Ein Netz voller Pläne
Der letzte Monat des Jahres hatte begonnen, der erste Schnee fiel ungewöhnlich früh. Recht betrübt fuhr ich zur Schule und erzählte Tim in einer Pause von den Geschehnissen um Sandra. Weil es mich so sehr beschäftigte, hatte ich Tim gegenüber nur angedeutet, dass es einige nicht so schöne Entwicklungen gab. Mittlerweile war ich relativ gut darüber hinweggekommen, dass Sandra offenbar zu blind war, meine Gefühle für sie zu erkennen – und dass sie definitiv auch welche für mich hatte. „Also, was ist los? Du hast da vorhin so etwas angedeutet.“ – „Lass es mich kurz machen: Sandra ist vergeben und ich bin nicht der Glückliche.“ – „Oha!“ – „Ja, du hast richtig gehört. Sie ist vergeben.“ – „Aber… wie denn das?“ – „Na ja, ich war doch mit ihr auf dieser Party. Das habe ich dir ja erzählt, dass sie da gerne hinwollte. Na ja, bei der Party hat sie halt jemanden kennengelernt und der hat sich so richtig daneben an sie herangemacht, hat ihr da am Oberschenkel rumgespielt und vier Tage später war sie mit dem zusammen.“ Ich betonte das letzte Wort noch so richtig abfällig. „Das ist ja richtig übertrieben! Nach vier Tagen… Mensch, da kann man sich ja noch gar nicht kennen.“ – „Ja, das habe ich ihr auch gesagt, aber sie hat einfach auf Durchzug geschaltet. Nun ist der Kontakt zwischen ihr und mir ganz abgebrochen. Ich glaube, sie hat einfach bemerkt, dass ihr der Typ wohl wichtiger ist, und ich lasse das auch nicht mit mir machen. So hat sich das ergeben.“ – „Ja, mir ist schon aufgefallen, dass sie in den Pausen gar nicht mehr zu dir kommt.“ – „Eigentlich fing sie ja damit an: Sie kam halt nicht mehr in den Pausen. Außerdem wollte sie mit mir nicht mehr zusammen nach Hause fahren. Aber sie rief weiterhin fast täglich bei mir an, das fand ich doch ziemlich merkwürdig.“ – „Ja, natürlich.“ – „Nach ein paar Tagen liegt sie mir im Ohr damit, dass sie von ihrem Freund nicht das bekommt, was sie sich wünscht.“ – „Das war doch zu erwarten, oder? Er war vielleicht fürs Bett gut, aber mehr eben auch nicht?“ Er grinste, ich zwangsläufig auch. „Weißt du, ich habe mir über Monate solche Mühe gegeben und werde so dafür belohnt. Echt prima. Der Knüller kommt noch.“ – „Was denn jetzt noch?“ – „Die ersten Tage habe ich ihr ja wirklich noch intensiv zugehört, ihr versucht zu helfen, sie zu unterstützen. Aber von ihr kam vor ein paar Tagen bei unserem letzten Gespräch der Vorwurf, dass ich sie nur nach der Beziehung zwischen diesem Typen und ihr fragte, weil ich heraushören wollte, ob sie noch mit ihm zusammen war.“ Tim schüttelte den Kopf. Ich darauf: „Ja, das habe ich in diesem Moment auch gemacht: Ich habe den Kopf geschüttelt. Ich wollte zumindest höflich sein und als Freund weiterhin da sein und selbst das wird mir noch negativ angerechnet. Ich habe ihr deutlich meine Meinung gesagt und seitdem war Funkstille zwischen ihr und mir. Das wird auch so bleiben, ich werde es nicht mehr ändern.“ – „Das wird ziemlich sicher das Beste sein. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ihr euch jetzt noch vertragen sollt… Das ist richtig verzwickt.“ – „Ja, ist es.“
Tim erzählt:
Es war fies, dass ich diesen Gedanken hatte, aber ich freute mich, dass es zwischen Sandra und Marc nicht funktioniert hatte. Nicht, dass ich den beiden das nicht gegönnt hätte, aber jetzt sah ich eine minimale Chance für Janine und Marc. Es war einfach schon so viel Zeit vergangen, dass ich größte Zweifel hatte, ob die beiden jemals noch zusammen zu bekommen waren, aber ich musste es einfach versuchen. Marc hatte in den letzten Monaten so oft nach Janine gefragt und sich auch mehrfach für sie eingesetzt, sodass ich zumindest den Versuch wagen wollte.
Als Marc mich damals nach Sandra fragte, war mein Bauchgefühl, dass sie nicht so richtig gut zu ihm passte. Ich wusste aber auch, dass ich ihm diesen Gedanken nicht ausreden konnte, weil er mir sonst wieder unterstellt hätte, ihn zu sehr von anderen Frauen fernzuhalten. Mir war abgesehen davon auch aufgefallen, dass er mir in den letzten Monaten einige Geschichten speziell um Julia, aber auch einzelne Sachen von Sandra erst zeitverzögert erzählte. Allein dieses Verhalten ließ mich aufhorchen, weil er vermutlich davon ausging, dass ich versuchte, ihn zu manipulieren. Gerade dieses Verhalten war für meine Pläne eher Gift, da ich ihn in eine Situation mit Janine zwingen wollte, aus der er nicht ganz so leicht herauskommen konnte.
Ich wollte mit Anna und den beiden eine Wochenendreise unternehmen, in der die beiden möglichst viel zu zweit sein sollten, um hoffentlich endlich miteinander zu sprechen. Ich wollte gemeinsame Zeit mit Anna verbringen, aber sie war vor allem auch deswegen mit dabei, damit ich einen Grund hatte, warum Janine und Marc Zeit gemeinsam verbringen „mussten“. Ich hoffte einfach darauf, dass die beiden sich nicht weigerten, wenn wir als Grund anbrachten, dass Anna und ich gerne ein bisschen Zeit für uns an diesem Wochenende haben wollten.
Klar hatten Marc und Janine auf der Kursfahrt ein heftiges und kurzes Gespräch, aber bis heute sprachen sie nicht einmal ehrlich miteinander über die Trennung. Sie hatten das Thema bisher immer verdrängt. Einzig Janine hatte mit ihrem ehrlichen und offenen Brief einen Versuch der Kommunikation gewagt, den Marc nach Janines Erzählungen her in der Schule kaum kommentierte. Am Tag nach dem Brief löste er sich noch deutlicher von ihr und versuchte, jegliche Kommunikation zu vermeiden. Auch wenn Marc mit mir über seine Trennung sprach und ich sie live miterlebt hatte, war auch unser Gespräch nicht besonders ergiebig, weil er relativ schnell dichtmachte.
