Kapitel 35

Trauriges Schicksal

Ich konnte irgendwie verstehen, dass Petra nicht hierbleiben wollte. Es war ihre Mutter, die gestorben war und sie traf es noch deutlich härter als mich, obwohl ich auch regelmäßig Kontakt zu meiner Oma hatte. Aber gleichzeitig konnte sie mich doch jetzt nicht einfach allein lassen! Ich… war am Boden zerstört. Mir ging es genauso dreckig! Wie sollte ich denn in den nächsten Tagen auch nur einen klaren Gedanken hinbekommen?

Ich war fast völlig bewegungsunfähig, als ich auf diesem Sessel saß. Ich schaffte es nur noch in die Hocke auf dem Sessel und zog mich immer enger zusammen, während Janine mich die ganze Zeit einfach nur still umarmte und meine Tränen immer wieder wegwischte, die einfach nur am Purzeln waren. Ich hielt meine Trauer kein Stück zurück. Janine gehörte zu mir, ich schämte mich kein bisschen, dass sie mich so sah. Der Schmerz, der in mir war, drohte mich völlig zu zerstören. Beim Tod meiner Eltern hatte ich schon massiv gelitten, aber irgendwie war die Situation damals anders, ich konnte es nie in Worte fassen. Nachdem meine Familie schon so dezimiert war, wog dieser Verlust nun ungleich schwerer. Ich war so unendlich dankbar, dass Janine in diesem Moment da war. Ich vermutete, dass es für mich nicht gut ausgegangen wäre, wenn ich diese schwere Situation allein hätte überstehen müssen.

Janine flüsterte zu mir: „Das tut mir so unfassbar leid. Mensch, ich weiß gar nicht, wie ich dir helfen soll, ich würde so gerne etwas für dich tun…“ Erst durch Janine ging es mir ein ganzes Stückchen besser und ich wollte versuchen, an das Vorgefallene nicht zu denken, um Janine nicht auch so herunterzuziehen. Ich entgegnete ihr daraufhin, recht bruchstückhaft: „Du kannst mir… ja nicht wirklich helfen… sei einfach für mich da, wenn ich dich brauche… Ich liebe dich.“ Wir küssten uns kurz und Janine meinte: „Gib mir deine Hausaufgaben, ich mache die.“ Ich guckte sie darauf leicht entsetzt an, weil ich die Vermutung hatte, dass sie wieder nur an die Schule dachte. Darauf meinte sie entlastend: „Ich will, dass du Zeit für dich hast. Verstehst du?“ – „Ich verstehe schon… Du bist so unfassbar toll, danke.“ Janine wühlte in meiner Tasche herum und fand die Hausaufgaben für den nächsten Tag. Sie schaffte es immerhin, mich in mein Zimmer zu manövrieren, auch wenn sie mich beim Laufen wirklich stützte. Meine Beine knickten fast zusammen, so schlecht ging es mir. Ich saß auf meinem Bett und Janine drückte mir einfach mein Smartphone in die Hand. Ich schaute sie fragend an und sie sagte: „Wenn du magst, schaue dir die Videos von vorhin nochmal an. Die haben noch viel mehr lustige Videos gemacht. Ich glaube, sie könnten dir gefallen.“ Mir war zugegeben so gar nicht nach irgendwelchen albernen Videos, aber ich würdigte Janines Einsatz maximal. Ich schaltete, während sie meine Hausaufgaben machte und direkt neben mir auf dem Bett saß, mehrere Videos an, die dafür sorgten, dass ich wieder Tränen lachen musste. Allerdings konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob die Tränen wirklich vom Lachen oder nicht eher vom Schock um den Verlust meiner Oma kamen. Janine klinkte sich immer wieder ein und musste einfach selbst lachen, weil sie die meisten der Videos schon kannte und selbst jetzt immer wieder darüber lachen konnte. Beeindruckend fand ich, dass sie meine Hausaufgaben in einem Fach machte, dass sie selbst gar nicht mehr hatte. Ihre Leistungen in den Jahren zuvor waren aber einfach so klasse, dass sie die Thematiken einfach schon kannte und sich den Rest herleiten konnte. Ich übernahm mir abschließend Janines Antworten und Lösungen auf meine Arbeitsbögen, die ich ausfüllen musste.

