, dass sie reden wollte und musste.
Janine fragte: „Was ist denn passiert?“ – „Wollt ihr das wirklich ehrlich wissen? Ich will, dass ihr abends noch vernünftig schlafen könnt…“ Janines Blick war so sorgenvoll, wie ich es selten bisher bei ihr wahrgenommen hatte. „Erzähl ruhig.“, ergänzte ich. „Na ja, wir haben in den letzten zwölf Stunden vier Menschen auf der Station verloren.“ Janine griff unter dem Tisch nach meinem Arm und hielt diesen ziemlich fest. „Bei uns auf der Station sterben schon Leute weg, daran gewöhnt man sich in den ganzen Jahren, dagegen kann man teilweise einfach nichts machen, und ältere Menschen trifft es einfach am häufigsten, aber diese Nacht war einfach krass. Zwei Senioren sind friedlich eingeschlafen, aber es traf auch einen Jugendlichen, dem wir einfach nicht helfen konnten und was uns so richtig fertig gemacht hat. Er lag bei uns zur Beobachtung, wir mussten ihn plötzlich zur Intensivstation bringen und da haben wir später nur erfahren, dass er an Organversagen gestorben ist und bisher weiß keiner so richtig, warum. Für die Eltern muss das der absolute Albtraum sein. Das Kind war fast erwachsen und dann passiert so was. Er war in eurem Alter.“ Janine hatte eine kleine Träne in ihrem Auge, das konnte ich deutlich sehen. „Als wäre das alles nicht genug, ist ein Krebspatient, bei dem die Behandlungen gut angeschlagen haben, einfach heute Morgen nicht mehr aufgewacht… Das war nicht mein Tag.“ Als Petra den Krebspatient erwähnte, kullerten Janines Tränen plötzlich deutlicher an ihren Wangen herunter. Ich rutschte näher zu ihr ran, um sie anzukuscheln. Petra meinte sehr einfühlsam: „Hey, was ist los, Janine?“ – „Das ist halt so traurig, was du erzählst. Du hast mich einfach so sehr an meinen Vater erinnert, dem bei seinem Krebs auch nicht mehr geholfen werden konnte und dem es schlagartig so deutlich schlechter ging, weil bei ihm der Krebs wohl nicht vollständig entfernt wurde.“ Ich war erstaunt, dass sie Petra das einfach so erzählte, aber ich war auch gleichwohl stolz auf sie, dass sie darüber sprach. Ich hatte in den ganzen Monaten mitbekommen, dass sie das Thema meistens völlig ausschwieg und so wenig wie möglich darüber sagen wollte. „Oh Mist, ich wollte dich daran wirklich nicht erinnern.“ – „Das ist schon ok, es geht ja auch schon wieder. Es klang einfach nur unheimlich traurig, was du erzählt hast. Wann musst du das nächste Mal arbeiten?“ – „Theoretisch heute am späten Abend wieder. Aber ich habe die Nase voll, ich werde mich gleich noch zum Hausarzt quälen und bin jetzt einfach für ein paar Tage krank. Ich muss auf andere Gedanken kommen, diese vier Menschen waren heute einfach zu viele.“ Darauf sagte ich: „Das klingt doch gut, mach das doch. Du kannst so unmöglich heute Abend wieder arbeiten gehen.“ – „Damit hast du absolut Recht, Großer. Was anderes: Wie kommt es eigentlich, dass ihr noch hier seid? Habt ihr nicht Schule?“ Janine antwortete: „Doch, aber erst um zehn. Wir haben zwar nicht das gleiche Fach, aber immerhin haben wir beide erst um zehn wieder Schule.“ – „Klingt doch super. Aber ich halte euch nicht weiter auf, so viel Zeit habt ihr ja auch nicht mehr. Macht euch fertig.“ Ich stand leicht verunsichert auf, weil ich nicht wusste, ob ich Petra wirklich schon allein lassen wollte – Janine fühlte ähnlich, das konnte ich in ihrem Blick sehen. Petra war auf jeden Fall scharfsinnig, trotz ihrer Müdigkeit und Erschöpfung: „Na kommt, los, ihr müsst zur Schule. Ich komme schon klar. Aber danke, dass ihr mir zugehört habt, das Reden darüber half sehr.“ Janine und ich antworteten zufällig gleichzeitig: „Gerne.“ Ich ergänzte noch: „Wenn du willst, kannst du mir ja nachher noch mehr erzählen, sobald ich von der Schule zurück bin.“ – „Mal sehen, vermutlich schlafe ich mich so richtig aus. Aber was ist los, verbringt ihr heute nicht auch noch zusammen?“ Janine: „Nein, heute nicht, aber morgen, weil ja morgen meine Geburtstagsfeier ist und wir bei mir feiern.“ – „Ach, stimmt, dein Geburtstag! Sauft morgen nicht zu viel, hört ihr?“ Sie verzog die Augenbraue hoch und wir alle lachten. „Du weißt, dass ich nichts trinke.“, sagte ich und Janine beschwichtigte: „Keine Sorge, machen wir nicht.“
Auf dem Hinweg zur Schule, als wir in der U-Bahn saßen, sprachen wir noch über das Gespräch mit Petra. „Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass sie mich einfach so umarmt.“ – „Sie mag dich wirklich sehr.“ – „Ich sie auch. Ich würde sie auch zur Begrüßung drücken, wenn das für sie ok ist. Ich glaube aber, dass das heute auch deswegen war, weil sie einfach so viel Scheiße erlebt hat.“ – „Das glaube ich auch. Sie hat mir öfters erzählt, was bei ihr abgeht, dass es viel zu wenig Mitarbeiter in ihrem Team sind und auch, wenn ein Patient von ihr verstirbt, aber so heftig war das vermutlich wohl noch nie.“ – „Ich glaube, ich könnte das nicht… auf einer solchen Station zu arbeiten. Oder überhaupt in einem Krankenhaus. Ich würde viel zu sehr mitleiden, wenn es den Patienten schlecht geht.“ – „Geht mir ganz genauso. Ich würde das nicht lange aushalten. Geht es dir wieder gut?“ – „Ja, wieso?“ – „Weil du vorhin so tieftraurig warst…“ – „Ich könnte vermutlich immer sofort losweinen, wenn ich an meinen Vater denke. Aber es war auch einfach so richtig traurig, was Petra erlebt hat. Wenn ich mir vorstelle, dass sie das seit vielen Jahren immer und immer wieder erlebt, frage ich mich wirklich, wie sie das aushält.“ – „Na ja, ich glaube, man gewöhnt sich wirklich daran, Menschen sterben zu sehen, wie sie ja sagte. Wenn du das fast jeden Tag in einem großen Krankenhaus erlebst, stumpfst du vermutlich einfach ab und lässt das nicht mehr so nah an dich heran. Aber ich glaube, heute konnte sie das einfach nicht.“ – „Damit hast du sicher Recht.“ Sie kuschelte sich an mich heran und ich versuchte sie abzulenken: „Wie hast du es eigentlich hinbekommen, dass ich mich in der Nacht gerade hinlege?