Kapitel 72

Gefühle

Marc erzählt:

Ich legte mich am Sonntag recht früh schlafen, weil ich von der Fahrt ganz schön fertig war. Es war auch deswegen praktisch, dass ich mich so früh schlafen legte, weil ich lange nicht einschlafen konnte. Der Abend mit Janine beschäftigte mich sehr. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr stellte ich fest, dass ich mich gegenüber Janine so weit geöffnet hatte, dass ich einen regelmäßigen Kontakt zulassen konnte. Ich musste realistisch davon ausgehen, dass Janine wieder sicherlich einen intensiveren Kontakt mit mir pflegen wollte. Auf eine gewisse Art genoss ich die Zeit, die ich mit ihr an diesem Wochenende verbracht hatte, wir waren uns eben in vielen Bereich sehr ähnlich, dadurch war der Umgang so entspannt und einfach miteinander. Leugnen konnte ich aber auch nicht, dass es mich im Innern sehr aufwühlte, weil die Zeit unserer Trennung in mir wieder hervorkam. Meine Enttäuschung über ihr damaliges Verhalten war zum Großteil gewichen, gänzlich weg war sie aber nicht. Ich hatte die Gedanken zur Trennung lange verdrängt, weil es mir dadurch am leichtesten fiel, damit umzugehen. Nun rächte sich dies ein wenig, weil ich nun doch damit konfrontiert wurde.

Übermüdet stand ich am nächsten Morgen auf und ging lustlos zur Schule. Als ich den Unterrichtsraum betrat, stand Janine gerade am Mülleimer. Als sie sich umdrehte und mich sah, stieg mein Puls kurz rasant an. Nach ein paar Augenblicken kam sie lächelnd auf mich zu und umarmte mich fest. Ich bemerkte ihr Parfüm, welches ich wirklich mochte. Allgemein roch sie für mich gut, was mich aber nicht überraschte, da sie es schon damals in unserer Beziehung für mich immer tat. Ihr Geruch war mir besonders oft positiv aufgefallen, wenn wir intim miteinander geworden waren. Ich gab ihr ein freundliches „Guten Morgen“, zwang mich zu einem Lächeln und ging zu meinem Platz. Tim und ich saßen in diesem Unterricht im Raum quer gegenüber von Janine.

Mir fiel auf jeden Fall auf, dass Janine und ich in den nächsten drei Tagen öfters einige Worte auf den Gängen oder in den Räumen wechselten, wenn wir uns sahen. Sie drückte mich an jedem der Tage morgens zur Begrüßung, teils auch, wenn wir Schulschluss hatten. Am Mittwoch ergab es sich sogar durch Zufall, dass Janine und ich gemeinsam nach Hause fuhren. Ich wartete an der Bushaltestelle nahe meinem Bahnhof aber nicht mit ihr auf den Bus, sie fragte mich aber auch nicht danach. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass sich unser Verhältnis wirklich positiv entwickelte, sodass ein womöglich freundschaftlicher Kontakt mit ihr wieder möglich sein konnte. Unsere Themen waren über diese Tage hinweg immer sehr oberflächlich, die emotionale Tiefe, die wir bei der Wochenendreise hatten, erreichten wir nicht. Allerdings waren unsere Gesprächsorte im Normalfall dafür auch nicht gerade förderlich, in der Schule oder in der Bahn wollte ich mit ihr über solche Themen wie unsere Trennung nicht sprechen, die gehörten da meiner Meinung nach nicht hin.