Nach den Hausaufgaben kuschelten wir ein wenig, während wir fern schauten. Währenddessen rann mir immer wieder eine Träne herunter, weil mich das Fernsehen so gut wie gar nicht von dem Geschehen ablenkte. Janine bemerkte es jedes Mal und lenkte mich mit ihren Kuscheleinheiten ab. Als es Abend wurde, machten wir uns eine Pizza im Ofen. Mir ging es nicht mehr ganz so extrem schlecht, aber vom Zustand gut war ich auf jeden Fall meilenweit entfernt. Mir wurde bewusst, dass meine schlimmste Trauer wohl in den Momenten kommen würde, in denen ich allein sein würde. Um mich auch auf andere Gedanken zu bringen und einfach etwas mit ihr zu machen, schlug Janine vor, dass wir uns gegenseitig massieren könnten. Die Idee fand ich schön, weil Janine bisher immer nur mich massiert hatte und wir allgemein uns selten die Zeit für so was nahmen. Gleichzeitig war mir aber durch die Umstände überhaupt nicht nach einer Massage. Ich wollte ihr aber die völlig zerstörte Stimmung nicht noch weiter verderben und ließ mich darauf ein. Vielleicht war es auch gar nicht so doof, dass ich eine Beschäftigung bekam, sodass ich mit der Massage von Janine begann. Sie zog sich ungefragt ihr Oberteil aus, ließ ihren BH aber an, legte sich auf meinem Bett ausgebreitet hin und erlaubte mir, mich auf ihren Hintern zu setzen. Kurz fragte ich mich, ob das mit BH so richtig bequem war, aber ich traute mich auch nicht, sie darauf anzusprechen… Vielleicht, weil ich damit rechnete, dass sie sich ohne BH dort hinlegen könnte und mich das überfordern konnte.

Ich bemerkte in diesem Moment, dass ich noch nie jemanden massiert hatte. Ich machte einfach nach bestem Wissen und Gewissen Dinge nach, die Janine in den letzten Monaten mehrfach bei mir gemacht hatte und bemerkte, dass ihr das gefiel. Es gelang mir für den ersten Versuch ganz gut. Ich glitt mit meinen Händen über ihren Rücken, wendete ein wenig Kraft an, worauf ich bemerkte, dass sie bereits nach einer sehr kurzen Phase dahinsank. Selbst in der recht miserablen Situation konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, weil Janine an manchen Stellen etwas schnaufender atmete, was für mich darauf hindeutete, dass sie an diesen Stellen besonders empfindlich oder erregbar war. Ich hauchte ihr sogar einmal gemeinerweise in den Nacken hinein, ohne sie vorzuwarnen, worauf sie vor Schreck fast aufsprang.

Janine kümmerte sich anschließend um mich und hatte – nach meinem Gefühl her zu sprechen – die geborenen Hände fürs Massieren, weil sie es einerseits sehr sanft machte, andererseits aber auch genau an die richtigen Stellen traf, an denen ich besonders verspannt war. Dazu zählte vor allem mein Nacken, der höllisch wehtat und sich nach der Massage wirklich deutlich besser anfühlte. Es war ein wundervolles und vor allem entspanntes Gefühl, welches ich da beim Liegen hatte.

