Fehltritt
Ohne Rücksicht auf Verluste drehte ich mich um, schob mich zwischen den paar Freunden von Jeremias durch, die mich glücklicherweise alle durchließen und nicht aufzuhalten versuchten. Dass ich mich mit dieser Prügelei neben möglichen Verletzungen vor allem in wirkliche Schwierigkeiten gebracht haben konnte, blendete ich in diesen Momenten einfach aus. Ich verließ zügig die Wohnung und rannte regelrecht die Treppen herunter. In meiner größten Gehgeschwindigkeit verließ ich die Straße, in der Jeremias wohnte.
Ich lief eine gefühlte Stunde – real konnten es nur zwei bis drei Minuten gewesen sein -, als ich laute Rufe von Janine hörte. Ich blieb nicht stehen, ich ging einfach immer weiter. Janine holte mich ein und griff meinen Arm, sodass sie mich zum Anhalten zwang. Ich schaute sie an und sie meinte: „Aber, aber… das geht doch nicht!“ Sie schaute mich mit Tränen in den Augen an. „Wieso sollte das nicht gehen?“, fragte ich sie in hoher Lautstärke. „Mensch, Bärchie, ich liebe dich doch!“ – „Und wieso küsst du Jeremias?! Das hat ja wohl kaum was mit Liebe für mich zu tun!“ – „Ich… es ist gerade einfach passiert… Ich wollte das nicht! Hast du nicht gesehen, dass ich ihn weggestoßen habe?“ – „Wenn du mich wirklich lieben würdest, hättest du dich eben nicht darauf eingelassen!“ Ich hörte an ihrer Stimme, dass sie getrunken hatte, aber es interessierte mich nicht, dass sie dadurch vielleicht etwas lockerer geworden war oder sich nicht mehr allzu gut unter Kontrolle halten konnte. Sie weinte hemmungslos und so sehr, wie ich es noch nie erlebt hatte. Mit brüchiger Stimme schrie sie regelrecht: „Marc, wir haben eine so schöne Zeit miteinander verbracht, das können wir doch nicht einfach so hinschmeißen!“ – „Ich wollte es nicht wegwerfen, aber mit deinem Verhalten in der letzten Zeit provozierst du ja nichts anderes!“ – „Bärchie…“ Sie kam mir näher und wollte mich küssen, doch ich blockte es – zutiefst verletzt – ab. „Ich möchte, dass wir uns nicht trennen! Marc, ich liebe dich! Nur dich! Jeremias ist ein mieses Arschloch! Ich will nichts von ihm!“ Sie schluchzte, doch in diesen Momenten ließ mich das fast so gut wie kalt. Abschließend sagte ich nur noch: „Ich muss das alles erst mal verarbeiten. Das war zu viel jetzt. Eins ist aber für die nächste Zeit klar: Unsere Beziehung ist zu Ende.“ Ich drehte mich von Janine weg und ging weiter die Straße entlang. Sie brüllte laut „Nein!“ und ich hörte, wie sie schluchzte. Mich ließ das in diesen Momenten absolut kalt. Kaum, dass ich eine Minute stur weitergelaufen war, rannte Janine mir wieder hinterher. Leider bekamen das jetzt einige Leute, die ebenfalls an der Straße entlangliefen, mit. Janine überholte mich schnaufend und schluchzend und stellte sich mir in den Weg. „Schatz, nein! Hör mir zu, verdammt noch mal! Ich liebe dich wirklich! Marc, das weißt du! Ich will nichts von diesem Arschloch! Er hat mir den Kuss einfach aufgedrückt!