Ich fragte Anna bezüglich meiner Idee und sie mochte diese, vor allem, weil wir einfach damit gemeinsam Zeit verbringen konnten. Sie fand es abenteuerlich, was ich mit Janine und Marc vorhatte, aber sie sagte auch, dass man es einfach probieren sollte. In ihren Augen konnte man nicht so viel falsch machen, sie waren getrennt. Schlimmer als das konnte es kaum eigentlich werden. Klar, sie konnten in große Streitigkeiten geraten, aber das Risiko gingen wir absichtlich ein. Anna half mir bei meinen Planungen, einen Ort rauszusuchen, der möglichst nicht so weit entfernt und dennoch für uns alle möglichst gut bezahlbar war. Am sechsten Dezember, dem Nikolaustag, einem Freitag, sprach ich Janine und Marc getrennt voneinander auf die Fahrt an. Janine sah nicht sonderlich begeistert aus, weil sie von den letzten Wochen körperlich schon sehr belastet war. Sie fragte mich direkt, wen ich denn noch mitnehmen wollte… Ich schwieg bewusst wenige Momente und schaute ihr intensiv in die Augen, als plötzlich ihre Scharfsinnigkeit wieder da war: „Oh, das ist dein Plan!“ Ich zwinkerte sie weiter an, ohne etwas zu sagen. „Ja, natürlich habe ich Zeit!“ Trotz ihres allgemeinen erschöpften Zustandes bemerkte ich, wie es in Janine so richtig ratterte. „Warte, wenn du jetzt diesen Plan umsetzt… heißt das, dass…“ Ich zwinkerte erneut und grinste dabei leicht. „Ja, das hat mit den beiden nicht geklappt. Sie haben keinen Kontakt mehr.“ – „Oha… ja!“ Sie freute sich richtig überschwänglich, was mir auf eine gewisse Art und Weise unangenehm war. „Janine, hey.“ Sie schaute mich neugierig an. „Drücke mir die Daumen, dass Marc überhaupt zusagt. Ich versuche ihm gegenüber lange offen zu lassen, wer alles mitkommt. Du solltest hoffen, dass er trotzdem mitkommt, auch wenn er erfährt, dass wir nur zu viert sind. Dass wir in einer Woche wegfahren wollen, ist halt spontan.“ – „Ja… ich hoffe es so sehr!“
Ein paar Stunden später sprach ich Marc auf meinen Vorschlag an. Ich sagte ihm nicht ganz ehrlich, dass ich einige im Jahrgang ansprechen wollte, ob wir nicht als Gruppe für das Wochenende wegfahren wollten. Gerade nach den letzten anstrengenden Wochen fand ich die Idee einfach gut, ein bisschen Abstand von allem zu bekommen. Außerdem hatten wir in der nächsten Woche direkt vor der angestrebten Reise die letzten Klausuren, sodass ich damit weitere Argumente für eine notwendige Entspannung von uns allen hatte. Ich wusste, dass ich Marc nach der Geschichte mit Sandra damit aus der Seele sprach. Er stimmte ohne Schwierigkeiten zu. Ich sagte ihm noch, dass ich günstige Hotelzimmer für uns buchen würde und dass wir, je nachdem, wie viele wir werden sollten, höchstwahrscheinlich Zweibettzimmer nehmen würden. Ich stellte ihm natürlich in Aussicht, dass ich ein Zimmer mit ihm teilen würde, sodass er noch weniger Zweifel hatte. Glück hatte ich auch deswegen, dass seine finanzielle Situation eine solche Kurzreise hergab, weil er in den letzten Monaten wohl äußerst wenig ausgegeben hatte.
Ich hoffte, dass er nicht auf die Idee kam, Julia auf meine Idee anzusprechen. In der Hinsicht hatte ich praktischerweise vorgeplant, sodass ich ihm klar sagte, dass ich darauf bestand, der Einzige zu sein, der andere einladen würde, weil ich nun auch das finanzielle Risiko durch die Buchungen tragen musste. Ich sagte ihm, dass ich unzuverlässige Personen einfach von vorneherein nicht fragen würde. Julia war, so fair musste ich sein, eigentlich sehr zuverlässig, aber wenn sie auf diese Fahrt mitkommen würde, war mein gesamter Plan im Eimer. Glücklicherweise fragte mich Marc aber auch nicht, ob wir nicht auch Julia mitnehmen wollten, weil ich zu einer Notlüge hätte greifen müssen, dass ich sie nicht mochte und daher auf meiner organisierten Fahrt nicht mit dabeihaben wollte. Überrascht war ich auch, dass Marc mich nicht von Anfang an fragte, ob ich Janine mitnehmen würde. Ahnte er das nicht? Oder war er einfach durch die anstrengende Klausurenphase so abgelenkt, dass er das nicht peilte? Glaubte er nicht, dass ich so weit gehen würde?
Ich buchte direkt an diesem Freitag zwei Hotelzimmer und unsere Fahrkarten und ging damit ein nicht ganz unerhebliches finanzielles Risiko ein, da es bewusst zwei Zweibettzimmer waren und aufgrund der Kürze der Zeit eine Stornierung nicht mehr möglich war. Ein paar Tage vergingen und ich redete mit Marc absichtlich relativ wenig in der nächsten Schulwoche, damit er möglichst lange nicht auf die Idee kam, mich zu fragen, wer jetzt alles final mitkam. Glücklicherweise überwies er mir direkt am Wochenende, nachdem ich ihn gefragt hatte, schon das Geld für die Fahrt, sodass ich ihn schon deutlich mehr an der Angel hatte. Am Mittwoch fragte mich Marc direkt, wie es mit der Reise aussah. Ich sagte ihm, dass wir mit Janine und Anna nur zu viert werden würden und mein Puls stieg kurz an. Er schaute erstaunlich entspannt und meinte: „Oh, alles klar. Du meinst, das ist so klug, Janine mitzunehmen, wenn es ihr nicht so gut geht?“ – „Ich denke schon. Sie braucht einfach Abwechslung. Ich denke, dieser Wochenendausflug wird ihr guttun.“ – „Damit hast du bestimmt auch Recht.“ Ich war von seiner Reaktion erstaunt. War ihm wirklich nicht klar, dass er mit Janine in einem Zimmer bleiben sollte? Oder glaubte er fest daran, dass ich mir mit ihm ein Zimmer teilen würde, damit Anna und Janine in einem Zimmer bleiben konnten? Es war auf jeden Fall ein wirklich gutes Zeichen, dass Marc keinen Rückzieher machte, obwohl wir nur zu viert bleiben würden. Aber womöglich war er auch noch so abgelenkt von der Geschichte um Sandra, dass er gerade gar nicht bemerkte, in welche Fallen ich ihn lockte…
„Kommst du denn damit klar, dass Janine auch mit dabei ist?“ – „Na ja, das wird sicher unangenehm, aber ich denke, das wird schon gehen. Muss ja. Sie hat sicherlich auch schon alles bezahlt, oder?“ – „Ja. Das jetzt rückgängig zu machen, geht nicht mehr. Ist alles gebucht, ich kann da nichts mehr stornieren, wir würden kein Geld zurückbekommen.“ – „Dann kriegen wir das sicher hin. Rechne nur damit, dass ich mit Janine eher wenig Worte wechseln werde. Ist sicher für sie und mich besser so.“ – „Klar, kann ich verstehen.“ Ich konnte seine Reaktion natürlich nachvollziehen, aber ich war weiterhin der festen Überzeugung, dass man sie zu einem Gespräch zwingen musste, egal, wie es ausging.
Marc erzählt:
Am Freitag beeilte ich mich auf dem Nachhauseweg besonders. Ich hatte am Abend zuvor die Sachen schon zusammengepackt und war damit so gut wie fertig für den Kurztrip. Nach einer kurzen Dusche und einem schnellen Essen fuhr ich zum Bahnhof, um mich mit Tim und den anderen zu treffen. Tim und Anna waren bereits vor mir am Treffpunkt und ich freute mich, Anna wiederzusehen, da ich sie wirklich selten traf. Ich fand es schön, dass Tim auch weiterhin mit ihr zusammen war. Ich spürte auch sofort, wie glücklich die beiden waren, als sie Hand in Hand vor mir standen. Nach meiner Begrüßung warteten wir noch auf Janine. In den Minuten, in denen ich neben ihnen stand, wurde mir richtig mulmig. Janine und ich hatten bis auf den Zeitpunkt, an dem ich sie vor Bennys Kumpel verteidigte, fast keinen Kontakt gehabt. Das letzte Mal davor war auf der Kursfahrt, die für unser gemeinsames Verhältnis nicht besonders gut gelaufen war. Als ich dort mit Tim und Anna stand, fragte ich mich erneut, ob es eine so kluge Idee von Tim war, Janine und mich aufeinander loszulassen. Ich wurde aus meinen Gedanken herausgerissen, als Janine hinter meinem Rücken auftauchte und uns begrüßte. Sie umarmte Tim und Anna als Erstes und stand vor mir. Ich öffnete instinktiv meine Arme, um sie zu begrüßen und wir drückten uns ziemlich fest. Als ich ihr ins Gesicht schaute und sie mich wirklich herzlich anlächelte, sah sie mittlerweile gesundheitlich wieder deutlich besser aus. Sie wirkte deutlich munterer als in den letzten Wochen, das freute mich wirklich für sie. Janine war echt attraktiv: Sie war etwas mehr geschminkt, nachdem sie in den letzten Wochen und Monaten sonst weitestgehend darauf verzichtet hatte. Ihre Haare waren in einem komplizierten Zopf zusammengebunden, den ich so von ihr noch nicht kannte. Da sie ihre Jacke offen trug, sah ich ihre ziemlich zurückhaltende Kleidung. Sie hatte zwar einen leichten Ausschnitt, den man aber nur sehen konnte, wenn man wie ich ein ganzes Stück größer war.
