Kapitel 15

Aussprache

Janine erzählt:

Jetzt konnte ich zum allerersten Mal verstehen, wie Marc sich die ganze Zeit fühlte. Vor allem war es bei ihm noch um ein Vielfaches schlimmer, weil er beide Elternteile verlor und sich nicht verabschieden konnte. Dieses Gefühl, nicht mehr mit meinem Vater Zeit verbringen zu können, ließ mich in ein riesiges Loch fallen. Ich wusste nicht mehr, wohin mit mir. Das restliche Wochenende, nachdem Papa friedlich eingeschlafen war, schlief ich fast gar nicht. Ich weinte die ganze Zeit auf meinem Bett. Mama, der es eigentlich noch schlechter als mir ging, versuchte mich immer wieder zu beruhigen. Sie schaffte es aber nicht. Dieser Schmerz war einfach unerträglich. Umso mehr war ich von Marc erstaunt, wie er es schaffte, über diesen heftigen Verlust hinwegzukommen. Ich bewunderte ihn dafür.

Ich ging am Montag nicht in die Schule, weil ich einfach gar nicht aus dem Bett kam. Es war die erste Nacht, in der ich überhaupt ein paar Stunden schlafen konnte. Als Mama mich morgens weckte, weil ich auch ganz vergessen hatte, einen Wecker zu stellen, sagte sie gleich, nachdem sie mich sah, dass sie mir eine Entschuldigung schreiben würde. So schlief ich an diesem Tag noch über acht Stunden… Insgesamt hatte ich damit weit mehr als 12 Stunden geschlafen. Selbst danach fühlte ich mich körperlich und geistig schlecht und völlig ausgelaugt.

Ich setzte mich abends schwermütig an die Hausaufgaben, die ich mir von Sabrina per Telefon mitteilen ließ und fiel wieder ins Bett, worauf ich vermutlich sofort einschlief. Mama musste mich am nächsten Tag wieder wecken, da ich meinen Wecker schon wieder vergessen hatte. Aber zumindest war ich insgesamt wieder ausgeruht, sodass ich pünktlich in der Schule ankam.

In den letzten Tagen spürte ich neben meiner Trauer, dass ich mich enorm nach Marc sehnte. Ich wusste dieses Gefühl nicht richtig einzusortieren. Ich hatte mir in den letzten Tagen Zeit mit ihm gewünscht, weil er solch eine beruhigende Aura hatte, wenn er für jemand da war. Man fühlte sich bei ihm geborgen, weil er einem die ganze Zeit zuhörte und damit einfach Trost spendete. Vor allem schaffte er es, Hoffnung zu geben, nachdem er einem die ganze Zeit zugehört hatte. Umso beeindruckender war diese Eigenschaft von ihm, wenn man in Betracht zog, dass er seine Eltern verloren hatte.

Ich dachte lange über Marc nach und mir tat es so sehr weh, dass der Kontakt fast vollständig zusammengebrochen war, seitdem er mir sagte, was er für mich empfand. Vor allem machte es mich traurig, wie provokativ er mit Julia versuchte, anzubändeln… Nach unserem kurzen, aber heftigen Streit in der Schule direkt nach der Feier ging er auf Abstand zu mir. Ich tat notgedrungen das Gleiche, weil ich wusste, dass ein Kontakt in diesem Moment einfach nichts brachte. Marc hatte einen furchtbaren Dickschädel. Ich wusste, dass ich nach dem Konflikt keine Chance auf ein ordentliches Gespräch mit ihm hatte.

Als ich nach dem Tod von Papa wieder in der Schule war, spürte ich schnell, dass mir das alles schon wieder viel zu viel war. Außerdem sehnte ich mich weiter sehr nach Marc, weil ich die Monate einfach vermisste, in denen wir uns so gut verstanden hatten. Da ich unseren Kontaktabbruch und die Missverständnisse, die zu dem Abbruch führten, nicht hinnehmen wollte, bemühte ich mich dazu, wieder mehr Kontakt zu ihm aufzubauen. Mir blieb zumindest in diesem Jahr nicht mehr viel Zeit dazu, weil es schon die letzte Schulwoche war. Darum versuchte ich zumindest, möglichst viel Zeit in der Schule mit ihm zu nutzen. Außerdem war mein Plan, an einem Tag nach der Schule mit ihm gemeinsam nach Hause zu fahren, damit wir vielleicht ein bisschen Zeit hatten, um über all die Sachen zu sprechen zu können.