“ Ich schaute sie absolut kalt an, mir waren in diesen Momenten jegliche Gefühle regelrecht abgestorben. Sie kam mir einfach nah und drückte mir einen Kuss auf. In meiner Intuition ließ ich diesen Kuss leider zu, ohne ihn aber zu erwidern. Ich schob sie vorsichtig, aber bestimmt von mir weg und meinte: „Janine, hör auf damit jetzt. Mein Entschluss steht fest. Es reicht jetzt. Lass mich jetzt durch.“ Sie hinderte mich immer wieder daran, an ihr vorbeizugehen. Ihr Schluchzen war vermutlich Dutzende Meter weit zu hören. „Bitte trenne dich nicht von mir! Man Marc, wir können das doch nicht wegwerfen!“ Ich antwortete erstaunlich ruhig: „Ich habe dich so oft beschützt, so oft gewarnt, so oft gehofft, so oft hingenommen, ich kann einfach auch nicht mehr.“ – „Man Marc, wir kriegen das hin! Ich gehe nie wieder zu einem Treffen von denen, versprochen!“ – „Das kann ich dir leider nicht glauben.“ – „Man, Marc, bitte!“ Sie hinderte mich erneut daran, wegzugehen, sodass mir der Kragen platzte und ich sie mit fast maximaler Lautstärke anbrüllte: „Janine, hör auf jetzt! Es reicht!“ Janine war plötzlich richtig fassungslos, dass ich so mit ihr umging. Ich ging endlich an ihr vorbei und ließ sie einfach stehen, weil ich weiterhin eiskalt war. Als ich an einem Pärchen vorbeiging, das ungefähr im Alter von Janine und mir war, hörte ich, wie die junge Frau mich verbal leicht angriff: „Du kannst doch so mit deiner Freundin nicht umgehen!“ Darauf antwortete ich sehr kühl: „Ex-Freundin. Und was ihr einfach nicht wisst, ist, dass sie mich gerade betrogen hat und ich sie dabei erwischt habe.“ Ich ließ die beiden stehen, weil sie selbst nicht mehr wussten, was sie darauf entgegnen sollten. Ich lief einige Hundert Meter weiter, als Tim mich plötzlich einholte. Er war offenbar die Strecke ziemlich gerannt und ging nun gemeinsam mit mir. Wir sagten eine lange Zeit über nichts, wofür ich ihm auch sehr dankbar war. Er fragte mich später: „Bist du dir sicher?“
Auf seine Frage hin fing ich an, zu weinen. Die Tatsache, dass ich sah, wie Jeremias Janine geküsst hatte, verletzte mich sehr. Ich kam darüber nicht hinweg. Irgendwie hatte ich es lange Zeit geahnt. Ich wollte es nicht glauben, dass er sich an sie heran gemacht hatte. Dass er die Möglichkeit ausnutzen würde, wollte ich die ganze Zeit nicht glauben. Mein Irrtum kam mir nun teuer zu stehen. Ich war maximal enttäuscht von Janine. Es tat mir einfach weh, zu sehen, wie die beiden sich küssten und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Die Entscheidung, die Beziehung zu Janine zu beenden, war eine Spontanreaktion. Über die Endgültigkeit der Entscheidung war ich mir nicht sicher, auch wenn ich ihr anderes gegenüber behauptete. Vor allem deshalb, weil Janine weiterhin zu mir hielt, war ich mir nicht sicher. Aber gewissermaßen fand ich es richtig, diesen Schritt so zu vollziehen. Janine hatte in den letzten Monaten meine verzweifelten Hilfeschreie nicht vernommen oder wollte sie nicht hören und nun bekam sie eben die Quittung dafür.
