Die Vergangenheit vertreiben
Tim erzählt:
Meine Idee war, dass Janine und Marc genau wie im letzten Jahr den Heiligabend zusammen verbringen sollten. Gerade nach unserem gemeinsamen Wochenende war ich der festen Überzeugung, dass man die beiden wieder zusammenbekommen konnte. Man musste sie nur einfach weiterhin in eine gemeinsame Richtung schieben, dass sie sich nicht wieder aus den Augen verloren. Julia konnte meinem Plan durchaus noch gefährlich werden, da ich nicht einschätzen konnte, ob sie ihre Fühler nach ihm ausstreckte. Ich fand es schön, dass sich die beiden so gut verstanden, aber ich wusste, dass Julia früher ziemlich besitzergreifend sein konnte, wenn sie wollte. Abgesehen davon musste ich einfach darauf hoffen, dass weder Janines Mutter noch Marcs Tante Weihnachten schon irgendwie verplant hatten. Die Idee mit Heiligabend hatte ich schon viel länger, aber da die Geschichte zwischen Marc und Sandra so lange anhielt, waren mir die Hände gebunden.
Ich rief daher direkt am Tag nach unserer Wochenendfahrt bei Marcs Tante an, die glücklicherweise auch direkt ans Festnetztelefon ging. Sie war überrascht, mich zu hören und wollte mich direkt an Marc weiterreichen, was ich direkt verhinderte. Sie war leicht verwundert, bis ich sie aufklärte: Ich erzählte ihr, was am Wochenende passiert war und wie nahe sich Marc und Janine wieder kamen. Sie stimmte mir zu und war wesentlich einfacher zu überzeugen als noch Janines Mutter. Das lag auch daran, dass sie von Janine bereits in wenigen kurzen Nachrichten wusste, wie erfolgreich das Wochenende war. Als ich Marcs Tante den Vorschlug mit Heiligabend machte, stimmte sie sofort zu. Sie fragte mich: „Falls das auch mit Janines Mutter klappt, was denkst du, sollen wir das Marc vorher erzählen?“ – „Ich weiß es nicht. Mein erster Gedanke war, dass wir ihn damit doch überraschen könnten. Ich habe die Sorge, dass er das ablehnt und das einfach gar nicht will.“ – „Ja, machen wir das so. Ich werde Marcs Vater hierher einladen, dass wir ein kleines Weihnachten feiern, und als Überraschung kommen Janine und ihre Mutter, wenn das passt.“ – „Was mir gerade einfällt: Janine erzählte, dass ihre Mutter einen neuen Freund hat. Wäre das für euch ok, wenn sie ihn womöglich auch noch mitbringt?“ – „Klar.“ – „Ich rufe bei Janine an und frage nach, wie dort die Lage ist. Sobald ich Bescheid weiß, melde ich mich.“ – „Alles klar. Ich würde sagen, damit Marc wirklich nicht noch was davon mitbekommt, gebe ich dir meine Nummer. Die Details können Melanie und ich untereinander klären, wenn sie deinem Plan auch zustimmen sollten.“ Wir tauschten unsere Nummern aus. Marcs Tante hatte bereits beim letzten gemeinsamen Weihnachten die Nummer von Janines Mutter bekommen, was die Sache vereinfachte. Ich rief Janine direkt auf dem Smartphone an. Im Gegensatz zu Marc wollte ich sie in meinen Plan einweihen, auch wenn ich das ein wenig riskant fand, weil Janine gerade nach diesem Wochenende vermutlich auf jede Chance wartete, ihn sehen zu können. Ich hoffte einfach, dass sie sich nicht in Marcs Richtung verplapperte. Sie fand meine Idee absolut klasse und holte direkt ihre Mutter mit ans Telefon, sodass sie mich auf Lautsprecher stellte und ich meine Idee erklärte. Ihre Mutter stimmte meinem Vorschlag auch zu! Gleichzeitig mahnte sie aber auch, dass wir es in Hinblick auf Marc nicht übertreiben durften. Sie hatte Sorge, dass wir diese Chance womöglich zu sehr zerstören würden, wenn wir es richtig übertrieben. Ich wusste nicht so richtig, was ich darauf sagen sollte, weil ich ihre Sorge auch verstehen konnte. Aber ich war fest davon überzeugt, dass man es versuchen musste. Janines Mutter sagte mir abschließend noch, dass sie Marcs Tante schreiben würde, um die konkreten Details auszumachen. Als ich noch kurz mit Janine direkt sprach, dankte sie mir einfach sehr für meine Mühen. Ich versuchte, bescheiden zu bleiben, weil wir noch lange nichts erreicht hatten, aber ihr Dankeschön kam bei mir wirklich gut an. Sollte auch dieser gemeinsame Heiligabend die beiden nicht weiter zusammenbringen, hatte ich noch genau zwei weitere Asse im Ärmel…
Marc erzählt:
Am Montag befragte mich Janine in einer der Pausen zu der bevorstehenden Woche. Wir stellten fest, dass am Samstag ein Mitschüler aus dem Jahrgang eine Party veranstaltete und beschlossen, dort gemeinsam hinzugehen. Ich fand das einen guten Kompromiss, da Janine und ich dort relativ unkompliziert Zeit verbringen konnten, aber auch Ausweichmöglichkeiten hatten, wenn es uns doch zu viel werden sollte oder wir womöglich feststellten, dass wir so gar nicht miteinander konnten. Nach der ganzen Szenerie um Melanie und dem Krankenhaus schloss ich das Letztgenannte aber absolut aus. Immerhin erfuhr ich, dass Melanie am Mittwoch bereits wieder entlassen werden sollte, was mich für beide sehr freute.