Marc war richtig gefühlskalt, als ich nach und nach mehr Kontakt zu ihm suchte. Am Mittwoch der letzten Schulwoche legte er mir nahe, dass ich mich doch wieder mit den anderen aus der Klasse beschäftigen sollte, damit ich ihn nicht belästigte! Mir tat diese Kälte von ihm richtig weh, aber ich gab nicht auf. Ich wollte einfach nicht akzeptieren, dass unser Kontakt endgültig beendet war.

Am Mittwoch erfuhr ich zudem von Sabrina, dass Marc wohl nicht mit Julia zusammengekommen war und das wohl auch nicht mehr passieren würde. Das machte mir Hoffnung, dass mindestens eine Freundschaft mit ihm etwas leichter sein würde. Sie erzählte mir außerdem, dass Marc wohl Julia zurückgewiesen habe, als diese ihn küssen wollte. Dass er sie zurückwies, bedeutete aller Wahrscheinlichkeit nach, dass ich mit meiner Einschätzung falsch lag, dass Julia gut zu Marc passen könnte.

Am Donnerstag blieb ich beharrlich und achtete durchweg darauf, wohin Marc ging, um Zeit in seiner Nähe verbringen zu können. Er wirkte zwischenzeitlich schon ziemlich genervt, aber mir ging es darum, dass ich ihm mit meiner steten Anwesenheit unseren Konflikt in Erinnerung rufen wollte. Direkt nach der Schule entwischte mir Marc, weil er den Raum ziemlich schnell verließ. Ich rannte ihm hinterher und schaffte es, ihn einzuholen, doch das Gespräch danach war katastrophal. Wir stritten uns zum Schluss laut, bis mir rausrutschte, dass er sich ja gleich Julia geschnappt hätte, nachdem ich an Jonas’ Abend beim Tanzen war. Er ließ mich ziemlich verletzt stehen, dieser Feigling! Aber nach diesem Gespräch verstand ich zumindest, was bisher sein Problem war: Er ging davon aus, dass ich an Jonas‘ Abend einen anderen geküsst hatte! Ich hatte bei diesem Streit allerdings den Eindruck, dass er mir nicht wirklich zuhörte. Genauso, wie er mir damals nicht richtig zugehört hatte, als ich ihm sagte, dass ich zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht an mehr als eine Freundschaft denken würde… und dass das gar kein allgemeines „Nein“ ihm gegenüber darstellte.

Ich ließ ihn am Freitag bewusst in Ruhe, aber ich spielte meinen letzten Trumpf aus, da ich ja wusste, dass er Freitagnachmittag Informatik hatte. Ich wartete vor dem Raum und Tim tat mir einen riesigen Gefallen, da er sich bewusst direkt von Marc verabschiedete, sodass ich mit Marc allein reden konnte. Ich hatte Tim am Abend zuvor angerufen und diesen Plan mit ihm ausgemacht, weil er mir sagte, dass Marc schon mehrfach erwähnte, wie sehr ihn unser Konflikt störte und dass Marc sich eigentlich auch wieder nach einem guten Verhältnis zwischen uns sehnen würde. Tim sagte mir auch, dass Marc die Situation einfach so festgefahren fand und sich ein klärendes Gespräch nicht wirklich trauen würde. Ich war einfach so froh, dass Tim da war und so gut zwischen uns vermitteln konnte.

Der Anfang des Gespräches war ruhig und ich schöpfte Hoffnung. Doch Marc provozierte immer wieder und immer weiter, was ich nicht auf mir sitzen ließ. Mir kamen irgendwann die Tränen, weil er so verletzend war. Ich spürte, dass ich einfach nicht mehr konnte – ich hatte keine Energie mehr, weil mich der Tod von Papa schon so fertig machte. Als ich Marc sagte, dass ich ihn nicht auch noch verlieren wollte, veränderte sich schlagartig seine Stimmung und er verstand, dass es mir wirklich ernst war. Meine Beine gaben nach und Marc fing mich auf… wofür ich ihm unendlich dankbar war.

Er brachte mich noch nach Hause und wir verabredeten uns für den nächsten Tag, um über die Sachen zu reden. Mama ließ am Freitag noch einen Arzt zu uns nach Hause kommen, der nach vielen Stunden Wartezeit erst am späten Abend eintraf. Er untersuchte mich, konnte uns aber beruhigen. Ich sollte mich an diesem Tag vor allem schonen, was ich auch machte, auch wenn das nahende Gespräch mit Marc für mich die einzige Bedeutung in diesem Moment hatte.