Minutenlang schwieg ich zu der Frage und ich sagte zu Tim: „Ich weiß es nicht. Irgendwie schon. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Der Kuss war der ultimative Verrat.“ – „Marc, sie hat ihn leicht weggeschoben, weil sie das nicht wollte.“ – „Ich weiß, ich habe das auch gesehen. Aber trotzdem ist das für mich ein Verrat. Sie kann mir nicht sagen, dass sie nicht wusste, was für Motive er hat. Sie hat so viel Zeit mit all den Idioten verbracht, dass sie doch irgendwann wissen musste, wenn er mehr von ihr wollte.“ – „Ja, damit hast du sicher Recht. Aber findest du nicht, dass du womöglich zu hart reagiert hast?“ – „Ich weiß es, wie gesagt, nicht. Es tut einfach scheiße weh, Tim. Und abgesehen davon finde ich, dass sie einfach viel zu spät reagiert hat. Sie hat sich erst auf den Kuss eingelassen und ihn erst danach weggeschoben.“ Tim schwieg darauf, weil er wusste, dass ich Recht hatte. „Hey. Du weißt, ich werde immer zu dir, aber auch zu Janine halten. Und ich finde es nicht in Ordnung, wie du sie gerade auf der Straße behandelt hast. Du hast sie richtig zusammengebrüllt. Das macht man nicht. Ob sie gerade fremdgeküsst hat oder nicht.“ – „Na ja, wundert-“ Er unterbrach mich, was er wirklich äußerst selten tat. „Marc, das geht gar nicht. Dass du dich trennst, ist deine Entscheidung, dagegen kann keiner was sagen. Aber so mit ihr umzugehen, ist einfach richtig scheiße.“ – „Willst du dich jetzt auch noch mit mir anlegen?“ – „Nein, man! Außerdem kannst du einfach scheiße froh sein, wenn zumindest Jeremias sein Wort hält und dich nicht anzeigt.“ – „Soll ich ihm jetzt noch dankbar sagen, nachdem er meine Freun… Ex-Freundin einfach geküsst hat?“ – „Nein, aber aufs Maul hauen ist auch keine Lösung! Das kann dich so richtig in Probleme bringen!“ – „Sei mir nicht böse, aber dafür habe ich gerade wirklich überhaupt keinen Nerv.“ – „Ich penne heute bei dir. Einverstanden?“ – „Nein, ich komme schon allein klar. Ich brauche Zeit zum Nachdenken.“ – „Ich bleibe heute bei dir, damit du nicht noch auf mehr dumme Gedanken kommst.“ – „Hast du meine Trennung als dumme Idee bezeichnet?“ Ich fuhr schon wieder hoch, auch wenn ich mir immer wieder vor Augen führte, dass mein bester Freund nun wirklich absolut gar nichts dafür konnte. „Nein, jetzt beruhige dich, das ist deine Entscheidung. Aber ich habe keine Lust, dass du noch deine Wohnung auseinandernimmst oder noch wem eine verpasst.“ – „Das passiert nicht, keine Sorge. Meine Wut habe ich an diesem Penner ausgelassen.“ Tim schaute mich zweifelnd und maximal überfordert an. „Hey komm, ich schlafe bei dir. Du kannst dich noch die Nacht über auskotzen, wenn dir das hilft. Morgen siehst du wieder ein bisschen klarer.“ – „Danke, aber nein. Ich laufe jetzt noch nach Hause, um meine Gedanken zu sortieren.“ – „Bist du sicher? Um die Zeit? Das sind zig Kilometer.“ – „Ja, ich brauche das jetzt. Meinetwegen kannst du mitkommen, wenn dich das etwas mehr beruhigt.“ – „Ja, ich komme mit.“
Wir liefen los und schwiegen uns wirklich sehr lange an. Er versuchte zwar das Gespräch auf Janine zu lenken, aber ich blockte immer wieder ab. Ich wusste, dass Tim mir helfen wollte, aber das brachte mich gerade nicht weiter und brauchte ich nicht. Wir liefen eine ganze Weile, bis ich doch die Nase voll hatte und mit der U-Bahn nach Hause fuhr. Er brachte mich noch bis zur Haustür und blieb beharrlich. Er fragte: „Soll ich bei dir übernachten? Das ist kein Problem.“ Ich meinte sehr leise: „Nein… es ist schon okay. Du kannst ruhig nach Hause gehen, musst jetzt nicht wegen mir extra hierbleiben.“ – „Ich habe damit kein Problem.