Janine erzählt:
Als er meinem Vorschlag zustimmte, gemeinsam auf die Party zu gehen, machte mein Herz mehr als nur ein paar Hüpfer. Auch, als er sagte, dass er mir schon deutliche Signale dadurch sendete, dass er das Kuscheln, das Händchenhalten und mein Kuss auf die Wange akzeptierte, wuchs meine Hoffnung umso mehr. Würde ich wieder mit ihm zusammenkommen können? Dachte er wirklich darüber nach? Was hatte es zu bedeuten, dass er einfach ohne Bedingungen für mich da war? Lag es wirklich nur daran, dass wir zusammen gewesen waren, oder fühlte er doch wieder mehr für mich? Glaubte er vielleicht an eine Zukunft? Dass er Zeit zum Nachdenken brauchte, erinnerte mich an damals, als wir zusammenkamen. Auch dort war es so, dass er meine Nähe zuließ und dass er sich weiter mit mir treffen wollte, bis er sich sicher war, dass er unsere Beziehung wollte. Ich hoffte sehr, dass es jetzt auch wieder so sein würde. Besonders viel Hoffnung machte mir, dass er mich immer wieder zu sich heranzog. Das bedeutete doch, dass er meine Umarmung auch genoss und brauchte? Oder lag es nur an der bedrückenden Situation um Mama?
Je näher die Feier kam, desto nervöser und aufgeregter wurde ich. Tim versuchte täglich, mich leicht zu bremsen, damit ich nicht noch mehr aufdrehte. Ich bemühte mich in der Schule um einen täglichen Kontakt mit Marc. Am Mittwochabend schrieb ich ihm, dass Mama wieder zu Hause war. Er schickte mir eine kurze Sprachnachricht, in der er sich wirklich für mich und uns freute. Die darauffolgende Sprachnachricht überraschte mich: „Soll ich dich vorher abholen kommen, damit wir gemeinsam hinfahren?“ Ich schrieb ihm: „Ja, gerne! Was hältst du von 20 Uhr?“ – „Klingt gut. Ich plane noch etwas mehr Zeit ein, falls du noch nicht ganz fertig sein solltest.“ Er schob noch einen Zwinkersmiley hinterher, wodurch ich mich natürlich ertappt fühlte. Aber ich spürte wieder sehr deutlich, wie offen er mir gegenüber wieder war. Unser langes Gespräch hatte offenbar echt viel verändert.
Selbst am Samstag, dem 21. Dezember, schrieb Tim mir mittags noch: „Denk dran, nicht überdrehen. Nicht über ihn herfallen. Küsse ihn nicht, es sei denn, er kommt direkt auf dich zu und es passt einfach. Ich weiß mittlerweile was über Julia: Sie hat ihm gesagt, dass sie ihn so lange nicht weiter anbaggern wird, bis er sich entschieden hat, welche Bedeutung du für ihn hast. Also: Versau es nicht! Wenn selbst Julia einen Rückzug macht, ahnt sie vermutlich schon, dass Marc sich für dich entscheiden könnte.“ – „Wow… Es läuft einfach endlich wieder!“ – „Ja, es läuft echt gut. Aber du musst wirklich aufpassen, dass du es nicht übertreibst. Du kannst davon ausgehen, dass da heute wieder Alkohol getrunken wird. Halte dich schön fern davon.“ – „Ja, das werde ich machen. Danke für deine ganzen Tipps. Ich werde mir noch was überlegen, wie ich das wieder gutmachen kann. Aber du hast schon so viel getan, dass es ein großes Dankeschön werden muss.“ – „Mach dir darum keine Gedanken. Erst müssen wir schauen, ob wir euch wieder zusammen bekommen.“
Ich überlegte wenige Stunden, bevor Marc mich abholen wollte, ob ich absichtlich „zu spät“ mit meinem Styling für die Feier begann. Damit konnte ich mit ihm noch ein wenig mehr Zeit nur zu zweit verbringen. Auf der Feier waren wir natürlich die ganze Zeit von Leuten umgeben. Ich entschied mich zu einem Mittelweg: Ich wollte Marc noch kurz hineinbitten, aber weitestgehend fertig sein, damit er nicht mehr lange warten musste. Schließlich wollte ich ihm auch nicht auf den Nerv gehen, falls ich noch ewig brauchen sollte.