Erfreut musste ich zudem auch feststellen, dass sie es mit dieser Idee wirklich geschafft hatte, mich eine Zeit lang vollständig von Gedanken an meiner Oma fernzuhalten. Sie sollte dies nicht tun, das wollte sie genauso wenig wie ich, aber es war ein positiver Nebeneffekt von dieser ganzen Sache. Janine wusste, dass ich mit dieser Sache schwer zu kämpfen hatte. In diesem Fall allerdings hatte sie nun mehr Möglichkeiten als zuvor, mich zu trösten. Durch unsere gewisse Intimität war es möglich, dass wir andere Dinge als nur Umarmungen machen konnten: Dinge, mit denen sie mich ein wenig und kurzfristig auf andere Gedanken brachte. Janine sagte: „Ich wusste gar nicht, dass du so toll massieren kannst. Ich fand das echt schön.“ – „Ich ehrlich gesagt auch nicht. Das war das erste Mal, dass ich jemand massiert habe.“ Wir lächelten und Janine schlug vor, dass wir ins Bett gehen sollten, um nicht all zu müde in den nächsten Tag starten zu müssen.

Plötzlich klingelte mein Smartphone, weil ich mehrere Nachrichten bekommen hatte. Mein Vater hatte mir geschrieben! Er schrieb mir, dass er von meiner Oma gehört habe und sprach mir sein Beileid aus. Zusätzlich sagte er mir, dass er jederzeit für mich da war, wenn ich ihn oder jemand zum Reden brauchte. Er schlug zudem vor, dass wir am nächsten Tag miteinander telefonieren können, wenn wir wollten. Ich antwortete ihm, dass heute Janine bei mir war und mich zumindest trösten konnte. Dem Telefonat am nächsten Tag stimmte ich direkt zu und wir machten aus, dass wir nachmittags nach der Schule direkt miteinander sprachen. Ich war ihm echt dankbar, dass er mir so viel anbot, wenn ich darüber nachdachte, wie wenig wir uns in den letzten Monaten wirklich gesehen oder gehört hatten. Mein schlechtes Gewissen, den Kontakt mit ihm nicht sehr gepflegt zu haben, war auf jeden Fall da. Umso mehr überraschte mich diese kompromisslose Reaktion von ihm, einfach für mich da sein zu wollen. Sicher hatte Petra ihm gesagt, was passiert war, aber das änderte nichts an seiner positiven fürsorglichen Reaktion.

Janine und ich machten uns gegen halb zehn fürs Bett fertig und gingen direkt schlafen. Als ich gerade anfing, über meine Oma wieder nachzudenken – es ging mir wieder richtig nah – rückte Janine noch das kleine Stück, welches uns normalerweise nur trennte, noch näher und berührte mich vorsichtig an den Oberschenkeln… Ich kannte diese Berührung, sie wollte offenbar intimer werden. Ich allerdings war dazu alles andere als fähig, weil ich es einfach durch mein Empfinden her nicht konnte – ich war viel zu traurig. Das Massieren und unsere Stimmung dabei knisterte ja schon enorm und ging mir in meinem Zustand schon fast zu weit. Ich machte einfach nichts, da ich dazu nicht in der Lage war. Meine Süße bemerkte dies sehr schnell und sagte ganz leise: „Entschuldige. Das war nicht angebracht…“ – „Ist alles ok, mach dir keinen Kopf… Du willst mich ablenken, aber das kann ich wirklich nicht. Ich würde mich einfach unfassbar schlecht gegenüber meiner Oma fühlen, wenn ich das jetzt machen würde. Abgesehen davon würde ich vermutlich alle paar Sekunden mit meinen Gedanken bei meiner Oma sein…“ Meine Stimme brach bei meinem letzten Satz schon weg, sodass Janine mich nur noch intensiver in den Arm nahm, sofern die Position dies zuließ. „Lass uns einfach kuscheln, ok?“, fragte ich sie nach einiger Zeit. „Na klar.“ Wir blieben einfach so liegen, wie es beim Streicheln bereits war. Nach einem etwas längeren, zärtlichen und zaghaftem Kuss schlief Janine letztlich ein. Ich konnte nicht schlafen, da ich viel zu sehr daran dachte, was vorgefallen war. Mir kamen die Tränen und ich weinte still, da ich Janine nicht wecken wollte. Ich bekam es nicht in meinen Kopf rein, dass meine Oma nicht mehr lebte. Am Abend von Janines Geburtstagsfeier war ich noch bei ihr und da sagte sie schon, dass es ihr nicht besonders gut ginge. Wären wir doch lieber gleich mit ihr ins Krankenhaus gefahren! Vielleicht hätte es was geändert! Ich bereute es auch deswegen, weil es einfach das letzte Mal war, dass ich mit ihr sprechen konnte. Es machte mich einfach fertig.