Kurz nach der Umarmung schlug Janine vor, dass wir noch in den Supermarkt gehen könnten, der im Bahnhof war. Wir stimmten alle zu, da wir noch etwas Zeit bis zur Abfahrt hatten. Im Supermarkt schwärmten wir alle aus, da wir uns alle noch etwas kaufen wollten, bis auf Janine kam bei uns allen aber eigentlich nur Süßkram dabei raus. Da ich etwas zu lang brauchte, um mich zu entscheiden, ging ich zügigen Schrittes in Richtung Kasse, als Janine plötzlich ohne Vorwarnung von der Seite angerannt kam und zielsicher in mich hineinrauschte. Vor Schreck ließen wir alles fallen, was bei den meisten Sachen nicht problematisch gewesen wäre, wenn Janine keine Glasflasche in der Hand gehalten hätte… Natürlich hinterließen wir eine riesige Sauerei auf dem Boden, um die wir uns nicht mehr kümmern konnten, weil wir keine wirkliche Zeit mehr hatten. Wir retteten unsere restlichen Dinge, die wir kaufen wollten, damit diese nicht noch nasser wurden und ich zog Janine mit zur Kasse, an der wir völlig unschuldig taten. Ich sah Janine an, dass sie sich genauso wie ich das breite Grinsen verkneifen musste. Tim und Anna standen bereist ungeduldig draußen und Anna fragte: „Was habt ihr so lange gemacht?“ Janine antwortete: „Na ja, wir haben gerade drinnen ein bisschen Mist gebaut.“ Tim schaute zu meinen Füßen hinunter und meinte: „Marc, ist dein Fuß nass?“ Erst zu diesem Zeitpunkt spürte ich, was er meinte. Ich sagte: „Na ja… Es könnte sein, dass die beiden Dinge zusammenhängen.“ Janine und ich brachen ohne Vorwarnung in ein riesiges Lachen aus, nachdem wir so ungeschickt waren. Auch wenn diese Begegnung für den Supermarkt und vor allem die Mitarbeiter sicherlich nicht schön war, schaute ich dadurch viel positiver auf die vor uns liegende Fahrt. Tim und Anna schauten uns, während wir zügig zum Bahnsteig gingen, fragend und gleichzeitig belustigt an.
Wir standen auf dem Bahnsteig und Janine erzählte: „Na ja, wir sind im Laden viel zu schnell gelaufen und haben uns über den Haufen gerannt. Ich habe eine Glasflasche fallen lassen… Das war ein bisschen blöd.“ Ich grinste weiterhin breit und Janine meinte: „Na ja, muss ich damit klarkommen, dass ich halt jetzt nichts zu trinken habe. Vielleicht hole ich nachher im Zug was. Oh, der Zug kommt.“ Wir gingen zu unserem gebuchten Viererabteil und ich sah, wie sich vor mir erst Anna ans Fenster setzte, Tim neben sie. Ich zögerte kurz, weil ich überlegte, ob ich eine andere Sitzordnung vorschlug und rutschte anschließend auf dem Zweiersitz gegenüber von den beiden. Ich konnte ihnen schlecht verbieten, nebeneinander zu sitzen, nur, damit ich nicht neben Janine sitzen musste. Gleichzeitig dachte ich aber auch, wie albern meine Aktion geworden wäre. Janine stellte offenbar etwas Ähnliches fest, als sie feststellte, wie wir uns gesetzt hatten. Tim schaute sie ebenfalls an und meinte: „Los, setz dich hin!“ Sie setzte sich nun neben mich und ein komisches Gefühl war es trotzdem. Klar, wir saßen auch in der Schule einige Male recht nah beieinander, aber in der Schule fühlte es sich eher zweckmäßig an, zumal wir dort normalerweise nicht sprachen und nichts miteinander zu tun hatten. Mir wurde klar, dass ich bei dieser Fahrt eher unfreiwillig deutlich mehr Kontakt mit ihr haben würde. Auch wenn ich von Tim ja wusste, dass wir nur zu viert sein würden, dachte ich vorher gar nicht darüber nach, wie viel Kontakt mit Janine an diesem Wochenende wirklich entstehen konnte. Wie ich ihm bereits sagte, hatte ich damit kein wirkliches Problem, aber ich wollte Janine nicht noch mehr Leid bereiten, falls sie weiterhin unter unserer Trennung litt.
Tim fragte, wie müde Janine und ich waren, weil wir ohne Rücksicht auf Verluste ineinander rannten. Janine antwortete: „Na ja, wir hatten es einfach eilig. Hast du gesehen, Marc, wie uns der Verkäufer angeschaut hat?“ Sie schaute mich von der Seite an und irgendwie rutschte mein Herz kurz in die Hose. Mir war nicht klar, was in diesem Moment mein Problem war, aber irgendwie war dieser Moment unangenehm. In meinem Innern zog es in meiner Magengegend, was ich nicht richtig deuten konnte. Ich reagierte leicht zeitverzögert: „Ja, der Verkäufer hat wahrscheinlich gedacht, dass wir irgendetwas eingesteckt haben… oder, dass wir zusammen sind, so, wie wir lachen mussten.“ Janine schaute mich intensiv an, ohne etwas zu sagen, ich hielt ihrem Blick stand. Was ihr Blick zu bedeuten hatte, wusste ich nicht, aber ich spürte erneut, dass diese Situation irgendwie komisch war. Der Blick ging weit über die übliche Länge eines solchen Blicks hinaus. Anna spürte das und warf schnell ein: „Wahrscheinlich hat der Verkäufer einfach geahnt, dass ihr Mist gebaut habt.“ – „Das wird es wohl sein.“, ergänzte ich. Janine schwieg. Wie sollte das Wochenende nur werden, wenn diese Momente bereits jetzt schon so komisch waren?
Nach ein paar Minuten, in denen wir vier noch ein wenig redeten, klinkte ich mich aus, indem ich mir Kopfhörer aufsetzte und Musik anschaltete. Ich war durch den Schultag ein wenig geschlaucht und gleichzeitig beschäftigte mich wieder die Geschichte mit Sandra. Meine Gedanken an sie wurden immer weniger, aber gänzlich vertreiben konnte ich sie noch nicht, dafür hatte ich in den ganzen Monaten viel zu intensiven Kontakt mit ihr. Allein die zahlreichen Telefonate mit ihr erzeugten eine große Bindung zu ihr, die durch unsere vielen Treffen noch zigfach verstärkt wurde. Ich lehnte mich zur Seite ans Fenster und schaute der vorbeiziehenden Landschaft zu. Ich schaltete gut ab und schloss recht schnell meine Augen. Was Janine, Tim und Anna miteinander besprachen, hörte ich nicht. Es interessierte mich aber auch nicht wirklich.