Marc erzählt:

Ich klingelte am Samstag, einen Tag vor Heiligabend, pünktlich bei Janine an der Haustür. Sie kam direkt nach unten und ich war ein wenig erstaunt, dass sie völlig ungeschminkt war. „Wie geht es dir? Warst du gestern noch beim Arzt?“ – „Wir haben gestern einen Arzt zu uns kommen lassen, er meinte, es ist soweit alles ok, aber ich sollte mich schonen.“ – „Bist du sicher, dass du nicht wieder ab ins Bett solltest? Ich bleibe gerne auch ein paar Stunden bei euch.“ – „Nein, es ist schon gut, dass wir rausgehen. Vor allem scheint auch gerade die Sonne… Das ist echt toll.“ – „Na gut. Aber wenn irgendwas ist, drehen wir sofort um und gehen wieder zu dir nach Hause. Einverstanden?“ – „Ja, das machen wir.“

Wir schwiegen einige Momente lang, weil wir uns wohl nicht trauten, anzufangen. Sie begann mit einer Frage: „Können wir bitte wirklich ehrlich zueinander sein? So wie sonst immer auch?“ Ich war von ihrer Frage etwas erstaunt und meinte: „Ja, na klar.“ – „Du hast also bis vor kurzem geglaubt, dass ich mit dem Jungen von der Feier rumgemacht hätte?“ – „Ja, habe ich. Ich war einfach total sauer, weil…“ Nun stellte ich fest, dass ich doch gewisse Probleme mit der Ehrlichkeit hatte. Sie fragte: „Ja?“ – „Na gut, wir haben gesagt, wir sind ehrlich: Ich war stinksauer, als ich dich mit dem Jungen knutschen sehen habe…“ Sie wollte mich gerade unterbrechen, sodass ich direkt korrigierte: „Beziehungsweise, als ich glaubte, dass du ihn küssen würdest.“ – „Warum das?“ – „Weil ich mich darüber geärgert habe, dass du erst sagtest, dass du noch nicht über Beziehungen und solche Dinge nachgedacht hättest und so schnell jemand nah an dich heranließest.“ – „Jetzt beginne ich, die Sachen zu verstehen.“ – „Ich habe einfach mit Julia Zeit verbracht, weil ich dachte, dass dir der andere Typ wichtiger ist und nicht, weil ich dich in diesem Moment ärgern wollte.“ Sie schwieg und ich fragte sie: „Warum hast du so verletzt geschaut, als du gesehen hast, dass ich während der Party mit Julia abhing? Zwischen ihr und mir war überhaupt nichts gelaufen. Wir hatten mit den anderen Leuten einfach Spaß bei diesem Kartenspiel.“ Da hatte ich einen wunden Punkt bei ihr getroffen. Janine schwieg lange und ich ließ ihr die Zeit, weil ich dafür auf eine ehrliche Antwort hoffte. „Ich wollte das nicht, dass du so viel Kontakt mit Julia hast.“ – „Aber du hattest mir doch selbst davon erzählt, dass sie mich interessant findet? Du musst doch damit rechnen, dass ich sie womöglich auch interessant finden könnte.“ – „Ja, ich… Ich habe sehr schnell gemerkt, nachdem ich dir das erzählt habe, dass ich einen engeren Kontakt zwischen Julia und dir nicht wollte.“ – „Warum das?“ – „Mir tat das weh, als ich nach der Party gesehen habe, wie gut ihr euch versteht. Ich war einfach so enttäuscht, dass unser Kontakt völlig kaputt war und du dich stattdessen mit Julia sehr viel getroffen hast.“ – „So viel war das wirklich nicht, ein paar Mal haben wir uns gesehen. Aber ich habe bemerkt, dass ich mit Julias Art nicht so richtig viel anfangen kann.