Pünktlich um 20 Uhr klingelte Marc und Mama sagte: „Los, du schaffst das!“ Ich öffnete die Tür und hatte im Vergleich zu früher etwas anders gemacht: Ich hatte mich nur sehr wenig geschminkt. Marc fand mich natürlicher oft sogar noch attraktiver als mit deutlich mehr Schminke. Bei meiner Kleidung achtete ich darauf, nur sehr wenig Haut zu zeigen. Ich trug nur einen sehr kleinen Ausschnitt. Die Aufzugstür auf unserer Etage öffnete sich. Mein Herz setzte einige Momente aus, als er ausstieg. Als ich die Wohnungstür öffnete, war ich hibbelig. Er war richtig gut gekleidet, aber ich kannte diese Kleidungsstücke noch nicht. Aber ich sah einen deutlichen Unterschied zu früher. Er sah elegant aus, war zugleich aber leger. Er lächelte mich breit an und ich bemerkte sehr deutlich, wie er mich musterte. „Du siehst echt schön aus.“, sagte er mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Danke. Ich mag deinen Stil sehr.“ – „Danke. Ich trage das in der Schule kaum, weil mir das in der Schule echt egal ist. Aber wenn ich zum Beispiel auf eine Feier oder so gehe, trage ich das gerne.“ – „Deine Kleidung hat echt Stil, aber gleichzeitig strahlst du was Lässiges damit aus.“ – „Das ist der Plan.“ Er grinste so verstohlen, wie ich es von früher von ihm kannte. „Bist du startklar?“, fragte er nach wenigen Momenten. „Fast. Ich habe nur noch überlegt, welche Jacke und welche Schuhe ich anziehe. Willst du noch kurz reinkommen?“ – „Klar.“ Als er unsere Wohnung betritt, umarmte er mich sehr fest. Das war aber eigentlich nicht die Besonderheit: Er drückte mich sehr, sehr lange richtig fest. Wir standen ungelogen 20 Sekunden im Flur. Dabei bemerkte ich sein Parfüm, was bei mir zu einer Reaktion führte: „Ey, nicht noch fester! Du zerquetschst mich noch!“ – „Sorry.“, flüsterte ich ihm leise ins Ohr. Einen Kuss auf die Wange gab ich ihm nicht, aber diese Umarmung war für mich schon ein klares positives Zeichen.
Kurz danach kam Mama in den Flur und meinte: „Hey Marc.“ Er ging auf sie zu und umarmte sie von sich aus, was mich irgendwie erneut sehr überraschte. „Wie geht es dir?“, fragte er Mama, woraufhin sie ihm kurz erzählte, wie ihre letzten Tage im Krankenhaus, aber auch zu Hause aussahen. Sie war auf jeden Fall noch einige Tage krankgeschrieben worden, um sich vollständig ausruhen zu können. „Ich bin froh, dass es dir gutgeht.“, sagte er ihr, woraufhin sie ihm dankte. Sie verschwand kurz in der Küche und holte ein kleines Körbchen, in dem sie allerlei Süßigkeiten gelegt hatte. Er schaute verwundert und sie meinte: „Ich möchte dir einfach danken, dass du für Janine und für mich so sehr da warst. Das hätte nicht jeder gemacht.“ – „Ach, alles gut. Das ist nicht nötig.“ – „Doch, ich finde schon. Es ist einfach ein kleines Dankeschön und zu Weihnachten passt doch Schokolade und so auch umso besser.“ – „Das ist lieb, danke.“ Die beiden drückten sich erneut. Anschließend kam Marc zu mir und drückte mich auch, obwohl ich von Mamas Aktion gar nichts wusste und nicht beteiligt war. Marc suchte meinen Blick und fragte: „Wie soll ich den denn jetzt transportieren? Damit habe ich nun gar nicht gerechnet.“ Wir schmunzelten und er fragte mich: „Wäre das okay, wenn wir das Körbchen noch hier bei euch lassen, und du bringst ihn mir das nächste Mal, wenn wir uns sehen, mit?“ – „Ja, na klar.“ – „Oder muss ich Sorge haben und du naschst mir alles weg?“ – „Ich? Würde ich doch nie tun…“ Wir schmunzelten und ich ergänzte: „Tja, dein Risiko. Je länger der Korb hier ist, desto weniger wirst du wohl am Ende bekommen…“ – „Du bist gemein, Janine.“, warf Mama mit einem Grinsen ein. Wir stellten das Körbchen auf den Flurschrank und ich zog mir einen Mantel und Schuhe an. „Was meinst du? Passt das zusammen?“, fragte ich Marc, da Mama sich bereits wieder von ihm verabschiedet hatte und im Wohnzimmer verschwand. Er musterte mich intensiv und meinte: „Wie ich schon sagte, du siehst schön aus. Der Mantel und die Schuhe stehen dir gut.“ – „Danke für das Kompliment.“ Wir verließen kurz darauf die Wohnung. Als sich die Aufzugstür öffnete, ließ er mir den Vortritt und ich spürte kurz leicht seine Hand auf meinem Rücken. Mir wurde wohlig warm ums Herz, weil mich das an früher erinnerte. Auch in unserer Beziehung hatte er so was vereinzelt gemacht.