“ – „Nein, es geht wirklich, mach dir um mich keine Gedanken.“ – „Das tue ich aber. Ich verstehe, wie du dich fühlst.“ In diesem Moment musste ich mich erneut zurückhalten. Ich sagte in normaler Lautstärke: „Glaub mir, das kannst du nicht wissen. Im Gegensatz zu mir wurdest du nicht betrogen.“ Er war darauf still, weil er auch nicht wusste, was er dazu noch sagen sollte. Wir verabschiedeten uns und ich ging in den Hausflur. Glücklicherweise war es ein Zeitpunkt, an dem so gut wie kein Betrieb mehr war. Um möglichst für mich zu bleiben, ging ich in das Treppenhaus und setzte mich auf unserer Etage – der dritten – auf eine der Stufen. Ich ließ alles, was in den letzten Stunden passiert war, Revue passieren. Das Szenario, bei dem ich sah, wie Janine und Jeremias sich küssten. Der Schmerz war nicht nur geistig vorhanden, es zog regelrecht an meiner rechten Seite. Ich fing an, stärker zu weinen. Es verletzte mich tief. Ich war zu nichts mehr imstande. Wie lange ich da saß, wusste ich nicht. Das Licht ging nach wenigen Minuten aus – ich ließ es so. Während ich dort saß, wurde auf einmal das Licht wieder angeschaltet. Es kam ein junger Mann aus den oberen Etagen hinunter – die Person kannte ich nicht -, der mich komisch anschaute, als er an mir vorbei die Treppen herunter ging. Nach ein paar Stufen blieb er stehen und fragte mich, ob alles in Ordnung war, worauf ich ihm dies bestätigte und er nach einer kurzen Verunsicherung weiter ging. Direkt danach stand ich auf und ging die wenigen Meter bis zu meiner Wohnung.
Ich machte mich gar nicht erst im Bad irgendwie fertig und ging direkt in mein Zimmer. Ich legte mich mit Klamotten in mein Bett, weil ich einfach nur erschöpft war. Petra hatte mich vermutlich nicht gehört, da sie in ihrem Zimmer höchstwahrscheinlich schon schlief. In meinem Bett lag ich mit geöffneten Augen und schaute im Dunkeln meine Zimmerdecke an. Ich war über meine eigene Reaktion überrascht und machte mir langsam Vorwürfe, dass ich zu übereilt mit Janine Schluss gemacht hatte. Allerdings gab es auch in mir die andere Seite, die sagte, dass es das Richtige war. In mir war ein regelrechter Kampf zwischen zwei Seiten und wie mein Gefühl sagte, hatte die Seite der Trennung gewonnen. An diesem frühen Morgen lag ich extrem lange wach. Immer und immer wieder spielte sich das Geschehen vor meinem inneren Auge ab. Vor Erschöpfung schlief ich irgendwann ein.
Am Sonntag stand ich gegen zwölf auf. Kaum, dass ich in die Küche kam und sie relativ leise grüßte, fragte sie mich: „Und, warst du lange noch mit Tim draußen?“ – „Wir waren noch eine ganze Weile unterwegs, ja. Ich weiß nicht, wie spät es war. Aber in jedem Fall nach Mitternacht.“ – „Ah, ok.“ Als ich die Küche gerade mit etwas zu essen verlassen wollte, fragte sie: „Wann bist du denn letzte Nacht schlafen gegangen?“ – „Wieso?“ – „Na ja, du siehst alles andere als gut aus… total fertig.“ – „Na ja, ich habe mich zwar gleich schlafen gelegt, als ich kam, aber ich konnte lange nicht schlafen.“ – „Und wieso das?“ Ich war für einige Sekunden still, weil ich nicht wusste, ob ich erzählen sollte oder nicht. Sie fragte erneut: „Erzähl ruhig. Was ist los?“ – „Janine und ich… Wir beide… Wir sind nicht mehr zusammen.“ Sie schaute mich sehr erstaunt an und meinte: „Oh, davon wusste ich gar nichts. Hey, Kopf hoch. So was muss fast jeder leider durchmachen… Wenn du Redebedarf hast, sag mir Bescheid. Ich höre dir gerne zu.“ Ich nickte nur betrübt, gab ihr ein wirklich ehrliches Danke und ging in mein Zimmer. Ich war froh, dass sie mich nicht gefragt hatte, wieso denn zwischen Janine und mir Schluss war. Das schätzte ich wirklich sehr an ihr.