Janine erzählt:
„Meinst du… er hört was?“, flüsterte ich leise. Die beiden beobachteten Marc sehr genau. Er zeigte keinerlei Regung, nachdem er die Augen geschlossen hatte. Ich war völlig aufgedreht von diesem positiven Beginn unserer Reise. „Was ist denn wirklich im Supermarkt passiert?“, fragte mich Tim. „Eigentlich genau all die Sachen, die wir vorhin erzählt haben… aber…“ Ich schaute zu Marc rüber, der kurz zuckte, aber dessen Musik so laut war, dass ich sie sogar ein wenig mithören konnte. Ich war mir sicher, dass er gerade nichts hörte. Die beiden waren nun so richtig neugierig. „Also?“, fragte Anna. „Marc hat mich vorhin, als mir die Glasflasche heruntergefallen ist, gleich mehrfach gefragt, ob mit mir alles in Ordnung ist. Er hat sich richtig Sorgen gemacht, auch, weil er Angst hatte, dass er mich sehr hart getroffen haben könnte. Hat er aber nicht. Ich habe mich einfach sehr erschreckt. Ich wollte eigentlich noch mit Taschentüchern den Boden etwas sauber machen, aber er zog mich einfach mit. Er griff einfach meine Hand und zog mich mit. Das war ein richtig komisches Gefühl. Wir schauten uns dabei auch kurz in die Augen und ich weiß nicht, ob er das auch gespürt hat. Aber das hat mich richtig umgehauen in dem Moment.“ Anna entgegnete: „Marc war auf jeden Fall ziemlich offen dir gegenüber, das hätte ich nach euren Erzählungen gar nicht gedacht.“ Anna schaute Tim und mich an und Tim flüsterte leise: „Lass es langsam angehen, Janine. Du kannst dich schon sehr darüber freuen, dass er mitgekommen ist, obwohl er wusste, dass wir nur zu viert fahren.“ – „Das ist definitiv ein gutes Zeichen!“, sprudelte es hoffnungsvoll aus mir heraus. Tim sagte: „Du kannst bestimmt ein bisschen Hoffnung haben. Aber mach trotzdem vorsichtig. Überfordere ihn nicht. Das ist das erste Mal seit vielen Monaten, dass ihr so viel Zeit miteinander verbringt. Ich bin vor allem einfach schon froh, dass ihr euch offenbar ganz gut versteht und sogar auch ein wenig miteinander gesprochen habt. “ Ich nickte und ergänzte: „Aber trotzdem ist es komisch, dass… er sich so zurückzieht. Das hat er doch sonst nicht gemacht.“ Tim erwiderte: „Ja, ich weiß nicht. Ich glaube, die Sache mit Sandra hat ihn ziemlich mitgenommen, dass er darüber erst hinwegkommen muss. Darum sagte ich ja, lass es langsam angehen, Janine. Überstürze bloß nichts. Ich weiß nicht, ob er aktuell Lust auf Frauen hat, nachdem er wieder auf die Nase gefallen ist.“ Ich nickte. Aber ich hatte riesige Hoffnung… und war so glücklich, dass er gerade einfach neben mir saß. „Du weißt, wie der nächste Teil des Plans aussieht…“, flüsterte Tim leise in meine Richtung und grinste verschmitzt dabei.
Marc erzählt:
Ich schlief während der Fahrt in jedem Fall für einige Minuten ein, auch wenn ich den Großteil der Fahrt eher in einer Art Dämmerschlaf war, in dem ich nur am Rande noch meine Umgebung mitbekam. Ich aß während der rund dreistündigen Fahrt auch nichts, da ich einfach keinen Appetit hatte. Ich öffnete zwischendrin zumindest kurz meine Augen und bemerkte, dass Anna an Tims Schulter döste. Auch Janine schlief auf ihrem Sitz, einzig Tim bemerkte, dass ich gerade aktiver wurde. Für kurze Zeit nahm ich meine Kopfhörer ab. „Hast eine Menge nachgedacht, oder?“ – „Ja. Mir sind die ganzen Sachen mit Sandra wieder durch den Kopf gegangen. Irgendwie war ich in den letzten Wochen nicht so richtig zum Nachdenken gekommen.“ – „Es tut immer noch weh, oder?“ – „Na ja, ich habe schon eingesehen, dass es nichts bringt, wenn ich weiter über sie nachdenke. Sie hat sich gegen mich entschieden und damit werde ich klarkommen. Es tut ein bisschen weh, ja, aber es geht wirklich. Ich glaube, ich bin einfach schneller darin geworden, so etwas zu verarbeiten. Die Erfahrung…“ Ich schaute zu Janine. „… hat mich geprägt und verändert.“ – „Das glaube ich, dass so etwas viel verändern kann.“ – „Von daher ist es nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Suche ich mir halt wieder eine neue Freundin.“ – „Klingt doch nach einem guten Plan.“
Eine halbe Stunde vor der Ankunft weckte Tim Anna, während ich Janine vorsichtig weckte, indem ich sie am Oberarm berührte und leicht bewegte. Irgendwie war mir ein wenig mulmig, diese Nähe zu ihr aufzubauen, obwohl ich eigentlich gar kein Problem damit hatte, sie beispielsweise zu umarmen. Ich schaute ihr direkt in die Augen, als sie erwachte, und Janine wirkte etwas überrascht, als sie bemerkte, dass ich sie weckte. Sie strahlte plötzlich sehr und steckte mich mit ihrer guten Laune ziemlich an. Wollte sie doch noch was von mir? Hatte sie mich auch weiterhin nicht aufgegeben?
„Wow, das sieht total schön aus!“, sagte Janine zu uns dreien, als wir gerade aus dem Bahnhof herauskamen und die Altstadt sahen. Wir waren in ein kleines Städtchen gefahren, welches einige Sehenswürdigkeiten besaß, die wir uns an den nächsten beiden Tagen anschauen wollten. Ich konnte Janines Sicht nachvollziehen, ich mochte den Charme der Stadt auch sehr. Klar, es war bereits dunkel, aber selbst jetzt konnte man schon erahnen, dass die Stadt hübsch war.
Wir liefen rund 20 Minuten, bis wir beim Hotel ankamen. Das Hotel war in Anbetracht unserer recht niedrigen Übernachtungskosten erstaunlich hochwertig, dieser Eindruck bestätigte sich auch, als wir unsere Zimmer bezogen. Tim und ich hatten das Zimmer genau gegenüber von den anderen beiden. Vermutlich war das vor allem für Tim und Anna am praktischsten, da sie sicherlich so viel Zeit wie nur möglich verbringen wollten. Laut Tims Erzählungen waren die Zeitverhältnisse der beiden auch weiterhin nicht einfach. Auch Annas Eltern besserten sich in ihrem Umgang mit Tim nicht wirklich, was Anna wohl mehrfach schon an den Punkt brachte, dass sie mit Auszug drohte… laut Tim bisher allerdings ohne nennenswerte Wirkung. Er nahm das einfach so hin, auch, weil es kein Problem war, dass Anna dafür häufig bei ihm übernachtete.
Unsere Zimmer waren recht gemütlich ausgestattet und auch die Betten fühlten sich gut an. Ich packte meine Kleidung zumindest erst aus dem Rucksack aus, damit ich diese nicht direkt wieder mit herumtragen musste. Kurz darauf klopften wir gegenüber an die Tür und Janine und Anna waren auch bereits wieder startklar, weil wir neben einem Spaziergang an diesem Abend noch etwas essen gehen wollten. Als ich mir über den Bauch rieb, um meinen Hunger zu demonstrieren, mussten die anderen herzhaft lachen. Die Stimmung von uns war gut, auch wenn wir beim Herausgehen feststellen mussten, dass es angefangen hatte, leicht zu regnen.
Durch das Wetter entschieden wir uns zuerst dafür, etwas essen zu gehen, um danach hoffentlich einen regenfreien Spaziergang machen zu können. Wir fanden einige geöffnete Restaurants, bei deren Preisen wir uns aber schüttelten. Klar, wir hatten Geld für solche Fälle dabei, aber wir waren uns einig, dass wir für den Notfall eher möglichst eher sparsam bleiben wollten. So suchten wir eine Weile und landeten als letzte Idee bei einem Imbiss. Ich konnte Anna im Gesicht ansehen, dass sie damit nicht so richtig glücklich war, aber uns anderen drei kam auch der Imbiss durchaus recht. Kaum, dass wir den Imbiss betraten, fing der Regen draußen noch stärker an. Unsere kleine Spontanreise hatten wir uns alle vermutlich anders vorgestellt.
Während wir auf unser Essen warteten, fragte Tim: „Was wollen wir uns morgen eigentlich alles anschauen?“ Ich war fasziniert, wie sehr die Ideen aus Janine heraussprudelten. Sie war kaum zu bremsen, doch letztlich mussten wir es etwas, da sie so viele Ideen nannte, dass wir das niemals in einem Tag hineinbekommen konnten. Glücklicherweise fuhren wir am Sonntag erst am späteren Nachmittag los, sodass wir auch am Sonntag noch ein paar Dinge anschauen gehen konnten. Man spürte auf jeden Fall, dass sich Janine mit dem Ort vorher schon auseinandergesetzt hatte. Wir anderen waren an diese Fahrt wohl deutlich lockerer herangegangen, wobei Tim sich als Organisator auch einige Gedanken mehr gemacht hatte, welcher Ort sich für solch einen Ausflug lohnen könnte. Während unserer Ideensammlung kam unser Essen – jeden Tag wollte ich nun auch nicht beim Imbiss essen gehen, aber für heute war das völlig okay.