“ – „Du hast Julia mit Absicht nach Hause gebracht, als ich dich bei Jonas‘ Feier gefragt habe, ob du auch mit nach Hause fahren würdest, oder?“ – „Ja, ich war sauer. Aus dem Grund habe ich sie gefragt, ob sie nach Hause gebracht werden will, weil ich mich halt ausgenutzt fühlte, dass du erst mit diesem Typen knutschst und ich aber gut genug war, dich wieder nach Hause zu bringen. Ich wäre aber ziemlich sicher auch nicht mitgekommen, wenn Julia abgelehnt hätte. Ich… hatte einfach Tomaten auf den Augen.“ Wir schmunzelten etwas und sie fragte mich: „Was empfindest du jetzt für mich?“ – „Es ist wieder besser als früher. Es fällt mir auf jeden Fall schon wesentlich leichter, also nichts, worüber man sich noch Gedanken machen müsste. Aber eine Frage habe ich doch noch: Du warst ziemlich eifersüchtig auf Julia, oder?“ – „War das so heftig zu spüren?“ – „Gleich mehrere Leute haben es mir erzählt. Ich habe es auch an deinen Blicken gesehen, du hast sie manchmal unfassbar giftig angeschaut. Solch einen Blick habe ich von dir eigentlich noch nie gesehen. Eigentlich nur, wenn die Jungs aus der alten Klasse dich wieder aufs Korn genommen haben.“ – „Oh weh.“ – „Warum das?“ – „Ich… habe halt die vielen Momente mit dir vermisst.“ Diesen Tonfall kannte ich an Janine nicht unbedingt, sie verwirrte mich, was sie auch in meinem Blick sah. „Auch, wenn ich dir vor einigen Wochen gesagt habe, dass ich über Beziehungen einfach noch nicht nachgedacht hatte… Denkst du, ich habe unsere ganzen Treffen nicht trotzdem genossen?“ – „Doch, na klar, aber…“ Sie unterbrach mich, weil sie in einen richtigen Redefluss hineinsteigerte. „Als du mich nach meiner Geburtstagsfeier nach Hause gebracht hast und über Nacht geblieben bist? Der Tag, an dem ich bei dir über Nacht geblieben bin und wir abends die Filme geschaut haben? Als du mir den Kopf gekrault hast und den Kuss an die Stirn gegeben hast? Während wir in eurem Park auf dem Berg standen, als du mir gesagt hast, was du für mich empfindest?“ – „Du hattest… meinen Kuss mitbekommen?“ – „Ja, na klar. Ich war noch wach.“ Wir schwiegen einige Momente. Ich schaute sie fragend an, weil mich ein merkwürdiges Gefühl beschlich: „Möchtest du mir etwas sagen?“ – „Du bist mir einfach total wichtig und… ich…“ – „Ja?“ – „Ich will einfach, dass es wieder so wie früher wird. Es tut mir leid, dass ich dich in den letzten Wochen so mies behandelt habe, du hast mir einfach gefehlt und ich war so wütend und traurig. Ich habe dich total vermisst.“ Ich wusste zwar, was ich sagen wollte, bekam es aber nicht raus, weil mich Janine auf eine gewisse Art fassungslos machte. Nicht nur, dass sie betonte, dass sie einfach über eine Beziehung noch nicht nachgedacht hatte, was mir sagte, dass ich voreilig damals Abstand zu ihr gewonnen hatte, sondern auch, weil sie so oft betonte, dass ich ihr so wichtig war und dass ich ihr gefehlt hatte. Ich wusste jetzt erst recht nicht mehr, woran ich bei ihr war. „Ich wollte dich die ganze Zeit nicht so heftig anfahren und angreifen… Mir tut es auch leid.“ Ich blieb einfach stehen und umarmte sie. Sie drückte mich sehr fest und ich spürte, wie wohl mehrere Tonnen Steine von ihrem Herzen abfielen.