Wir fuhren erst wenige Stationen mit dem Bus, um noch ein Stück mit der U-Bahn zu fahren. Unser Gespräch drehte sich auf dem Weg vor allem viel um den Mitschüler, bei dem wir zuvor noch nie gewesen waren. Wir hatten ihn zwar vereinzelt auf verschiedenen anderen Feiern oder Gruppentreffen gesehen, aber so richtig viel hatten wir mit ihm bisher noch nicht zu tun gehabt. Wir schauten uns in der Bahn, als ich mich neben ihm setzte, kurz in die Augen. Mich verunsicherte der Blick, ich war trotzdem mutig und setzte mich bewusst sehr nah an ihn. Unsere Körper berührten sich an mehreren Stellen leicht. „Was hältst du…“ Er verzog die Augenbraue nach oben, während ich ihn von der Seite aus anschaute. „… von daddeln?“ – „Was? Schon wieder? Du bekommst auch nicht genug, oder?“ Wir lachten sofort herzlich los, woraufhin uns einige in unserem Waggon musterten. „Weißt du was? Damit du dich nicht beschweren kannst, dass ich immer deinen Akku leer spielen würde, habe ich zwei Euro investiert…“ – „Nein?! Du hast das Spiel selbst gekauft?“ – „Ja, hier, schau. Aber ich bin noch lange nicht so weit wie du. Aber wenn du magst, kannst du mir ja helfen, damit ich ein wenig aufholen kann.“ – „Haha, alles klar. Na los, mach an!“ Nach wenigen Minuten kuschelte ich mich deutlich näher an ihn. Er legte kurz darauf seinen Arm um mich. Mich durchströmte eine Welle von Liebe. Während wir spielten, unterhielten wir mit unserem Lachen definitiv den halben Waggon. Das ging sogar so weit, dass einige immer wieder mit uns mitlachen mussten, was unsere gute Laune nur noch mehr steigerte.
Die letzten Meter von der Bahn bis zur Familienwohnung des Mitschülers vergingen wie im Fluge. Wir wurden hineingelassen und es waren schon einige Leute da, die Stimmung war generell gut. „Hey, wie schauts? Bier findet ihr hier im Kühlschrank, nehmt euch einfach was.“ Ehe Marc antworten konnte, sagte ich: „Ne, lass mal, aber echt lieb. Habt ihr auch Limo oder so da?“ – „Jo, klar, haben wir auf dem Balkon gebunkert. Nehmt euch einfach was mit rein, Gläser und so haben wir hier alles in der Küche.“ – „Super!“
Ich organisierte für Marc und mich Softdrinks, während er einzelne andere aus unserem Jahrgang begrüßte. Selbstbewusst ging ich auf ihn zu und stellte mich einfach in die Runde dazu. Er dankte mir, als ich ihm sein Glas gab und wir stießen alle gemeinsam an. Die anderen hatten zwar alkoholische Getränke und mindestens einer war auch schon ganz gut angeheitert, aber Marc blieb wirklich sehr entspannt und schloss sich vor allem nicht aus der Runde aus. Unsere Gruppe stand lange zusammen und quatschten über alles, was uns irgendwie in den Sinn kam. Unangenehm wurde es, als der Angeheiterte Marc und mich fragte: „Seid ihr eigentlich zusammen hergekommen und so?“ Marc darauf: „Ja, ich habe sie abgeholt. Wieso fragst du?“ – „Ach, nur so.“ Mir war klar, wieso er fragte. Marc war das genauso klar. Aber ich fand seine souveräne Reaktion wirklich gut. Als sich unser Kreis auflöste, blieben Marc und ich beisammen und er sagte leise: „Ich dachte mir, ich wehre ihn ein bisschen ab. Ist bestimmt in deinem Sinn, oder?“ – „Ja, danke. Das wird bestimmt heute noch ein paar Mal kommen.“ – „Und wenn schon. Sollen die sich doch alle ruhig das Maul zerreißen.“ – „Ich bewundere deine selbstbewusste Haltung. Die hattest du auch damals schon, bevor wir zusammenkamen.