Ein Wunsch nach mehr
Als ich nach Hause kam, schaute ich die Nachrichten durch, die Tim und ein anderer Jahrgangskamerad mir geschrieben hatten, damit ich im Detail wusste, welche Aufgaben wir aufbekommen hatten. Bis auf eine Ausnahme wurden immerhin keine neuen Themen eingeführt, sodass ich fast nur weitere Übungsaufgaben zu lösen hatte. Mein Kopf war nicht bereit für Schule, aber ich quälte mich da irgendwie so durch. Julia schrieb mir in dieser Zeit erneut eine Nachricht, weil sie wissen wollte, was in den letzten 24 Stunden abging. Ich schrieb ihr nur kurz, dass sie noch etwas Geduld haben musste, weil ich mich erst um die Schule kümmern musste und ihr morgen in der Schule erzählte, was los war. Ich betonte in meiner Nachricht aber noch, dass sie sich keine Sorgen machen musste, weil ich vor allem für Janine und ihre Mutter da war und dass es mir gutging… wenn ich von meinem gedanklichen Chaos absah. Das machte sie nur noch neugieriger, aber ich ignorierte ihre erneute Nachricht, da ich mich erst um mich selbst kümmern musste. Ich saß so lange an den Aufgaben, dass ich direkt danach ins Bett ging und Julia nicht mehr ausführlich schrieb. Ich traf noch kurz auf Petra, die mich sorgenvoll anschaute, woraufhin ich ihr auch nur entgegnete, dass es mir so weit gut ging und Melanie diejenige war, um die sie sich Sorgen machen sollte, auch wenn sie ja in guten Händen war.
Am Freitag war ich vermutlich als Nachwehen des Mittwochs ziemlich gerädert in der Schule. Janine ging es sehr ähnlich, sie war auch wieder in der Schule und gähnte den ganzen Tag vor sich hin. Julia suchte direkt morgens vor acht Uhr meine Nähe und fragte mich, was los war. Sie nervte mich etwas mit ihrem Verhalten, auch wenn ich es toll fand, dass sie solch ein Interesse für mich hegte. „Janine hat mich abends angerufen, als ich gerade schlafen gehen wollte. Sie hatte Angst, dass ihre Mutter den Zusammenbruch nicht überlebt. Ich war echt überfordert mit der Situation, aber ich habe einfach entschieden, dass ich zu ihr fahre, um für sie da zu sein.“ – „Wow, das ist schon krass. Wie war das für dich?“ – „Pures Chaos. Ich habe mir vor allem auch Sorgen um ihre Mutter gemacht. Du darfst nicht vergessen, dass ich sie ja auch schon lange kenne und dass ich durch Janine auch öfters Zeit mit ihr verbracht habe.“ – „Wann wart ihr denn im Bett?“ – „Ich weiß es nicht mehr. Vier Uhr? Fünf Uhr? Irgendwie so was.“ – „Krass.“ – „Den Rest erzähle ich dir am Wochenende. Wollen wir uns morgen treffen?“ – „Sonntag wäre besser. Wollen wir einen Bummel durch die Stadt machen? Die Geschäfte haben am Advent ausnahmsweise offen.“ – „Klingt gut. Aber bist du sicher, dass wir dabei so gut zum Reden kommen?“ – „Ach, das wird schon gehen. Wenn du willst, können wir ja uns zwischendrin auch irgendwo reinsetzen und was trinken oder essen.“ – „Guter Plan. Ich erzähle dir ganz in Ruhe, was los war.“
An diesem Freitag passierte nicht besonders viel, auch wenn Janine den Kontakt über den Tag verteilt mehrfach mit mir suchte. Teilweise liefen wir uns aber auch fast in die Arme, was von uns nicht geplant war und dafür sorgte, dass wir immer wieder darüber lachen mussten. Janine suchte keine besondere körperliche Nähe, die über Umarmungen zur Begrüßung und später zur Verabschiedung hinausging. Was ich auf jeden Fall deutlich spürte, war, dass wir uns einfach wieder wirklich gut verstanden und harmonierten. Janine schrieb mir abends, dass sie in der nächsten Woche eigentlich jeden Tag Zeit hatte, auch, weil sie in den letzten Schultagen des Jahres nicht mehr volle Energie in die Schule stecken wollte. Ich war von diesen Worten auch weiterhin sehr erstaunt, weil sie früher nahezu alles ihrem schulischen Erfolg untergeordnet hatte – ihre