Ich sagte zu ihr: „Du hast mich doch eben gefragt, was ich für dich empfinde.“ Vorsichtig fragte sie: „Ja?“ – „Was denkst du über mich?“ Sie ließ diese Frage bestimmt eine halbe Minuteunbeantwortet, was mich von Sekunde zu Sekunde immer nervöser machte. Sie sagte: „Marc, ich… Ich weiß es nicht.“ Wir schauten uns einige Zeit in die Augen, während wir dabei fast stehen blieben. „Du bist mir einfach total wichtig und ich wollte dich nicht auch noch verlieren.“ Sie hatte Tränen in den Augen und ich ging den fehlenden Schritt auf sie zu, um sie erneut in den Arm zu nehmen. Sie bekam dabei schon wieder weiche Knie, sodass ich sie etwas stärker umarmte, damit sie nicht womöglich wieder zusammenknickte.

„Du verlierst mich nicht, ich bin auch weiter für dich da.“ – „Danke schön…“ – „Lass uns einfach all diese Provokationen vergessen. Mir fiel das auch nicht leicht, dich so zu behandeln. Aber ich habe mich wirklich geirrt.“ – „Ja, lass uns einfach nicht weiter darüber nachdenken.“ Sie umarmte mich nun unheimlich fest und ich hielt sie sehr lange in meinen Armen. Janine brauchte mich, das spürte ich in diesem Moment zum allerersten Mal. Während sie ihren Kopf gegen meinen Oberkörper drückte, erzählte sie plötzlich: „Meiner Mutter geht es einfach nur noch grausam, seitdem… mein Vater gestorben ist.“ Ich fragte sie, während sie wieder langsam anfing, zu weinen: „Möchtest du darüber reden? Du musst aber nicht, wenn du nicht willst oder kannst.“ – „Er hat vor wenigen Wochen plötzlich einen Schlaganfall auf Arbeit gehabt… Meine Mutter hat mir das geschrieben, als wir gerade Unterricht hatten… Darum bin ich doch an einem der Tage mittendrin gegangen.“ – „Deswegen bist du gegangen… Ich habe befürchtet, dass es irgendwas Schlimmes war.“ – „Ich bin ins Krankenhaus gefahren und wir haben da erfahren, dass Papas Krebs wohl gestreut hat. Die Ärzte haben gesagt, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde…“ – „Das tut mir so unendlich leid. Ich fand deinen Vater toll.“ Sie weinte daraufhin nur noch mehr, was mir umso mehr leidtat, auch wenn sie sagte: „Du bist lieb… Papa hat dich auch total gerne gemocht, das hat er mir gesagt, bevor er wieder im Krankenhaus gelandet ist.“ – „Das ist echt lieb… Wissen deine Eltern eigentlich… dass wir uns gestritten haben?“ – „Nein, ich habe ihnen nichts gesagt. Und außerdem… wollte ich das nicht erzählen, weil… na ja, ich wollte Papa damit nicht noch belästigen, wo er jede Zeit mit uns noch nutzen wollte.“ Sie seufzte schwer und ließ mich zunächst los, damit wir weiter spazieren gehen konnten. „Das kann ich gut verstehen.“, sagte ich, worauf sie fortsetzte: „Ich war fast jeden Tag nach der Schule so lange wie möglich im Krankenhaus und habe die Hausaufgaben meistens da gemacht… Als die Ärzte uns gesagt haben, dass Papa nicht mehr viel Zeit haben würde, konnten meine Mutter und ich ein paar Tage gar nichts mehr machen. Ich habe drei Tage fast nicht geschlafen und bin deswegen auch letzten Montag nicht zur Schule gekommen… Ich war nicht krank, ich hatte einfach diesen Montag fast komplett durchgeschlafen, weil ich ´am Ende war.“ – „Oha, oh weh…“ – „Papa ist friedlich eingeschlafen und er hat am Ende gelächelt, das war immerhin… etwas Schönes.“ Ich ging den Schritt wieder zu ihr näher und umarmte sie einfach, während sie eigentlich noch auf den Spaziergang konzentriert war. „Er hat bestimmt deswegen gelächelt, weil er wusste, dass er eine tolle Familie hat.“ – „Du bist süß…“ Sie gab mir einen Kuss auf die Wange, wir gingen langsam weiter.

Ich konnte Janine vom Thema um ihren Vater etwas abbringen, sodass sie etwas auftaute und wir über eine weitere gesamte Stunde verbrachten, die einfach ziemlich lustig war und in der sieviel lachen musste. Ich machte zwar dafür bewusst peinliche Sachen, aber gerade deswegen musste Janine oftmals schmunzeln. Irgendwann währenddessen fragte mich Janine etwas Pikantes. Das Bemerkenswerte bei ihr war, dass sie, auch wenn der inhaltliche Zusammenhang fehlte, schlagartig knallharte Fragen zu Themen stellen konnte, auf die man einfach nicht vorbereitet war. Genau solch eine Frage kam, als ich mit Janine gerade wieder herumalberte: „Wieso wolltest du eigentlich nichts von Julia?“ Ich schluckte etwas schwer und meinte: „Ich fand sie zwar toll, aber…“ – „Aber?“ – „Ich fühlte mich bei ihr einfach nicht so richtig wohl. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sie sich für mich nicht so richtig interessiert.“ – „Aber sie wirkte doch ziemlich verknallt?“ – „Ja, irgendwie schon. Aber wenn ich ihr richtig private Dinge erzählt habe, so wie mit meinen Eltern… Ich hatte den Eindruck, dass sie diese Details gar nicht so richtig interessierte.“ – „Ich verstehe.“ – „An dem Tag, als sie bei mir übernachten wollte, legte sie sich einfach auf mich rauf.“ Janine schaute mich ganz erstaunt an und fragte: „Was ist passiert?“ – „Sie wollte mich küssen, aber ich wollte das nicht und hab das abgebrochen.“ – „Hattest du Schiss?“ Janine war ziemlich neugierig, aber eigentlich überraschte mich das nicht unbedingt. „Weiß ich ehrlich gesagt nicht so richtig, aber ich weiß, dass ich sie nicht küssen wollte, weil ich einfach nicht so viel für sie empfand. Ich wette, dass sie es an diesem Abend auch noch darauf angelegt hätte, dass wir miteinander schlafen, aber na ja, das hat sich ja von selbst erledigt. Sie ist direkt danach wütend nach Hause gefahren.“ – „Das kann ich auch irgendwie verstehen, weil sie sich so lange Hoffnung gemacht hat und so abgeblockt wird.“ – „Aber ehrlich, was sollte ich denn machen?“ – „Na ja, vielleicht gar nicht so weit erst kommen lassen? Sie war sicher tief enttäuscht.“ – „Ja, das ist sie bestimmt auch weiterhin, auch wenn wir mittlerweile wieder vernünftig miteinander klarkommen. Aber wir reden seitdem nicht mehr viel miteinander. Das wird sich bestimmt auch nicht so richtig ändern. Aber das ist denke ich auch gut so, nicht, dass sie plötzlich wieder mehr Interesse an mir zeigt, welches ich nicht zurückgeben kann.“ – „Ja, damit hast du auch Recht.“