“ – „Das stimmt. Ich habe damals schon oft darauf gepfiffen, was die anderen von mir halten. Ich mache das, wovon ich glaube, dass es richtig ist und dass es mir damit gutgeht. Zusätzlich achte ich halt darauf, möglichst niemandem wehzutun bei all den Dingen, die ich mache.“ – „Ich finde das damals wie heute eine schöne Einstellung.“ Unsere Blicke trafen sich kurz, mein Kompliment kam bei ihm an. Er lächelte zaghaft, ich schloss mich an. „Ich hoffe einfach nur, dass ich mir am Montag nicht so was anhören darf, ich würde dich jetzt rumkriegen wollen, nachdem Benny kein Bock mehr auf mich hat.“ – „Ich hoffe für die ganzen Tratschtanten nur, dass sie das nicht wagen. Sonst vergesse ich mich.“ – „Wenn ich mich nicht provozieren lasse, solltest du das auch nicht.“ – „Da hast du schon Recht. Du weißt ja, wie sehr mich solch widerliches Verhalten aufbrausen lässt.“ – „Eben. Genau deswegen sage ich ja. Ruhig bleiben hilft oft mehr als alles andere.“ – „Das stimmt.“
Über den Abend hinweg waren wir in verschiedenen Gruppen unterwegs. Marc und ich blieben dabei die gesamte Zeit immer zusammen, womit ich gar nicht unbedingt gerechnet hatte. Aber natürlich fand ich das umso toller. Selbst wenn er sich kurz von mir wegbewegte, weil er kurz mit wem anders sprach, kam er im Anschluss immer direkt wieder in meine Nähe. Wirklich viel Körperkontakt hatten wir in all den Stunden nicht, einmal griff er mir sanft an den Arm, weil er mich fragte, ob er uns noch etwas zu trinken holen sollte. Insgesamt sprachen wir auch gar nicht besonders viel über all die Stunden hinweg. Wir hatten bei vielen Gesprächen einfach Spaß mit den anderen und später bei verschiedenen Partyspielen. Wirklich beeindruckt war ich von Marc, dass er bei gleich mehreren Songs beim Karaoke freiwillig mitmachte. Er sang dafür sogar mehrfach mit stärker Betrunkenen zusammen und lachte dabei einfach jedes Mal sehr. Obwohl an diesem Abend bei dem anderen reichlich viel Alkohol floss, hatte er die ganze Zeit richtig gute Laune. Das fand ich toll. Er zeigte mir damit auch, wie sehr er sich auch verändert hatte. Seine Toleranz war in den letzten Monaten weit größer geworden.
Gegen ein Uhr morgens fragte mich Marc, ob wir nach Hause fahren wollten. Einzelne waren schon gegangen, die Stimmung war aber eigentlich noch gut. Ich schlug ihm noch vor, ob wir noch ein oder zwei Songs zusammensingen wollten, weil wir das an diesem Abend noch nicht gemacht hatten. Er stimmte überraschend direkt zu und wir machten aus, dass sich jeder ein Track wünschen durfte. Ich sang zuerst bei seinem sehr rockigen Song mit, während er mit mir eine ziemlich schnulzige Ballade mitsang. Zwischenzeitlich alberte er mit mir herum, indem er seine Stimme künstlich nach oben schraubte, was einfach fürchterlich klang. Wenn er aber in seiner Männerstimme höher sang, klang das einfach überzeugend. Er war ein wirklich guter Sänger und ich fand es schade, dass er nicht in einem Chor zum Beispiel mitsang.
Berauscht von der guten Laune zogen wir unsere Mäntel und Schuhe an und gingen in die eisige Kälte nach draußen. „Du singst fantastisch“, sagte ich, woraufhin er breit lächelte. „Schleimerin. Aber hey, du kannst auch voll die harten Lieder singen! Hätte ich dir auch nicht zugetraut.“ – „Tja, du hast mich halt unterschätzt.“ – „Oja, das habe ich… wirklich.“ Wir schauten uns kurz in die Augen und ich wusste genau, dass er seine Aussage auf ganz andere Dinge als meinen Gesang bezog.