“ Ich steckte sie mit einem Schmunzeln an und sie sagte: „Dieses Mal hast du es mir ganz leicht gemacht. Ich bin noch kurz ins Bad, als ich bemerkt habe, dass du schläfst und als ich wieder reinkam, lagst du schon direkt richtig. Aber du lagst komplett auf der Decke und nicht unter der Decke.“ – „Upsi.“ – „Ich habe minutenlang versucht, unsere Decke endlich freizubekommen, aber du hast dich kein Stück gerührt und auch rütteln hat nichts gebracht, du hast geschlafen wie ein Stein.“ – „Entschuldige. Ich war einfach so müde vom Tag.“ – „Na ja, irgendwann war ich genervt und habe einfach mit voller Kraft die Decke unter dir weggezogen.“ – „Offenbar hast du es ja geschafft.“ Wir grinsten. „Ja, aber ich habe dich dabei von mir weggerollt, was ich auch doof fand. Du hast mit der Wand gekuschelt.“ – „Wie… was?“ – „Na ja, du hast irgendwas im Schlaf gemurmelt und mit der Wand gequatscht.“ Wir mussten herzhaft lachen und stiegen aus der U-Bahn aus. „Ich war aber froh, dass die Wand da war, ich glaube, ich hätte dich sonst einfach unabsichtlich von deinem Bett heruntergerollt.“ – „Wie kräftig hast du die Decke denn gezogen?“ – „Na ja, ich musste schon meine gesamte Kraft anwenden, was mich nur noch fuchsiger gemacht hat.“ Ich kicherte kurz und sie ergänzte: „Nach ein paar Minuten hast du dich aber zu mir gedreht und ich konnte mich so richtig an dich kuscheln.“ – „Tut mir leid, dass ich einfach so eingeschlafen bin, das wollte ich nicht. Ich habe das einfach so genossen, mit dir entspannt zu liegen und zu kuscheln. Ich liebe das immer total, weil mich das so richtig entspannt und runterbringt.“ – „Ich liebe das auch, mit dir da zu liegen und zu kuscheln.“ Wir gaben uns einen kurzen Kuss und gingen weiter in Richtung Schule. „Bärchie, das ist total ok, dass du eingeschlafen bist. Ich hatte bereits vorher den Wecker gestellt, damit wir auf jeden Fall nicht verschlafen. Ich war auch schon total müde.“ – „Danke, dass du aufgepasst hast. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, auch zukünftig schon immer den Wecker für den nächsten Tag zu stellen, bevor wir uns sehen… einfach nur für den Fall der Fälle.“ – „Das klingt doch nach einem guten Plan.“ Wir küssten uns erneut.
Der Schultag verflog unbedeutsam und als ich nach der Schule ziemlich spät wieder nach Hause kam, war Petra gar nicht zu Hause. Erst dort bemerkte ich, dass sie mir eine Nachricht geschrieben hatte, dass sie für zwei Wochen vom Arzt krankgeschrieben wurde. Sie hatte daraufhin beschlossen, für wenige Tage einen Kurzurlaub zu machen, was ihr vom Arzt auch sogar empfohlen wurde, um die Seele baumeln zu lassen. Ich konnte es verstehen, dass sie sofort ihre Sachen packte und losfuhr. Sie musste einfach rauskommen und ein bisschen was anderes sehen. Ihre geistige Gesundheit hatte offenbar nicht nur in der letzten Schicht heftig gelitten und das machte mir zugegeben durchaus Sorgen. Sie ließ mir einen erstaunlich großen Geldbetrag da und bat mich darum, noch am Freitag den Wocheneinkauf zu übernehmen, den Rest des Geldes durfte ich behalten, was ich großzügig von ihr fand, weil wir mittlerweile ziemlich genau wussten, wie viel wir für Essen wöchentlich so brauchten und ausgaben. Vielleicht war das auch ein bisschen das schlechte Gewissen, dass sie einfach so ohne richtige Vorwarnung für wenige Tage nicht da sein würde, aber erstens freute ich immer über eine sturmfreie Bude und zweitens war ich alt genug, dass ich auf mich selbst aufpassen konnte, das sah Petra eben genauso. Selbst wenn ich Blödsinn machen wollen würde, war zudem immer noch Janine da, die mir da sicher auch noch dazwischenfunken würde.
Abends telefonierten wir kurz. Ich sagte ihr, dass Tim und ein weiterer Klassenkamerad die Partyspiele mitbringen würden und wir uns darum keine Gedanken mehr machen mussten. Das entlastete auch mich, weil ich sonst an diesem Abend noch hätte losfahren müssen. Nach der zweiten ereignisreichen Schulwoche der Oberstufe machte ich an diesem Abend stumpfsinnig nur eine Sache: mich an den PC setzen und Spiele spielen. Ich achtete aber darauf, nicht zu spät ins Bett zu kommen, auch wenn ich wusste, dass Janines Feier sicher bis tief in die Nacht gehen würde, sodass ein daran angepasster Rhythmus sicherlich praktisch gewesen wäre, um auf ihrer Feier nicht zu früh zu müde zu sein. Ich war jedoch froh, endlich wieder einen Schlafrhythmus zu haben, bei dem ich in der Schule regelmäßig ordentlich ausgeruht und ausgeschlafen sein konnte. Weil ich wusste, dass Janine an diesem Abend recht früh ins Bett ging, um vormittags mit ihren Verwandten Zeit verbringen zu können, rief ich sie um Mitternacht nicht schon direkt an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren.
Am nächsten Vormittag sah ich, dass Janine mir morgens einfach nur ein Herz als Nachricht schickte – das machte sie immer wieder ohne besonderen Grund. Ich schickte ihr eines zurück und schob noch eine Nachricht hinterher: „Ich freue mich total auf nachher und liebe dich total, tollstes Geburtstagskind!“ Nach wenigen Minuten antwortete sie mir sogar: „Du bist süß, ich liebe dich auch!“ Ich entspannte gemütlich bei einem Frühstück und machte währenddessen und auch danach noch Hausaufgaben für die nächste Woche. Ich nutzte die freie Zeit und die Gelegenheit, möglichst weit für die nächsten Tage vorzuarbeiten. Da ich morgen nach der Feier sicherlich noch lange mit Janine Zeit verbringen würde bzw. wir vermutlich erst sehr spät aufstehen würden, wenn die Feier so lang ging, wie ich es erwartete, wollte ich in keine zeitliche Bredouille geraten.
Danach packte ich meine Sachen zusammen, ich nahm in einem Beutel neben den Übernachtungssachen auch noch Janines Geschenke zusätzlich mit. Außerdem hatte ich ein bisschen Zeug zum Aufhübschen der Wohnung gekauft, darunter Luftschlangen. Konfetti allerdings kauften wir absichtlich nicht, da Janine und Melanie nach der Überraschungsfeier für mich in der Wohnung selbst jetzt immer noch vereinzelte fanden, obwohl wir wirklich sparsam damit umgingen. Den Großteil davon hatten wir nicht verwendet und mittlerweile auch weggetan, weil wir wussten, dass wir das Teufelszeug nicht mehr verwenden würden.