Aus Frust und aus Trauer befreite ich mich sanft aus der Umklammerung Janines, ging aus meinem Zimmer, holte mir meinen Bademantel, wickelte mich ein und setzte mich im ziemlich kühlen Wohnzimmer auf die Couch. Ich weinte und schluchzte eine halbe Ewigkeit, da es mir einfach wehtat. Urplötzlich tauchte Janine, ziemlich verschlafen, im Wohnzimmer auf, sah mich und fragte absolut fürsorglich: „Ach Bärchie, was machst du denn hier?“ Da ich so erschrocken keine Antwort darauf geben konnte, kam Janine zu mir und setzte sich neben mich. Sie flüsterte: „Das tut mir so unfassbar leid… Ich weiß, wie hart das ist. Als damals mein Vater nicht überlebt hat, das war der reinste Horror. Du hast ja miterleben müssen, wie es mir ging, als ich dank dir nicht vollständig zusammen gebrochen bin…“ – „Das war wirklich grausam damals für mich, das kannst du mir glauben. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, als du mir hinterhergerufen hast, dass du mich nicht auch noch verlieren willst. Du warst so verzweifelt, dass mir das so unfassbar schwer in der Seele wehtat.“ – „Aber ich hatte dich doch mit der Aussage gar nicht angreifen wollen.“ – „Nein, hast du auch nicht. Es tat mir in der Seele weh, weil ich durch deine Traurigkeit so enorm mitgelitten habe.“ Mir kamen die Tränen, weil ich nur umso intensiver an meine Oma in diesem Moment dachte. Janine beruhigte mich direkt wieder, so gut sie irgendwie konnte und meinte einige Zeit später: „Ich will nur, dass du weißt, dass ich immer für dich da bin, wenn du mich brauchst. Hörst du?“ – „Ich liebe dich.“ – „Ich weiß… Ich dich auch.“ Wir drückten uns intensiv und ich spürte einfach, wie diese Umarmung mir wieder enormen Trost spendete. Anschließend fragte Janine mich: „Möchtest du nicht wieder mit ins Bett kommen? Es ist kurz vor Mitternacht, habe ich gerade gesehen. Ein bisschen Schlaf wird dir bestimmt guttun. Wir haben zwar morgen erst gegen zehn Schule, aber du hattest letzte Nacht schon zu wenig Schlaf. Ich mache mir einfach Sorgen.“ – „Du hast Recht. Ich komm wieder mit rein.“ – „Prima.“ Sie nahm mich an die Hand und ich ging wieder mit ihr in mein Zimmer. Als wir wieder lagen, kümmerte sich Janine, obwohl sie selbst müde war und sicher einfach weiterschlafen wollte, richtig intensiv um mich. Sie streichelte sanft über meine Wangen, küsste mich ab und zu ganz vorsichtig, spielte ein wenig mit dem Schlafanzugoberteil herum, streichelte mir einfach leicht über den Oberkörper und kraulte mir zwischendurch den Kopf. Janine lenkte mich von meinen fiesen Gedanken ab, sodass ich nach recht kurzer Zeit einschlief. Das letzte, an das ich mich erinnern konnte, war eine wirklich intensive Kopfmassage, weil sie wieder feststellen musste, wie sehr sie mich damit gedanklich ausschalten konnte.