Während wir die Stufen zur Bahn runtergingen, fragte ich ihn: „Dich hat das überhaupt nicht gestört, dass die anderen so angeheitert waren, oder?“ – „Nein, gar nicht.“ – „Ich war echt überrascht, als ich vorhin gesehen habe, wie du mit den anderen gesungen hast.“ – „Ja. Ich habe nach unserer Trennung einfach eingesehen, dass ich darauf nicht so hart hätte reagieren dürfen. Ich muss zwar selbst keinen Alkohol mögen, aber solange sie nicht in der Ecke hocken und nur noch am Kotzen sind, stört es mich nicht mehr, wenn sie was trinken. Hauptsache ist, dass sie trotzdem gut mit mir und allen anderen umgehen und dass sie keinen belästigen. Es stört mich auch nicht, wenn sie zu viel trinken. Leider machen das zu viel zu viele.“ – „Damit hast du Recht. Ich fand das heute auf der Feier aber wirklich gut gelöst. Keiner war stark betrunken, alle hatten gute Stimmung.“ – „Wurdest du eigentlich noch von anderen gefragt? Du weißt schon… das Thema du und ich?“ – „Nein, entweder hat keiner mehr daran gedacht oder es hat sich keiner getraut, nachdem du vorhin was gesagt hast.“ – „Eine richtige Ansage habe ich ja nicht gemacht.“ Wir lachten und er ergänzte: „Vermutlich war es den meisten auch einfach egal. So soll es auch sein. Es ist deine eigene Entscheidung, was du machst.“ – „Na ja, deine ist es auch.“ Wir schauten uns wieder intensiv in die Augen. Er ließ meine Aussage unkommentiert, weil wir in die Bahn einstiegen und er direkt sein Smartphone zückte. „Nein! Du hast nicht das vor, was ich glaube.“ – „Und wenn es doch genau das ist?“ – „Also können sich wieder alle warm anziehen.“ – „Sind wir doch schon. Winter und so.“ Wir brachen in einen riesigen Lachflash aus, die durch das Spielen am Smartphone nur noch schlimmer wurde. Die Zeit verrann wie im Fluge. Im Bus ging unsere Spielerei noch weiter und die Busfahrerin schimpfte einmal sogar kurz mit uns, weil wir so laut waren und ihr auf die Nerven gingen. Während der Fahrt fragte er mich, ob er mich wieder nach Hause begleiten durfte, was ich schön fand.
Auf den letzten Metern bis zu meinem Zuhause waren wir zunächst eher recht schweigsam, bis Marc plötzlich stehenblieb. Ich schaute ihn fragend an und er sagte: „Komm kurz her.“ Ich näherte mich ihm und mir war plötzlich richtig komisch zumute. Wollte er… mich küssen? Er schaute stattdessen in Richtung Himmel und bat mich darum, ihm das nachzumachen. Ich verstand plötzlich. Er imitierte völlig krumm und schief meine Stimme: „Welches von all den Sternenbildern, die ich dir heute gezeigt habe, erkennst du da jetzt wieder?“ Völlig ahnungslos zeigte er auf verschiedene Sterne, die überhaupt kein Muster ergaben. Er brachte mich und sich immer mehr zum Lachen. „Ich weiß nicht. Also, wenn ich aufgepasst hätte, könnte ich dir vielleicht welche nennen. Aber ich glaube, ich war so nervös, weil ich heute mit dir getanzt… äh gesungen habe, dass ich mich einfach an keines mehr erinnern kann.“ Er schubste mich mit einem weiteren Lachen leicht von mir weg, nur, um mich wieder nah an sich zu ziehen und den Arm über meine Schultern zu legen. „Das stimmt gar nicht, dass ich durch unser Tanzen so nervös war.“ – „Ich bin mir sicher, dass das der Grund war. Allgemein warst du aber auch einfach sehr nervös, als wir zu mir nach Hause liefen nach dem Winterball.“ Er schmunzelte und meinte: „Ach Mist, dir entgeht wohl gar nichts.“ – „Nö. Aber ich habe ja auch während des Tanzens gespürt, wie vorsichtig und nervös du warst. Ich werde nie vergessen, wie oft du falsche Schritte gemacht hast. Vor allem, wenn ich dir kurz nicht gesagt habe, wie du dich bewegen musst.“ – „Menno!“ Ich kuschelte mich während des Gehens noch mehr an ihn, während er seinen Arm um mich gelegt hatte. Für die letzten Meter bis zum Hauseingang benötigten wir eine halbe Ewigkeit, auch, weil er mich darum bat, ihm einzelne Sternenbilder zu zeigen… die er bereits nach einigen Sekunden nicht mehr wiederfinden konnte. Mich störte das aber kein bisschen. Ich fand das einfach süß.