Fürsorge für mich, als meine Oma verstorben war, ausgenommen, da bewies sie mir, dass ihr eine Beziehung doch wichtiger war, zumindest in solchen Ausnahmesituationen. Wir beschlossen, in den nächsten Tagen spontan einen Tag auszumachen, an dem wir uns treffen wollten, ich ging aber davon aus, dass es wohl eher das Wochenende werden würde. Ich war mir hinsichtlich eines Treffens mit Janine weiterhin nicht sicher, weil es sich alles so surreal anfühlte. Wie sollte ich dort mit ihr umgehen? Faktisch hatten wir keine Freundschaft, aber auch keine Beziehung. Was war das also? Je nach Ausgangslage ging ich mit einem Gegenüber eben anders um, aber für diese kuriose Ausgangslage hatte ich keinen Plan in der Schublade.
Am Samstag schrieben Janine und ich gar nicht miteinander und ich nutzte den Tag, um neben schulischen Dingen die Seele am PC baumeln zu lassen. Zwischenzeitlich spielte ich mit Tim zusammen online und wir quatschten via Headset ein wenig miteinander. Das Thema Janine blieb dabei glücklicherweise außen vor, auch, weil wir uns beim Onlinespielen teilweise ein wenig konzentrieren mussten.
Sonntagmittag traf ich mich mit Julia, die mir zur Begrüßung direkt einen Kuss gab. Dieser Kuss machte mich sofort wieder an, aber war das die richtige Art und Weise damit umzugehen, nachdem ich ihr sagte, dass ich eigentlich erst weiter nachdenken wollte? Sie hakte sich bei mir ein und wir liefen los. Quer durch die Stadt, ohne festen Plan, ließen wir uns treiben. „Na erzähl, was war denn am Donnerstag los? Vor allem, was ich noch nicht verstanden habe: Was betrifft es dich, wenn es Janines Mutter offenbar nicht gut geht?“ – „Deine Frage klingt ganz schön kalt, zumindest in Hinblick auf Janines Mutter.“ – „So war das nicht gemeint, ich würde keine der beiden jemals etwas Böses wünschen. Das, was du erleben musstest und was sie mit ihrem Vater erleben musste, ist schon grausam genug. Es wirkt halt komisch, weil ihr nicht zusammen seid und du da plötzlich so involviert warst.“ – „Janine hat mich gegen neun angerufen und war völlig am Ende. Ich hatte echt Angst, dass sie sich noch was antut, wenn ich sie da jetzt allein lasse und wenn ihre Mutter womöglich nicht mehr aus dem Krankenhaus rauskommen sollte.“ – „Ich meine das jetzt wirklich nicht böse: Wenn es ihr wirklich so fürchterlich geht, sollte sie sich nicht auch etwas Hilfe suchen? Das kannst du doch gar nicht leisten.“ – „Damit hast du sicherlich nicht Unrecht, wenn es ihr wirklich so schlecht gehen sollte. Ich habe jetzt nach den ganzen Geschehnissen eher den Eindruck, dass sie einfach furchtbare Angst hatte. Das kann ich hingegen völlig verstehen.“ – „Die Angst verstehe ich auch, klar. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie es mir damit gehen würde, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre.“ – „Siehst du. So kannst du dir auch erklären, warum sie Hilfe brauchte.“ – „Aber was hätte sie gemacht, wenn du nicht herangegangen wärest? Oder wenn du nein gesagt hättest?“ – „Keine Ahnung.“ – „Und vor allem hat sie das doch bestimmt vor allem dafür genutzt, um dich in ihrer Nähe haben zu können.“ – „Natürlich hat sie das ausgenutzt. Ist doch klar.“ – „Stört dich das nicht, so ausgenutzt zu werden?“ Ich wurde den Eindruck nicht los, dass Julia heute sehr scharfe Fragen stellte. Einerseits hatte ich das Gefühl, dass sie Janine nicht ganz so positiv dastehen lassen wollte, andererseits war sie aber auch sehr streng in meine Richtung, mit dem Unterschied, dass ich diese ehrliche, direkte Art von ihr bisher immer sehr konstruktiv fand. Dass sie mir solche kritischen Fragen stellte, damit mir gewisse Dinge bewusstwurden, fand ich völlig in Ordnung, nur der Ton in Richtung Janine war mir aktuell noch zu scharf.