Janine schrieb mir gegen 13 Uhr, dass ihre Verwandten nun mittlerweile auch wieder gehen würden und ich mich auf dem Weg machen konnte. Ich hatte mir für diesen Tag extra wirklich gute Kleidung angezogen. Sonst lief ich eher nach dem Motto „Was mir gerade in die Hände fiel“ herum, doch an diesem Tag achtete ich schon auf eine gute Jeans und ein passendes T-Shirt zu einem schwarzen Hemd. Zur Abwechslung trug ich das Hemd sogar zugeknöpft, was bei mir sonst selten vorkam. Gegen kurz nach halb zwei kam ich bei Janine an. Dieses Mal entdeckte ich tatsächlich den handgeschriebenen Zettel von Janine, der bereits unten im Eingangsbereich des Hauses hing und bei dem sie um Verständnis warb, falls es doch lauter als gewohnt sein sollte. Rückblickend waren wir bei meinem Geburtstag auch wirklich normal laut, selbst beim Karaoke hielt sich die Lärmbelastung ziemlich gut in Grenzen.
Melanie ließ mich in die Wohnung und begrüßte mich. Janine wuselte gerade in ihrem Zimmer umher und sah wirklich süß aus, sie war nur sehr dezent geschminkt und trug – für sie mittlerweile fast ungewöhnlich – komplett zugeknöpfte und fast langweilige Kleidung. Janine schloss, als sie bemerkte, dass ich angekommen war, recht schnell die Zimmertür und verschloss sie sogar kurz, was mich leicht irritierte. Die Erklärung bekam ich aber: Sie sprang mich wirklich ohne Vorwarnung an und glücklicherweise fing ich sie instinktiv mit beiden Armen auf. Sie knutschte mich intensiv, während ich parallel damit beschäftigt war, sie festzuhalten, weil sie sich einfach an mich heranklammerte und ihre Beine hinter meinen Rücken ausstreckte.
„Ich bemerke einfach, wie gut es mir geht, wo du jetzt da bist.“, sagte sie zu mir in einer Knutschpause, während ich sagte: „Alles Liebe zum Geburtstag, mein Lieblingsmensch!“ Es folgte eine weitere Knutscherei, bei der ich sie recht geschickt auf ihr Bett absetzte. „Meine Geschenke für dich gibt es, wenn deine Mutter weg ist, würde ich sagen, oder?“ Wie aufs Stichwort rief Melanie durch die Tür: „Ich gehe jetzt los, Janine!“ Wir standen auf und verabschiedeten uns von ihr. Wieder zurück in Janines Zimmer gab ich Janine meine Geschenke. Diese Geschenke waren, wie ich ja bereits sagte, recht unspektakulär, aber Janine freute sich enorm über die vielen kleineren Sachen und war beim Bedanken wieder so stürmisch, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Vor allem das Buch, dass sie sich eigentlich in ein paar Monaten kaufen wollte, überraschte sie sehr, weil sie sich gar nicht mehr daran erinnern konnte, dass sie mir davon überhaupt erzählt hatte. Witzig fand ich auch, dass Janine glaubte, dass ich das Buch eingepackt hatte. Sie bemerkte tatsächlich nicht, dass ich das Buch direkt im Laden einpacken ließ, obwohl sogar ein kleiner Sticker auf dem Geschenkpapier verriet, wo das Geschenk gekauft wurde. Ich schenkte ihr unter anderem auch ein kleines Büchlein, das allerlei lustige Sprüche und Texte beinhaltete, die perfekt zu Janine passten, weil sie auf Janines Alter – 18 – zugeschnitten waren. Ehrlicherweise musste ich aber auch dazu sagen, dass einiges aus dem Buch gut zu mir gepasst hätte, ich war ja nur wenige Monate älter als sie.
„Ich werde mir nachher noch andere Sachen anziehen für die Feier, aber da unter anderem meine Oma heute mit dabei war, wollte ich nicht die Kleidung von heute Abend anhaben.“ – „Ach, weißt du, ich nehme dich auch so als meine Freundin, ich finde dich so genauso sexy.“ Sie knutschte mich wieder kurz und meinte: „Ich bin immer wieder beeindruckt, wie furztrocken du mir Komplimente machen kannst.“ – „Aber ist doch wahr: Ich finde dich sexy, auch wenn du ungeschminkt bist. Das wäre doch echt mies, wenn ich dich nur als Freundin haben wollen würde, wenn du geschminkt bist oder in besonderen Klamotten herumläufst. Das wäre doch moralisch völlig daneben und von meiner Seite aus keine Liebe, definitiv nicht.“ – „Da hast du absolut Recht. Das Äußerliche ist auch nur ein Aspekt… Du ziehst mich komplett an, weil ich deine Sichtweisen einfach mag, ich weiß, dass du immer und überall für mich da bist und ja, auch, weil du mich anmachst. Deine Kleidung ist echt mega toll! Du hast wirklich die Sachen angezogen, die ich mir gewünscht habe. Danke!“ Es folgte eine weitere Knutscherei, bei der wir einen kleinen Teil der Geschenke sogar vom Bett herunterpurzeln ließen. Da ich die Zeit parallel im Blick hatte und wusste, dass wir noch einiges zu tun hatten, stand ich vom Bett auf und zog Janine in den Stand. „Gehen wir los zum Einkaufen?“ – „Das hatte ich dir gestern ganz vergessen, zu sagen: Meine Mutter und ich haben bereits alles gekauft, was wir brauchten. Ich hatte ihr erzählt, was wir vorhatten, und sie kaufte das in unserem normalen Einkauf einfach schon alles mit dazu.“ – „Oh, das ist super! Aber… wie machen wir das? Ich wollte doch eigentlich einen größeren Teil deiner Kosten übernehmen…“ – „Du hast mir schon so viele kleine Dinge gekauft und ich weiß abgesehen davon auch, dass das Buch nicht besonders günstig war. Du gibst jetzt kein weiteres Geld dazu, weil meine Mutter sogar den gesamten Einkauf bezahlt hat, was ich richtig lieb von ihr fand.“ Ich schaute ein bisschen fragend, weil das meine Pläne natürlich ein bisschen zerstörte, gerade, da die finanzielle Seite ein größerer Teil ihres Geschenkes sein sollte. Sie ergänzte: „Du hast dich dafür um die Partyspiele gekümmert, du bist jetzt schon hier, du hilfst mir bei den Vorbereitungen… Das Essen müssen wir noch vorbereiten und wenn du mir dabei hilfst, ist es das größte und beste Geschenk, was du mir machen kannst.“ Sie knutschte mich einfach, als ich eine traurige, aber gespielte Miene aufzog und sagte: „Essen vorbereiten, geht klar. Ich bin startklar. Auch wenn ich mich fast schlecht fühle, dass es nur diese paar Kleinigkeiten hier sind.“ – „Ey, ich will lieber nicht nachrechnen, was das alles gekostet hat… Du bist doch verrückt! Ich habe schon so oft ein schlechtes Gewissen, weil du mich so oft eingeladen hast und ich das alles doch niemals zurückzahlen könnte, wenn ich das wollte.“ – „Ich liebe dich halt. Wenn ich jemanden liebe, bin ich eben großzügig.“ – „Ich küsse dich noch gleich ewig weiter, wenn du nicht aufhörst… Und wenn ich das jetzt mache, endet das, glaube ich, für die Feier heute Abend nicht besonders gut.“ – „Was würdest du machen, wenn ich jetzt sage, darauf lasse ich es ankommen?“ Endlich traute ich mich wieder, meinen Gedanken auszusprechen, darauf war sogar Janine kurz verdutzt. Sie knutschte mich wie angekündigt intensiv und rutschte mit ihrer Hand an meiner Jeans herunter… extrem nah in Richtung meines Penis‘. Als sie fast dabei war, diesen zu berühren, zog sie zurück und meinte: „So, das muss bis später reichen.“ Ich schaute sie entsetzt an, weil das so unheimlich fies und überraschend war – sie schmunzelte nur und meinte: „Na los, Brötchen schmieren?“ – „Das bekommst du definitiv wieder, das verspreche ich dir.“ Ich musste auf dem Weg zur Küche genauso wie sie lachen und sie sagte: „Ich spüre langsam, dass ich mich immer mehr traue, aber auch, weil du mittlerweile auch lockerer wirst.“ – „Ich versuche es zumindest.“ – „Das machst du auf jeden Fall! Ich liebe es einfach, dass ich auch in diesen Sachen jetzt mit dir herumalbern kann.“ – „Das ist immer noch total fies! Mein Herz rast immer noch, weil du so stürmisch warst!“ – „Vielleicht schmierst du damit die Brötchen schneller?“ Ich streckte ihr meine Zunge entgegen und sie sagte: „Und wer weiß, wenn wir schnell sind, vielleicht…“ Ich zog genauso wie sie die Augenbraue hoch und sie sagte: „…schaffen wir es ja sogar noch, die Wohnung ordentlich zu dekorieren, bevor die Gäste kommen.“ – „Du bist doof!“ – „Aber eigentlich haben wir echt genug Zeit, weil wir den Einkauf schon fertig haben.“ Wir machten uns an einer großen Anzahl an Brötchen zu schaffen, während wir uns ständig verscheißerten und einfach in einem richtigen Spiel miteinander waren. Auch wenn ich einige Wirkungstreffer einstecken musste, liebte ich unseren gemeinsamen Humor einfach.