Wir standen vor meiner Haustür und ich wollte ihn einfach überhaupt nicht gehen lassen. Ich wünschte mir, dass dieser Abend möglichst einfach kein Ende nehmen sollte. Am liebsten hätte ich ihn mit nach oben genommen und mich die ganze Nacht an ihn gekuschelt. „Das war ein wirklich schöner Abend.“, sagte Marc, als er mir in die Augen schaute. „Das finde ich auch. Danke, dass du mich so sehr zum Lachen gebracht hast.“ – „Ich muss dir aber auch danken. Dass wir vorhin zusammen gesungen haben, werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen.“ – „Das stimmt.“ Wir hielten unseren langen Blick aufrecht und ich fragte: „Gibst du mir bitte, bitte Bescheid, sobald du heil zu Hause angekommen bist? Ich mache mir sonst nur wieder Sorgen. Und auch, wenn du im Bus sitzt?“ – „Klar, mache ich. Ich möchte nicht, dass du dem armen Schaf noch die letzten Fussel rausreißt, weil du dir Sorgen machst.“ – „Boah, das wäre herzlos! Das würde ich niemals machen!“ – „Weiß ich doch.“ Er zwinkerte mir zu und kam mir langsam näher. War das solch ein Moment, von dem Tim sprach? War das meine Chance, ihn zu küssen? Er streckte seine Arme breit aus, sodass ich wusste, dass er mich umarmen wollte. Wir umarmten uns ewig. Meine Gefühle spielten so verrückt, dass ich ihm zuflüsterte: „Glaubst du ernsthaft, dass ich dich jetzt loslassen will?“ – „Hast du etwa gedacht, dass ich dich jetzt noch jemals loslasse?“ Ich schloss meine Augen, weil ich seine Nähe einfach so sehr genoss. Marc sagte: „Weißt du, ich habe jetzt gedacht, dass ich mich einfach an dir festklammere, und du trägst mich nach oben. Dann trägst du mich schön durch die Wohnung hin und her und packst mich einfach in dein Bett.“ – „Aber wenn du die ganze Zeit so in der Position bleibst, wie sollen wir denn überhaupt vernünftig schlafen können?“ – „Tja, das ist eine wirklich gute Frage. Ach, irgendwie wird das schon. Also, los geht es! Hältst du mich fest, dass ich nicht auf den Boden falle? Sonst tragen wir nur den ganzen Dreck mit rein.“ – „Haha, du bist so blöd! Du machst den ganzen Moment kaputt!“ – „Welchen Moment? Der Moment, dass wir hier stehen und dass es nach einem echt schönen Abend schon wieder heftig zwischen uns knistert, weil wir uns weiterhin so gut verstehen?“ Diese Ansage machte mich sprachlos. „Nanu? Überrascht davon, dass ich die Dinge so direkt ansprechen kann? Ja, auch das hat sich im Laufe der Zeit verändert.“ – „Ja, ich finde es toll, dass man mit dir so offen reden kann. Eines der vielen Dinge, die ich toll an dir finde.“ – „Kleine Schleimerin.“ – „Na und?“ Ich baute mich vor ihm auf, während er natürlich von oben ein Stück weit hinunterschauen musste. „Soll mir das jetzt Angst machen?“, fragte er mich stänkernd. „Klar. Ich mag zwar nicht besonders groß sein, aber du weißt, ich habe ein Talent darin, empfindliche Körperbereiche zu treffen, durch die du garantiert einknicken wirst.“ – „Oha, das stimmt. Damit sollte ich mich besser nicht anlegen.“ – „Siehst du, das sage ich ja.“ Wir kicherten wieder darauf los und umarmten uns ein zweites Mal lang und fest.
Marc wollte gerade losgehen, als er mich fragte: „Warte, was macht eigentlich mein Pulli? Du hast ihn mir immer noch nicht zurückgegeben! Geht es ihm noch gut oder ist er auch schon in den Keller verbannt worden?“ – „Was, nein, nein, nein! Den würde ich niemals dorthin verbannen! Er hat es schön kuschlig warm in meinem Zimmer.“ – „Und der große starke Bär weint unten im Keller weiterhin riesige Kullertränen, weil er sich den Hintern abfriert.“ Er brachte mich damit erneut so sehr zum Lachen, dass ich schon Tränen in den Augen hatte. „Hey, hör auf, ich kann nicht mehr. Ich bekomme schon Bauchschmerzen!“ – „Die gerechte Strafe dafür, dass der Bär so gemein behandelt wird.“ Vermutlich unterhielten wir mit unserer Lautstärke schon einen kleinen Teil der Straße, auf der um diese Uhrzeit nichts weiter los war.