Wir aßen jeder was anderes und als der Großteil von uns fertig war, meinte Janine, dass sie ihre Portion Pommes wohl nicht mehr vollständig aufessen konnte. Sie fragte in die Runde, ob jemand ihren Rest aufessen wollte, weil es ihr zu schade war, um es wegzuschmeißen. Anna und Tim schüttelten den Kopf, Janine schaute mich an. Da war er wieder, ihr Blick. Ich spürte erneut ein merkwürdiges Gefühl in mir, als sich unsere Blicke so intensiv trafen. Da ich noch ein wenig vertragen konnte, nickte ich und fragte: „Möchtest du wirklich nicht mehr?“ – „Na ja, alles schaffe ich nicht mehr. Wenn du möchtest, kannst du den Rest haben. Wir können es uns auch teilen, so ist es für uns weniger.“ – „Lass uns die Pommes teilen. Ganz so viel bekomme ich auch nicht mehr herunter.“ Janine lächelte zaghaft und ich schloss mich an. Während wir die Pommes von ihr aßen und Tim sich ab und an auch noch eine stibitzte, zeigte Anna uns einige lustige Bilder auf ihrem Smartphone, die sie in den letzten Monaten gemacht hatte. Ich war über diese Unterhaltung sehr froh, da uns allen kurzfristig die Themen ausgegangen waren.
Während Anna uns die Bilder zeigte, griff ich in einem der Momente wieder zu den Pommes, als Janine dieses auch tat. Unsere beiden Hände berührten sich für einen kurzen Moment und wir schauten uns direkt danach in die Augen. Es zwickte erneut in meiner Magengegend und ich wusste weiterhin nicht, warum. War es einfach die Erinnerung an die frühere gemeinsame Zeit? Sie lächelte und meinte: „Oh, entschuldige.“ – „Nein, alles gut. Es sind deine Pommes. Ladies first.“ – „Aber wir sagten doch, dass wir sie uns teilen!“ Sie brachte mich zum Schmunzeln damit und ich meinte: „Klar. Den Vortritt kann ich dir trotzdem lassen.“ Ich grinste erneut, zog meine Hand ein Stück zurück und wartete darauf, bis sie sich bedient hatte.
Zum Ende unseres Essens hörte der Schauer wieder auf, sodass wir doch noch einen Spaziergang machen konnten. Es roch sehr nach Regen, als wir den Imbiss verließen. Es wurde merklich kühler, sodass ich mir den Schal deutlich fester umlegte und die Jacke bis nach oben hin schloss. Wir liefen über einen großen Marktplatz, auf dem die Geschäfte bereits geschlossen waren, als Janine hörbar fror. Tim fragte sie: „Es ist ganz schön kalt nach dem Regen, was?“ – „Ja, total! Vorhin war das nicht so frostig.“ Einige Schritte weiter spürte ich, wie mir etwas leicht an der Jacke zog. Ich drehte mich irritiert um und sah Janine direkt vor mir stehen. „Würdest du kurz meinen Rucksack halten?“ Ein bisschen verwundert schaute ich sie an. „Der ganze Boden ist halt so nass, ich möchte nicht, dass meine Tasche schmutzig wird.“ – „Na klar. Gib ruhig her.“ Sie nahm sich einen Pullover aus ihrem Rucksack heraus, anschließend nahm ich ihr die Tasche ab. Genau in diesem Moment bekam ich gleich mehrere Flashbacks: Im Laufe unserer Ex-Beziehung hatte ich ihr einige Male ihre Tasche abgenommen, wenn sie sich zum Beispiel etwas drüberzog. Janine riss mich aus meinen Gedanken, indem sie mir ihre Tasche wieder abnahm. Ich bemerkte, als sie gerade ihre Jacke wieder verschloss, welchen Pulli sie gerade angezogen hatte: Es war der Pulli, den ich ihr damals beim Austausch unserer Sachen geschenkt hatte! Sie hatte ihn also immer noch und scheinbar liebte sie ihn auch weiterhin. Ich konnte es verstehen, dass sie den Pulli mochte: Nicht nur, dass er ziemlich groß – und für sie definitiv zu groß – war, er war auch wirklich flauschig und hielt so richtig warm. Als ich sah, wie sie die Kapuze des Pullovers überzog, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Janine schaute leicht verwundert und ich sagte: „Du liebst diesen Pullover also auch weiterhin.“ – „Ja, er hält einfach warm. Auch wenn du den bestimmt immer noch gerne wiederhaben willst, aber ich möchte den gerne behalten. Ist doch in Ordnung, oder?“ – „Ja, ich stehe zu meinem Wort, dass du ihn so lange behalten darfst, wie du möchtest.“ – „Danke!“ Es fühlte sich für mich komisch an, sie wieder mit meinem Pullover zu sehen. Auch dadurch löste sie Erinnerungen in mir aus, von denen ich glaubte, sie vollständig verdrängt zu haben. Es waren schöne Momente, die in meinen Gedanken wieder zum Vorschein kamen, aber in diesem Moment so unvorbereitet darauf zu sein, überforderte mich leicht. Ich ließ mir das gegenüber den anderen aber nicht anmerken. Wir gingen weiter durch einige kleinere Gassen und konnten neben dem Bewundern der Altstadt in einige kleinere Läden hineinschauen, auf die ich mich am nächsten Tag wirklich freute. Ich fand es gerade toll, dass es richtig persönliche, kleine Lädchen waren, die man so nicht überall finden konnte. Auch den anderen sah ich an, dass sie diese kurze Auszeit bereits sehr mochten.
Später im Hotel machten wir vier aus, dass wir uns erst alle bettfertig machen wollten, um noch ein bisschen in einem der Zimmer den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Tim hatte mehrere Brettspiele mit und ich freute mich auf einen lustigen Abendausklang. Da wir alle durch den Schultag bereits früh auf den Beinen waren, einigten wir uns darauf, nicht zu spät ins Bett zu gehen. Ich ließ Tim den Vortritt, duschen zu gehen und lümmelte auf meinem Bett herum, während ich auf meinem Smartphone im Internet herumsurfte. So vertrieb ich mir die Zeit, bis Tim fertig war und ich ins Bad konnte.
Janine erzählt:
Anna hatte sich wie ich nur kurz frischgemacht und ging nicht extra in die Dusche. Für unseren gemeinsamen Plan mit Tim kostete dies einfach zu viel Zeit. Tim klopfte auch recht früh an unsere Tür, Anna öffnete ihm. Ich sprang direkt auf. „So, es ist so weit. Marc ist in der Dusche, der Plan hat ganz gut funktioniert, dass ich vor ihm ins Bad konnte. Hier, nimm vorsichtshalber den Schlüssel, falls ihr noch das Zimmer verlassen solltet. Aber vermutlich werdet ihr den nicht brauchen.“ – „Danke, Tim. Wirklich danke, dass ihr das extra alles nur wegen mir und ihm macht.“ – „Hoffen wir einfach, dass das was bringt. Aber Janine, denk an all die Sachen, die wir besprochen haben.“ Anna ergänzte Tims Aussage noch: „Nicht zu viel, du weißt schon. Vorsichtig. Nicht zu viel Körperkontakt, nicht, dass ihm das alles zu viel wird und der ganze Plan scheitert.“ Ehe ich was erwidern konnte, sagte Tim noch: „Pass zumindest auf, dass du ihn nicht überforderst.“ – „Ich weiß, ich weiß. Danke euch! Danke, danke, danke!“ Ich ging rüber in Marcs Zimmer und mir war kurz richtig komisch zumute. Es war so ein komisches Gefühl, dass Marc gerade in der Dusche stand. Auch wenn ich in den letzten Monaten vor allem deswegen gelitten hatte, weil ich einfach Marc insgesamt vermisste, konnte ich nicht leugnen, dass mir natürlich auch die körperliche Komponente fehlte. Ich hatte zwar mit Benny geschlafen, was mir für mein Ego wirklich guttat, aber den Verlust an körperlicher Nähe glich das nicht aus. Es kribbelte so sehr in meinem Innern in dem Wissen, dass ich gleich hoffentlich eine Zeit lang mit Marc allein war. Es war einfach die Chance schlechthin! Ich wusste nicht so richtig, was auf mich zukam und wie ich mich am besten verhalten sollte. Ich musste einfach spontan schauen, wie Marc damit umging, dass ich nun in seinem Zimmer war.