Am Mittwoch traf ich mich nachmittags mit Julia, sie kam zu mir. Ich hatte sie außerhalb der Schule schon wieder eine ganze Weile nicht gesehen und sie interessierte sich natürlich sehr dafür, wie mein Wochenende war. „Na los, erzähl schon! Wie war es mit Janine?“ Ihre Fragerei ging direkt los, kaum, dass sie wenige Sekunden in meinem Zimmer war. „Ich hatte dir ja in der Schule gesagt, dass wir Samstagabend ausführlich gesprochen haben.“ – „Ja, jetzt spanne mich nicht auf die Folter. Und?“ – „Krass fand ich, dass wir wirklich völlig ehrlich über die gesamte Trennung und so gesprochen haben. Das waren so viele Details, ich kann das alles gar nicht vollständig aufzählen.“ – „Wie hat sie denn das Fremdküssen und so begründet?“ – „Na ja, sie sagte, wie damals schon, dass das überhaupt nicht ihre Absicht war. Ich fühle mich in meiner Vermutung bestätigt, dass Jeremias Janine und mich gezielt auseinanderbringen wollte. Er hat versucht, sie zu küssen, als die beiden sich wenige Tage nach unserer Trennung gesehen haben. Sie hat ihm in die Eier getreten.“ – „Was?“ Sie lachte auf eine gewisse Art und Weise ziemlich dreckig, ich schloss mich an. „Ich bin mir sicher, dass sie mich nicht angelogen hat. Dieser Volltrottel dachte wohl fest, dass sie mit ihm jetzt zusammen sein wird. Wie blöd muss man eigentlich sein?“ – „Das ist ja nicht mehr naiv, das ist einfach nur dumm. Er muss wahrscheinlich auch gedacht haben, dass Janine einfach nicht die Hellste ist. Dabei hat er sich wohl mit der intelligentesten Frau angelegt, die ich bisher kennengelernt habe.“ – „Oh ja.“ Wir schwiegen kurz. „Das, was mich wohl am meisten beschäftigt hat, ist halt, dass sie mich immer noch gerne zurückhaben will.“ Darauf schwieg Julia einige Momente und ich fragte sie: „Alles okay?“ – „Ja, alles gut. Ich habe nur überlegt, wie ich mit solch einer Situation umgehen würde, wenn mir so etwas passiert.“ – „Ich weiß auch nicht so richtig, was ich aktuell fühlen soll. Sie hat einfach nach meiner Hand gegriffen, als wir gequatscht haben.“ – „Wie hast du darauf reagiert?“ – „Ich habe es zugelassen, auch, als wir in unseren getrennten Betten lagen, sind wir Hand in Hand eingeschlafen. Am nächsten Tag habe ich aber bemerkt, dass mir das zu viel ist, als sie noch meine Hand gegriffen hat und versucht hat, ihre mit meinen Fingern zu verschränken. Ich weiß nicht, was ich will. Ich habe das irgendwie genossen, da sind sicher alte Gefühle für sie hochgekommen.“ – „Was fühlst du denn für sie?“ – „Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Das Wochenende hat ein riesiges Chaos in mir angestellt.“ – „Das klingt nicht gut. Ich hoffe, ich habe dich nicht zusätzlich noch mehr durcheinandergebracht, als ich dir am Freitag schrieb.“ – „Nein, warum sollte es? Wir gehen doch locker miteinander um. Ich finde dich toll, du findest mich toll, wir verstehen uns prächtig und so ist doch alles gut.“ – „Das beruhigt mich.“ – „Wie ich dir ja schon vor ein paar Monaten sagte: Ich lasse dich jetzt nicht mehr aus meinem Leben abhauen.“ – „Ui, danke!“ Wir schwiegen wieder eine Weile und ich sah, dass es in Julia weiterhin arbeitete. „Kannst du dir denn vorstellen, wieder mit ihr zusammen zu sein?“ – „Weiß ich nicht. Sie hat mich damals sehr verletzt. Das ist zwar gut verheilt, aber… Ich habe Angst, dass sie mich wieder verletzt.“ – „Natürlich kann es passieren, das sollte dir immer bewusst sein. Aber ich muss auch ehrlich sagen, dass dir das mit jeder Frau passieren kann. Du solltest dich von dieser Angst nicht steuern lassen. Man muss ein Risiko eingehen, wenn man glücklich sein möchte.“ – „Wow, das war ja jetzt schon fast philosophisch.“ Wir lachten und ich erwiderte: „Aber du hast schon Recht, dass man um ein Risiko nicht drum herumkommt, wenn man irgendetwas möchte.“