Als am Donnerstagmorgen um halb acht der Wecker klingelte, war ich durch meine Erschöpfung immer noch angezählt. Durch die starke Trauer spürte ich einfach, wie sehr mir Energie fehlte. Janine hingegen stand locker und auch gut gelaunt auf, was ich echt bewundernd fand, weil sie sich in der Nacht ja noch um mich gekümmert hatte. Sie hatte aber trotz der Schlafunterbrechung natürlich mehr als genug Schlaf, weil sie ja vor der Unterbrechung schon über zwei Stunden geschlafen hatte. Um mich ein wenig auf Trab zu bringen, zog sie die Decke von mir weg, setzte sich einfach dreist auf meinen Schoß, was mich wirklich anmachte, strich anfangs gemächlich und angenehm mit einem Finger über meinem Oberkörper… Als ich mehr ironisch brummte, weil ich nicht aufstehen wollte, fing sie an, mich an den Seiten zu kitzeln, was ich natürlich richtig fies fand. Durch den Schreck wurde ich erst so richtig wach. Das musste ich ihr lassen – sie wusste, wie sie einen… jungen Mann zum Stehen bewegen konnte.

Da Janine wieder länger im Bad als ich brauchte, ging ich zuerst hinein, duschte mich zügig und machte mich für die Schule fertig. Während Janine in der Dusche war und sich danach leicht schminkte, machte ich das Essen für uns, bereitete meine Schultasche vor und räumte mein Zimmer ein bisschen auf. Normalerweise würde ich um diese Uhrzeit niemals aufräumen, weil ich morgens einfach keinen Nerv dafür hatte, aber ich brauchte das an diesem Morgen einfach, um mich ein bisschen abgelenkt zu halten, bis Janine fertig war.

Wir waren zwar etwas später, als wenn sie von sich aus und ich von mir aus losgehen würden, aber wir kamen ziemlich pünktlich in der Schule an. In der Schule wurde es wieder richtig hart. Die Gedanken an meiner Oma bewegten mich sehr und trieben mir Tränen ins Gesicht, die ich aber, weil es mir zu peinlich gewesen wäre, unterdrückte. Mein Rettungsanker – Janine – war leider nur in einem kleinen Teil der Stunden mit dabei, sodass ich manches Mal hart mit mir zu kämpfen hatte, meine tiefe Traurigkeit niemanden spüren zu lassen.

Meine Beteiligung am Unterricht war eingeschränkt und ich rang mich auch dazu durch, in persönlichen Gesprächen in den Pausen die Lehrer wegen meiner plötzlich fehlenden Beteiligung insoweit aufzuklären, dass ich aufgrund des Todes eines Verwandten noch sehr abgelenkt sei und dies somit nur eine kurze Phase sein würde. Glücklicherweise hatten die Lehrer Verständnis und mein Tutor bot mir sogar an, mich an diesem Tag vom Unterricht freizustellen, was ich aber dankend ablehnte. Janine hatte vor mir Schluss und ging daher schon nach Hause.

Als ich zu Hause ankam, war Petra wie erwartet nicht da. Kaum, dass ich mir durch den Kopf gehen ließ, was mit meiner Oma passiert war, klingelte mein Smartphone, weil Christian mich anrief. Ich war sofort abgelenkt und echt dankbar dafür. Christian und ich sprachen weit über eine Stunde und ich bemerkte, wie dankbar ich ihm für das Gespräch war. Ich erzählte ihm vor allem, dass ich schwer enttäuscht von Petra war, weil sie einfach nicht hier war und das für mich echt noch die Hölle werden konnte. Er erklärte mir daraufhin, dass es ihr wohl sehr schlecht gehen würde – was meine Sorge im Übrigen noch weiter ausdehnte –, und sie einfach wohl nicht da sein konnte, weil sie einerseits enorm viel Organisatorisches wie das Auflösen der Wohnung meiner Oma erledigte, andererseits aber die Befürchtung hatte, dass die Trauer zu schlimm für sie werden konnte, wenn sie durch mich indirekt oder direkt damit ständig konfrontiert werden würde. Ich sagte ihm, dass ich das zwar verstand, aber es emotional trotzdem wirklich mies fand. Da widersprach er mir nicht. Er sagte auch, dass das eine furchtbare Situation war, wies mich aber auch daraufhin, dass sie ihn sofort angerufen hatte, weil sie natürlich nicht wollte, dass ich komplett allein mit der Trauer sein würde. Christian versprach mir, immer telefonisch erreichbar zu sein, wann immer ich wollte. Ich sollte ihn zusätzlich täglich per Nachrichten auf den Laufenden halten, was ich für den Tag vorhaben würde, wenn ich das wollen würde. Ich stimmte ihm zu, weil ich schon den konstanten Kontakt zu ihm haben wollte. Er tat mir gut, das spürte ich. Er bat mich abschließend darum, nicht sauer auf Petra zu sein, was ich ehrlich gesagt auch nicht wirklich war. Ich war menschlich enttäuscht, auch wenn ich sonst enorm viel von ihr hielt und auch weiterhin dankbar sein würde, wenn sie für mich da sein würde.