Wir setzten unseren Spaziergang noch eine halbe Stunde weiter fort und die Stimmung war weiterhin recht locker, was mir gerade deswegen wichtig war, weil es Janine schon so dreckig ging. Letztlich standen wir wieder an ihrer Haustür und sie sagte: „Ich werde wieder nach oben gehen. Ich fühle mich total schlapp.“ – „Mach das. Ruhe dich aus.“ – „Wenn ich nicht so müde und schlapp wäre, hätte ich gefragt, ob du noch Lust hast, mit nach oben zu kommen.“ – „Das ist lieb, aber ist schon in Ordnung. Ruhe dich aus. Und wenn irgendwas ist…“ Sie unterbrach mich: „…rufe ich dich einfach an oder schreibe dir.“ Wir lächelten daraufhin und ich nahm sie in dem Arm. Janine flüsterte mir währenddessen ins Ohr: „Ich bin froh, dass ich dich habe.“ – „Ich auch.“, entgegnete ich ihr. „Ich hab dich lieb.“, sagte sie zum Abschluss und löste sich von mir. Ich blieb stehen und schaute ihr dabei zu, wie sie ihre Haustür aufschloss und sie mir noch ganz leicht winkte.

Auf dem Nachhauseweg hatte ich das erste Mal Zeit, über all die Dinge nachzudenken, die Janine mir sagte. Dabei ging es nicht um die Dinge, über die wir uns gestritten hatten, denn diese hatten wir komplett geklärt. Die Tatsache, dass sie nicht wusste, was sie für mich empfand, brachte mich völlig durcheinander und beunruhigte mich ein bisschen. Empfand sie plötzlich mehr für mich, obwohl wir uns in den letzten Wochen teilweise echt mies behandelten? Sagte sie vielleicht deshalb, dass sie mich nicht verlieren wollte? Hatte sie deswegen so sehr betont, was wir an schöne Momente zusammen miteinander hatten? Oder war das wieder nur freundschaftlich gemeint? Die Welt konnte kompliziert sein.

Spät abends schrieb mir Janine eine Nachricht, in der sie mir dafür dankte, dass ich mir heute für sie Zeit genommen hatte. Außerdem schrieb sie, dass sie in diesem Moment wie fast jeden Abend durchweg an ihren Vater denken müsse, worauf ich sie einfach anrief. Sie wirkte ziemlich überrascht, aber ich bekam schnell den Eindruck, dass sie sich sehr darüber freute. Ich schlug ihr direkt vor, dass ich, wenn sie wollte, noch zu ihr fahren würde, aber sie lehnte meinen Vorschlag ab, weil sie mir das einerseits nicht noch antun wollte und andererseits ihre Mutter schon schlief, sodass sie sie nur mit Wecken danach hätte fragen können. Als Alternative blieb ich einfach am Telefon, während ich mich selbst bettfertig machte und Janine über 90 Minuten meine Aufmerksamkeit schenkte, in der sie mir noch einige Details mehr von ihrem Vater erzählte. Sie weinte währenddessen fast durchweg, zumindest vermutete ich das. Ich sagte in diesem langen Gespräch sehr selten etwas und wenn meistens nur, um sie zu trösten. Das Vertrauen zwischen uns war in jedem Fall wieder da, genau wie vorher. Janine legte sich wenige Minuten vor dem Ende unseres Telefonats ins Bett und ich passte unbewusst meine Stimme an, sodass ich schon fast flüsterte. Janine antwortete immer kürzer und nuschelte immer mehr, sodass es mich nicht überraschte, als sie letztlich fast schlief. Ich wünschte ihr noch eine gute Nacht, was sie so halb erwiderte, und legte auf.