Einige Minuten nach Beginn unserer Vorbereitung meinte Janine plötzlich entsetzt: „Mist, Mist, Mist!“ Ich schaute sie verwundert an. „Wir haben echt vergessen, Pizzen zu kaufen! Und ob der Belag für die Brötchen wirklich ausreicht, glaube ich auch nicht…“ Ich merkte, dass plötzlich Panik in ihr hochkroch, während ich cool blieb. „Was machen wir denn jetzt?“, fragte sie erstaunlich aufgebracht, sodass ich tiefenentspannt meinte: „Ich gehe einfach noch los und kaufe noch ein paar Sachen ein, wir haben doch noch eine Weile Zeit.“ – „Aber wie willst du das denn machen? Willst du die Sachen vom Supermarkt im Hauptbahnhof kaufen, der heute ja immerhin offen hat?“ – „Warum denn so umständlich? Ich gehe einfach zu deinem Supermarkt hier. Süße, es ist Samstag… nicht Sonntag.“ – „Oh weh, du hast Recht. Oh Gott, ich bin gerade verplant.“ Ich ging zu ihr, umarmte sie von hinten und gab ihr einen Knutscher gegen die Wange. Anschließend sagte ich: „Kann es sein, dass du ziemlich nervös bist? Weil du das Geburtstagskind bist und so?“ – „Ist das so deutlich zu bemerken?“ – „Bisher eigentlich nicht, aber jetzt spüre ich es extrem. Wenn ich außerdem überlege, wie wild du vorhin bereits warst und mich einfach angesprungen hast, glaube ich mittlerweile, dass du viel aufgeregter bist, als du bisher gezeigt hast.“ Sie löste sich von mir, um sich umzudrehen und mir in die Augen zu schauen. „Ja, du hast Recht. Ich will halt, dass alles möglichst perfekt läuft und dass alle Spaß haben und…“ Ich gab ihr einfach einen kurzen, vorsichtigen Kuss, um sie zu unterbrechen. „Ich sag dir jetzt was: Du gehst jetzt in dein Zimmer, machst Musik an, legst dich auf dein Bett und entspannst dich, bis ich wieder da bin. Du kannst in der Küche sowieso kaum weitermachen.“ – „Aber ich kann das doch jetzt nicht stehen und liegen lassen?“ – „Und wie du das kannst. Wir haben noch bis zwanzig Uhr Zeit. Entspanne dich ruhig, ich werde zwar ein bisschen brauchen, weil die Kassen heute am Samstag bestimmt voll sein werden, aber wir haben immer noch genügend Zeit. Selbst wenn du dich nachher für den Abend umkleidest und dafür Zeit brauchst, bin ich immer noch da und kann die letzten Sachen fertig machen, wenn jetzt noch was sein sollte.“ – „Aber-“ – „Kein Aber, du gehst in dein Zimmer und entspannst dich ein bisschen. Du kannst auch fernsehen oder so was. Glaube mir, ich habe deine Feier schon mehr unter Kontrolle, als du vielleicht bemerkst. Ich weiß schon genau Bescheid, was alles noch gemacht werden muss und was bereits fertig ist.“ – „Danke schön. Komm her.“ Wir küssten uns und Janine war drauf und dran, mir Geld für den Einkauf zu geben. Ich grinste und meinte: „Nichts da, so kann ich mein fehlendes Geburtstagsgeschenk also doch noch nachholen.“ Sie versuchte mir verzweifelt, einen Geldschein zuzustecken, wogegen ich mich wehrte, indem ich sie kitzelte, bis sie es aufgab. „Du brauchst kein schlechtes Gewissen haben, ich kaufe ja wesentlich weniger ein, weil deine Mutter zum Beispiel die Getränke trotzdem schon gekauft hat.“ – „Hast ja Recht. Ich liebe dich, Marc.“ – „Ich dich auch, Süße.“
Ich ging zum Einkaufszentrum los und stand wie befürchtet Ewigkeiten an der Kasse, selbst wenn mich manche Käufer aus Nettigkeit vorließen. Nach etwa einer Stunde war ich bei Janine wieder angekommen – das Einkaufszentrum war gerade zehn Minuten entfernt. Als ich in die Wohnung trat – sie gab mir ihren Schlüssel, damit ich nicht klingeln brauchte -, war sie nicht in ihrem Zimmer, aber auch nicht in der Küche. Sie wuselte in der Wohnung herum und machte hier und da sauber, obwohl Melanie und sie ja die Verwandtschaft zu Besuch hatten und die Wohnung wirklich schon glänzte… Mir war es irgendwo aber auch Recht, dass sich Janine so abgelenkt hatte, um ihre Nervosität ein bisschen in den Griff zu bekommen.
Ich küsste sie, stellte die Sachen in der Küche ab – Janine folgte mir – und sagte zu ihr: „Ich habe ja gesagt, dass das lange dauern wird.“ – „Danke, dass du die restlichen Sachen geholt hast. Jetzt haben wir alles für die Feier!“. Sie freute sich darüber sehr und ich freute mich mit, weil die Feier einfach wieder ein bisschen Ablenkung vom Alltag sein sollte. Ich war auch froh, dass die Gästeanzahl nicht zu groß war.