Ich aß mein Essen und versuchte mich mit dem Fernsehen abzulenken, was mir kaum gelang. Ich dachte die ganze Zeit an das Geschehen von gestern und an meine spontane Entscheidung. Zum ersten Mal dachte ich aber auch daran, was ich getan hatte. Na klar, die Trennung war hart und schmerzvoll, aber ich hatte Jeremias verletzt und musste eigentlich noch Schlimmeres befürchten. Ich hatte plötzlich Angst vor… mir selbst. Seit wann war ich denn so aggressiv? Wollte ich einfach nur Janine verteidigen? Warum hatte ich denn so heftig reagiert? Klar, ich war tief verletzt… aber würde ich jetzt immer so ausrasten, wenn mich etwas tief verletzte? Damit brachte ich mich in massive Schwierigkeiten, wenn ich auch weiterhin in krassen Ausnahmesituationen so reagieren würde. Bei allem Schmerz, den ich durch meine eingeleitete Trennung und das Fremdküssen von Janine hatte, verstand ich mich vor allem einfach nicht mehr.
Mein Smartphone klingelte plötzlich. Die Nummer war unterdrückt. Sie würde doch nicht etwa…? Sehr leise hörte ich nach dem Abnehmen: „… Marc?“ Ich legte kompromisslos auf. Die Wunde war sofort wieder vollständig aufgerissen, ganz unabhängig davon, dass sie eigentlich überhaupt nicht verheilt war. Es tat mir einfach zu sehr weh, als dass ich bereits mit ihr reden konnte. Ich wusste sowieso nicht, ob ich irgendwann mit ihr darüber vernünftig sprechen konnte.
Das Smartphone schaltete ich nach diesem Anruf aus. Es trieb mich irgendwie nach draußen, die Decke drohte mir auf den Kopf zu fallen. Allein ging ich zu einem Spaziergang. Ich ging dabei noch einmal an den Ort des Geschehens – ich fuhr und lief an Jeremias‘ Haus vorbei. In meinem Gehirn spielte sich alles ein zweites Mal ab… Es war für mich grausam, aber gewissermaßen half mir der Besuch des Ortes bei der allerersten Bewältigung. Ich lief die Strecke entlang, die ich von dort weglief und in der Janine mir folgte. Mir liefen dabei die Tränen, als ich mir in Erinnerung rief, wie Janine um mich gekämpft hatte – und trotzdem verlor. Aber gleichzeitig hätte sie diesen Kampf niemals auslösen müssen, wenn sie sich nicht dazu hätte hinreißen lassen, den Kuss mit Jeremias zuzulassen, auch wenn sie sich direkt von ihm löste, als sie bemerkte, was da gerade passierte und was er ausnutzte.
Ich war etwas mehr als drei Stunden draußen, bis ich nach Hause fuhr. Als ich vom Aufzug in den Flur hineintrat und in Richtung Wohnungstür schaute, rutschte mir das Herz in die Hose: Janine stand da und unterhielt sich gerade mit Petra an der Tür. Ich wollte gerade stoppen und mich leise rückwärts aus dem Staub machen, als sich Janine durch meine Geräusche zur Seite drehte und mich plötzlich sah. Unsere Blicke trafen sich locker zwei, vielleicht auch drei Sekunden, es war eine Ewigkeit. In meinem Innern zerriss direkt wieder alles. „Marc, warte bitte!“ Sie rief richtig laut den Flur entlang, obwohl sie nur wenige Meter von mir entfernt stand. Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte in Richtung Treppenhaus. Ich bekam mit, dass Janine mir folgte. Im Treppenhaus wusste ich nicht, wohin, sodass Janine mich einholte. „Marc! Warte!“ Direkt schluchzend rief sie mir laut hinterher, als ich die ersten Stufen nach unten nahm. Ich blieb stehen. Meine Gefühle für sie waren natürlich noch da und brachten mich zum Stehen. Ich schaute die halbe Etage nach oben und sie sah völlig am Ende aus. Natürlich hatte ich Mitleid, man, ich liebte sie natürlich auch weiterhin, aber mein Kopf sagte, dass es so einfach nicht mehr weitergehen konnte. „Man Marc, wollen wir nicht sprechen? Uns zusammensetzen? Reden?