Marc erzählt:
Ich ließ mir beim Duschen extra viel Zeit, da ich mich nicht hetzen wollte. Es war ein komisches Gefühl, dass ich gerade nicht zu Hause war. Das letzte Mal, dass ich woanders übernachtete, war bei Julia und zuvor bei der Kursfahrt. Hach ja, die Übernachtung bei Julia war schon echt intensiv.
Ich wollte mich im Bad anziehen und stellte fest, dass ich kein Shirt mit ins Bad genommen hatte. Daher zog ich mir alles andere an und verließ das Bad, als ich plötzlich zusammenzuckte. Was machte Janine in meinem Zimmer? Sie schaute etwas peinlich berührt, bis mir bewusstwurde, dass ich gerade oberkörperfrei vor ihr stand. Ich empfand das nicht als Problem, sie wusste ja, wie ich ohne Kleidung aussah. Das letzte Mal, dass sie mich so sah, war bei der Kursfahrt. Ich schaute wirklich verwundert und fragte sanft: „Wo ist denn Tim hin?“ – „Na ja, Tim ist rüber zu uns. Ich habe einfach gespürt, dass ich das fünfte Rad am Wagen war. Ich wollte die beiden nicht stören und bin daher hierher ausgewichen.“ – „Wollen wir trotzdem alle den Spieleabend noch machen? Das erübrigt sich wohl, schätze ich?“ – „Ich weiß nicht. Mir tat es leid, dass sie keine Zeit für sich hatten, wie Tim mir vor ein paar Wochen erzählt hat. Ich bin extra hier rüber, weil ich den Eindruck hatte, dass sie sich nicht zu trauen fragen, ob sie den Abend allein für sich haben können.“ – „Kann ich völlig verstehen. Ach, na gut, lassen wir ihnen den gemeinsamen Abend.“ – „Hier, schau, den soll ich dir von Tm geben.“ Janine gab mir unseren Zimmerschlüssel. Ich dachte kurz nach, was ich nun als Nächstes machte. Ich griff mir ein Shirt und zog es direkt drüber, um festzustellen, dass ich mit meiner gesamten Kleiderwahl unzufrieden war, zumal ich eigentlich auch direkt Schlafsachen anziehen konnte, wenn heute sowieso nichts mehr passierte.
Ich schaute zu Janine rüber, die sich auf Tims Bett gelegt hatte und ein Buch las. Ich bat Janine daher: „Schau bitte kurz nicht hoch und nur in dein Buch, okay?“ Sie schaute natürlich direkt zu mir, sodass ich grinste. „Ich will mich einfach nur kurz noch umziehen, darum. Tim hat das ganze Badezimmer mit seiner Dusche überflutet, da kann ich mich nicht trocken umziehen…“ Sie kicherte. „Alles klar!“ Da wir früher eben intim miteinander waren, machte es mir nichts aus, mich im gleichen Zimmer wie sie umzuziehen, solange sie nicht hinschaute.
Janine erzählt:
Ich schaute, auch wenn Marc das vermutlich nicht mitbekam, natürlich trotzdem hin, während er sich umzog. Im Augenwinkel sah ich seinen Körper deutlich und fand ihn genauso sexy wie früher. Vielleicht täuschte es auch nur, aber ich hatte den Eindruck, dass er etwas mehr Muskeln als früher hatte oder zumindest ein wenig abgenommen hatte, sodass man seine Muskeln deutlich besser sah. Ich wurde ein wenig hibbelig, als ich ihn so sah…
Marc erzählt:
Nach meinem Umziehen fragte ich sie: „Ist dir nicht zu langweilig, wenn du ohne irgendwas hier rübergekommen bist?“ Sie schaute mit einem Lächeln hoch und meinte: „Na ja, ich habe mir deswegen das Buch hier mit nach drüben genommen. Mein Smartphone und mein Ladegerät habe ich auch noch gerettet.“ – „Ich denke, das wird bis nachher sicher reichen. Was denkst du, wie viel Zeit wir ihnen heute lassen sollten?“ – „Weiß nicht. Wir können nachher vorsichtig eine Nachricht schreiben und schauen, wie sie reagieren.“ – „Guter Plan.“ Es entstand eine unangenehme Gesprächslücke, die ich direkt wieder füllen konnte. „Was liest du eigentlich?“ Janine stand auf und zeigte mir das Buch, welches ich sofort erkannte: Ich hatte es ihr damals geschenkt, es trug im Titel den Begriff „Liebe“. „Hast du das damals nicht schon fertiggelesen?“ – „Ja, schon, aber ich liebe das Buch einfach. Ich habe es bestimmt schon drei Mal gelesen.“ Wir kicherten und ich meinte: „Wow. Also habe ich wohl exakt deinen Nerv damals getroffen, als ich es dir gekauft habe.“ – „Ja, total! Aber ich habe dir damals auch den Tipp gegeben, dass ich mich auf das Buch sehr freuen würde, als ich mit jemanden darüber sprach.“ – „Das stimmt natürlich.“
Wir schwiegen daraufhin einige Minuten, da Janine sich wieder in ihrem Buch vertiefte und ich mit meinem Smartphone herumspielte. Ich surfte wahllos herum, schaute mir verschiedene Videos ohne Ton an und war überrascht, als ich plötzlich eine Nachricht von Julia bekam. „Na, was machst du gerade?“, fragte sie mich. „Ich bin gerade gar nicht zu Hause, hatte ich das gar nicht erzählt? Tim, Anna, Janine und ich machen gerade eine Wochenendreise.“ – „Oh, krass. Nein, das hattest du gar nicht erzählt!“ – „Gerade hängen Janine und ich in einem Zimmer ab, da wir Tim und Anna Zeit zu zweit geben wollten. Ist richtig komisch, wir sagen nichts weiter. Sie liest hier ein Buch und ich langweile mich ein bisschen.“ – „Wie ist das für dich? Ich stelle mir das richtig komisch vor, wäre ich jetzt in deiner Situation.“ – „Ich weiß nicht so recht, was ich fühlen soll. Wir kommen viel besser miteinander klar, als ich erwartet hätte. Ich hatte echt Angst, dass wir uns die Köpfe einschlagen, gerade nach der Kursfahrt.“ – „Vielleicht hat sie sich einfach mit der Situation abgefunden. Ist doch aber schön, wenn ihr wieder vernünftig miteinander klarkommt.“ – „Finde ich auch. Ich fand Tims Idee einfach cool, für ein Wochenende wegzufahren. Ich bin vorhin nur kurz nach Hause gehetzt und fast direkt wieder los.“ – „Ich freue mich für dich mit. Ich wäre jetzt gerne woanders… Eigentlich wollte ich dich fragen, ob wir nicht zusammen den Abend verbringen wollen, aber das wird jetzt schwierig.“ – „Du kannst ja vorbeigefahren kommen! Wir buchen dir noch ein Zimmer.“ Ich hing an meine Nachricht noch einen Zwinkersmiley. „Na klar. Janine frisst mich auf, wenn sie mich sieht. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie groß ihre Abneigung auf mich ist, spätestens nach der Kursfahrt.“ – „Ich weiß gar nicht, ob sie wirklich noch so wütend auf dich ist. Aber du hast schon Recht, die klügste Idee wäre das wohl nicht.“ Von ihr kam nur ein lachender Smiley zurück und ich widmete mich wieder einigen sinnlosen Internetvideos.
„Hey.“ Ein paar Minuten später bemerkte ich, dass das Licht im Zimmer wirklich richtig schlecht war, sodass ich mich fragte, ob Janine bei diesem Licht überhaupt lesen konnte. Ich kramte daher in meinem Rucksack nach einer kleinen Leselampe, die ich mir extra für solche Zwecke gekauft hatte und bei Reisen gerne mitnahm. Janine wirkte sichtlich überrascht: „Oh, danke! Das ist total lieb!“ – „Na ja, du kannst doch bei dieser blöden Lampe hier kaum was sehen.“ Sie nahm meine Lampe und klemmte sich diese ans Buch. „Deine Lampe ist wirklich super. Das ist viel besser jetzt.“ Sie lächelte herzlich und steckte mich damit an.