Ohne wirkliche Pause begannen wir, die Brötchen vorzubereiten. Dies kostete schon ein wenig Zeit, weil bei fast zehn Gästen doch schon einige Brötchen von Nöten waren. Trottelig, wie ich war, schnitt ich mir dabei natürlich noch in den Finger, sodass Janine, neuerdings Krankenschwester, mich noch verarzten musste. Der Schnitt war klein, aber Janine kam gefühlt direkt mit einer Batterie an Versorgungsmaterial an, als sie bemerkte, dass ich am Finger leicht blutete.
Auch die restliche Vorbereitung der Wohnung ging schnell, da wir nur noch Getränke, Teller und Gläser an verschiedenen Stellen platzierten. Währenddessen erzählte mir Janine, dass sie neben einer großen Menge Kleidung einen erheblich großen Geldbetrag bekam, der allerdings auf einem eigenen Konto lag und der dafür da war, ein Studium oder eine Ausbildung nach dem Abitur zu finanzieren. Wie viel das genau war, verriet sie mir nicht, ich fragte aber auch nicht nach, weil es mich ja im Grunde nichts anging. Vielleicht schämte sich Janine aber auch irgendwie dafür, dass sie solch ein Geschenk bekam, weil ich die Vermutung hatte, dass es dabei um einen hohen vierstelligen, vielleicht sogar fünfstelligen Betrag ging, der wohl von zig Personen aus ihrer Familie über ihr gesamtes Leben lang bisher auf dem Konto eingezahlt wurde.
Diese Art von Geschenk war sicher etwas gewöhnungsbedürftig, aber gleichzeitig auch sinnvoll, weil sie damit schon eine abgesicherte Zukunft hatte und sich keine Sorgen darum machen musste, wie sie ihr Studium finanzieren würde, da sich ja auch sicher die Frage nach einer Wohnung oder WG stellte. Außerdem erfuhr ich, dass auf dem Konto auch weiterhin regelmäßig Geld eingezahlt werden würde. So eine gesicherte Zukunft wünschte ich mir auch, aber ich glaubte nicht, dass solch eine finanzielle Rücklage mit Petra möglich war – wir schlugen uns zwar wacker und sie verdiente für den Mittelstand schon wirklich gut, aber die Wohnung verschlang auch einiges an Geld, zumal sie mir gegenüber auch wirklich spendabel war.
Janine überprüfte, nachdem wir eigentlich fertig waren, noch die gesamte Wohnung und putzte ernsthaft an wenigen Stellen nach, was viel zu übertrieben war. Ich ließ sie noch einige Momente lang gewähren und griff später ein: „So, das war es jetzt aber. Die Wohnung ist fertig, jetzt können die Gäste kommen. Getränke und Essen haben wir in der Küche und zusätzlich auch im Wohnzimmer stehen, die Partyspiele bringen die Jungs nachher mit. Schau, jetzt haben wir immer noch ein paar Stunden bis zu deiner Feier und können ganz in Ruhe die Zeit verbringen. Du hast nachher auch genügend Zeit, um dich für die Feier hübsch zu machen.“ – „Ich hätte nicht gedacht, dass das alles so schnell geht.“ – „Ich habe es dir aber auch vorher mehrfach gesagt. So viel war hier gar nicht zu machen. Lass uns einfach in dein Zimmer gehen. Ich habe jetzt ehrlich gesagt kein Bock mehr, die ganze Zeit im Wohnzimmer zu sitzen.“
In ihrem Zimmer machten wir uns einen Film an und gammelten auf ihrem Bett herum. Teile des Filmes bekamen wir definitiv nicht mit, weil wir eher mit Küssen beschäftigt waren, aber intensiv wurde es dabei nie. Auch eine richtige Schmuserei entstand eher nicht, aber das war völlig okay so. Ich mochte es, dass wir da einfach einige ruhige Momente gemeinsam hatten, die vor allem auch Janine enorm herunterbrachten. Gegen kurz vor sechs sprang Janine wie von der Tarantel gestochen auf und sagte: „Ich gehe jetzt ins Bad!“ – „Bist du sicher? Bis die ersten Gäste da sind, hast du noch zwei Stunden…“ Sie antwortete nicht: Sie war schon weg.
Janine war um kurz vor 19.30 Uhr fertig und sah wirklich geil aus. Sie trug ein glitzerndes, kurzes Oberteil mit etwas Dekolletee, hatte einen kürzeren Rock an, war sehr stark geschminkt und roch einfach wundervoll nach etwas, was ich allerdings nicht identifizieren konnte. Janine fragte mich: „Und, was sagst du?“. Darauf ging ich nah zu ihr und flüsterte leise: „Du siehst echt richtig scharf aus. Ich bekomme ehrlich gesagt direkt Lust auf andere Dinge…“ Janine schaute leicht verdattert – so sah ich sie wirklich selten – und lächelte so richtig breit. „Na ja, mal schauen, wie lange die Feier nachher geht. Wenn wir wieder nur noch zu zweit sind, dann…“ Sie beendete den Satz nicht.
Bei aller Attraktivität von Janine stellte ich wieder fest, dass sie mir eigentlich zu sehr geschminkt war. Sie sah wirklich rattenscharf aus und machte mich enorm an, aber gleichzeitig empfand ich es als zu viel. Natürlich schätzte ich mich mehr als glücklich, einen solch talentierten, liebevollen und attraktiven Menschen an meiner Seite zu haben, gleichwohl war ich eher der Typ, der weniger als mehr empfand. Der Fairness halber schminkte sich Janine so wirklich selten, aber ich stellte wieder fest, dass Janine, die früher einige andere Frauen für ihre Schminkerei sehr hart kritisierte, sich einigen doch mehr angeglichen hatte, als ihr vielleicht überhaupt bewusst war. Ich band ihr meine Gedanken aber absichtlich nicht auf die Nase, weil sie letztlich selbst entscheiden musste, wie sie herumlief und welche Konsequenzen das für ihre Haut womöglich haben konnte, falls sie es über zu lange Zeit zu sehr übertreiben sollte.
Pünktlich um acht trafen die ersten Gäste ein und Janines Anspannung verging, als sie die vertrauten Gesichter unserer Freunde sah. Um Viertel nach acht waren bereits alle anwesend – wir waren letztlich acht Leute – und stießen alle mit etwas zu trinken – Bier, Orangensaft oder Wasser – auf den Geburtstag Janines an. Manche forderten sie auf, die Geschenke auszupacken, was sie leicht widerwillig begann, weil sie – genau wie ich – ungern so stark im Rampenlicht stand. In dieser Eigenschaft ähnelten wir uns sehr.