“ Sie brüllte mir regelrecht entgegen: „Ich liebe dich! Niemand anders!“ Ihr flossen reihenweise Tränen hinunter, mir ging es nicht anders. Sie kam die letzten Stufen zu mir hinunter und wollte mich umarmen, doch ich blockte sie ab. Es schmerzte einfach nur extrem. „Nein, stoß mich nicht weg! Du bist mein Ein und Alles!“ Ich schüttelte einfach nur den Kopf und sagte selbst mit Tränen in den Augen ziemlich ernst: „Das muss jetzt aufhören, das geht einfach nicht mehr. Es geht mir einfach nicht mehr gut.“ Ich ließ sie stehen und ging wieder nach oben. Als ich die Tür zum Flur öffnete, hörte ich einen massiven Schrei und danach ein gewaltiges Schluchzen. Das sorgte wohl für die schwersten emotionalen Schmerzen, in der Intensität knapp weniger als nach dem Tod meiner Eltern. Es schüttelte mich massiv durch, aber ich blieb standhaft und ging in die Wohnung, ohne nachzuschauen, was Janine machte.
Petra sah mich entsetzt an, als ich die Wohnung betrat. Es war eine Mischung aus Mitleid und Sorge, aber sie war wirklich taktvoll: Sie wiederholte nur ihr Angebot, dass ich jederzeit mit ihr reden könne, wenn ich wollte. Ich ging direkt in mein Zimmer und lenkte mich mit massivem Frust und unter zahlreichen Minuten, in denen ich hemmungslos weinte, mit Hausaufgaben ab. Die Qualität meiner Hausaufgaben war mir gänzlich egal, aber ich musste sie irgendwie machen. Aufgrund der großen Menge zog sich die Bearbeitung über zwei Stunden hinweg und ich konnte mich minimal von den letzten Geschehnissen ablenken. War Janine womöglich immer noch im Treppenhaus? Sollte ich ihr nicht doch eine Chance zum Reden geben? Aber was brachte das, wenn ich wusste, dass ich ihr niemals das verzeihen konnte, egal, was sie sagte?
Am Abend wurde mir bewusst, dass ich am morgigen Tag Janine in der Schule begegnen würde. Um diese Begegnung kam ich wohl nicht herum, sofern sie und ich uns nicht getrennt voneinander in den gemeinsamen Stunden setzten. Mir wurde klar, dass nun das Schwierigste auf mich zukam. Ich musste damit klarkommen, dass ich mehrere Stunden am Tag mit meiner Ex-Freundin einen Raum teilte. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wie ich das schaffen sollte, ohne großartig eine emotionale Reaktion zu zeigen. Ich hatte wirklich Sorge dafür, dass mich das so richtig zerstören würde. In den Stunden, in denen Tim auch mit dabei war, hoffte ich, dass ich mit ihm zumindest einen Platztausch vornehmen konnte, sodass ich nicht mehr neben Janine sitzen musste. Da es meistens in den verschiedenen Räumen noch freie Plätze gab und die Sitzordnung nie vorgegeben war, ergab sich zumindest die Möglichkeit, dass Janine und ich getrennt voneinander sitzen konnten. Nur stellte sich die Frage, wer sich wegsetzen sollte.
Auch an diesem Abend schlief ich erst sehr spät ein. Vermutlich war es Mitternacht gewesen. Am nächsten Morgen folgte ich meinem Ablauf, wie sonst immer auch. Ich zwang mich dazu, etwas schneller als sonst zu sein, um möglichst vor Janine zur Schule fahren zu können. Glücklicherweise schaffte ich es auch, ein paar Minuten früher bei der U-Bahn zu sein und damit eine Bahn früher zu bekommen, als ich sonst mit Janine immer bekam. Ich wollte möglichst wenig auf sie treffen.
