Kapitel 68

Ein Gefühl der Ohnmacht

In der nächsten Woche sah ich Sandra recht wenig, weil wir jeweils einfach eine Menge zu erledigen hatten. Am Dienstagnachmittag fuhr ich wieder allein nach Hause. Ich sah Janine, die nur einige Meter entfernt von mir auf dem Bahnhof stand. Sie sah alles andere als gut aus. Eigentlich dachte ich, dass sie sich ziemlich gut gefangen hatte, aber sie sah richtig abgemagert aus. Jemand, der wie ich Janine sehr gut kannte, wusste sofort, dass etwas überhaupt nicht stimmte. Janine war so gut wie nie völlig ungeschminkt zur Schule gegangen und auf ihr äußeres Erscheinungsbild legte sie eigentlich eine Menge Wert. Ich machte mir richtig Sorgen um sie, weil ich nicht wusste, was los war. Unsere Blicke trafen sich zwar ein paar Mal auf dem Bahnsteig und in der Bahn, aber ich traute mich nicht, sie anzusprechen, sodass ich keine Klarheit bekam. Nagte der Sex mit Benjamin und die heftige Reaktion des Jahrgangs weiterhin an ihr? Ein paar Tage gab es großes Getuschel, aber das legte sich glücklicherweise ziemlich schnell. Ich nahm mir zumindest vor, Tim zeitnah auf Janine anzusprechen. Ich legte mich am Dienstag recht spät schlafen, weil ich für eine Hausaufgabe viel zu lange brauchte.

Ich stand am nächsten Tag spät auf und folgte meinem üblichen Rhythmus, auch wenn ich zügiger als sonst machen musste. Als ich in der Bahn saß, ging mir Janine erneut durch den Kopf, weil ich mir wirklich Sorgen um sie machte. Ich wollte nicht, dass es ihr so schlecht ging. Sehr nachdenklich stieg ich daher aus der Bahn und lief die relativ kurze Strecke bis zur Schule. Ich traf einige Kursmitglieder, die beste Laune hatten und ließ mich ein wenig ablenken, bis ich auf dem Schulhof ankam. Einige aus unserem Jahrgang, aber auch aus anderen Klassen standen dort und schauten panisch in die Höhe. Ich wunderte mich, was hier gerade los war und bemerkte nach einigen Momenten, dass auf dem Dach, nah am Rand, eine Person stand! Sofort breitete sich massives Unbehagen in mir aus und es wurde noch schlimmer, als ich sah, wer dort oben stand.

Janine erzählt:

Der Schultag war richtig heftig. Nicht nur, dass meine Lehrer ungewöhnlich hart durchzogen, ich bekam eine Klausur wieder, die für meine Verhältnisse wirklich schlecht war. Ich wusste, warum die Klausur nicht so gut ausfiel, ich hatte einfach kaum gelernt. Die ganzen Geschehnisse um Benny nagten einfach in den letzten Wochen sehr an mir. Mein Hausarzt gab mir die Empfehlung, mich in psychologische Behandlung zu begeben, wenn es mir weiter so schlecht ging, weil er den Verdacht hatte, dass ich eine Depression hatte. Ich sah seine Einschätzung wie er, gleichzeitig war mein Stolz so groß, dass ich versuchte, mein Leben wieder allein in den Griff zu bekommen. Mama legte mir auch schon nahe, mir vielleicht Hilfe zu suchen, ich sah ihre Sorgen um mich immer deutlicher. Als ich am Ende des Schultages auf dem Bahnsteig stand und auf die Bahn wartete, kam Marc auch auf den Bahnsteig. Wir schauten uns intensiv an und er lächelte mir einmal kurz zu, ohne aber zu mir zu kommen und mit mir zu sprechen. Ich lächelte kurz zurück und wünschte mir so sehr, dass er zu mir kam. Der Schmerz war direkt wieder da. Vor allem wunderte ich mich, dass er bei unserer Rückfahrt immer wieder meinen Blick suchte. Wir saßen im selben Waggon. Traute er sich nicht? Als ich Marc sah, hatte ich direkt auch Sandra vor Augen. In den letzten Wochen hatte ich einige Sachen über sie erfahren. Ich fragte mich, ob Marc all diese Dinge von Sandra wirklich bekannt waren. Einige erzählten, dass sie definitiv mit einigen Männern bereits im Bett war. Wollte er so jemand wirklich als Freundin haben? Wie hatte sich Marc in den letzten Monaten verändert? Und was war eigentlich mit seinem Interesse an Julia? War er plötzlich zum Aufreißer mutiert? Beim Aussteigen trafen sich Marcs und mein Blick wieder und er nickte mir leicht zu, was er offenbar als Verabschiedung verstand. Ich wurde aus Marcs Verhalten auf jeden Fall nicht schlau. Seine Signale waren missverständlich.