Gerade, als Janine die ersten Geschenke auspackte, rief Petra über mein Smartphone an, sodass ich mich aus dem Zimmer verzog. Im Nebenzimmer verstand ich sie einwandfrei: „Marc, du weißt ja, ich bin gerade nicht da. Ich glaube, dass es Oma ziemlich schlecht geht. Ich habe mich schon auf dem Weg gemacht, aber die Bahn braucht locker noch zwei oder drei Stunden, bis ich bei ihr sein kann, es ist sonst keiner bei ihr und es kann aufgrund der Entfernungen auch kein anderer aktuell zu ihr gehen. Mir wäre es ganz lieb, wenn du bei ihr vorbeischaust.“ – „Aber… Du weißt doch, dass gerade Janines Feier angefangen hat! Wie soll ich das machen?“ – „Ich weiß, ich weiß. Aber du bist die einzige Möglichkeit, dein Vater kann auch gerade nicht, der ist auch aktuell im Urlaub. Ich weiß nicht, was sie hat… Mir wäre es nur sehr lieb, wenn jemand nach dem Rechten schauen würde. Sie geht nämlich auch ans Festnetz nicht heran. Ich weiß nicht… Ich würde mich nur wohler fühlen, wenn jemand kurz da wäre.“ – „Na gut, es geht wohl nicht anders. Ich fahre schnell hin und schaue, ob alles ok ist.“ – „Danke.“
Ich ging vom Nebenzimmer auf den Flur hinaus und bemerkte, dass der Anruf ungelegener nicht kommen konnte. Ich fühlte mich schlecht, gehen zu müssen. Im Wohnzimmer ging ich zu Janine, die auf der Couch saß und flüsterte ihr ins Ohr: „Petra hat gerade angerufen. Sie glaubt, dass es meiner Oma schlecht geht. Sie ist schon unterwegs und scheint ihren Urlaub zu unterbrechen, aber ich bin so schnell der Einzige, der bei meiner Oma aktuell vorbeischauen kann und Petra hat mich darum gebeten, das jetzt zu tun. Es tut mir leid. Eigentlich will ich die ganze Zeit hier sein…“. Darauf meinte sie liebevoll zu mir: „Das ist total ok. Geh ruhig, das ist viel wichtiger als meine Feier jetzt.“ – „Bist du dir sicher? Meinst du denn, ob du hier alles in Griff hast?“ – „Ja, das geht alles ganz locker. Du kannst ruhig hinfahren. Kommst du danach wieder her?“ – „Ja, na klar. Ich bin wahrscheinlich aber erst in zwei bis drei Stunden wieder da. Ich versuche mich aber zu beeilen und falls die Feier schon zu Ende sein sollte, können wir ja trotzdem nachher unseren Spaß haben…“. Sie schaute mich leicht verwundert an und ich fing an, zu grinsen – ich sagte darauf aber nichts mehr, sondern küsste sie nur kurz und sagte in die Runde, dass ich wegen meiner Oma noch wegmüsse. Ich war auch froh, dass die Runde totales Verständnis dafür hatte, sie meinten, die Feier würde lang genug gehen, dass ich noch genug mitbekommen würde. Ich zog mich zügig an und ging nach draußen, während ich hörte, wie im Wohnzimmer aus Spaß herausgebrüllt wurde. Mir war klar: Janine hatte ihren Tanga ausgepackt.
Ich fuhr, so schnell es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln möglich war, zu meiner Oma. Ich war nach bereits 20 Minuten da, weil ich einfach echt Glück hatte.
Als ich unten an der Haustür stand, klingelte ich, normal wie immer, ein einziges Mal. Als nach einer Minute niemand darauf reagierte, klingelte ich drei Mal direkt hintereinander. Wieder tat sich nichts, sodass ich langsam Angst bekam. Ich fing gerade an, mehrfach hintereinander zu klingeln, als plötzlich der Türöffner von oben bestätigt wurde. Da ich auf den Aufzug nicht warten wollte, sprintete ich die Treppen hoch, wo meine Oma an der Tür stand und mich begrüßte. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich ging nach innen, wo wir uns ins Wohnzimmer setzten. Ich war heilfroh, dass es ihr scheinbar gut ging.
Im Wohnzimmer fragte sie mich recht langsam: „Was machst du denn noch so spät bei mir?“ – „Ich habe einen Anruf gerade bekommen, dass man dich über das Festnetz überhaupt nicht erreichen kann.“ – „Hm, kannst du mir das Telefon gerade bringen?“. Ich stand auf und es gab es ihr. Sie schaute auf den Hörer und meinte: „Das ist ja nicht verwunderlich. Die Leitung war die ganze Zeit blockiert. Ich hatte vergessen, aufzulegen.“ – „Ok, gut, das beruhigt mich schon.“ – „Kann es sein, dass dich dein liebes Tantchen schickt?“ – „Ja, da hast du schon Recht.“ Wir schmunzelten. „Ich hatte ihr vorhin, als ich mit ihr sprach, gesagt, dass es mir nicht so gut ginge.“ – „Ok, jetzt versteh ich das.“. Es herrschte einen Moment Stille, ich fragte danach: „Was hast du denn? Ist es schon wieder dein Darm?“ – „Ich glaube, das ist einfach alles irgendwie kaputt … Mir ist ein bisschen schlecht. Ich fühle mich gerade nicht wohl, aber es geht so mehr oder weniger. Ich denke, es ist einfach mein Alter, was sich so langsam rächt.“
In genau jenem Moment rief Petra über mein Smartphone an und fragte mich: „Bist du jetzt bei Oma?“ – „Ja, ich bin da. Es geht ihr soweit gut.“. Ich hörte, wie sie vor Erleichterung ausatmete. Sie fragte: „Was ist jetzt mit der Sache wegen des Telefons?“ – „Na ja, das Telefon war einfach nicht aufgelegt. Oma hat es einfach vergessen.“ – „Ich dürfte etwa in zwei Stunden bei Oma sein. Würdest du so lange bei ihr bleiben, bis ich komme?“ – „Ja, das ist ok. Wenn du hier bist, geh ich direkt wieder los zu Janines Feier.“ – „Ok, bis nachher!“
Direkt im Anschluss rief ich Janine auf dem Handy an. Tim kam heran, der mir sagte, dass Janine gerade bei einem Partyspiel mit eingebunden sei und gerade nicht ans Telefon könne. Ich fragte ihn nur, ob alles in Ordnung sei, was er mir bestätigte und sagte, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauchte. Er sollte Janine die Information geben, dass ich gegen kurz nach 23 Uhr wieder da sein würde.
Erleichtert saß ich bei Oma und schaute mit ihr fern, um ein wenig die Zeit vertreiben. Währenddessen erzählte ich ihr von meiner Schule, aber auch eine große Menge von Janine, worauf sie mir sagte, dass ich wohl eine sehr vernünftige und sehr liebe Frau als Freundin haben würde. Sie kannte Janine zwar nicht – nur von meinen Erzählungen -, aber sie zählte mir ihre Einschätzungen von Janine auf, die alle wirklich stimmten, wodurch ich wusste, dass sie einen wirklich guten Eindruck von ihr hatte. Meine Oma war neben Petra fast die einzige Person, von der ich mich gern über mein Leben ausfragen ließ. Da ich sie nicht so oft sah, erzählte ich immer wieder gern und richtig ausführlich. Die Ratschläge, die ich von ihr bekam, waren eigentlich immer die besten, ich spürte einfach, dass sie über viel Lebenserfahrung verfügte.