„Womit beschäftigst du dich eigentlich die ganze Zeit?“, fragte mich Janine nach einigen stillen Momenten. „Ich habe mir gerade ein paar Videos angeschaut. Aber nichts Besonderes.“ Ich sagte ihr lieber nicht, dass ich eben noch mit Julia geschrieben hatte. So schnell, wie unser Gespräch begonnen hatte, war es auch schon wieder zu Ende, weil wir nicht wirklich wussten, über was wir sprechen sollten. Ich hatte aber viel mehr das Gefühl, dass uns die Situation irgendwie unangenehm und komisch war. Daher setzte ich mich vorsichtig aufs Fensterbrett, welches glücklicherweise ziemlich groß war, packte meine Beine darauf, legte mir Musik auf die Ohren und schaute aus dem Fenster, durch das ich einen Teil der Stadt beobachten konnte, in der kaum noch etwas los war. Es regnete draußen wieder deutlich stärker und ich sah, wie die wenigen Menschen, die noch unterwegs waren, vor dem spontan einsetzenden Regen flüchteten. Ich dachte intensiv über die Zukunft nach. Wie würde wohl dieses letzte Schuljahr werden? Wie gut dürfte mein Abischnitt wohl werden? Was wollte ich zukünftig als Job machen, wollte ich studieren? Gleichzeitig grübelte ich darüber nach, wie mein Privatleben wohl aussehen würde. Gerade, als ich darüber nachdenken wollte, wie mein Verhältnis zu Julia aktuell war und ob ich mir womöglich doch eine Beziehung mit ihr vorstellen konnte, driftete ich mit meinen Gedanken ab und bemerkte, dass Janine eingeschlafen war. Ihr Kopf lag auf dem Buch, mein kleines Licht strahlte sie direkt an. Ich schaute sie einige Minuten lang an und erinnerte mich wieder daran, welchen Wahnsinn wir zusammen durchgestanden hatten. Nicht nur unser Zusammenkommen war nervenaufreibend, begleitet vom Tod von Janines Vater, auch der Verlust meiner Oma erschütterte uns zwar, schweißte uns aber eher noch fester zusammen. Auch die Woche im Garten war etwas ganz Besonderes – eine Woche Urlaub in der eigenen Stadt, aber vor allem eine Woche nur zu zweit.
Ich zog sanft Janines Buch unter ihrem Kopf hervor und griff mit meiner Hand dabei vorsichtig nach Janines Wange, da ich nicht wollte, dass ihr Kopf unsanft aufs Kissen fiel. Auch wenn ich vorsichtig dabei war, zuckte sie etwas zusammen und erwachte dadurch leicht. Sie schaute mich sehr müde und verwundert an, warum ich mit ihrem Buch und mit meiner Lampe direkt vor ihr stand. Von meiner Berührung hatte sie gar nichts mitbekommen. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich direkt die Chance nutzen sollte und Janine richtig weckte, damit Tim und sie später das Zimmer wechseln konnten, entschied mich aber dagegen. Ich wollte Anna und Tim die gemeinsame Zeit gönnen. Gleichzeitig sagte ich mir auch: Du würdest doch wohl mit deiner Ex-Freundin für eine Nacht im gleichen Zimmer schlafen können, ihr hattet getrennte Betten! „Du bist eingeschlafen.“, antwortete ich Janine fast schon flüsternd, weil ich sie mit einer zu lauten Stimme nicht erschrecken wollte. Nach ein paar Momenten antwortete sie schlaftrunken: „Oh, ok… Also werde ich besser wach, damit ich noch rübergehen kann.“ – „Nein, bleib hier. Schlaf ruhig weiter. Ich sage Tim nur Bescheid, dass ihr heute einfach die Zimmer tauscht. Brauchst du irgendwas für die Nacht von drüben?“ – „Nein, ich brauche nichts weiter. Danke, du bist toll.“ Obwohl sie so müde war, strahlte sie übers gesamte Gesicht, was ich in diesem Moment süß an ihr fand. Ich ging leise auf den Gang und klopfte an Tim und Annas Tür. Tim öffnete nach ein paar Sekunden die Tür. „Ich würde vorschlagen, dass du einfach die Nacht hier verbringst. Janine ist auf deinem Bett eingeschlafen. Ich habe ihr gesagt, sie soll da einfach schlafen bleiben, nachdem sie gerade aufwachte. Das wäre doch Unsinn, wenn ihr jetzt noch die Zimmer wechseln würdet.“ – „Das stimmt, das klingt doch jetzt nach einer guten Lösung.“ Tim griff mir mit der Hand in die rechte Schulter und ergänzte mit einem Grinsen: „Danke euch. Gute Nacht.“ – „Euch auch.“ Ich zwinkerte ihm zu, weil ich mir gut vorstellen konnte, was zwischen den beiden in dieser Nacht noch passierte…
Als ich wieder ins Zimmer kam, war Janine fast am Einschlafen. Sie wünschte mir eine gute Nacht und bekam selbst diese Worte nur noch fehlerbehaftet hin, weil ihre Müdigkeit definitiv wieder die Oberhand gewonnen hatte. Mit Tims Decke deckte ich sie noch so gut es zu, da sie zum kleinen Teil leider auf der Decke lag. Ich setzte mich auf einen unseren Sessel und schaute Janine, während sie schlief, erneut lange Zeit an. Mir gingen die gesamten Bilder durch den Kopf. Unsere Beziehung, die viel gemeinsam verbrachte Zeit, die Intimität, das erste Mal… Es hing mir noch alles im Kopf. Von alledem existierte heute nichts mehr, es war zu meiner Vergangenheit geworden. Nachdenklich legte ich mich direkt im Anschluss an meine Gedanken schlafen und stellte uns einen Wecker, da Janine sicherlich in ihrem Halbschlaf nicht daran gedacht hatte.
Gegen acht Uhr klingelte unser Wecker. Ich schaltete ihn aus, gähnte recht laut und stand auf. Anschließend streckte ich mich und bemerkte erst in diesem Moment, dass ich mit Janine in einem Zimmer war. Im Laufe der Nacht hatte ich irgendwie vergessen, dass ich mir außerplanmäßig mit ihr das Zimmer teilte. Janine wachte auch relativ schnell auf – ihr ging es ähnlich wie mir: Sie schaute etwas verwirrt, warum ich auch in „ihrem“ Zimmer war, und ich sagte: „Guten Morgen. Du bist gestern Abend auf Tims Bett eingeschlafen. Ich habe mit Tim ausgemacht, dass wir das Zimmer für diese Nacht tauschen. Kannst du dich noch daran erinnern?“ – „Ja, ein bisschen… Ich war kurz wach und glaube, dass ich dich gesehen habe. Danke fürs Zudecken!“ Ich nickte und lächelte, Janine stand auf. Ohne Vorwarnung gab sie mir plötzlich einen Kuss auf die Wange! Zugegeben, das war mir zu viel. Es war zwar schön, dass wir trotz der nicht einfachen letzten Monate wieder so überraschend gut miteinander klarkamen, aber dieser Kuss war mir etwas zu viel Nähe… Vor allem sorgte dieser Kuss dafür, dass mein Magen sich wieder flau anfühlte. Ich konnte dieses Gefühl nicht deuten, weil ich es bisher nicht kannte, aber es war in jedem Fall so richtig komisch.