Ich war um kurz nach halb acht da, das war vergleichsweise sehr früh. Als ein Kurskamerad von mir kam und dieser den Schlüssel für den Raum der ersten zwei Stunden hatte, konnte ich zumindest im Raum warten, bis mich mein ungutes Gefühl noch einholen würde, sofern Janine nicht krank zu Hause bleiben würde. Als einige aus dem Kurs bereits anwesend waren, lenkten die mich eigentlich ganz gut ab und brachten sogar ein wenig gute Laune, bis Janine in den Raum trat. Die gute Laune bei den anderen hielt an, selbst wenn ich verstummte und einen schmerzvollen, kurzen Blick zu Janine warf. Es war verdammt komisch. Sie hatte sich – ungewöhnlich dafür, wenn sie in die Schule ging – wirklich sehr herausgeputzt und gefiel mir einfach total. Es war ein absolut durchgeknalltes Gefühl. Sie gefiel mir und erregte mich extrem, selbst wenn meine Trauer und meine Enttäuschung die Oberhand behielten.
Als sie sich neben mich setzte, wünschte sie mir einen guten Morgen. Ohne sie anzuschauen, wünschte ich ihr das auch. Meine Gefühle spielten total verrückt. Es fiel mir schwer, alles unter Kontrolle zu halten. Meine Gefühle für sie waren natürlich da – wir waren so lange zusammen, wurden intim miteinander, diese Erfahrungen gingen nie wieder weg -, aber auch die Gefühle der bitteren Enttäuschung machten sich sehr breit.
Janine redete mit mir im Laufe des Tages nicht. Die Blicke zwischen ihr und mir trafen sich mehrere Male flüchtig. Jedes Mal schmerzte diese Wunde gewaltig. Auch die Kameraden aus unserem Kurs bemerkten natürlich schnell, dass etwas zwischen uns überhaupt nicht stimmte. Sie waren zumindest so diskret und sprachen uns nicht darauf an, was ich wirklich sehr korrekt fand.
Mein Tag war schulmäßig auch wieder die Hölle und auch im Sport war ich kaum auf der Höhe, weil ich einerseits übermüdet, andererseits gedanklich völlig abgelenkt war. Wenige Minuten, nachdem ich die Sporthalle verließ und mich auf dem Nachhauseweg machte, bekam ich plötzlich einfach eine Nachricht von Janine: „Bis morgen, Bärchie. Ich wollte dir das vorhin noch sagen, ich habe dich aber leider in der Schule nicht mehr gesehen.“ Ja, das lag vor allem daran, dass ich bewusst etliche Umwege in Kauf nahm, um sie im Schulgebäude möglichst nicht zu treffen. Ich hielt mich von allen Punkten fern, an denen sie und ich sonst meist Zeit verbrachten, einmal verbrachte ich sogar freiwillig lange auf der Toilette, um die Pausenzeit herumbekommen zu können. Ich überlegte lange, ob ich überhaupt was schrieb und antwortete ihr recht spontan: „Bis morgen, Janine.“ Auf einen Smiley verzichtete ich dabei.
Als ich zu Hause ankam, wurde mir klar, dass es so nicht weiter gehen konnte. Ich musste einen Schlussstrich ziehen, damit ich mit meinen Gefühlen wieder irgendwie ins Reine kommen konnte. Wenn Janine weiterhin so tat, als würde eine Beziehung zwischen uns bestehen, konnte ich mit dem Thema nicht abschließen und in mir wuchs der Gedanke, dass es das einzig Richtige war.
Umso erstaunter war ich, als ich meine Hefter aus meiner Umhängetasche nahm und dort einen Umschlag von ihr fand. Sie hatte mir einen Brief geschrieben. Ich ließ ihn eine lange Zeit über ungeöffnet, weil ich nicht wusste, ob ich ihn lesen wollte. Am Abend dieses Montags entschloss ich mich letztlich doch dafür, den Brief zu lesen, um zumindest zu hoffen, dass ich danach ihre Motive verstehen konnte. Den Umschlag öffnete ich ganz sanft und fand mehrere Zettel vor, es war ein wirklich langer Brief.