Petra kam zeitlich ungefähr so, wie sie sich angekündigt hatte. Ich wusste, dass ich jederzeit wieder im Normalfall zu Oma fahren würde, wenn solch ein Notfall nochmals sein sollte. Der Anruf von Petra hatte mich im Innern schon deutlich mehr aufgewühlt, als ich zum Beispiel Janine oder meiner Oma gegenüber zeigen wollte. Petra fragte, als ich mich zügig fertig machte: „Bist du sicher, dass du jetzt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu Janine fahren willst?“ – „Na ja, wie denn sonst?“ – „Sollen wir dir ein Taxi rufen? Ich zahle das auch. Aber so weiß ich wenigstens, dass du heil ankommst.“ – „Ach, das geht schon, um die Uhrzeit finde ich das noch ok. Ich war doch schon viel, viel später unterwegs, wenn du dich erinnerst.“ – „Ja, aber man muss das Glück ja nicht unnötig herausfordern…“ Ich ließ mich überzeugen, ein Taxi zu nehmen, welches Petra rief.
Im Taxi und auf dem Weg zu Janine ging mir durch den Kopf, wie beschissen die letzten Tage für Petra wohl gewesen sein mussten. Nicht nur die heftige Schicht in der Klinik, sondern jetzt auch noch meine Oma, sodass sie ihren Urlaub offenbar unterbrach. Ich wollte, dass sie auch einfach zur Ruhe kommen konnte, aber so hektisch, wie sie jetzt vermutlich wieder hierherfuhr, war das für ihre Genesung sicherlich überhaupt nicht gut.
Als ich oben vor Janines Wohnungstür stand, hörte ich schon die positive Partystimmung und spürte, dass ich so richtig Bock auf diese Feier hatte. Tim öffnete mir die Tür und sagte, dass Janine im Bad sei. Ich trat ein, dachte mir nichts weiter bei, als ich von Tim hörte, dass Janine vorhaben würde, sich den Geschenk-Tanga anzuziehen und vor allen zu zeigen. Ich schaute ihn völlig entsetzt an und fragte ihn: „Ist das dein Ernst?!“ – „Ja, das ist mein voller Ernst. Du kannst mir ruhig glauben, ich habe nichts getrunken.“ – „Aber wie kommt sie denn auf diese schwachsinnige Idee? Ich muss sie mir offenbar direkt vorknöpfen.“ – „Ich vermute, dass sie ganz schön was getrunken hat. Die Jungs scheinen sie zu der Tanga-Aktion einfach locker überredet zu haben, das habe ich auch nicht verstanden. Mein Rat, dass das keine gute Idee sei, hat bis auf die Frauen keinen scheinbar interessiert. Die Frauen wollten sie von der Idee abbringen, haben aber auch aufgegeben.“ – „Das kann doch nicht wahr sein! Kaum bin ich weg, ist hier die Hölle los!“ – „Es lief ja auch alles gut bis jetzt, wir haben viele Partyspiele gemacht, es wurde ein bisschen was getrunken. Das war alles locker, aber warum Janine auf diese Idee kam, verstehe ich auch nicht.“ – „Ich kriege einen Anfall!“ – „Was machen wir jetzt?“ – „Du fragst mich das? Es gibt nur eine Lösung…“ Wutentbrannt ging ich ins Wohnzimmer, schaute alle, die da noch saßen an, wurde von einigen wieder freudig begrüßt und sagte relativ laut: „Tut mir leid, Leute, die Party ist jetzt zu Ende.“ Plötzlich meinte einer der wenigen Klassenkameraden, die Janine eingeladen hatte: „Aber das geht doch gar nicht. Janine ist gerade beim Umziehen, sie wollte uns doch noch das tolle Geschenk präsentieren!“. Da wurde ich laut und brüllte ihn fast an: „Raus!“. Erst da spürte ich, wie sauer ich war. Er allein stand auf, zog sich seine Schuhe an und sagte: „Ach schade…“. Er konnte froh sein, dass ich mich noch so weit unter Kontrolle hatte, dass ich nicht mit der Hand ausholte. „Sorry, dass ich gerade so laut wurde.“, entschuldigte ich mich zumindest bei ihm noch, weil diese Lautstärke nicht meine Art war, auch wenn ich mit seiner Aussage trotzdem nicht einverstanden und mir klar war, dass ich ihn zumindest auf meine Feierlichkeiten womöglich nie mehr einladen würde. Wer meine Freundin im Tanga sehen wollte, hatte auf meinen Feiern nichts zu suchen, weil ich davon ausgehen musste, dass er sich womöglich an sie ranmachen oder sich zumindest an ihr aufgeilen wollte.
Tim stand hinter mir und flüsterte: „Beruhige dich, sie hat sich nicht gezeigt. Ich hätte das verhindert. Daher stand ich auch hier die ganze Zeit im Flur.“ – „Ok, das war genau richtig. Wenigstens auf dich kann ich mich verlassen.“. Ich sagte im normalen Ton zu den anderen: „Es tut mir echt leid, Leute, aber Janine hat wahrscheinlich wieder zu viel getrunken und bevor sie noch mehr Scheiße machen will, beenden wir die Feier lieber hier. Vielleicht machen wir woanders eine Feier, bei der sie sich nicht gleich betrinkt… Ich denke, das ist im Sinne von ihr und von uns allen.“. Die anderen verstanden das glücklicherweise auch, zogen sich an und gingen auch nach Hause.
Tim und ich waren noch übrig – und natürlich noch Janine, die weiterhin im Bad war. Ich wollte gerade Tim darum bitten, noch hier zu bleiben und mir ein wenig zu helfen, als er von sich aus schon sagte: „Ich bleib noch, schon okay.“ – „Danke.“ – „Was machen wir denn jetzt mit Janine?“ – „Am besten gehe ich da jetzt einfach rein. Wenn ich sie irgendwie sehe, ist das nicht weiter schlimm, wir sind zusammen. In kurzer Unterwäsche habe ich sie nun auch schon gesehen, das dürfte also kein Problem sein. Kannst du mir zumindest den Gefallen tun und so die gröbsten Sachen wegräumen bzw. auf einen Haufen packen? Das mache ich nachher oder morgen weg. Ich gehe währenddessen ins Bad.“
Ich ging zur Tür, drückte die Türklinke herunter und die Tür gab nach. Ich trat ein kleines Stück ein und fragte im normalen, aber sehr direkten Ton: „Janine, bist du hier drin?“. Ich bekam zunächst keine Antwort, worauf ich einen Schreck bekam. Ich wollte halt nicht direkt reinplatzen, während sie da vielleicht komplett nackt stand und beim Umziehen war. Ich wiederholte meine Frage, wo Janine auf einmal sagte: „Ja, ich bin hier… kannst… ruhig reinkommen.“. Ich hörte bereits an ihrer Stimme, dass sie enorm viel getrunken haben musste. Zu meiner inneren Wut kam auch die bisher größte Enttäuschung hinzu. Sie hatte was getrunken, obwohl sie mir das Gegenteil versprach. Offenbar nutzte sie meine Abwesenheit direkt aus, sich nicht daran zu halten, was wir abmachten. Ich war richtig sauer auf sie und das würde sie wohl auch am Tag darauf zu spüren bekommen, so viel war mir klar.