Kaum, dass ich das Gespräch beendete, klingelte keine zehn Sekunden später mein Smartphone erneut und ich erschreckte mich. „Bärchie, ist alles ok? Ich habe bestimmt zehn Mal bei dir versucht und irgendwie ist jedes Mal die Mailbox rangegangen!“ – „Sorry, ich habe bis eben mit meinem Vater telefoniert, er wollte doch heute mit mir sprechen.“ – „Ja, stimmt, aber ich dachte, ihr wolltet euch live sehen?“ – „Nein, wir hatten doch von vorneherein nur ein Telefonat ausgemacht. Aber das tat mir gut, dass er ein offenes Ohr für mich hatte.“ – „Das klingt wirklich schön. Entschuldige mit den vielen Anrufen… Ich habe mir einfach Sorgen gemacht.“ – „Du bist toll, mir geht es gerade so lala, aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Petra ist auf jeden Fall wirklich die nächsten paar Tage weg… Sie kümmert sich um die Wohnung meiner Oma, muss wohl viel Organisatorisches machen und will nicht direkt hier bei uns zu Hause sein, weil sie wohl mit der Trauer nicht klarkommt, wenn sie mich jetzt auch nicht trösten müsste. Ich weiß nicht, ich finde das mies und das verletzt mich, weil wir ja so gut klarkommen. Ich kann es irgendwie verstehen, aber enttäuscht bin ich trotzdem. Sie tut so, als könnte ich das einfach so wegstecken oder, wenn sie hier wäre, dass ich alle zwei Minuten mit ihr darüber würde reden wollen!“ – „Sei nicht so hart. Hey… Jeder trauert doch anders, das weißt du doch auch. Du musst das auch so rum betrachten: Bei deinen Eltern damals bist du ja zum Beispiel auch nicht zum gemeinsamen Essen gehen mitgegangen. Erinnerst du dich noch daran, warum? Du sagtest Tim und mir damals, dass du diese gemeinsame Trauer mit den anderen nicht aushalten würdest. Petra macht ja eigentlich nur etwas Ähnliches.“ – „Stimmt, mit dem Vergleich hast du wirklich Recht, daran habe ich nicht gedacht.“ – „Aber immerhin hast du mich ja auch noch, Süßer.“ Ich schmunzelte, dass sie meinen Spitznamen für sie ins Männliche umwandelte. „Ich weiß ja nicht, eigentlich traue ich mich ja auch gar nicht zu fragen, weil ich weiß, dass du deine Zeit für die Schule brauchst und so…“ – „Ja?“ – „Aber würdest du heute vielleicht noch mal hierbleiben? Dann würden wir einfach die geplante Übernachtung auf heute legen und du hast morgen und übermorgen noch genug Zeit für die Schule.“. Die Antwort Janines kam für mich überraschend: „Ja, na sicher bleibe ich heute noch.“ Ich hatte nicht erwartet, dass sie so schnell meinem Vorschlag zustimmte, weil sie ja dafür auch wieder herfahren musste. Es war sehr lieb von ihr, dass sie Verständnis zeigte, weil sie der Schule eine enorm hohe Priorität zuwies, was ich meistens auch total in Ordnung fand. Ich sagte: „Ich liebe dich wirklich sehr.“ – „Ich dich auch, Marc.“