Abends ging es mir wieder richtig dreckig und ich fühlte mich einsam. Ich wollte Tim nicht schon wieder anrufen, ich hatte in den letzten Wochen so oft seine Hilfe und Zeit beansprucht. Tim war definitiv genervt von mir, aber er nahm sich immer wieder Zeit für mich und opferte sich für mich auf, wofür ich ihm so unendlich dankbar war. Auch, dass er Pläne schmiedete, obwohl die Situation um Marc und mich ausweglos erschien, war einfach etwas, das ich ihm, egal, wie das alles ausging, niemals vergessen würde. Mir war klar, dass ich ihm irgendwann im gleichen Umfang helfen wollte.

Die Nacht war richtig schlimm. Ich schlief viel schlechter als in den ganzen letzten Wochen. Obwohl es in meinem Zimmer richtig kühl war und ich sogar nachts das Fenster aufließ, schwitzte ich in der Nacht mehrfach. Mein Herz raste mehrfach. Als ich morgens aufstand, fragte ich mich, wie lange ich das noch aushalten wollte.

Marc erzählt:

Die Person schrie zu uns nach unten: „Marc!“ Ich zuckte völlig zusammen, weil ich nicht damit rechnete, dass die Person meinen Namen kannte. Als ich genau hinschaute, stellte ich mit einem riesigen Schock fest: Es war Janine!

Mir drehte sich der Magen um, mir wurde schlagartig schlecht. Ich wusste, warum Janine da oben war. Ich wusste, dass es mit unserer Trennung zusammenhing. Ich schüttelte den Kopf und mir schossen die Tränen in die Augen, weil ich Angst hatte, dass sie da wirklich heruntersprang. Das wollte ich nicht. Ich brüllte verzweifelt hoch: „Janine!“ Sie ging dem Rand des Daches ein Stück näher und ich brüllte: „Halt!“ Ich ging direkt zur Wand des Gebäudes, obwohl mich alle davon abhalten wollten, die wenige Meter von dort entfernt standen. Einzelne sagten zu mir, ich solle nicht näher herangehen, nicht, dass mir auch noch was zustieß, falls Janine wirklich springen würde. Ich rief zu Janine: „Hey… Geh wieder in das Gebäude, ok?“ – „Wird alles wieder so, wie es vorher war?“ – „Wir können über alles reden, was damals passiert ist, aber geh bitte wieder ins Gebäude, okay?“ – „Wird es so wie früher, ja oder nein?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es zwickte in meinem Innern, ich hatte Angst. Ich hatte pure Angst, dass sie sprang. Sie konnte doch nicht ihr Leben wegen mir beenden! Ich würde diese Narbe mein Leben lang mit mir tragen, wenn sie ihr Leben beenden würde. Ich war daran schuld! Ich wollte und konnte das nicht zulassen! Ich musste etwas tun! Ich rief zu Janine nach oben: „Ich komme gleich nach oben, ist das in Ordnung?“ – „Möchtest du das wirklich?“ – „Ja, ich komme nach oben. Warte auf mich bitte!“ Ich rannte in das Haus und die Treppen nach oben. Meine Tasche ließ ich draußen einfach liegen. Ich kam ebenfalls oben auf dem Dach an. Dort stand sie an der gleichen Stelle wie zuvor. Sie war nahe am Rand. Ich wollte sie abhalten. Ich musste es schaffen, ihr näher zu kommen. Ich musste es schaffen, sie von dem Rand wegzubringen. Und wenn es mit Körperkraft war, aber es musste gehen, sie dort wegzubekommen. Sie meinte mit Tränen in ihren Augen: „Wird alles wieder so wie damals?“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich war in Sandra verknallt, aber ich hatte auf eine gewisse Art auch Gefühle für Janine. Ich durfte jetzt nicht ehrlich sein, ich durfte es einfach nicht!

„Komm her zu mir und gib mir deine Hand. Wir gehen nach unten und reden über alles, okay?“ – „Ich will eine Antwort von dir!“ – „Lass uns schauen, ob die Zukunft etwas für uns bringt. Aber dazu komme bitte her.“ Ich hielt die Hand in ihre Richtung. Sie konnte sie nur greifen, wenn sie einige Meter zu mir kam. Die Höhenangst, die ich in diesem Moment hatte, unterdrückte ich vollständig. In diesem Moment hatte einfach nichts eine Bedeutung, nur Janine war wichtig. Sie sollte unter allen Umständen zu mir kommen. Stattdessen stellte sie sich noch näher an den Rand und drehte ihm den Rücken zu. Sie schaute mich an und weinte heftig. Ich ging langsam ein paar Schritte näher. Sie sagte leise: „Du lügst doch sowieso, du willst doch gar nicht mehr mit mir zusammen sein.“ Ich war schon in ihrer direkten Nähe, als sie sich nach hinten fallen ließ. Ich schrie los und rannte zum Rand… Ich sah sie fallen und musste ihren Aufprall mitansehen… Sie bewegte sich nicht mehr. Ich brüllte: „Nein!“ Ich war so fertig, dass ich ins Gebäude rannte. Vermutlich war ich noch nie in meinem Leben so schnell, wie in diesen Momenten. Ich drängelte mich an allen vorbei, die um einen Kreis um Janine gebildet hatten. Ich schlug eine Person richtig zur Seite, um zu Janine durchzukommen. Janine lag schwerverletzt auf dem Boden und ich sah, wie sie röchelte. Dieser Anblick gab mir endgültig den Rest, dass ich direkt nach dem Anblick zusammenklappte und mir schwarz vor Augen wurde. Das letzte Gefühl, welches in mir ausgelöst wurde, bevor mir schwarz vor Augen wurde, war vor allem eins: Angst.