Ich dachte darüber ein paar Sekunden nach und sagte: „Ehrlich gesagt hat es sich für mich aber nicht nach ausnutzen angefühlt.“ – „Nicht?“ – „Nein.“ Mein Tonfall wurde einen Hauch strenger. „Ganz einfach deswegen: Janine war beim Tod meiner Eltern ewig für mich da, auch, als wir nur befreundet waren und als wir zusammen waren, erst recht. Ich weiß nicht, wie oft ich mit ihr darüber gesprochen habe und wie oft sie mir zugehört hat, obwohl ich sicher immer und immer wieder Ähnliches erzählt habe. Sie hat mich Dutzende Male getröstet. Der Tod meiner Oma war auch noch ein Schlag ins Gesicht für mich und auch da war sie für mich da. Sie ist tagelang bei mir über Nacht geblieben und hat mich die ganze Zeit abgelenkt. So etwas vergesse ich niemals. Dass ich eine Nacht an ihrer Seite war, um sie aufzufangen, ist nur ein Bruchteil dessen, was sie für mich in all der Zeit gemacht hat.“ Wir schwiegen wenige Sekunden und ich ergänzte eine glasklare Ansage, um mein Statement absolut deutlich zu machen: „Ich würde es auch jederzeit wieder machen, wenn Janine mich in solch einer Situation anrufen würde.“ Ich erwartete fest, dass Julia noch mehr in der Wunde herumbohren würde, aber ihre Antwort überraschte mich: „Das waren tatsächlich Argumente, gegen die ich rein gar nichts sagen kann. Das muss man ihr hoch anrechnen… und dir auch, dass du jetzt für sie da warst.“ – „Danke. Aber warum bist du so kritisch in Janines Richtung?“ – „Na ja, ich hatte einfach Sorge, dass sie sich jetzt ins Chaos stürzt und dass du die Schule womöglich noch außer Acht lässt.“ – „Ich habe sie getröstet, nicht mehr. Also immer den Ball flachhalten.“ – „Na ja, dass sie mit dir gekuschelt hat und so, hast du ja in der Schule auch schon erzählt.“ Ach Mist, ja, das hatte ich beiläufig erwähnt, als ich mit Julia am Freitag ganz kurz darüber sprach. „Ja, das hat das Ganze natürlich ein wenig komplizierter gemacht.“ – „Habt ihr euch auch geküsst?“ Ihre Frage war wieder sehr scharf formuliert und ich war irritiert darüber, wo die lockere Julia von sonst abgeblieben war. Hörte ich da Eifersucht in ihr durchkommen? „Nein, haben wir nicht. Sie hat mir einen Kuss auf die Wange bei der Verabschiedung gegeben, aber sie hat gespürt, dass ein richtiger Kuss völlig daneben gewesen wäre. Das wäre einfach viel zu viel gewesen, auch wenn ich bei ihr über Nacht war.“ – „Du hast bei ihr gepennt?“ – „Ja… Ich war so müde, als wir auf dem Nachhauseweg waren, dass ich immer wieder sofort eingeschlafen bin. Als sie mich kurz wachbekommen hat, bin ich einfach mit zu ihr und habe mich ausgeschlafen. Ich war so müde, dass ich gegen ihr Ankuscheln nicht mal was sagen konnte. Aber ich muss auch sagen, dass ich froh über diesen Körperkontakt war. Mir ging es bei all den Sorgen um ihre Mutter auch echt dreckig. Nachdem wir wussten, dass es ihrer Mutter schon besser ging und es nichts akut Lebensbedrohliches war, spendeten mir diese Umarmungen einfach Trost. Da ich mit Janine zusammen war, bedeutet mir ihre Mutter natürlich auch was, weil wir immer ein tolles Verhältnis zueinander hatten.“ – „Da ging es dir besser als bei meiner letzten Beziehung. Seine Eltern waren grausam.