Plötzlich fragte sie mich: „Ist dir was aufgefallen?“ – „Ähm… nein, was soll mir denn aufgefallen sein?“ – „Na ja, hast du vielleicht bemerkt, dass ich meine kleine Tasche für die Übernachtungen bei dir gelassen hab?“ Ich ging nachschauen und bemerkte es tatsächlich. „Huch, wieso das eigentlich?“ – „Na ja, ich hatte es dir noch nicht gesagt, aber ich hatte vor, mindestens nochmals eine Nacht bei dir zu bleiben, da ich ja sehe und höre, dass es dir nicht gut geht. Ich habe meine Tasche bei dir gelassen, weil meine Mutter auch ganz froh ist, wenn sie mich los ist. Es macht ihr nichts aus, wenn ich irgendwo übernachte, solange sie weiß, wo ich wann bin. Wenn ich bei dir bleibe, macht ihr das ja sowieso nichts aus, weil sie dir auch vertraut. Genau, wie ich es tue.“ – „Das ist lieb gesagt.“ – „Ich liebe dich ja auch.“ – „Also hast du deine Tasche mit Absicht hier gelassen… Aber was hättest du denn gemacht, wenn es die nächsten Tage mit dem Übernachten nicht gegangen wäre?“ – „Ich hätte die Tasche vermutlich heute noch abgeholt und mit nach Hause genommen. Aber mein Plan ging doch genau auf.“ Ohne, dass ich sie sah, wusste ich, dass sie in diesem Moment am Telefon grinste. „Das stimmt. Möchtest du losgehen?“ – „Ja, ich werde bald losgehen. Ich bin noch nicht früher los, weil ich dachte, dass du dich noch mit deinem Vater triffst. Ich mache nur noch die wenigen Hausaufgaben und bin danach da.“ – „Na gut, bis nachher.“ – „Obwohl, ich kann eigentlich auch sofort losgehen. Die paar Aufgaben kann ich auch bei dir machen.“ – „Cool!“ – „Ich fahre gleich los. Tschüss, Bärchie!“ – „Bis gleich!“ Ich hatte die starke Vermutung, dass Janine nur deswegen sofort zu mir kam, weil sie befürchtete, dass ich wieder richtig traurig wegen meiner Oma sein könnte. Mir ging es zwar tatsächlich überhaupt nicht gut, aber es war auch nicht so, dass ich meinen Gefühlen durchgehend freien Lauf gewähren wollte, sodass ich sie öfters unterband.

Ich räumte die Wohnung minimal auf und machte mich frisch, bevor Janine ankam. Bereits 30 Minuten nach dem Telefonat bimmelte es an der Wohnungstür und Janine trat ein. „Wow, so schnell schaffe selbst ich das ja meist nicht!“, begrüßte ich sie. Darauf schmunzelte sie und meinte: „Ich bin direkt nach dem Auflegen aus der Tür raus.“ Sie begrüßte mich mit einer wilden Knutscherei, die ich alles andere als erwartet hatte. Es war zwar anziehend, aber nicht gerade passend für die allgemeine Situation. Sie war wieder leicht… pietätlos in diesem Moment, allerdings wollte ich es meiner Süßen nicht direkt ins Gesicht sagen, weil das doch als Kritik ziemlich hart war und ich es somit gar nicht würdigen würde, wie Janine sich um mich kümmerte und mich hegte und pflegte. Sie wollte mich einfach mit Normalität des Alltags ablenken, das war ihre Art, wie sie in einem solchen Fall war und das war auch völlig in Ordnung. Ich liebte sie so, wie sie war – Punkt, aus und Ende.