Am nächsten Vormittag traf ich mich mit Tim, weil wir das schon einige Zeit zuvor ausgemacht hatten. Er war zunächst sehr froh, dass Janine und ich den Konflikt beendet hatten. Gleichzeitig sorgte er sich um sie, als ich ihm von dem Zusammenbruch von ihr erzählte. Spätestens, als ich ihm erzählte, dass Janine nicht wusste, was sie für mich empfand, sagte er etwas, was ich befürchtet hatte: „Vielleicht hat sie festgestellt, dass sie dich doch mehr als nur freundschaftlich haben will.“ – „Klasse, genau das hatte ich auch befürchtet.“ – „Bist du nicht auch noch in sie verknallt?“ – „Ich konnte mich durch Julia und durch den Streit eigentlich recht gut von ihr lösen… Natürlich ist sie toll, aber… Ich weiß nicht. Ich bin froh, dass ich Abstand zu den ganzen Sachen gewinnen konnte.“ – „Na ja, mehr als abwarten wirst du nicht können. Du solltest auf jeden Fall darüber nachdenken, wie du reagierst, falls sie dir wirklich irgendwann sagen sollte, dass sie sich mehr vorstellen kann.“ – „Ja… Ich wüsste das nämlich wirklich nicht. Ich verstehe es nicht: Wir haben wochenlang keinen Kontakt mehr und uns oft einfach nur gestritten, wie kann es sein, dass sie jetzt vielleicht mehr für mich empfindet?“ – „Genau das wird der Grund sein. Sie hatte wahrscheinlich sehr viel Zeit zum Nachdenken und hat halt festgestellt, dass du ihr wichtiger bist, als sie bisher selbst wahrgenommen hat. Schau, wer weiß, was sie wirklich damit gemeint hat, als sie sagte, sie wisse es nicht. Vielleicht ging es ja auch nur um die Frage, wie wichtig du ihr als Freund aktuell bist.“ – „Das ergibt aber vielleicht nicht so richtig Sinn, weil ihr die Freundschaft zu mir doch wohl sehr wichtig sein muss, wenn sie so sehr wieder den Kontakt zu mir gesucht hat.“ – „Stimmt auch wieder. Vielleicht hat sie aber auch den Kontakt zu dir wieder aufgebaut, weil sie schauen will, ob eine Beziehung zwischen euch doch funktionieren kann. Na ja, du wirst es ja irgendwann mitbekommen, was genau sie mit ihrer Aussage meinte. Falls es alles nicht hilft, musst du sie halt danach fragen.“ – „Ja, du hast Recht. Mal schauen.“

Unser Treffen ging knapp zwei Stunden und war von uns deswegen auf Heiligabend gelegt worden, weil er für die nächsten Tage wegfahren würde und wir uns daher erst an Silvester sehen würden, da er Petra und mich für eine Silvesterfeier bei sich zu Hause eingeladen hatte. Er sagte mir bereits auch schon, dass er Janine und ihre Mutter eingeladen hatte, auch wenn sie ihm sagten, dass sie noch nicht wussten, ob sie wirklich kommen würden, was ich angesichts der Umstände mehr als gut verstehen konnte.

Ich fuhr nachmittags mit Petra zu meiner Oma, wo Onkel Steffen mit seiner Familie auch bereits da war. Obwohl mir meine Eltern sehr fehlten, war dieser Heiligabend trotz allem ein wirklich fröhlicher, da wir alle das Bestmögliche daraus machten. Ich war auch froh, dass Steffens Kinder einige Jahre jünger als ich waren, weil diese weitaus mehr rumtobten und damit die Aufmerksamkeit auf sich zogen, sodass diese nicht auf mir lag. Ich wurde somit nicht von jedem, und sei es nur durch sorgenvolle Blicke, an den Tod meiner Eltern erinnert. Bevor die Bescherung begann, die bei uns schon gegen 17 Uhr stattfand, schrieb ich Janine eine Nachricht: „Ich wünsche dir und euch fröhliche Weihnachten! Lass dich nicht unterkriegen. Versuch nicht zu sehr daran zu denken.“ Kurz nach unserer Bescherung kam ihre Antwort: „Das wünsche ich dir auch! Ich habe dich lieb!“ An ihre Nachricht hing sie noch ein Herz als Smiley heran, was mich ein bisschen irritierte, da sie mir in all den Monaten noch nie ein Herz als Smiley schickte, mich aber an diesem Abend nicht weiter beschäftigte. Der Abend war trotz allem schön und ich war froh, ihn zumindest mit einem Teil meiner Familie verbracht zu haben. Als wir uns auf den Nachhauseweg machten, dachte ich lange über meine Eltern nach und über die letzten Heiligabende mit ihnen. Sie fehlten mir und dieser Schmerz in meinem Innern war heftig, aber ich hatte in den letzten Monaten gelernt, irgendwie damit zu leben. Meine Gedanken drifteten kurz an meinen leiblichen Vater ab: Wie es ihm wohl ging? Wie war es für ihn, Weihnachten zu feiern, ohne Kontakt zu mir zu haben? Petra ging zu Hause wieder recht früh schlafen, sodass ich abends einfach vor meinem PC saß, parallel meinen neuen Fernseher anschaltete und bis tief in die Nacht am PC spielte.