Ich ging in das Bad hinein und sah Janine, die auf dem Klodeckel saß und sich gerade von ihrem Rock entledigt hatte. Sie saß dort bereits in einem anderen Tanga, während meine Enttäuschung im Hinterkopf erst so richtig losratterte, weil der Moment so richtig über mich zusammenbrach. Ich sortierte meine Gedanken: „Hey, bleib hier einfach kurz drin, ja? Ich hole dir jetzt deine Schlafhose und wir gehen am besten schlafen.“ – „Aber was ist denn… mit den Gästen!“ – „Die Gäste sind schon nach Hause gegangen. Es ist schon sehr spät. Wir müssen auch schlafen gehen.“. So leicht war ich nicht abzuwimmeln, einfach auch deswegen, weil ich schon sauer auf sie war, was ich aber zu diesem Moment nicht zeigen durfte, da sie es so gut wie gar nicht verstanden hätte. Sie sagte nichts, sodass ich zu ihr sagte: „Warte kurz, ich bin gleich wieder da.“. Ich ging in ihr Zimmer, suchte einen kurzen Moment, bis ich ihre etwas kürzere Schlafhose fand und damit wieder zurück ins Bad ging. Sie saß weiterhin auf dem Toilettendeckel und schaute mich mit rot unterlaufenen Augen an. Es war der schlimmste Anblick, den ich bisher wohl von ihr gehabt hatte. Mir wurde bewusst, dass ich Janine dies nicht ohne Erklärung bzw. Entschuldigung verzeihen konnte.
Ich ging zu ihr und hielt ihr die Hose hin, worauf sie diese einfach nicht nahm. Sie fragte mich: „Was soll ich… damit?“ – „Die sollst du anziehen, wir wollen doch gleich schlafen gehen.“ – „Ok.“ Ich war richtig froh, dass ich Janine überzeugen konnte, schlafen zu gehen. Sie nahm die Hose, war allerdings so „voll“, dass sie nicht im Stande war, sich die Hose richtig anzuziehen. Daher nahm ich ihr die Hose ab, stellte mich neben sie und versuchte ihr beim Anziehen zu helfen. Mit den Beinen war sie drin, sodass ich die Hose hochzog und sie dabei minimal an ihrem Bauch berührte, als es plötzlich klatschte.
Ich ließ erschrocken los und schaute Janine wütend an, die mir eine Backpfeife gegeben hatte. Die Backpfeife war nicht hart, aber erstaunlich platziert dafür, dass sie ihre Hose nicht hochziehen konnte. Ich verstand gar nichts mehr, schüttelte mit dem Kopf und sagte recht zähneknirschend: „Los… komm jetzt mit.“. Als sie meinen wütenden Blick sah, horchte sie glücklicherweise von ganz allein. Sie stand auf, torkelte mit mir in ihr Zimmer und legte sich brav hin, worauf sie nach weniger als fünf Minuten schlief. Ich schloss die Tür und ging ins Wohnzimmer, wo Tim bereits saß und mir sagte, dass so gut wie alles sauber war. Was war ich froh, dass dieses Mal der Alkohol nicht wieder von vorne bei ihr heraus kam…
Er sagte: „Schläft Sie?“ – „Ja, sie schläft. Sie hat es nicht geschafft, sich dieses Ding anzuziehen. Sie hatte nur ihren Rock ausgezogen, als ich ins Bad bin.“ – „Was war denn da eben gerade eigentlich einmal so laut?“ – „Sie hat mir eine Backpfeife gegeben. Ich staune echt, dass das so laut war.“ – „Sie hat was? Wieso das denn?“ – „Weil ich ihr dabei geholfen hatte, eine Schlafhose anzuziehen. Ich habe ihr nur die Hose ein Stück nach oben gezogen, dass sie nicht rutscht und auf einmal klatscht es.“ – „Hat sie sich dafür entschuldigt?“ – „Nein, sie hat, glaube ich, gar nicht kapiert, was sie da gemacht hat. Wahrscheinlich weiß sie morgen nichts mehr davon. Ich weiß nicht, was ich morgen machen werde. Darüber werde ich nachher nachdenken.“ – „Komm runter. Ich sehe, dass du kurz vor dem Ausrasten bist.“ – „Ich habe wahrscheinlich auch genug Gründe dazu.“ – „Was ist bei deiner Oma rausgekommen?“ – „Meiner Oma geht es so weit ganz gut. Meine Tante ist jetzt da und wird auch über Nacht dableiben. Da kann ich mich wenigstens wohler fühlen. Trotzdem mache ich mir wegen der Gesundheit meiner Oma ein paar Sorgen. Aber der eigentliche Grund, wieso ich so vorm Platzen bin, ist ja der, dass Janine mir hoch und heilig vorher versprochen hat, dass sie heute an den Alkohol nicht rangeht. Eigentlich wollte ich gar nichts Alkoholisches im Hause haben, aber sie hat mich überredet, wenigstens für die anderen was anzubieten. Damit war ich auch einverstanden, aber das war wieder ein großer Fehler.“ – „Hey, sei nicht zu sauer auf sie. Sie testet doch, wie wir alle irgendwo, nur ihre Grenze aus.“ – „Ich werde ihr morgen schon zu spüren geben, dass sie wirklich was falsch gemacht hat. Die Backpfeife hat mir eben gerade noch den Rest gegeben.“ – „Am besten legst du dich jetzt auch bald schlafen und entspannst dich ein wenig. Rede morgen in Ruhe mit ihr darüber.“ – „So hart das jetzt vielleicht klingt, aber ich kann sie heute nicht mehr sehen. Ich nehme mir nur gleich mein Kissen und eine Decke aus ihrem Zimmer und lege mich hier auf der Couch schlafen. Das macht mich einfach fertig, wie sie heute mit mir umgegangen ist.“ – „Komm, wie gesagt, entspanne dich. Sei nicht zu hart mit ihr, wenn du mit ihr darüber sprichst.“ – „Mal schauen, wie ich das machen werde. Danke, dass du noch hiergeblieben bist.“ Ich begleitete ihn wenige Minuten später bis zur Tür, dankte ihm erneut, verabschiedete ihn und ging ins Zimmer von Janine, wo ich mich auf ihr Bett setzte, das Kissen griff, sie im wenig einfallenden Licht aus dem Flur anschaute und kurz nachdachte. Ich ging den Abend durch, der ziemlich durchgedreht war.
Da ich ohne Ende enttäuscht war, konnte ich in dieser Nacht nicht neben Janine liegen – ich brachte es einfach nicht über mich. Mit dem Kissen und einer dünnen Decke ging ich ins Wohnzimmer, in dem ich mich auf der Couch breit machte. Da ich nicht müde war und nicht schlafen wollte, blieb ich mit geöffneten Augen liegen. In der Nacht ging ich ausführlich für mich selbst durch, was an diesem Abend passiert war. Meine Wut verschwand nach sehr kurzer Zeit, aber übrig blieb neben meiner Sorge um meine Oma die riesige Enttäuschung, die mir Janine bereitet hatte. Ich verstand nicht, wieso sie sich so betrank, obwohl sie und ich eine Abmachung hatten… Es musste sie nicht interessiert haben, dass ich mir Sorgen um ihre Gesundheit gemacht hatte, als sie bereits im Mai betrunken war. Ich bekam nicht in meinen Kopf, wieso sie meine Gedanken so wenig interessierte. Ich konnte im Nachhinein nicht mehr sagen, wann ich mich so richtig schlafen legte, aber es war auf jeden Fall schon so früh morgens, dass ich nahe an dem Punkt kam, einfach durchzumachen und wach zu bleiben.