“ – „Warum das?“ – „Sie waren pingelig und ich habe sofort gespürt, dass sie mich nicht leiden konnten, vermutlich, weil ich mich eben auch gerne schminke. Gerade am Anfang, als ich mit ihm zusammen war, war ich ja noch deutlich mehr geschminkt. Ich habe das aber reduziert, weil ich das wollte und weil ich mich damit nicht mehr wohlfühlte. Von seinen Eltern hätte ich mir gar nichts vorschreiben lassen. Aber sie sind ja auch mit ihm so scheiße umgegangen, das war echt nicht schön, mit anzusehen. Vermutlich reagiere ich beim Thema Eltern daher nicht so besonders gut darauf. Sorry.“ – „Alles gut. Aber ich spüre, dass dich das ganze Thema ganz schön wurmt. Hey.“ Ich blieb mit ihr stehen, um ihr in die Augen zu schauen. „Ich habe keinen Bock darauf, dass das zu einer Konkurrenzsituation zwischen Janine und dir wird. Klar?“ – „Ich versuche damit so locker ich kann umzugehen.“ – „Heute höre ich aber aus deinen Worten raus, dass es dir nicht so leichtfällt.“ – „Ich bin heute glaube ich einfach allgemein angefressen. Das hat mit dir oder Janine oder so eigentlich gar nichts zu tun.“ – „Was ist denn los?“ – „Keine Ahnung. Ich glaube, ich habe einfach nur wieder so richtig Bock auf eine feste Beziehung und diese Flaute seit einigen Monaten stört mich mittlerweile sehr. Dass du jetzt auch nicht so richtig weißt, was du willst, ist halt einfach Pech für mich.“ – „Sorry?“ – „Dafür kannst du dich gar nicht entschuldigen, dich trifft keine Schuld. Janine auch nicht. Du wärest genauso, wenn Janine jetzt nicht auch noch eine Rolle spielen würde.“ – „Damit hast du Recht. Ich möchte dich zugegeben auch um etwas bitten.“ – „Hm?“ – „Das macht mich total an, wenn wir uns küssen, aber bitte küsse mich nicht mehr, bis ich dir sage oder zeige, dass ich eine Beziehung mit dir möchte.“ – „Okay, dann halt nicht.“ – „Nicht angepisst sein. Ich finde, Küsse sind einfach eine intime Sache, die ich nur austauschen möchte, wenn ich mir sicher bin, dass ich von der Person mehr will. Du weißt, wie geil ich dich finde. Aber ich glaube, das macht es für dich und auch für mich nicht einfacher, wenn wir schon so tun, als wären wir zusammen, obwohl ich nicht weiß, was gerade überhaupt Sache ist.“ – „Ist schon okay. Ich verstehe dich.“ – „Wirklich?“ – „Ja, schon. Ich hatte schon damit gerechnet, dass du mich vielleicht irgendwann bremst. Aber unsere Treffen fühlen sich halt irgendwie auch nach Dates an, deswegen habe ich das gemacht. Ich finde, bei Dates ist es normal, dass es auch zu einem Kuss oder so kommen kann.“ – „Na klar. Ich habe auch nicht gesagt, dass das schlimm war. Ich sage dir das jetzt nur ehrlich, weil ich glaube, dass mir das aktuell einfach etwas zu viel ist. Ich möchte einfach weiter nachdenken können. Ich betrachte unsere Treffen auch nicht klassisch als Dates, also irgendwie fühlt sich das immer wie eine Mischung an… eine Mischung aus Freundschaftstreffen und Date.“ – „Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut, so geht das ja seit Monaten zwischen uns.“ – „Das stimmt. Das ist halt das Problem, wenn man solch eine lockere Verbindung, wie wir sie haben, eingeht.“ – „Aus diesem Grund habe ich auch erst überlegt, ob das so eine gute Idee war, aber es hat über die letzten Monate wunderbar funktioniert, vor allem, weil du genauso wie ich eben auf Dates mit anderen gegangen bist.“ – „Aber es war natürlich klar, dass es komplizierter wird, wenn es noch um die Frage gehen sollte, ob zwischen uns vielleicht doch mehr ist. Von daher: Sorry, dass ich das gerade nicht ganz so sehr möchte wie du.“