Janine erzählt:

Diese Nacht war für mich die reinste Hölle. Völlig übermüdet und erschöpft traf ich morgens auf Mama, die sofort ansah, wie schlecht es mir ging. „Ich habe in der Nacht richtig schlecht geschlafen, sodass ich in der Nacht mehrfach geschwitzt habe. Dabei war mir eigentlich gar nicht warm, Ich weiß auch nicht, warum. Ich bin einfach völlig fertig.“ – „Willst du heute nicht lieber zu Hause bleiben?“ – „Ich weiß nicht. Ich will eigentlich ungern den Stoff verpassen.“ – „Verstehe ich. Aber ein Tag wird dich nicht aus der Bahn werfen. Selbst wenn dein Abitur ein bisschen schlechter werden sollte, wirst du garantiert trotzdem alles erreichen, was du dir vorgenommen hast.“ – „Da hast du Recht. Ich glaube, ich bleibe heute wirklich den Tag zu Hause.“

Marc erzählt:

Ich hörte eine Stimme: „Hey, hey.“ Ich öffnete die Augen und fand mich in meinem Zimmer vor. Petra stand vor mir und meinte: „Du hast ganz schön laut rumgebrüllt. Da bin ich lieber reingekommen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist.“ – „Ich hatte einen fürchterlichen Alptraum.“ – „Was war denn los?“ – „Ich habe eben gerade miterlebt, dass Janine Suizid begangen hat.“ – „Du hast was?“ – „Ja, kein Scherz. Ich weiß nicht, wieso ich das geträumt habe. Ich habe nur gesehen, dass Janine gestern ziemlich schlecht aussah… körperlich.“ – „Oh weh, aber es ist doch alles gut. Lege dich am besten wieder schlafen.“ – „Wie spät ist es?“ – „Es ist gerade halb drei.“ – „Oh, okay. Gute Nacht.“ – „Dir auch.“ Ich blieb bei angeschaltetem Licht noch eine Weile auf meinem Bett liegen. Nach diesem Schreck konnte ich definitiv eine Weile lang nicht schlafen. Ich lag mit offenen Augen da. Was war dies für ein schrecklicher Albtraum? Ich wusste nicht, was er zu bedeuten hatte. Hatte mir mein Verstand nur einen fürchterlichen Streich gespielt? Wollte mir der Traum damit etwas sagen? Konnte das Geträumte vielleicht bald passieren?

Eine Weile später schlief ich wieder ein und wurde zur normalen Zeit, wenn ich zur Schule ging, wach. Ich hatte Schiss davor, in die Schule zu gehen. Klar ging ich dort hin, aber ein wirklicher Wille war nach der Nacht nicht da. In der Schule war nichts von dem, was ich geträumt hatte, wahr geworden. Ich erzählte Tim von dem beunruhigenden Traum, und er wusste auch nicht, was man daraus schließen konnte. Ich sprach ihn auch direkt auf Janine an und erzählte ihm meinen Eindruck, den ich am Vortrag gewonnen hatte. Er stimmte meiner Sichtweise zu, dass es Janine sehr schlecht ging. Er meinte auch, dass es wohl an der Trennung lag. Als er dies aussprach, bekam ich wieder gehörige Angst. Janine sprang in dem Traum, weil ich mich von ihr getrennt hatte. Es gab für sie keine Aussicht. Es passte genau.

Tim riet mir logischerweise nicht, mit Janine zu reden, weil es das Ganze vielleicht noch schlimmer machen konnte. Er wollte zwar keinen Teufel an die Wand malen, aber Fakt war, dass es Janine nicht gut ging. Genauso sicher war es auch, dass ich der Hauptgrund dafür war. Ich bat ihn darum, dass er sich vielleicht in Zukunft um Janine kümmern könnte. Ich wollte verhindern, dass das passierte, was sich in meinem Traum angedeutet hatte. Er entgegnete mir auf meine Frage hin, dass er sich sowieso die ganze Zeit um Janine kümmerte und die ganze Zeit ein Auge auf sie hatte. Gleichzeitig erzählte er mir, dass Janine in dieser Nacht wohl auch sehr schlecht geschlafen hatte und daher heute zu Hause blieb, damit sie den Schlaf nachholen und zur Ruhe kommen konnte.