Wir gingen in mein Zimmer, in dem wir unsere Hausaufgaben erledigten. Dabei war es so, dass wir eigentlich kaum redeten, weil wir uns halt konzentrierten und den anderen nicht stören wollten. Ich quälte mich durch meine Hausaufgaben, weil das der geeignetste Zeitpunkt war, wenn Janine sowieso schon an ihren Aufgaben sitzen wollte. Sie half mir später noch bei meinen Aufgaben, sodass wir noch die ein und andere Minute einsparten. Erst nach den Hausaufgaben fragte ich mich, warum Janine eigentlich darauf Wert legte, mit mir zusammen die Hausaufgaben zu machen, sie hätte ja auch direkt zu mir gefahren kommen können und hatte doch die beiden restlichen Tage des Wochenendes, um dort entspannt ihre Aufgaben machen zu können. Gerade, als ich sie darauf ansprechen wollte, überrumpelte sie mich mit der Frage, ob wir heute noch irgendwas unternehmen wollten. Emotional fühlte ich mich wie ausgekotzt, aber gleichzeitig war ihr Vorschlag wahrscheinlich das Vernünftigste: sich irgendwie mit Normalität abzulenken. Ich schlug ihr vor, ins Kino zu gehen und wollte sie wieder einladen, aber sie machte mir einen Strich durch die Rechnung, weil sie zur Abwechslung mich einlud. Ich nahm die Einladung an, einfach auch, weil ich sie schon so oft eingeladen hatte und sie mir immer wieder sagte, dass sie das langsam ausgleichen wollte.

So zogen wir uns an und bummelten recht langsam zum Kino, wo Janine neben den Kinokarten für uns auch im Supermarkt was zum Knabbern und zum Trinken für uns organisierte. Sie hatte mir auch die völlig freie Wahl des Filmes gelassen, was sie bisher sonst niemals gemacht hatte. Normalerweise entschieden wir das gemeinsam und das war auch genau richtig so. Ich verstand aber schon, warum sie das machte: Sie wollte, dass ich mir einen Film suchte, mit dem ich mich am Ehesten ablenken konnte. Im Kino hatten wir dank Janine wieder eine Kuschelecke, in der sie, als der Film gerade begonnen hatte, ihre Hand plötzlich auf meinen Oberschenkel legte und ihre Hand immer weiter nach innen rutschen ließ. Ich unterband das aber: „Das geht doch nicht, nicht hier im Kino… Ich weiß nicht, ob hier im Kino vielleicht Kameras oder so sind. Außerdem stell dir vor, wenn hier welche noch vorbeikommen sollten, das wäre mir einfach zu peinlich.“ – „Na gut.“ – „Wir haben doch nachher noch Zeit.“. Ich grinste, was sie auch bemerkte, und ich machte ihr schon ein bisschen deutlich, dass ich Bock auf sie hatte. Sie grinste daraufhin auf ihre typisch verstohlene Art zurück: Ziemlich offensiv, ziemlich selbstbewusst und irgendwie hatte ihr Blick fast etwas Manipulatives an sich.

Es kam genauso, wie ich es vorhergesagt hatte. Unsere Reihe war, weil wir weit oben waren, sehr gut besucht, sodass es einfach fehl am Platz war, wenn wir da im direkten Sichtfeld der anderen Zuschauer leicht intimer geworden wären. Den Film, den ich wählen durfte, fand ich echt interessant, selbst wenn Janine nach der Vorstellung nicht unbedingt begeistert aussah. Das war garantiert das erste Mal, dass ihr ein geschauter Kinofilm nicht besonders gefiel. Jetzt konnte sie aber nachfühlen, wie es mir in ganz seltenen Fällen ging, wenn ich mich für einen ihrer absoluten Wunschfilme breitschlagen ließ. Aber wir sprachen nach der Vorstellung wie immer detailliert über den Film, das war mittlerweile eine echte Tradition von uns geworden. Dabei machten wir eigentlich immer noch mindestens einen langen Spaziergang nach dem Film. Janine erklärte mir auch im Detail, was ihr alles nicht gefiel, und ich konnte ihre Kritik verstehen. Gleichzeitig war ich da auch toleranter, was diesen Film betraf, weil ich mich einfach gut unterhalten fühlte, das war mir oft sogar einfach das Wichtigste.