Dass mich Julia einfach zur Begrüßung küsste oder direkt, wie beim letzten Treffen, viel Körperkontakt suchte, war natürlich pure Taktik. Sie hoffte, mich damit auf ihre Seite ziehen zu können. Klar, ich konnte nicht leugnen, dass mich ihr Sexappeal und unser tolles Verständnis füreinander wirklich immer wieder umwarf. Aber sie übertrat einige Grenzen damit, dass sie einfach spontan wieder anfing, mich zu küssen. Hand in Hand zu ihr nach Hause zu laufen, fand ich total problemlos, zumal ich das eben auch mit Janine machte. Aber sich zu küssen war in meinen Augen etwas Intimes, das ich nur in einer Beziehung oder bei echten Dates haben wollte, die zu einer Beziehung führen konnten. Würde Julia mich in romantischen Situationen oder viel vorsichtiger und behutsamer küssen, wäre das wieder etwas ganz Anderes gewesen, aber sie küsste mich so, wie es war, als wir unser erstes wirkliches Date nach der Kursfahrt mit dem Petting später hatten. Sie ignorierte damit einfach die Zeichen, dass wir monatelang wie gute oder beste Freunde miteinander umgegangen waren.
„Nachricht ist angekommen.“, sagte sie relativ kühl. „Aber es stört mich überhaupt nicht, wenn wir beispielsweise so wie jetzt eingehakt laufen. Nur das Küssen ist etwas zu viel.“, ergänzte ich. Darauf sie: „Ja, das dachte ich mir schon. Daran ist nun wirklich nichts. So laufe ich auch mit anderen rum, mit denen ich mich sehr gut verstehe.“ – „Eben. Deswegen ist doch alles fein. Soweit jetzt wieder gut mit uns?“ – „Ja, ich denke schon.“
Wir liefen eingehakt weiter durch die Stadt und bummelten insgesamt für drei Stunden durch einige Geschäfte, die an diesem verkaufsoffenen Sonntag tatsächlich geöffnet hatten. Wir sprachen dabei auch immer wieder über alles Mögliche, auch Janine kam durchaus als Thema noch einige Male vor. Vor allem sprach sie das Thema indirekt immer wieder an und mir war klar, dass sie heraushören wollte, wie ihre Chancen waren. Ich war froh, dass sie mir diese Frage nicht direkt stellte, weil ich ihr darauf keine vernünftige Antwort geben konnte. Sie zog mich in den Bann, aber ganz anders, als Janine es je konnte. Je länger der Tag mit ihr ging, desto mehr fragte ich mich, wie beschissen meine Situation wohl noch werden würde, weil ich mich zwischen zwei tollen Frauen entscheiden konnte, sofern ich überhaupt wollte. Ich hatte Angst davor, wenn ich mich wirklich für eine der beiden entscheiden würde, da ich, auch wenn Julia anderes beteuerte, davon ausgehen musste, dass der Kontakt mindestens für lange Zeit problematisch werden konnte. In jedem Fall bemerkte ich an diesem Sonntag eine Eigenschaft von Julia, die sie mir bisher immer verborgen hielt: Eifersucht. Ich spürte, dass sie Janine als direkte Konkurrenz empfand. Sie reagierte dementsprechend leicht verkrampft darauf.