Ich ging auf ihn zu und drückte ihn ein drittes Mal, weil wir uns spürbar nicht lösen konnten. Ich gab ihm abschließend einen Kuss auf die Wange, weil mich mein Gefühl einfach überwältigte. Als ich einen Schritt Abstand von ihm nahm, sah ich, dass er erst in diesem Moment seine Augen öffnete. Bei meinem Kuss hatte er ganz offenbar seine Augen geschlossen… Meine Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft wurde immer größer und realer.
„So, ich gehe jetzt aber wirklich, sonst verpasse ich noch den nächsten Bus.“ – „Schreib mir.“ – „Aye, Aye, Ma’am!“ Er brachte mich schon wieder zum Kichern und ich schaute ihm noch ein ganzes Stück hinterher, während er zum Bus lief. Nach einigen Metern blieb er stehen und bemerkte, dass ich ihm hinterher schaute und noch nicht ins Haus gegangen war. Ich sah, dass er sein Smartphone griff, sodass ich meines herausholte und mir in unserem gemeinsamen Chat angezeigt wurde, dass er gerade eine Nachricht schrieb. „Erwischt!!! Warum gehst du nicht ins Haus?“ – „Weil ich Sorge davor habe, dass du von der Straße weggeschnappt wirst.“ – „Ach, das passiert schon nicht. Ich bin auf jeden Fall gleich an der Bushaltestelle.“ – „Ok, pass schön auf dich auf.“ Ich ging auch ins Haus und schloss leise die Wohnungstür auf. Mama kam mir überraschend entgegen. „Bist du gerade zufällig wach?“ – „Nein, ich war bisher wach. Ich konnte nicht wirklich einschlafen, weil ich wusste, dass du noch spät unterwegs sein wirst.“ – „Das ist lieb, aber Marc hat mich nach Hause gebracht. Ich war also die ganze Zeit begleitet, er hat mich kein Stück aus den Augen gelassen.“ – „Das klingt super. Mach weiter so.“ – „Der Abend war einfach schön. Wir hatten richtig viel Spaß miteinander.“ – „Ich denke auch, es ist genau richtig, dass ihr möglichst viele positive und schöne Momente sammelt. Diese ganzen schlechten Eindrücke von damals müssen raus aus euren Köpfen.“ – „Das glaube ich auch.“ Marc schrieb mir direkt, dass er in den Bus eingestiegen war und schickte mir noch ein Bild von einer ziemlichen Fratze, welches er im Bus machte. Ich zeigte Mama ausnahmsweise das Bild, worauf sie genauso wie ich lachen musste. Sie sagte das, was ich fühlte: „Das ist ein richtig gutes Zeichen, dass er so sehr mit dir herumalbert. Bleib am Ball. Spätestens Heiligabend seht ihr euch wieder, auch wenn der Gute davon sicher noch nichts weiß. Ich bin auf sein Gesicht gespannt, wenn wir bei denen zu Hause aufschlagen.“ – „Darauf bin ich auch gespannt, das kannst du mir glauben.“
Mama legte sich beruhigt schlafen und ich machte mich auch bettfertig, nicht aber, ohne noch einige Nachrichten mit ihm auszutauschen. Er schrieb mir, dass sein Busfahrer noch einigen Ärger mit einem Betrunkenen hatte, den er nicht mitfahren lassen wollte, sodass sich seine Fahrt noch etwas verzögerte. Ich machte mir Sorgen und war aber sehr beruhigt, als er mir mit einem Beweisbild bewies, dass er heil zu Hause angekommen war. Wir wünschten uns eine gute und schöne Nacht. Er schickte mir per Sprachnachricht noch ein „Träume was Schönes“, was mein Herz nur umso mehr hüpfen ließ. Am nächsten Vormittag fühlte sich das alles wie einer der schönsten Träume an, die ich jemals hatte. Ich glaubte, wieder auf dem richtigen Weg zu sein. Ich war fest davon überzeugt, dass er mir eine zweite Chance geben würde. Hätte er sich sonst so verhalten? Ein wenig Ernüchterung stellte sich bei mir zumindest ein, als ich bemerkte, dass er mir den gesamten Sonntag über nicht schrieb. Gerade nach diesem wunderschönen Abend hatte ich irgendwie die Erwartung, dass wir auch heute mindestens ein wenig Kontakt haben würden. Ich traute mich aber nicht, ihm zu schreiben, weil ich Tims mahnende Worte im Hinterkopf behielt: Nicht zu viel…