Janine ging ins Zimmer gegenüber und ich suchte mir meine Kleidung für den Tag zusammen. Tim kam währenddessen wieder zu uns und meinte: „Guten Morgen.“ – „Ja, Morgen. War der Abend mit Anna schön?“ – „Ja, ich kann mich nicht beklagen.“ Sein Blick sprach Bände und es kam seine Rückfrage: „Und… Wie bist du mit Janine klargekommen?“ – „Das war alles ganz entspannt. Wir kamen gut miteinander klar.“ – „Wirklich?“ – „Klar. Ich hatte dir auch schon gesagt, dass ich mit ihr klarkomme, wenn ich es will.“ – „Ja, stimmt schon. Aber ein bisschen Sorge hatte ich schon nach der Kursfahrt und allem.“ – „Ach, das scheint gar nicht mehr Thema zu sein.“ – „Klingt doch wirklich schön. Wie gesagt, ein großes Danke an euch.“ – „Gern geschehen. Mir ging es eben nur ein bisschen zu weit, als sie mir einen Kuss auf die Wange gegeben hat.“ Er guckte mich mit großen Augen an und fragte: „Sie hat was?“ Darauf ich: „Na ja, eben gerade. Sie hat sich dafür bedankt, dass ich sie gestern Abend zugedeckt hatte und gab mir einen Wangenkuss.“ – „Hm…“ Er dachte angestrengt nach. „Na ja, ich glaube, sie wollte sich einfach für die Nettigkeit bedanken.“ – „Ja, das denke ich auch. Ich bin das nicht mehr von ihr gewohnt.“ – „Davon gehe ich auch aus.“
Tim erzählt:
Ich war sehr froh darüber, dass Marc sich so sehr auf sie eingelassen hatte, wie Janine in den wenigen Momenten erzählte, als Anna, Janine und ich im Zimmer der Mädels kurz beisammen waren. Janine freute sich und war fast außer sich. Sie erzählte, wie lieb Marc sich ihr gegenüber verhalten hatte, auch, dass er ihr seine Leselampe gab und sie zugedeckt hatte. Als ich von Marc hörte, dass sie ihm einen Kuss auf die Wange gegeben hatte, wusste ich nicht, wie ich es einordnen sollte. Ich konnte Janine verstehen, sie wollte Marc wieder näherkommen. Aber sie durfte es nicht überstürzen, Anna und auch ich hatten sie in den letzten Tagen mehrfach davor gewarnt. Marc mochte Janine weiterhin sehr, da war ich mir sicher. Sie musste sich daher langsam an ihn herantasten, damit sie noch eine Chance hatten, sofern er ihr überhaupt jemals noch eine Chance geben wollte. Bei der Frage, ob er Janine wieder oder immer noch insgesamt anziehend fand, ließ er sich leider überhaupt nicht in die Karten schauen, ich war da völlig ahnungslos.
Ich manipulierte Marc mit voller Absicht. Ich lenkte ihn in die Richtung, dass der Wangenkuss von Janine nur als Dankbarkeit gemeint war. Ich wusste nicht, ob er mir das glaubte, aber seine Reaktion wirkte in jedem Fall so. Ich fragte mich, ob er bereits gepeilt hatte, dass diese ganze, gewaltige Aktion nur dafür da war, die beiden zu verkuppeln. Falls ja, spielte er seine Rolle aber wirklich gut, sodass keiner etwas ahnte. In jedem Fall war ich stolz auf Janine, dass sie so lange für Marc kämpfte. Die Trennung war nun etwa ein halbes Jahr her und dass sie ihn immer noch nicht aufgab, war für mich ein klares Zeichen von charakterlicher Stärke.
Dass Janine gestern Abend einschlief, empfand ich als suboptimal, weil sie dadurch ziemlich wenig effektive Zeit mit ihm hatte. Gleichzeitig hatte es zumindest Fürsorge in Marc ausgelöst, was vielleicht auch gar nicht so schlecht war.
Marc erzählt:
Da ich abends bereits duschen war, verzichtete ich an diesem Morgen darauf und machte mich einfach ein bisschen frisch. Da wir nicht einschätzen konnten, wie voll das Hotel war, ging ich in Absprache mit Tim bereits nach unten zum Frühstückssaal, um uns einen Tisch zu reservieren. Meine Aktion war völlig überflüssig, da wir mehr als genug Platz hatten. Ich reservierte uns daher einen Tisch nahe den Fenstern, um auch rausschauen zu können. Die anderen drei kamen nach wenigen Minuten ebenfalls und sahen, wie ich am Büffet stand und mir erste Dinge auf meinen Teller legte. Die anderen taten es mir gleich. Die Sitzordnung am Tisch war, wie ich es schon vorher erahnte, wie bei der Zugfahrt. Ein bisschen komisch war die gesamte Situation auch weiterhin für mich. Janine meinte direkt, als wir saßen: „Du Pflaume, wieso hast du nicht gesagt, dass du schon zum Frühstück gehst? Wir wären doch schon mitgekommen!“ Wir mussten wegen ihres Begriffs lachen und ich erwiderte: „Na ja, wir wussten doch alle nicht, wie voll es hier im Hotel sein wird… und ich hatte halt schon Zeit. Ich wollte mich halt nützlich machen.“ Janine stieß mich leicht von der Seite an und meinte: „Ich weiß doch, was dein Gedanke war.“ Der Tag begann auf jeden Fall wieder mit guter Stimmung. Dennoch gab es während des Essens immer wieder einige Momente, in denen wir wieder schwiegen und eher still aßen. Genau in solchen Momenten schaute ich gerne nach draußen. Die Sonne schien, aber es war noch ziemlich nass. Die Wolken verschwanden, sodass es aber ein schöner Tag werden konnte.
Während des Essens verweilte mein Blick auch lange auf Janines Hand. Sie trug zwei Ringe, einer davon stammte von mir. Es war der Ring, in dem „Janine & Marc“ eingraviert war. Ich war überrascht und verwirrt, dass sie den Ring weiterhin trug. Wollte sie mir damit irgendetwas zeigen? Die anderen drei bemerkten leider auch, dass ich Janines Hand anstarrte. Tim fragte: „Stimmt irgendwas nicht?“ Da erst schaute ich wieder hoch und meinte: „Nein, es ist alles in Ordnung. Ich hatte mir gerade nur deinen Ring angeschaut.“ Ich konnte Janines Blick nicht deuten, als wir uns kurz in die Augen schauten. Ihr Blick wirkte irgendwie liebevoll und freundlich, gleichzeitig aber auch unsicher. Etwas später bemerkte ich, dass Janine auch meine Hände sehr genau anschaute. Ich erahnte, was sie an meinen Händen beobachtete: Janine sah die Uhr, die sie mir geschenkt hatte, ich trug sie weiterhin. Dabei ging es mir aber weniger um den emotionalen, sondern viel mehr um den funktionalen Wert, weil ich die Uhr wirklich sehr mochte und sie echt hübsch aussah. Direkt, nachdem sie meine Uhr entdeckte, trafen sich unsere Blicke nochmals, ohne, dass wir etwas sagten. Sie lächelte mich einfach an, ohne weiter etwas zu sagen.
Nach dem Frühstück gingen wir in unsere Zimmer und packten uns Sachen für den Tag zusammen. Wir schauten uns einzelne Sehenswürdigkeiten an und verbrachten einige Zeit damit, zu Fuß dorthin zu gelangen, weil wir kein Geld für Fahrkarten ausgeben wollten. Schön fand ich, dass die anderen drei auch für die kleinen Geschäfte zu begeistern waren, die wir gestern bereits sahen. Wir stöberten durch zahlreiche Geschäfte und ich spürte, wie harmonisch es sich zwischen Janine und mir anfühlte. Wir bemerkten immer wieder, dass wir die gleichen kleinen Dinge toll fanden, und ich erwischte mich selbst dabei, wie ich zum Ende des Tages hin einige Male auf sie zuging, um ihr ein paar faszinierende kleine Dinge zu zeigen. Jeder von uns kaufte sich im Laufe des Tages eine Kleinigkeit, sodass jeder eine Erinnerung an unsere Mini-Reise mitnehmen konnte.
Gegen Abend suchten wir uns ein richtiges Restaurant und bestellten eine große Essensplatte, an der wir uns alle satt aßen. Viel spannender empfand ich aber die Getränkewahl: Tim und Anna bestellten sich ein Bier und da alle bei mir wussten, dass ich keinen Alkohol trinken würde und nur eine Limonade wollte, blieb nur noch Janines Entscheidung übrig. Tim fragte sie, ob sie sich auch mit einem Bier anschließen möchte. Sie überraschte mich: „Nein, ich nehme nur eine Limo. Ich trinke doch schon seit einem halben Jahr keinen Alkohol mehr.“ Ich war überrascht. Sie hatte ganz mit dem Alkohol aufgehört, das fand ich bewundernswert. Zumindest hatte sie nach den Eskapaden gelernt, dass es der falsche Weg war.