Ich brachte sie als Zeichen des guten Willens bis zu ihrer Haustür. Als wir dort standen, schauten wir uns mehrere Sekunden lang tief in die Augen. Ich reagierte aber nicht auf die Möglichkeit, sie zu küssen, mein klares Statement war ja erst wenige Stunden her. Julia sagte plötzlich etwas, mit dem ich nicht rechnete: „Ich glaube nicht, dass du dich für mich entscheiden wirst. Ich möchte das auch gar nicht, dass du in dieser beschissenen Situation bist, zwischen ihr und mir entscheiden zu müssen.“ – „Ich weiß ja nicht, ob ich überhaupt eine Beziehung will.“ – „Ach, doch, ich glaube, dass möchtest du schon. Du erzählst mir, dass du dich nach Nähe und Zuneigung sehnst, das sagt doch alles. Du weißt aber vor allem nicht, ob du Janine eine zweite Chance geben willst.“ – „Ehrlich gesagt stehe ich schon zwischen euch und finde euch beide toll.“ – „Ich nehme dir deine Entscheidung ein wenig ab und mache es etwas einfacher: So, wie du heute von Janine und so gesprochen hast, glaube ich, ist es am besten, dass du rausfindest, wie du zu ihr stehst. Und wenn du dir sicher bist, dass du maximal nur mit ihr befreundet sein willst und wenn ihr das geklärt habt, können wir gerne noch schauen, ob das zwischen uns funktionieren kann.“ – „Bist du sicher?“ – „Ja, das macht es für mich auch einfacher, dass ich das so betrachte, dass du nicht auf dem Markt bist. Wer weiß, wie viele Monate du jetzt brauchst, bis du dir darüber im Klaren bist, was du möchtest? Das würde für mich nicht schön werden. Ich date jetzt einfach weiter und wir haben weiterhin lockeren Kontakt so wie bisher. Ich werde aber keine Annäherung mehr starten, solange du mir nicht sagst, dass du das mit ihr geklärt hast.“ – „Okay.“ Ich war sprachlos. „Weil ich kein Miststück sein möchte: Das, was du mir bisher über sie erzählt hast, wie sie sich verändert hat, wie sie mit dir umgeht, zeigt mir, dass sie dich wirklich will. Sie weiß ganz genau, was sie will, sie ist nicht blöd. Wenn man so lange nicht aufgibt, ist man entweder blöd oder tief verliebt. Da das Erste bei ihr ausscheidet, bleibt ja nur noch das Zweite übrig.“ – „Diese ehrliche Einschätzung von dir habe ich bisher wirklich vermisst. Danke. Das war ein feiner Zug von dir, mir das so ehrlich zu sagen.“ Ich drückte sie sehr fest und meinte: „Aber bitte lauf mir nicht weg. Du bist mir extrem wichtig, das weißt du. Ich möchte auch weiter so locker mit dir Zeit verbringen können.“ – „Ja. Ich bin geknickt, aber ich glaube, es ist besser, wenn wir das so lösen, bis du Klarheit hast. Wer weiß, vielleicht wird das ja doch noch was zwischen uns.“ – „Wir halten das ganz entspannt, wie wir immer gesagt haben. Wir schauen einfach, wie es weiter geht. Aber du brauchst keine Sorgen haben, egal, was passiert, ich laufe dir in jedem Fall nicht weg.“ Sie drückte mich auch noch sehr fest und ging mit einem echten Lächeln ins Wohnhaus.