Wir drifteten mit dem Thema von Janine und mir ab und kamen bei Julia selbst an, die mir davon erzählte, wie sie zwei Männer gedatet hatte, die sich als ziemlich unpassend herausstellten. Ich baute sie ein wenig auf, auch wenn sie jetzt nicht zwingend tieftraurig war, und alberte zum Schluss sehr viel mit ihr herum, was wir wirklich gut mittlerweile konnten. Ich hatte schon wieder Magenschmerzen vor Lachen und danach unfassbar gute Laune, dass ich ihr noch anbot, sie bis nach Hause zu bringen. Es war draußen mittlerweile schon eine Weile lang dunkel und ich wollte, dass sie möglichst sicher nach Hause kam. Sie fand meine Idee lieb und süß. Obwohl es an diesem Abend bitterkalt war, liefen wir sogar noch die Strecke bis zu ihrem Zuhause, weil unsere Stimmung so gut war. Nachdem wir gerade wieder intensiv lachen mussten, griff Julia aus einer spontanen Intuition heraus nach meiner Hand. Fast aus Gewohnheit verschränkte ich meine Finger mit ihren, um ihr in die Augen zu schauen. „Nanu?“, entgegnete ich ihr. „Mir war gerade irgendwie danach.“, sagte Julia ganz ehrlich. „Das letzte Mal, dass wir das gemacht haben, ist schon eine Weile her.“ – „Ja, ich weiß. Aber gerade fühlt es sich irgendwie gut an.“ – „Sehe ich auch so.“ Wir liefen Hand in Hand bis zu ihrem Zuhause und während uns einzelne Fußgänger entgegenkamen, dachte ich immer wieder, dass wir auf diese vermutlich den Anschein machten, ein Pärchen zu sein. Phasenweise waren wir das auch, gerade in der Zeit um die Kursfahrt herum, aber irgendwie hatte zwischen uns noch etwas gefehlt. Oder hatte ich es wirklich nur deswegen nicht zum Sex kommen lassen, weil ich Janine noch nicht genügend abgeschlossen hatte? Diese Gedanken irritierten mich ein wenig, sodass ich in den letzten Minuten des Gesprächs zwischen Julia und mir leicht abgelenkt war, auch wenn Julia das wahrscheinlich nicht bemerkte.