Am nächsten Vormittag schrieb mir Janine eine Nachricht, die mich aus dem Schlaf riss, weil ich in der Nacht zuvor erst um kurz nach vier im Bett war. Ich sprang erschrocken auf und nahm das Handy mit ins Bett, wo ich verschlafen die Nachricht las: „Na Schlafmütze, hast du ausgeschlafen?“ Da ich keine Koordination hatte und viel zu müde zum Nachricht schreiben war, rief ich sie einfach an, sie sagte: „Hey Schlafmütze!“ – „Mhhhhm?“ – „Habe ich dich gerade geweckt?“ – „Jaaaa…“ Ich gähnte währenddessen und Janine kicherte. „Entschuldige, ich habe eigentlich gedacht, dass du schon wach sein könntest.“ – „Nicht so schlimm.“ Ich ließ mich so richtig in mein Kissen sinken und freute mich darüber, wie weich und warm mein Bett war, worauf Janine nur noch mehr schmunzelte. „Wie geht es dir?“, fragte ich sie, worauf sie meinte: „Ganz ok. Ich habe dir gar nicht erzählt, dass meine Mutter und ich gar nicht da sind.“ – „Wie… was?“ – „Wir sind bis morgen noch bei meiner Oma, weil wir schon lange nicht mehr hier waren. Da fährt man mit dem Zug etwa drei Stunden hin.“ – „Oh, ok. Aber das klingt doch ganz schön.“ – „Ja. Wir sind gestern erst direkt hier angekommen, das war eine ganz spontane Idee. Meine Mutter wusste erst nicht, weil sie mir das eigentlich nicht zumuten wollte, aber ich fand das eine gute Idee… und mir geht es zumindest deutlich besser als vorgestern, als…“ Sie verstummte. „Denk nicht darüber nach. Das ist doch schön, dass es euch dort gefällt und du ein bisschen Ablenkung bekommst.“ – „Ich wünschte, du wärest hier. Dann könnte ich dir hier die tolle Landschaft zeigen und dich rumführen.“ – „Ich muss mich wohl fertig machen und zu euch heruntergefahren kommen.“ Ich schmunzelte und Janine meinte: „Das machst du doch nicht wirklich!“ – „Mach ich auch nicht.“ Janine schmunzelte nun auch und meinte: „Menno!“ Sie erzählte mir daraufhin von der Landschaft und einiges aus ihrer Vergangenheit, die sie zum Teil dort erlebt hatte. Was ich bisher nämlich nicht wusste, war, dass Janine die ersten vier Lebensjahre in der Heimatstadt ihrer Oma verbracht hatte und ihre Eltern in „meine“ Großstadt zogen. Laut Janine war ihr Vater wohl wie ich hier aufgewachsen und wollte wieder zurück, während Janines Mutter und Janine selbst eben mit umzogen. Ich beneidete Janine darum, dass sie mit ihrer Mutter dort war, weil ich auch gerne wieder etwas von der Welt gesehen hätte. Mir war aber klar, dass das noch eine ganze Weile würde warten müssen, weil Petra nun auch nicht extrem viel verdiente – es reichte immerhin für einen guten Lebensstandard. Ich überlegte mir zumindest, die nächsten Monate knauseriger zu sein, um Geld anzusparen, damit ich vielleicht allein für eine Woche oder mehr würde wegfahren können.

Wir quatschten letztlich eine halbe Stunde und Janine machte mit mir aus, dass wir uns übermorgen am 27. Dezember wieder sehen würden. Ich freute mich irgendwie darauf, einfach auch, weil Janines Stimmung so unheimlich positiv am Telefon war. Wir nahmen uns einen Einkaufsbummel vor und schlossen nicht aus, den einen oder anderen Weihnachtsmarkt zu besuchen, da es noch ein paar wenige gab, die auch nach den Weihnachtsfeiertagen noch geöffnet sein würden.

Die restliche Zeit der Weihnachtsfeiertage verging unspektakulär und ich verbrachte etwas mehr Zeit mit Petra, weil sie zur Abwechslung auch freibekommen hatte. Wir hatten dabei einfach ein paar lustige Stunden, weil wir am zweiten Weihnachtsfeiertag abends unter anderem einen Filmabend veranstalteten, bei dem wir uns über die albernsten Filme amüsierten.