Kurz, bevor wir bei Julias Haustür ankamen, fragte sie mich: „Wie würdest du reagieren, wenn ich dir verrate, dass ich mir mehr zwischen uns vorstellen könnte?“ Ich war sprachlos und konnte das leider absolut nicht verbergen. Julias Blick wich von hoffnungsvoll zu leicht traurig. „Ich… weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich meine, wir haben das ja nie ausgeschlossen, weil… Irgendwie ist da etwas zwischen uns. In den letzten Wochen hatte ich aber eher das Gefühl, dass du eher nur normal mit mir befreundet sein willst.“ – „Ja, das stimmt auch, weil ich in dir nicht noch mehr Chaos auslösen wollte, da du versucht hast, mit Sandra zusammenzukommen. Ich habe viel nachgedacht. Wir verstehen uns halt so gut, dass ich es gerne auf einen echten Versuch ankommen lassen würde. So richtig zusammen sein, ohne, dass man gleich nur wieder übereinander herfällt. Sollte es passieren, ist es halt so, da würde ich auch nicht nein sagen.“ Sie brachte mich damit zum Kichern. „Unser richtiges Date damals war toll. Den Abend bei dir werde ich definitiv nicht vergessen.“ – „Bisher hat mich kein anderer so gut zum Orgasmus gebracht wie du.“ – „Uff. Danke fürs Kompliment, Schleimerin.“ Sie ließ meine Hand los und schubste mich leicht, nur, um direkt wieder nach meiner Hand zu greifen. Ich ließ es wieder zu, dass wir unsere Finger verschränkten, weil dieser Moment einfach schön war. „Du hast meine Frage noch nicht so richtig beantwortet.“ Wir grinsten. „Ich denke darüber nach, ist das ok für dich? Ich… fühle mich wirklich geschmeichelt, dass du dir das mit mir vorstellen kannst. Aber… Egal, für was ich mich entscheide, kannst du mir versprechen, dass wir danach trotzdem in Kontakt bleiben? Wie ich schon sagte, ich möchte dich nicht mehr missen. Dafür rede ich zu gerne mit dir und verbringe zu gerne mit dir Zeit.“ – „Ich verspreche es.“ – „Wie sehr bist du verliebt in mich?“ Diese Frage fiel mir schwer, vor allem, weil ich ihr dabei direkt in die Augen schaute und sie nicht wirklich ausweichen konnte. „Ein bisschen verliebt bin ich in dich schon, genau deswegen erzähle ich dir das jetzt auch so ehrlich. Es ist nicht so, dass ich jetzt die ganze Zeit am Smartphone hänge und nur an dich denke. Als ich dir am Freitag geschrieben habe, war aber so ein Moment, an dem ich schon gespürt habe, dass ich dich gerne mehr um mich gehabt hätte. Durch die letzten vielen Monate vertraue ich dir einfach so sehr, dass ich mir das gut vorstellen könnte. Vor allem finde ich dich weiter genauso heiß wie früher.“ – „Uff, danke. Ich denke darüber nach, versprochen. Aber bitte sei mir nicht böse, falls ich keine feste Beziehung möchte. Gerade kommt alles zusammen. Mit Sandra geht es schief, plötzlich das alles mit Janine… Es ist gerade einfach echt viel. Ich weiß nicht, ob ich gerade überhaupt eine Beziehung möchte.“ – „Das kann ich verstehen und ich wüsste nicht, ob ich das überhaupt wollen würde, wäre ich an deiner Stelle. Ich wollte dir aber ehrlich gegenüber sein, so, wie wir das in den letzten Monaten immer waren. Ich möchte einfach, dass du meine Gedanken kennst. Wenn du keine feste Beziehung möchtest, haben wir halt weiter ganz normal Kontakt und ich date einfach wieder andere Männer. Aber ich möchte uns wirklich eine Chance geben. Trotzdem bist du mir auch einfach viel zu wichtig geworden, als dass ich unsere Freundschaft einfach wegschmeißen würde, wenn du dir aktuell nicht mehr vorstellen kannst. Wir haben gesagt, dass wir damit locker umgehen, und daran versuche ich mich, so gut es geht, zu halten.“ – „Danke.“ – „Aber eine Frage habe ich: Was hat es bedeuten, dass du jetzt Hand in Hand mit mir läufst?“ – „Das hat zu bedeuten, dass du eine tolle Frau für mich bist. Ey, du bist neben Janine die Einzige, mit der ich etwas hatte, obwohl ich sonst eher vorsichtig und nachdenklicher bin. Ich vertraue dir.“ – „Danke für das liebe Kompliment.“ Wir standen mittlerweile vor ihrer Haustür und Julia löste unsere Hände. Als sie mir vor mir stand, fackelte sie nicht lang und gab mir ohne Vorwarnung einen Kuss. Ich war völlig perplex, weil ich gar nicht damit rechnete, geküsst zu werden, aber dieser Kuss überwältigte mich. Er war unheimlich intensiv und schön, aber ich war gefühlsmäßig schon vorher überfordert, das goss nur Öl ins lodernde Feuer. Was zur Hölle?

Ich öffnete nach unserem Kuss wieder meine Augen und Julia strahlte unendlich. „Möchtest du noch mit hochkommen?“, fragte sie mich voller Selbstbewusstsein. „Ich… weiß nicht. Eigentlich habe ich total Lust, aber wenn ich das jetzt mache, weißt du schon, dass wir in dieser Nacht nur sehr wenig bis gar keinen Schlaf bekommen, oder?“ – „Na und?“ Sie brachte mich zum Lachen und ergänzte: „Nein, es ist schon völlig ok. Ich fand unseren Kuss einfach gerade echt toll. Aber es ist vermutlich wirklich vernünftiger, wenn wir morgen mit genügend Schlaf in der Schule sind.“ – „Ja, vermutlich. Auch wenn jetzt so kurz vor den Ferien nicht mehr viel passiert. Die Klausuren sind nun auch alle durch.“ – „Ja, Gott sei Dank, ich kann die Dinger nicht mehr sehen. Also kannst du ja doch mit hochkommen!“ Sie grinste mich an und ergänzte: „Kleiner Scherz. Alles gut. Wollen wir uns am Wochenende sehen?“ – „Finde ich gut.“ – „Super. Komm gut nach Hause.“ Sie gab mir einfach ohne Vorwarnung einen kurzen Schmatzer auf den Mund, drückte mich kurz und verschwand im Eingang des Wohnhauses. Völlig überwältigt aufgrund der vielen verwirrenden Gefühle fuhr ich nach Hause.